02.11.2001 19:20-22:15

Tag 1: Flug Madrid

Herbert kam um 15:30 zu mir, um uns mit seinem Firmenbus zum Flughafen zu bringen. Das Einchecken verlief problemlos, nur das Personal am Großgepäckschalter war der Meinung, die Kartons mit den Fahrrädern seien zu schwer. Nachdem wir die Sache geklärt hatten, holten wir uns in der "Ikarus-Bar" noch ein paar Bier. Ich habe während des Flugs die meiste Zeit geschlafen. Wir erreichten um 22:15 Madrid.

 

 

03.11.2001 12:15-17:30

Tag 2: Flug Quito

Ein üblicher langer Flug ohne nennenswerte Vorkommnisse. Am Flughafen in Quito herrschte Chaos. Als wir die Ankunftshalle verließen, wartete aber bereits unser Fahrer. Unser Hotel erreichten wir allerdings erst nach halbstündiger Irrfahrt, da unser Fahrer das Hotel nicht kannte und sich durchfragen musste. Das Hotel machte einen guten Eindruck, das Personal empfing uns sehr freundlich. Am Zimmer angekommen, öffnete ich sofort das Fenster, weil es sehr warm war (25°C). Michael erzählte mir am nächsten Morgen, dass in der Nacht jemand durch das offene Fenster gegriffen und das Licht eingeschaltet hätte. Nachdem er sich im Bett aufgesetzt hätte, wäre  das Licht abgeschaltet worden. Ich hatte nichts bemerkt.

 

04.11.2001 Tag 3: Quito

 

 

Nach dem Frühstück sortierten wir die Ausrüstung und bauten unsere Räder zusammen. Danach kauften wir im nächstgelegenen  Supermarkt den Proviant für unsere Tour. Am Nachmittag fuhren wir mit unseren Fahrrädern in die Altstadt. In Ecuador verhält man sich mit dem Fahrrad auf den Straßen so, wie es einem gefällt – niemand regt sich auf. Quito liegt in einem Talkessel, auf einer Seehöhe von etwa 2800m. Dementsprechend verlaufen die Straßen, manchmal ziemlich stark bergauf und bergab. Ich schlug Michael vor, auf einen Hügel zu fahren um einige Fotos zu machen. Beim Hinauffahren wurde mir dann schnell klar, in welcher Höhe wir uns bewegten.  Bereits nach ca. 150m brannte meine Lunge und der Puls hatte 180 erreicht, und das, obwohl wir kein Gepäck mithatten! Hinunter fuhren wir einen anderen Weg, dabei kamen wir zu einen Markt: Marktstände in schmalen Gassen, überall Menschen, und wir mussten mit unseren Rädern durch! Man muss sich das so vorstellen: Bei uns ist Kirtag und 2 "Neger" fahren mit ihren Rädern durch. Die Leute waren aber freundlich, nur einige wenige zeigten uns den "Vogel", die anderen schüttelten lediglich den Kopf.

 

05.11.2001          8:30-16:30

Tag 4: Fahrt nach Chaupi (58km)

Am Montagmorgen herrschte in Quito reger Verkehr, wir kamen mit unseren Rädern aber gut voran. Bei  einem Kreisverkehr verlor ich die Straßenkarte, Michael stoppte und wollte sie aufheben. Dabei wäre er beinahe von einem Bus überfahren worden, der nach einer Vollbremsung etwa 20cm vor Michael zum Stillstand kam. Jetzt wussten wir: hier gilt das Recht des Stärkeren. Als wir uns bei einem Kreisverkehr orientierten, hielten 2 Polizisten mit ihrer Enduro an. Sie fragten, ob sie behilflich sein könnten, worauf ich ihnen unser Ziel nannte. Die beiden begannen zu grinsen, einer zeigte kopfschüttelnd auf meine Oberschenkel, als wolle er damit sagen: trainier' erst mal! Wir erhielten die gewünschte Auskunft und so ging’s dann ca. 15km durch Quito, bis wir am Panamerican-Highway waren. Der Highway hat zahlreiche Steigungen und Gefälle. Bus- und LKW-Fahrer "unterstützten" uns mit hupen, oder streckten ihre Hände mit erhobenem Daumen aus den Fenstern. Wir waren auf über 3000m Seehöhe, es hatte +26°C  -  nach einem halben Tag hatten wir einen Sonnenbrand. Michael hatte es an seinen Beinen schwer erwischt, die Haut löste sich ab. Er fuhr dann den Rest der Tour nur mit langer Hose. Als wir vom Highway abbogen, waren die Straßen so schlecht, dass wir unsere Räder schieben mussten. Nach etwa 10km schlugen wir unser Zelt bei einem Sportplatz auf, aßen Nudeln und legten uns ins Zelt. Wir waren ziemlich fertig.

