hey to irmgard !

 

 

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Sonne MEINE REISE NACH GOTLAND 1998 Sonne

Ich sitze im Flugzeug Richtung Stockholm, die Sonne scheint und ich kann gut die vielen kleinen Inseln - Schwedens Schären - erkennen. Astrid Lindgren fällt mir ein, die einmal gesagt hat: " Ich lebe im schönsten Land der Welt", und ich kann versichern, die Dame hat wahrhaftig recht. Von Stockholm geht es weiter mit einem kleinen Flugzeug(ca 24 Plätze) der Linie Skyways nach Visby, Gotland. Der Flug dauert ca 40 min und um 19.30 bin ich da.

Es ist der 18.Mai 1998 und da Ende Mai definitiv keine Touristensaison ist, gibt es auch keine Busse, die eine Reisende vom Flughafen in die Stadt oder sonstwohin bringen. Ich rufe ein "Gute-Taxi" und wundere mich über die abgedunkelten Scheiben des Autos. Nicht lange, kaum sitze ich drinnen, merke ich wie hell das Sonnenlicht ist, auch am Abend noch! Aber ich habe ja meine Sonnenbrille im Handgepäck parat.

Der Taxifahrer bringt mich ins Vandrarhem Västerhejde, ca 6 km südlich von Visby, wo ich von Wien aus telefonisch ein Zimmer reserviert habe. Die Eingangstür steht offen, ich gehe hinein - niemand da!
Keine anderen Gäste, auch der Betreiber der Herberge nicht. Aber an der Tür klebt ein Zettel mit einem Willkommensgruß ("Välkomna Irmgard") und einer Telefonnummer, die ich anrufen soll, wenn ich angekommen bin. Würde ich ja gern machen, nur gibt es hier kein Telefon und Handy habe ich auch keines. Ich stelle erst mal mein Gepäck ins Haus und gehe wieder nach draußen. Eine vorüberradelnde Frau borgt mir ihr Handy, ich wähle und erfahre folgendes: Der Zimmerschlüssel ist in einem Kuvert mit meinem Namen darauf im Briefkasten auf der Straße deponiert, dort kann ich ihn rausfischen - also alles kein Problem. Diese Unkompliziertheit und Gelassenheit der Nordueropäer finde ich immer wieder einfach wunderbar.

Ich finde es ganz lustig, zwei Gebäude ganz für mich allein zu haben, packe aus, dusche und genieße die Ruhe.
Später um 23 Uhr trudelt dann doch noch ein zweiter Gast ein, wir unterhalten uns, und am nächsten Tag bringt er mich mit dem Auto nach Visby. Ich gehe erst mal Lebensmittel einkaufen und besorge mir einen Busfahrplan, der in der Tat einigermaßen kompliziert ist. Ich kann zwar ganz gut schwedisch, brauche aber eine geraume Zeit, bis ich begriffen habe, dass manche Busse nur am Donnerstag fahren, aber nur, wenn kein Feiertag ist, andere nur am Mittwoch, wenn dieser wiederum ein Feiertag ist, einige nur zweimal täglich, dafür aber von Sonntag bis Freitag, wobei am Dienstag eine teilweise andere Strecke gefahren wird usw usf. Mietwagen kann ich keinen nehmen, weil ich keinen Führerschein besitze. Macht nichts, vom Reisebüro durchorganisierte und bis auf jede Minute durchgeplante Urlaube hab ich sowieso nie leiden können.

Der zweite Gast aus dem Vandrarhem kennt sich hier bestens aus und gibt mir einen wertvollen Tip:
Am Mittwoch öffnet ein neues Vandrarhem direkt in Visby seine Pforten, und ich beschließe, dorthin zu übersiedeln. Bis Ende März war es noch das Gefängnis, jetzt wird es gerade in eine Herberge umgewandelt. Ich ziehe um und finde es ganz einfach herrlich:
Auf der einen Seite die Überreste von Schloss Visborg (das die Dänen bei ihrem letzten und endgültigen Abzug 1679 in die Luft sprengten), auf der anderen Seite der Hafen. Und falls die Vögel aus dem Park dahinter eine Zwitscherpause einlegen, höre ich die Brandung des Meeres rauschen.

Mein erster Ausflug führt mich zum Hafen und am Strand entlang, vom Snäckgårdsporten aus folge ich weiter der Stadtmauer, bis ich in der St.Göransgatan einbiege, am Krankenhaus vorbei, ein paar hundert Meter noch , dann bin ich da:

Eine Trojaburg.

Der Name täuscht, es ist keine Burg, sondern ein Steinkreis, dessen Wege mit Steinen im Gras markiert sind. 18 m im Durchmesser, ich drehe mich hinein und wieder hinaus, fange an tagzuträumen und versuche mir die Menschen vorzustellen, die diesen Steinkreis irgendwann in der Bronzezeit angelegt haben. Ein alter Kultplatz vermutlich, immerhin bedeutet der Name Visby "heiliger Ort". Freyja und Co lassen grüßen!

