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Vom
Aufbrechen der Augen am Ende des Winters bis hin zur Fruchtreife der
Trauben zu Beginn des Herbstes durchläuft der Weinstock zahlreiche
Stadien, von denen einige besonders wichtig sind. Anfangs werden die
Knospen dick, nach und nach erscheinen die ersten Blätter. Sobald die
ersten fünf oder sechs gut entfaltet sind, kann man schon Trauben
erkennen. Ausgehend von den klimatischen uqd pflanzengesundheitlichen
Bedingungen des vorausgegangenen Jahres ist der Traubenansatz mehr oder
weniger stark und gibt einen Hinweis auf den voraussichtlichen
Ernteertrag. Diese kleinen senkrecht stehenden Trauben sowie die Triebe,
die sie tragen, entwickeln sich weiter. Die Blütezeit fällt nördlich
des Äquators je nach Region auf die Zeit zwischen Mitte Mai und Mitte
Juni. Jeder Blütenknopf blüht, aber nicht jeder gibt eine Weinbeere,
da einige vor oder nach der Befruchtung abfallen. Den Prozentsatz der an
den Reben verbleibenden Beeren verglichen mit der Anzahl der ursprünglichen
Blüten nennt man die Befruchtungsrate. Sie variiert je nach Rebsorte
und klimatischen Bedingungen zwischen 10 und 50 Prozent. In den zwei
Wochen nach der Blütezeit können auch junge Beeren abfallen. Dieses
Verrieseln hängt auch von der Empfindlichkeit der jeweiligen Rebsorte
ab. Kälte und Regen sind ausgesprochen ungünstig während der Blütezeit.
Im Allgemeinen geht man davon aus, dass 100 Tage nach der Blüte die
Ernte beginnt.
Beim Fruchtansatz neigen sich die Trauben in die Horizontale. Wenn die
Beeren erbsengroß sind, senken sie sich und hängen bis zur Reifezeit
herab. Manche Beeren können sich entwickeln, ohne befruchtet worden zu
sein. Die Beeren sind klein, ohne Kerne und bei der Reife sehr zucker-
haltig. Hier handelt es sich um Jungfernfrüchtigkeit. Wenn es stark
auftritt, kann dieses Phäno- men die Quantität der Ernte betreffen,
beeinträchtigt aber nicht die Qualität.
Im Stadium der Färbung (Veraison) werden die Beeren der weißen
Rebsorten nach und nach durchsichtig, die roten beginnen sich zu färben.
Jetzt hört das Wachstum der Triebe auf und der ganze Stoffwechsel
richtet sich auf die Trauben aus. Die Phase der Reife beginnt. Von
diesem Zeitpunkt an erhöht sich die Zuckerkonzentration, denn die
Produkte der Photosynthese kommen vorrangig den Trauben zugute.
Gleichzeitig reduziert sich der Gehalt der Äpfel- und Weinsäure. Der
Gehalt an Weinsäure bleibt relativ konstant, ihr Anteil an der Gesamtsäure
nimmt - wegen der starken Abnahme der Äpfelsäure - sogar zu.
Die physiologische Reife ist erlangt, sobald eine ausreichende
Zuckerkonzentration erreicht ist, ohne zuviel Säure zu verlieren. In nördlichen
Gegenden besteht manchmal die Schwierigkeit darin, den
Mindestzuckergehalt zu erreichen, den die Appellationsdekrete
vorschreiben. Im Süden entstehen Probleme eher durch einen zu großen Säureverlust.
In beiden Fällen sind Ausgleiche im Gärkeller möglich.
Zu dieser physiologischen Reife kommen noch die aromatische und
phenolische Reife hinzu. Die aromatische Reife korrespondiert mit dem
Zeitpunkt, in dem die Traube am reichsten an Aromen oder an Aromen
bildenden Stoffen ist. Beiden phenolischen Komponenten verfolgt man die
Entwicklung der Anthozyane und Tannine (Gerbstoffe), erstere sind die
Ursache für die Farben, letztere garantieren die Struktur des Weines
und, langfristig gesehen, die Stabilität der Farbe. Die Konzentration
an Anthozyanen erhöht sich während der Reifephase, bis sie ein Höchstniveau
erreicht, wonach sie sich wieder verringert. Ideal ist es, zu ernten,
wenn das Maximum erreicht ist. Aber entsprechende Analysen sind
kostspielig, heikel und kaum verbreitet. Wenn die Rebsorte dem Terroir
angepasst ist, werden die aromatischen und phenolischen Höhepunkte
meistens erreicht, sobald die Traube physiologisch reif ist.
In kontrollierten Weinanbaugebieten gibt die Aufhebung des Weinlesebanns
den Stichtag, an dem mit der Weinlese begonnen werden kann. Wo eine
vorgezogene Weinlese geraten erscheint, muss eine Sondergenehmigung
eingeholt werden. Der Aufruf wird von den Berufsverbänden fest- gelegt,
je nach den Resultaten der Analysen in den Weinbergen. Eine solche
Bestimmung existiert in den Ländern der Neuen Welt nicht. Aber auch in
Europa beginnt man in dieser Beziehung flexibler zu werden. So hat man
zum Beispiel in Deutschland diese Regelung in den letzten Jahren
gelockert, um den Betrieben mehr Gestaltungsmöglichkeiten zu erlauben.
Der Sinn des Bannes besteht darin, zu verhindern, dass Weinbauern, etwa
aus Angst vor schlechtem Wetter zu früh mit der Lese beginnen. Es steht
ihnen jedoch frei, so spät zu lesen, wie es ihnen beliebt. Die Weinlese
wird auf jedem Gut nach der Frühreife der einzelnen Rebsorten und je
nach Sektor organisiert. In manchen Anbaugebieten können zwischen dem
Einbringen früher weißer und später roter Sorten sogar vier bis sechs
Wochen vergehen, nicht zu sprechen von der Lese von Trockenbeeren oder
Eiswein.
Die
Überreife
Sobald
das Reifestadium überschritten ist, tritt das Stadium der Überreife
ein. Eines der berühmtesten Beispiele der Überreife auf den Rebstöcken
wird mit Hilfe der Edelfäule erreicht wie bei Beeren- und
Trockenbeerenauslesen. Der verantwortliche Pilz ist derselbe, der den
Grauschimmel verursacht (Botrytis cinerea), nur unter anderen
Bedingungen. Edelfäule braucht neblige, leicht feuchte Morgenstunden,
denen Sonnenschein folgt. Der Pilz entwickelt sich unter der
Fruchtschale, was einen Wasserverlust bewirkt und den Zukkergehalt erhöht.
Die Weinlese findet so statt, dass man die befallenen Trauben, teilweise
Beere für Beere, in mehreren Durchgängen heraussucht. Die Überreife
kann auch abseits des Rebstocks erfolgen. Beim Eintritt der Reife werden
die Trauben gelesen und gelagert.
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