 

 

06.11.2001          8:00-12:30

Tag 5: Ilniza Basis (11,5km)

In der Nacht weckte mich Michael, weil er dachte, jemand würde unsere Fahrräder stehlen, was sich dann aber als falsch herausstellte. Wahrscheinlich hatte er einen schlechten Traum...
Unmittelbar nach dem Sportplatz ging es steil bergauf, wir mussten die Räder schieben. Als es dann auf den Ilniza hinaufging, musste ich nach jeweils 50m eine Pause machen. Ich konnte wegen der Höhe das Rad sonst nicht weiterschieben. Um 12:30 erreichten wir die Zeltstelle auf 3900m Höhe, und kurz danach begann es stark zu regnen. Im strömenden Regen bauten wir das Zelt auf; dieses verließ ich dann auch nicht mehr.
Gesicht und Hände, von der Sonne aufgebrannt, schmerzten sehr.

 

07.11.2001 Tag 6: Ilniza Norte (5126m)

Ich hatte geplant, um 5:00 Uhr zu starten und riskierte einem Blick nach draußen. Da es noch regnete, blieb ich liegen, bis um 6:30 der Regen aufhörte. Ich entschloss mich, doch noch auf den Gipfel zu gehen und brach um 7:10 zu einer Hütte auf, die in 4700m Höhe liegt. Der Aufstieg war sehr anstrengend. Meist führte mein Weg über losen Lavasand, der bei jedem Schritt nachgab. Wegen des dichten Nebels verlief ich mich 2x, so dass ich erst um 09:30 die Hütte erreichte. Da die Sichtweite bei der Hütte nur 5m betrug, und ein Pärchen aus Perchtoldsdorf samt Führer im Begriff war aufzubrechen, entschloss ich mich, mit ihnen gemeinsam zum Gipfel zu gehen. Bei diesem Nebel hätte ich den Weg ohnehin nicht gefunden.
Auf etwa 5000m müssen die drei umkehren, da sich bei der Frau die Höhenkrankheit durch Erbrechen bemerkbar machte. Der Bergführer beschrieb mir noch den weiteren Weg, bevor sie sich auf den Rückweg machten. Obwohl der restliche Teil der Wegstrecke noch sehr anstrengend war, stand ich um 11:33 am Gipfel des 5126m hohen Ilniza Norte. Mein erster 5000er, und null Sicht! Ich stand ganz allein am Gipfel, der Wind blies in Orkanstärke. Rasch machte ich als Beweis meines Gipfelsieges ein Foto meiner Ausrüstung und begann mit dem Abstieg. Ich verlief mich im Nebel dann noch einige Male, erreichte um 13:40 das Zelt, und legte mich gleich nach der Reinigung meiner Ausrüstung  schlafen.

 

08.11.2001          8:50-17:10

Tag 7: Einfahrt Nationalpark Cotopaxi (34km)

Ein herrlicher Tag: kaltes, aber klares Wetter ermöglichte eine klare Sicht auf die beiden Gipfel des Ilniza. Etwa 10km nach der Abfahrt verhängte sich ein Stück Draht in Michaels Hinterrad und verbog das Schaltauge des hinteren Werfers. Beim Versuch, dieses zurückzubiegen, brach es ab. Den Weg zum Panamerican Highway musste Michael schieben, ich konnte fahren. Der Highway selbst hatte ein Gefälle, so dass wir dann beide auf unseren Rädern kraftsparend rollen konnten. Bei der 2. Einfahrt zum Cotopaxi-Nationalpark sprach ich einen älteren Mann an und erklärte ihm unser Problem. Er sagte, er kenne einen "Meistro", der uns helfen könne. Wir folgten seiner Wegbeschreibung und mussten feststellen, dass der Meister nicht Zuhause war. So warteten wir 3 Stunden auf ihn; dann ging´s allerdings schnell. Er bastelte aus der Lenkerschelle einer 125er Yamaha ein Schaltauge und baute es ein. So konnten wir um 16:00 Uhr weiterfahren und erreichten noch die Einfahrt des Nationalparks. Da in diesem Bereich das Zelten untersagt ist, übernachteten wir in einer alten Hütte, die von den Nationalparkaufsehern als Abstellmöglichkeit für ihre Enduros verwendet wird. Entsprechend stank es nach Benzin in der Hütte.