Später gehe ich durch den Wald, wo ich den Erdboden vor lauter Bärlauch, der kurz vor dem Blühen ist, kaum sehen kann. Hinauf auf das Kalksteinplateau, von wo aus ich einen wundervollen Blick auf das Meer habe. Den dürften auch die verurteilten Verbrecher noch gehabt haben, bevor sie gehenkt wurden, denn jetzt bin ich am Galgenberg. In die Luft ragen drei Steinsäulen, die früher mit Querbalken aus Holz versehen waren. So konnten die immer schon praktisch denkenden Schweden gleich mehrere Delinquenten auf einmal aufknüpfen.

Zurück in die Stadt, diesmal gehe ich innerhalb der Stadtmauer, in den Botanischen Garten. Eine der vielen Rosenarten, die dort wachsen. ist nach Astrid Lindgren benannt, eine andere nach Paul McCartney, wieder eine andere heißt Carl Philipp, nach dem schwedischen Prinzen. Ich fotografiere einen Gedenkstein, der an den ermordeten Olof Palme erinnert.

Auf den Treppen des Salettl lässt sich`s wunderbar sitzen und ich genieße die Farbenpracht der Blumen. Gleich beim Haupteingang des "botaniska trädgården" ist eine kleine Ruine - St.Olof - die von einer knorrigen Pflanze, die sich bei näherem Betrachten als Efeu entpuppt, überwuchert wird.

In der Altstadt erinnern noch viele Straßennamen - Novgorodgränd, Rigagränd, Lybskagränd etc - an die Zeit, als Visby Handelsdrehscheibe der Ostsee war. Die vielen Kirchenruinen zeugen von der einstigen Blüte der Hansezeit, besonders reiche und/oder mächtige Bürger verliehen nämlich damals ihrem Wohlstand in Form von Kirchen Ausdruck.
Die Stadtmauer lässt von den vielen Kämpfen und Schlachten ahnen. Sie wurde nämlich nicht errichtet, um sich gegen etwaige Feinde von außen zu schützen, sondern die Visbyer Bürger bauten sie, um sich gegen die Händlerbauern vom Land, die zunehmend aufgebracht waren, da sie von den reichen Kauflleuten aus der Stadt ausgebootet wurden, zu verteidigen.

Ebenso das Waldemarskreuz (im neuen Stadtteil von Visby - Östra Hansegatan) erinnert an die Schlacht 1361, als der Dänenkönig Valdemar Atterdag die Bauern vor den Toren der Stadt niedermetztelte, während die Stadtbevölkerung auf der Stadtmauer stand und ungerührt zusah, wie ihren Handelskonkurrenten der Garaus gemacht wurde.

Ich schlendere ein wenig in der Altstadt herum, vorbei am Burmeisterskahus, das älteste erhaltene Holzgebäude in Visby, das der deutsche Kaufmann Hans Burmeister um ca 1650 erbauen ließ.

Die Lust auf Kaffee und Süßem wächst und ich begebe mich in die St.Hans Konditori - "utservering i medeltida ruin" - wie mir das Schild glaubhaft versichert, und ja, so ist es tatsächlich: Inmitten der Überreste einer Doppelruine (St.Per und St.Hans) sitze ich im Grünen und genieße eine Portion Saffranspannkaka, eine Art überbackener Milchreis - köööstlich!

Saffranspannkaka

Am Donnerstag ist Feiertag, es regnet, ich bleibe zuhause und lese die beiden hiesigen Zeitungen:
Gotlands Tidningar und Gotlands Allehanda. Ein Bericht über eine Schildkröte namens Ingeborg, die letzten Herbst ausgerückt und dieses Frühjahr bei ihren Besitzern unvermuteter Weise wieder aufgetaucht ist, amüsiert mich, denn die GT widmet ihr doch tatsächlich ein ganze Seite. Bei uns würde Schildkröte Ingeborg allenfalls zwei Zeilen kriegen (wenn überhaupt!) oder sie müsste zum Krokodil mutieren, um in die Zeitung zu kommen.

Ja - Sverige ist eben "annorlunda",wie die Schweden sagen, "anders" und Gotland sowieso.

Viele Schafe - wenig Menschen - keine Elche: Wobei die Schafe in natura eigentlich nur am Land anzutreffen sind. In der Stadt sind sie ausschließlich in Form von Steinparkbänken und als das Wappentier der Insel auf den Fahnen zu sehen. Dass hier nur wenig Menschen sind (ca 22 000 Einwohner in Visby, Gotlands größter Stadt), stört eine Großstädterin wie mich überhaupt nicht, im Gegenteil. Vor allem in der Vorsaison sind praktisch nur Einheimische hier, die vorwiegend deutschen und schwedischen Touristen (vom Festland) kommen meistens im Sommer.

Beliebt ist die zweite Augustwoche - medeltidsvecka - in der sich alle, die Lust haben, in mittelalterliche Kleidung hüllen und Geschichte nachspielen. Wirklich bedauernswert ist also nur die völlige Abwesenheit von Elchen !

