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Wildfrau
Radierung von
Linda Wolfsgruber
Sonne DIE SALIGEN FRAUEN Sonne
Waldfrauen
Bergfrauen
wilde Frauen
salige Jungfrauen
Fenggen, Fänggen
Vila, Wila

SpiraleDie Saligen sind in Österreich heimisch. Sie wohnen in den Bergen, vornehmlich im Alpengebiet. So gilt z.B. die "Frauenhöhle" am Kleinen Ötscher als Aufenthaltsort der Wilden Frauen. In der Schweiz wohnen sie oberhalb der Blümlisalp, wo die Berge Wyssy Frau (weiße Frau) und Wildi Frau (wilde Frau) heißen.

Es heißt, dass die Saligen Frauen schon lange vor den Menschen da waren, dass sie also die ersten Bewohnerinnen der Alpen sind, die Ureinwohnerinnen gewissermaßen. Die Saligen werden auch Wildfrauen genannt, weil sie wild sind, weil sie sich nicht zivilisieren, zähmen haben lassen, weil sie aus der Zeit stammen vor der Zivilisation. Die Saligen sind die Beschützerinnen des Wildes, vornehmlich der Gemsen. Jäger, die mehr Wild schießen als unbedingt notwendig ist, werden von den Saligen bestraft.

Gemsen
Foto von Fritz Oswald

Spirale Die Saligen sind freundliche und hilfreiche Frauen. Sie schenken gern etwas und sie bitten auch manchmal um Geschenke, aber sie wollen keinen Dank und vor allem niemals einen Lohn, niemals eine Bezahlung dafür. Sie treiben auch keinen Handel, sie horten keine Schätze, so wie z.B. die Venedigermandln. Die Saligen haben kein Reich und auch keine Königin.

Manchmal kommen sie von den Bergen herunter und helfen den Bauern bei der Arbeit. Sie helfen beim Heumachen und manchmal kommen sie in der Nacht, schneiden das Korn und backen Brot. Das Brot, das sie backen, behalten die Saligen auch wieder nicht für sich. Sie schenken es oft einem Wanderer, einem Fuhrmann, einem Bauern. Und dem, der's in Ehren hält, dem bringt es Glück.

Die Wildfrauen wissen auch die Zeit für Anbau und Ernte. Wer ihren Rat, auch wenn er mal seltsam erscheinen mag, beherzigt, der wird vor Schaden bewahrt. In einer Geschichte sagt sie einem Bauern, dass er den Roggen schneiden soll, obwohl das Korn noch ganz grün und unreif ist. Er macht es so, obwohl ihn die anderen Bauern auslachen. Aber dann schneit's und den anderen, die ihn verspottet haben, erfriert das Korn...

Spirale Die Saligen darf man niemals nach ihrer Herkunft oder ihrem Namen fragen, denn sonst verschwinden sie sofort. Sie dürfen auch niemals bei ihrem richtigen Namen genannt werden. Denn in alter Zeit hat man Macht über eine/n gewonnen, wenn man den richtigen Namen gewusst hat. Doch die Saligen dulden es nicht, dass jemand Macht über sie hat.

Salige Jungfrauen heißen sie auch, weil sie keinem Mann gehören, sich nicht an einen Mann gebunden haben. Ab und zu mischen sie sich aber doch unters Volk und lachen sich einen Mann an, manchmal heiraten sie sogar, wobei sie aber immer Bedinungen stellen: Der Mann darf ihr Haar nicht vom Boden aufheben, während sie schläft, er darf sie nicht nach ihrem Namen fragen, er darf auch nicht fragen, wo sie herkommt und vor allem darf er nie ein böses Wort zu ihr sagen, geschweige denn sie schlagen. Eine Zeit lang geht es gut und alle sind glücklich miteinander. Doch immer enden die Geschichten so, dass der Mann sein Wort nicht halten kann und sein Versprechen bricht, worauf die Salige sofort auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Manchmal nimmt sie ihre Kinder mit, manchmal lässt sie sie auch zurück und besucht sie heimlich in der Nacht. Ich kenne übrigens keine einzige Geschichte, in der die Salige auf immer und ewig treu ergeben bei ihrem Mann bleibt...