 

 

09.11.2001          7:00-15:30

Tag 8: Basis Cotopaxi (24,5km/1100Höhenmeter)

 

Morgens beim Frühstücken legte ich unsere Tasche auf der Stiege der Hütte ab. Als wir unseren Tee tranken und nicht darauf achteten, hatte uns ein Hund die Tasche mitsamt einem Teil  unseres Proviants gestohlen. Wir mussten einen Schotterweg mit ca. 2cm Lavasand-Auflage befahren; eine ordentliche Plage! Von 11-15:30 schoben wir die Räder, mit Pausen nach jedem 50m-Stück. Auf 4500m fanden wir hinter einer alten Hütte einen geeigneten Platz für unser Zelt. Dieser war allerdings eine Lavasandrutsche des Cotopaxi, und so war binnen einer halben Stunde alles mit feinem Sand überzogen.

 

 

10.11.2001 Tag 9: Basis Cotopaxi

Ich verließ gegen 7:00 Uhr das Zelt, um mir den Einstieg in den Gletscherbruch anzusehen. Um 10:30 Uhr kehrte ich zum Zelt zurück, um mich für die Besteigung auszuruhen, die ich um 22:30 starten wollte. Wirklich ausruhen konnte ich mich nicht: im Zelt hatte es +38°C, draußen tobte ein Sturm, der den feinen Lavasand überall hinblies. Alles (wir, Zelt und Ausrüstung) waren  mit einer feinen Sandschicht überzogen; ich hoffte, diesen Platz bald verlassen zu können.

 

 

11.11.2001 Tag 10: Cotopaxi (5897m)

         Latagunga (60km)      11:40-15:00

Ich stand um 23:00 Uhr des Vortags auf und ging zur Hütte, die der eigentliche Ausgangspunkt für die Besteigung ist. Der Aufstieg zur etwa 300Hm oberhalb unseres Zeltplatzes gelegenen Hütte war sehr anstrengend. Als ich um 0:45 Uhr bei der Hütte eintraf, machten sich auch andere Seilschaften gerade auf den Weg zum Gipfel. Ich wollte den Gipfel aber solo besteigen. Ich blieb am Gletscherbruch hinter der ersten Seilschaft, die mit einem Führer unterwegs war, weil es nachts mit der Stirnlampe gar nicht leicht ist, einen Weg durch die Gletscherspalten zu finden. Nachdem wir den Gletscherbruch passiert hatten, übernahm ich die Führung, da man den Weg über Gletscher gut sehen konnte. Wegen der sternenklaren Nacht konnte man problemlos das 50km Luftlinie entferntes Quito sehen. Um ca. 05:30 Uhr auf 5600m angelangt, musste ich dem zu hohen Anfangstempo Tribut zollen und eine längere Pause einlegen. Ich musste 2 Zweierseilschaften ziehen lassen, da ich nach wenigen Schritten stehen bleiben musste, um genug Luft für die nächsten Schritte zu bekommen. In regelmäßigen Abständen von etwa 10 Schritten legte ich längere Pausen ein, so dass ich um 07:11 Uhr am Gipfel stand. Das Wetter war herrlich, den ca. 180km Luftlinie entfernten Chimborazo konnte man super sehen.Ein Deutscher, der ebenfalls den Gipfel erreicht hatte, sagte zu mir, ich müsse wohl der Irre mit dem Rad sein, denn nur einer, der so verrückt wäre diesen Berg alleine zu besteigen wäre auch verrückt genug, mit Rad und Ausrüstung bis auf 4500m zu fahren.

 


Um 09:30 war ich dann wieder beim Zelt. Der Wind hatte wieder eingesetzt und so entschieden wir, diesen Berg zu verlassen. Wir fuhren dann 60km, weil wir vorher keinen geeigneten Zeltplatz fanden, und nahmen uns in Latagunga ein Hotelzimmer. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt 34 Stunden aktiv, war auf fast 6000m Seehöhe gewesen und war 60km mit dem Rad gefahren – ich schlief in dieser Nacht wie ein Baby!