Anderntags wage ich ein kleines Bus-Abenteuer (siehe Fahrpläne!) nach Etelhem, wo die älteste Töpferei Gotlands - Etelhems Krukmakeri - seit 1889 ist, und einige andere Kunsthandwerkbetriebe. Bei Vävaldu Konst och Hantverk kaufe ich einen Ring, da beginnt es zu regnen. Kalt ist es außerdem. Larsson & Larsson Krukmakeri, Etelhems Örtagård, Lautins Keramik....sie alle sind geschlossen und leider auch das einzige Café in dem Dorf, wo ich Unterschlupf finden könnte.

Viele Läden haben eben nur während der Hauptsaison im Juli und August geöffnet, besonders am Land. Ich muss noch zweieinhalb Stunden in Kälte und Regen auf den Bus warten (fährt nur zweimal täglich), der mich zurück in die Zivilisation bringt. Ich beschließe, meinen Bedarf an Kunsthandwerk direkt vor Ort zu decken. In Visby gibt es viele solcher Läden, an fast jeder Straßenecke stolpert man über eine "krukmakeri". Am besten gefällt mir "kvinnfolkis handelshus", das "Handelshaus der Weiber", ein Geschäft, in dem dreißig gotländische Designerinnen ihre Produkte anbieten: bedruckte und gewebte Stoffe, Teppiche, Keramik, Schmuck, Naturkosmetik, aus Schafwolle gestrickte Mützen und Schals mit hübschen kleinen Schafmotiven, Bücher, Marmelade, ein alter Plan von Visby - auf dem man sieht wie die Stadt im Mittelalter ausgesehen hat, Mittelalterkleidung, ja sogar Schnittmuster für Frauentracht aus dem 14.Jahrhundert, zum Selbernähen. Ich zücke meine Kreditkarte und überlege, dass ich wahrscheinlich noch eine zusätzliche Reisetasche brauche, um all die schönen Dinge, die ich soeben erstanden habe, nach Hause bringen zu können.

Fast jeden Abend spaziere ich außerhalb der Stadtmauer entlang, wunderschön ist es hier, die Kirsch- und Apfelbäume blühen gerade, Leberblümchen, Butterblumen und Löwenzahn leuchten aus dem satten Wiesengrün hervor. Und überall Huflattich!

Um ca 21.00 h beginnt die Sonne unterzugehen, richtig dunkel wird es aber erst gegen 22.30 h.
Diese Zeit verbringe ich meistens am Strand, sammle schöne Steine, lausche der Brandung des Meeres und beobachte den schönsten, rötesten Sonnenuntergang, den ich je gesehen habe. Wieder fällt mir Astrid Lindgren ein, ihr Buch "Ferien auf Saltkrokan" in dem sie den Psalm aus Heidenstams Gedicht "Die Stunde des Paradies`" zitiert, und der mich schon als Kind verzaubert hat:

"Nähme ich Flügel der Morgenröte, machte ich mir eine Wohnung zuäußerst am Meer."

Ja, genauso ist es. Nähme ich Flügel der Morgenröte und noch ein bisschen Geld dazu, machte ich mir eine Wohnung zuäußerst am Meer. Mein Traumhaus habe ich nämlich schon gesichtet, eine kleine, etwas verfallene Villa (bunt mit abblätternder Farbe) mit Wiese ums Haus, an die eine Seite grenzen ein paar Überreste der Stadtmauer, ansonsten gibt's freien Ausblick auf das glitzernde Meer...


Am Samstag beschließe ich auszugehen. Mit Gasthäusern sieht es in Schweden oft eher traurig aus, in Visby aber ist das ganz anders. Nach meiner Vermutung befinden sich vier Fünftel aller gastlichen Stätten ganz Schwedens in Visby, eine davon sieht besonders nett aus, scheint ein altes Haus zu sein. Über eine steile, enge Holztreppe gelange ich in den Dachboden, wo sich eine Art Pub befindet. Holzboden, Holzverstrebungen, der Rest ist Fels und Stein in diesem Raum. Vor lauter Begeisterung vergesse ich fast auf das bestellte Glas Wein.

Aber nicht lange, bald werde ich von jungen Gotländer/innen eingeladen, mich an ihren Tisch zu setzen, und es wird ein ausgesprochen lustiger und flüssiger Abend. Anna, eine Goldschmiedin, lädt mich ein, sie in ihrem Geschäft zu besuchen, was ich am Montag auch gleich mache. Sie führt mich durch ihre Werkstatt und erklärt mir, wie z.B. ein Ring gefertigt oder Kopien von Fundstücken (Münzen etc.) hergestellt werden.

Wer sagt da immer, die Nordeuropäer wären so verschlossen, schwer zugänglich und kaum gesprächig?

Schnell vergehen die Tage, zum letzten Mal sitze ich mit den Bauarbeitern, die das Gefängnis in eine Herberge umwandeln, in der Küche und trinke Kaffee, unterhalte mich mit Annika, der Betreiberin des Vandrarhems, während ihre Kinder und der Hund durch´s Haus tollen. Jetzt noch alles packen, morgen um halb sechs in der Früh muss ich ins Flugzeug nach Stockholm steigen, von dort zurück nach Wien.

Auf Wiedersehen Gotland, auf Wiedersehen Visby, du schöne Stadt am Meer.

Nähme ich Flügel der Morgenröte.....

 


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