 

 

12.11.2001 08:00-12:30

Tag 11: Ambato (43,5km)

Wir fuhren auf dem Highway nach Ambato und nahmen uns auch da ein Zimmer. Der feine Lavasand wirkte wie Schmiergelpapier, daher nutzten wir die Gelegenheit und ließen unsere Kleidung waschen. Wir hörten von "Cuy's" (gegrillte Meerschweinchen) und wollten diese probieren. Da sie aber nicht erhältlich waren, aßen wir stattdessen etwas, das wie gefüllte Därme aussah. Am Nachmittag, im Stadtzentrum, sprach uns ein Mann an und fragte, ob wir etwas benötigen würden (Autos, Frauen, Drogen...). Nachdem ich ihm unser Vorhaben erklärt hatte, meinte er, er hätte schon gehört, dass 2 Europäer mit den Rädern unterwegs seien um die Berge zu besteigen. Wir schauten uns verwundert an, schüttelten noch einige Hände und gingen weiter.

 

 

13.11.2001 Tag 12: Ambato

Wir machten noch einen Tag Rast, gingen spazieren und besorgten Proviant für die weitere Tour.

 

14.11.2001 7:50-14:30

Tag 13: Camp 1 Chimborazo (42km/1200Hm)

Es ging Richtung Guaranda auf einem Highway, der wesentlich ruhiger als der Panamerican war. Die ganze Zeit nur bergauf, dazu Schwüle. Wir machen nach jeweils eineinhalb Stunden kurze Pausen. Die Landschaft war wunderschön; und je höher wir kamen, umso weniger wurden die Hütten. Ab 3500m standen nur noch vereinzelt Hütten; die Leute arbeiteten auf ihren steilen Feldern. Einmal blieb ich stehen und gab einer alten kranken Frau, die am Straßenrand saß, einen Dollar. Daraufhin lief aus einer kleinen Hütte ein Junge zu mir; ich gab ihm ein Zuckerl. Plötzlich kamen etwa 20 Kinder und wollten auch Zuckerl haben. Ich gab ihnen alle, die ich bei mir hatte.Um ca. 14:00 Uhr begann es leicht zu regnen. Ich suchte einen Zeltplatz; aber schon beim Aufbauen begann es zu schütten. Wir lagen ab 15:00 Uhr im Zelt und verließen es nicht mehr.

 

 

15.11.2001 9:00-13:00

Tag 14: Camp 2 Chimborazo (31km)

 

 

Da es in der Früh noch regnete, warteten wir im Zelt. Etwa um 08:00 Uhr hörte der Regen auf und ich holte Wasser. Während wir einen Tee kochten, kam ein alter Ecuadorianer und schaute, was wir da machten. Wir luden ihn auf einen Tee ein, konnten uns aber wegen unserer spärlichen Spanischkenntnisse nicht wirklich mit ihm unterhalten. Um 09:00 Uhr ging’s dann los, fallweise durchbrach die Sonne die Wolkendecke. Es ging bergauf und bergab; ich sah erstmals wildlebende Lamas. Wir gerieten um ca. 11:15 in ein Gewitter, zogen den Regenschutz an und fuhren weiter. Als es dann gegen 13:00 Uhr ziemlich dunkel und das Donnern immer lauter wurde, suchten wir uns einen Platz mit Wasser und bauten unser Zelt auf. Einen Platz mit Wasser zu finden ist auf Vulkanbergen ein schwieriges Unterfangen!
Den geschützten Bereich vor unserem Zelt nutzte ich, um uns Nudeln zu kochen; leider fiel der Kochtopf um, so dass die Nudeln im Lavasand landeten. Da keiner von uns Lust hatte die Kochprozedur zu wiederholen blieben uns nur einige Nüsse als Nahrung.

 

 

16.11.2001 8:05-14:40

Tag 15: Basis Chimborazo (20km)

Wir füllten unsere Wassersäcke gut an, da wir am Cotopaxi wegen Wassermangel Probleme hatten, und wir nicht wussten wie es uns am Chimborazo ergehen wurde. Beim Abbau des Zeltes wurden wir von Lamas beobachtet; dies sind ziemlich neugierige Tiere. Der Aufstieg zum Basislager auf 4800m war steil, wir mussten unsere Räder schieben; mit Pausen nach jeweils 50m. Den Chimborazo hatten wir noch nicht zu sehen bekommen, er war von Wolken verhüllt. Wir fanden einen schönen Zeltplatz zwischen den Felsen, 300m von einer Hütte entfernt. Da in Michaels Buch stand, in der Hütte gäbe es Bier, ging ich hinüber.  Der Einheimische hatte noch nie gesehen, dass einer zu Fuß aus dem Nebel auftauchte, war er es doch gewohnt, dass die Leute mit den Autos bis zur Hütte kamen, und auch übernachteten. Er hatte anstatt Bier nur Cola anzubieten, also drehte ich mich um und ging. Kurz vor Sonnenuntergang zeigte sich der Chimborazo; da sah ich erst die Größe dieses Berges!

 

 

 

17.11.2001 Tag 16: Basis Chimborazo

In der Nacht waren mehrere Lawinenabgänge zu hören. Morgens war der Gipfel frei, aber um ca. 09:00 Uhr hüllte sich der Berg wieder in Wolken. Am Chimborazo gibt es auf 5200m eine zweite Hütte. Das Buch versprach Bier auf dieser Hütte, also machte ich mich auf den Weg. Beim Aufstieg traf ich 2 Amerikaner, die mir sagten, dass die Hütte im November nicht bewirtschaftet werde, weil der Berg dann gefährlich und schwierig zu besteigen sei. Die beiden, Mark und Andi, fragten mich, ob ich mich ihnen anschließen wolle. Da ich den Weg nicht kannte, nutzte ich diese Gelegenheit. Ich begleitete sie bis zur Hütte, und erwähnte nebenbei, dass ich eigentlich nur deshalb hier herumlief, um Bier zu holen. Darauf meinte Mark kopfschüttelnd, ich sei ein "crazy guy". Wir verabredeten uns für halb 12 nachts bei der Hütte.

 

 

18.11.2001 Tag 17: Chimborazo

Ich konnte nicht schlafen, da andauernd Lawinen abgingen; das ist nicht gerade beruhigend, wenn man eine Besteigung plant. Dann hatte sich auch noch ein Lama in den Spannseilen des Zeltes verfangen...Ich verließ um 22:45 Uhr das Zelt und stieg zur Hütte auf. Dort traf ich auch einen Kärtner und eine Schweizerin, die sich uns anschlossen. Da noch niemand von uns auf dem Berg gewesen war, hatten wir Probleme den Weg durch den Gletscherbruch zu finden. Man sah keine Spuren der einheimischen Führer,  da diese erst im Dezember am Berg sind. Sie benutzen zur Wegmarkierung kleine Fähnchen, die aber nachts schwer zu sehen sind. Mark, ein technisch sehr guter Bergsteiger, übernahm die Führung. Wir merkten aber bald, dass wir falsch waren, da man nur noch mit 2 Eispickeln vorwärts kam. So mussten wir immer die Pickel abseilen, damit jeder 2 zur Verfügung hatte. Wir sicherten uns mit Eisschrauben, eine zeitaufwendige Maßnahme! Bei Tagesanbruch erreichten wir ein gigantisches Feld mit "Büßerschnee", das sind ca. 2m hohe Eistürme, die in einem Abstand von etwa 0,5m stehen. Zusätzlich ist das Feld von riesigen Gletscherspalten durchzogen. Wir irrten umher, um einen Weg zu finden; Mark und Andi gaben bald auf und kehrten um. Wir drei gingen weiter. Als sich bei der Schweizerin dann die Höhenkrankheit bemerkbar machte, mussten wir sie zurücklassen. Wir hatten das Labyrinth schon fast geschafft, als wir die Veintimilla ca. 70m vor uns sahen. Das Erreichen des Veintimilla (6267m) wird als Gipfelsieg anerkannt; zum eigentlichen Gipfel (6310m) sind es dann nur noch etwa 45 Minuten. Wir konnten allerdings nicht zum Veintimilla hinübergehen, da eine große Gletscherspalte uns den Weg versperrte.

 

Im November sind nur wenige Leute am Chimborazo unterwegs, da bedingt durch das Wetter viele Lawinen abgehen und sich vormittags im Gipfelbereich Gewitterwolken bilden. Uns wurde gesagt, dass wir den Gipfel (Veintimilla) bis spätestens 10 Uhr verlassen sollten, da durch die Temperaturerhöhung die Lawinengefahr zunehme und Gewitter zu erwarten seien.Da es aber schon 10:30 Uhr war und das Umgehen der Spalte mindestens eine Stunde in Anspruch genommen hätte, entschlossen wir uns zur Umkehr; wohl auch deshalb, weil sich bereits Gewitterwolken auftürmten. Ich kam um 15:15 Uhr beim Zelt an, ziemlich frustriert und fertig. Michael hatte Nudeln gekocht; nach dem Essen legte ich mich gleich schlafen.

 

 

19.11.2001 7:50-16:15

Tag 18: San Miguel (117km)

 

 

Hatte von gestern 16:00 bis heute 6:15 Uhr, troz heftigen Windes durchgeschlafen! Wir starteten um 7:50 Uhr und waren bald von neugierigen Lamas umringt. Zum Mittagessen hielten wir in einem Dorf, das direkt am Highway lag. Die Schweine waren im Bereich der ersten Spur des Highways aufgehängt, und wenn man etwas esse will wird ein Stück abgeschnitten und in einer großen Pfanne gebraten. Dazu gibt es Bananen, die Hauptnahrung der Ecuodorianer’s. Am ersten Fahrstreifen der Gegenrichtung wurde ein Schwein geflammt, es roch ein wenig nach verbrannten Borsten.

Bei der Fahrt nach Ambato wollte mich ein Autobus überholen. Das gelang aber nicht, weil es ordentlich bergab ging und ich das Rad laufen ließ – 73,2km/h laut meinem Tacho, und das mit vollem Gepäck! Wir sind um 13:30 Uhr in Ambato (2500m, +26°C) angekommen, nur 5 Stunden zuvor waren wir noch auf 4800m, wo es –5°C hatte. Wir vermissten die reine Bergluft. Die Abgase der Lastwagen hüllten uns ein, und auf den Anstiegen hatte ich das Gefühl, die Fahrer wollten uns regelrecht in den Abgaswolken ihrer Fahrzeuge verschwinden lassen, schalteten sie doch just in dem Moment als sie uns überholt hatten in den nächsten Gang...Wir fuhren bis nach San Miguel und nahmen uns ein Zimmer. Michael war komplett fertig, er hielt das "Leben im Felde" einfach nicht aus.

 

20.11.2001 8:50-9:50

Tag 19: Latagunga (15km)

Wir nahmen uns ein Zimmer und besuchten anschließend den Markt. Nach einem kurzen Spaziergang kauften wir 2 Bouteillen Wein und zogen uns aufs Zimmer zurück.

 

 

21.11.2001 7:40-13:45

Tag 20: Machachi (53km)

Ich fühlte mich nicht besonders gut; meine Füße schmerzten bereits nach wenigen Metern. Wir blieben in Lasso stehen und frühstückten. Mit Verwunderung musste ich feststellen, dass die Leute hier schon um 9Uhr gekochte Hühner mit Reis und Erdäpfelsalat aßen. Dann ging es weiter auf den Paß, ein Höhenunterschied von 800m war zu bewältigen - eine Steigung von 9km Länge. Es begann zu regnen, also legten wir eine Pause von 45 Minuten ein.  Obwohl es nach der Pause noch regnete, fuhren wir weiter. Meine Oberschenkel brannten, mein Gesäß war wund und schmerzte; und ich fragte mich, was ich hier verloren hätte.Ich war fix und fertig, ich wollte nicht mehr.  Den nächsten Trip, so schwor ich mir, würde ich mit meiner Frau machen: in die Karibik, nach dem Motto "Sex, Drugs and Rock ´n´Roll".
Am Paß angekommen, bemerkten wir, daß die Wolken dunkler geworden waren. Wir machten eine ¾-stündige Pause und tranken Tee. Etwa auf halbem Weg der Abfahrt kamen wir in ein Gewitter, es schüttete wie aus Schaffeln. Nach 10km kamen wir nach Machachi und quartierten uns in einem Hotel ein. Mir war total kalt – ich fror wie ein "Hund". Kaltes Wasser beim Duschen, wieder Huhn (es gibt in Ecuador fast nur „Hähnchenlokale“)zum Essen: meine Stimmung fiel auf Null.

 

 

22.11.2001 8:30-13:00

Tag 21: Quito (48km)

 

 

Auf den ersten 20km von Machachi nach Quito ging es bergab, dann der letzte Paß vor Quito. Obwohl ich müde war, hatte ich ein Lächeln im Gesicht – es war die letzte längere Steigung am Weg nach Quito. Ich erwiderte jeden Gruß der überholenden Bus- und Lastwagenfahrer, die uns auf den Steigungsstrecken anfeuerten. Im Hotel angekommen, sprach uns der Chef an, und so erzählten wir von unserem Trip. Dabei erfuhren wir, dass er früher für das  Giant-MTB Team in den USA gefahren war; 4 Jahre als Profi.Er erzählte auch, er wolle eine Radtour nach Kolumbien machen. Für den nächsten Tag lud er uns zu einer MTB-Tour ein; wir sagten zu. Am Abend gingen wir ins (angeblich) beste Steakhouse von Quito und aßen uns richtig satt, und tranken chilenischen Rotwein.  Das Ganze kostete mich US-$ 140. Nach dem üppigen Mahl begaben wir uns direkt in unser Hotel und gingen schlafen.

 

 

23.11.2001 Tag 22: Guagua Pichincha (4794m)

Um 7:00 Uhr holte uns Marcos, der Chef des Hotels, ab. Wir fuhren in den Süden von Quito, in ein kleines Dorf. Hier zeigt uns Marcos, wohin die Tour gehen sollte: auf den Vulkan Guagua Pichincha. Wir starteten bei 3100m Seehöhe. Es ging dann 14km nur bergauf, und zwar so steil, daß ich 12km im ersten Gang fahren musste. Ich war zuvor noch nie so lange im ersten Gang gefahren! Auf den letzten 300m musste ich das Rad schieben; mich plagten Krämpfe in den Oberschenkeln. Der Weg endete auf 4650m Höhe, und so gingen wir das Stück bis zum Kraterrand, um den angeblich wunderschönen Kratersee zu sehen. Im Krater war aber Nebel  -  und nichts zu sehen. Wir brauchten 3 Stunden auf den Berg, inkl. 3 kurzen Pausen. Marcos erzählte uns, dass erst letzte Woche das Gerry Fisher MTB-Team hier trainiert hätte, und deren schnellster wäre nach 1 Std. 14 Min. oben gewesen. Bei der Abfahrt überschlug sich Michael, da er einem umherlaufenden Stier ausweichen wollte. Am Nachmittag gingen wir noch ein wenig in Quito spazieren. Meine Füße schmerzten und so ging ich um 18:00 Uhr schlafen.

 

 

24.11.2001 Tag 23: Quito

Wir gingen um 9:00 Uhr in die Altstadt, um uns ein wenig umzusehen. Dabei trafen wir auf einen etwa 70-Jährigen, der sehr gut Englisch sprach. Er fungierte dann als Fremdenführer und zeigte uns Kirchen und einige andere alte Bauwerke. Anschließend spazierten wir ca. 5km quer durch die Stadt zum "Wasty Cuy". Uns fielen beim Durchqueren der Parks die vielen Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung auf. Es wurde sehr oft Fußball gespielt (Ecuador hatte sich für die WM 2002 direkt qualifiziert, und so erzählte uns jeder stolz davon). Auch sahen wir Einkaufszentren ähnlich unserer Shopping City Süd. Im Restaurant "Wasty Cuy" gab es das Nationalgericht: gebackene Meerschweinchen. Es ist aber sehr wenig Fleisch an diesen Viechern! Man servierte uns auch Alkohol, obwohl wegen der für den nächsten Tag angesetzten Volkszählung ab Mittag ein Ausschankverbot gelten sollte. An einer belebten Kreuzung sahen wir Feuerschlucker, die jedes Mal während der Rotphase ihre Kunst vorführten. Für den gesamten Rückweg zu unserem Hotel benötigten wir 2 Stunden. Obwohl wir in einem Außenviertel der Stadt nachts zu Fuß unterwegs waren, wurden wir kein einziges Mal belästigt! In jedem Reiseführer ist zu lesen, wie gefährlich es in Quito schon am Tag wäre – kompletter Schwachsinn. In einem Land mit so freundlichen Menschen war ich noch nie zuvor!

 

 

 

25.11.2001 65km Rad

Tag 24: Ecuador Monument

An diesem Tag war von 9:00-17:00 Uhr wegen der Volkszählung Ausgangssperre. Vormittags verkauften wir Marcos einen Teil unserer Ausrüstung, danach entschlossen wir uns, zum geographischen 0-Breitengrad zu fahren. Trotz Ausgangssperre war es Militär und Polizei ziemlich egal, dass wir mit unseren Rädern herumfuhren. Das war ein gespenstischer Anblick! Eine Stadt, ca. 3x so groß wie Wien, und nur Militär auf den Straßen. Am Mundial angekommen, verweigerte uns der Wächter den Zutritt, also kehrten wir um und fuhren zurück. Nach der Ausgangssperre wollten wir in einem Lokal zu Abend essen, aber nur wenige sperrten auf. In einem Steakhouse hätten wir zum Essen keinen Alkohol bekommen, da das Ausschankverbot noch bis Mitternacht galt, also ließen wir es bleiben. Da um 19:00 Uhr auch Mc Donald's noch zu hatte, gingen wir in ein afghanisches Restaurant. Michael war schon einmal längere Zeit in Indien und Pakistan unterwegs gewesen, so suchte er das Essen aus; dazu tranken wir Bier. Das Essen war vorzüglich.In einem kleinen Kaufhaus besorgten wir uns dann noch 2 Flaschen Wein, die in Zeitungspapier gewickelt wurden (wie ich das aus den USA kannten). Unseren letzten Abend in Quito verbrachten wir im Zimmer, und genossen den Rotwein.

 

 

26.11.2001 Tag 25: Rückflug

Wir wollten vom Hotel aus unseren Rückflug bestätigen lassen, dies gelang aber nicht. Vom Hotelpersonal bekamen wir den Rat, mit Iberia Kontakt aufzunehmen. Wir wussten aber nicht, wo die Airline in Quito ihr Büro hat. Daher gingen wir in ein Reisebüro, fragten nach Iberia und wurden 4 Häuserblocks weitergeschickt. Dort angekommen, standen wir vor einem Reisebüro, wo wir wieder fragten. Noch mal 15 Blocks weiter – und wieder ein Reisebüro! In diesem nahm sich dann eine Angestellte unseres Problems an (nachdem wir ihr von unseren Schwierigkeiten erzählt hatten); ein Anruf,  15 Minuten und US-$ 1,- später war die Flugbestätigung erledigt. Danach besorgten wir uns im "India"-Markt noch einige Geschenke und kehrten zum Hotel zurück. Marcos erwartete uns bereits und erklärte, doch nicht so viel Bares zu haben, um die Ausrüstung bezahlen zu können. Also erklärte ich ihm, dass ich ihm dann nur einen Teil verkaufen könne. Kurz darauf hatte er das Geld beisammen. Dann packten wir unsere Räder in die (etwas feuchten) Kartons, und so sahen die Pakete schließlich etwas wild aus. Um halb 4 brachte uns Marcos zum Flughafen. Wegen des Aussehens der Pakete wollten die Sicherheitsleute diese untersuchen. Da die Leute kein Klebeband hatten, und wir auch keines mehr, öffneten wir die Kartons nicht. Daraufhin verdächtigte uns einer, Drogen in den Kartons zu befördern, und forderte einen Drogenhund an. Eine ¼ Stunde später schnüffelte der Hund an den Paketen – und fand nichts; wir durften weiter. Beim Einchecken meinte der Schalterbedienstete, die Kartons wären zu schwer und wir müssten für jedes Stück Extragebühr zahlen. Nach längerer Diskussion einigten wir uns auf US-$ 56,- und wurden zur Passkontrolle geschickt. Von dort zu einem anderen Schalter zurück, um die Flughafengebühr zu zahlen. Dann zur  Passkontrolle, weiter zu einer anderen Passkontrolle, welche die  Einreisebestätigungen prüft. Ich hatte keinen Zettel bekommen. Der Beamte erklärte, ohne Zettel keine Ausreise – und wieder eine Diskussion (etwa ¼ Std.), dann durfte ich ausreisen. Das Flugzeug startete mit einstündiger Verspätung, nicht nach Madrid, sondern Richtung Süden nach Quataquill, wo wir nach einer Stunde ankamen. Dort eingetroffen, mussten alle raus. Nach einer Stunde hoben wir mit weiteren Passagieren an Board nach Madrid ab.

 

 

27.11.2001 Tag 26: Madrid

Wir landeten um ca. 13:00 Uhr in der spanischen Metropole und bekamen von Iberia ein Hotel im Zentrum zugewiesen. Wir unternahmen dann noch einen Spaziergang durch die Innenstadt, und aßen Paella. Abends setzten wir uns an die Hotelbar und nahmen einige Drinks.

 

 

28.11.2001 Tag 27: Wien

Als ich morgens aufwachte, bemerkte ich, daß meine Nase zerkratzt war. Ich wusste nicht, wie das passierte, und Michael konnte mir auch keine Auskunft geben. Wir landeten um 12:15 Uhr in Wien, und unser Gepäck war auch da! Ein Zöllner wollte in unsere Kartons sehen, also schnitt ich sie auf, und er war zufrieden. Meine Familie holte mich am Flughafen ab. Die größere Tochter (sie hatte mich während des Lauftrainings mit dem Fahrrad begleitet) sagte sofort, sie würde mich jetzt nicht mehr begleiten. Denn es lag bei uns schon Schnee und Sie hatte Angst mich bei dieser Witterung mit dem Rad bei den nächsten Trainings begleiten zu müssen.

Home | Nach oben | Ausruestungen | Etappen | Tagebuch | Quito | Radfahren | Berge | Cuy