Wildfrauen
Radierung von Linda Wolfsgruber

SpiraleIch hab ein paar Geschichten über die Saligen gesammelt:

Wildfräulein-Sage aus Bayern
Im Wildfräuleinstein bei Hinterstein in den bayrischen Alpen hausten vor Zeiten wilde Fräulein. Wieviele waren, kann man heute nicht mehr sagen, aber man weiß, dass zwei von ihnen Rezabell und Hurlahutsch hießen. So erschienen sie den Bergheuern und Sennen, waren freundlich gegen die Menschen, ja manchmal kamen sie bis nach Hinterstein in die Häuser. Einmal heiratete eines der Fräulein einen der Burschen aus dem Dorf, aber ausdrücklich unter der Bedingung, dass man ihr keinen Namen gebe. Denn, würde man zufällig ihren wirklichen Namen treffen, so müsste sie sogleich fortgehen. Der Bursche und das Fräulein lebten lange glücklich miteinander. Auch die Nachbarn hatten die fleißige Frau lieb. Eines Tages stand sie im Garten und wurmte das Kraut ab. Da kam ein anderes Weib des Weges, die rief über den Zaun: "Oh mei liabs Getrüdle, wia fresset dia Würmle deine Krütle." ("Oh, liebe Gertrude, wie fressen die Würmer doch deine Kräuter!"). Da wurde das Fräulein leichenblass, fing an zu weinen und klagte bitterlich darüber, dass sie nun nicht mehr bleiben dürfe, da man sie bei ihrem richtigen Namen genannt hatte.

Salige Jungfrauen in Südtirol
Im Sarntal haben die Saligen Jungfrauen auf der Lecklahn gehaust, wo sie vor ihren Höhlen gesessen und mit wunderschöner Stimme Lieder gesungen haben. Manche haben sich auch als Magd verdingt. Eine von ihnen war beim Locherbauern als Häuserin. Sie hat gut gewirtschaftet, aber sie hat niemandem ihren Namen gesagt. Nur ein einziges Mal hat sie gerade ein wenig mit sich selbst geredet, und dabei hat sie ein Knecht gehört. Dieser hat dann ihren Namen weitergesagt. Danach wurde sie nie wieder gesehen.

Die Salige in Kärnten
Hinter Neusach am Weißensee in Kärnten befindet sich eine zimmergroße Höhle, die von den Menschen Dolamezzenloch genannt wird. Dort haben auch die Saligen den Leuten geholfen. So hat ein gewisser Stempferbauer seinem Sohn geraten, er soll nur ein Stötzl Milch in die Furchen stellen, dann wird das Weizenfeld schnell geschnitten sein. So geschah es dann auch: in der Nacht sind die Saligen Frauen gekommen haben mit ihren Sicheln das Korn geschnitten. Der neugierige Bursch hat sich hingeschlichen, worauf die Saligen weggelaufen sind. Nur eine ist dageblieben und hat weitergearbeitet, solange bis sie den letzte Halm geschnitten hatte. Der Bursch fasste die Salige an, und obwohl sie sich heftig wehrte, gelang es ihm, sie in sein Haus zu ziehen. Sie hat dann zwar eingewilligt, ihn zu heiraten, aber sie stellte die Bedingung, dass er nie seine Hand gegen sie erheben dürfe. Der Bursch hielt sein Versprechen und ein paar Jahre haben sie glücklich gelebt, auch ein paar Kinder bekommen, lauter Gitschen(=Mädchen). Doch einmal ist ihm die Hand ausgerutscht und er hat ihr eine Ohrfeige gegeben. Die Salige ist sofort verschwunden. Nur an den Samstagen ist sie wiedergekommen, um ihren Töchtern die Haare zu kämmen. Später, als die Mädchen erwachsen waren, ist sie dann überhaupt nicht mehr gekommen.

Die Salige und die Bäuerin
Einst hat Bäuerin im Mölltal erlebt, dass in der Nacht eine schöne Gitsche (=Mädchen)gekommen ist und ihr den Teig geknetet und das Brot gebacken hat. Die Salige hat ein ganz zerfetztes Kleid angehabt. Die Bäuerin hatte Mitleid mit ihr und wollte sich bei ihr für das Teigmachen und das Brotbacken bedanken. So legte sie eines Nachts der Saligen ein schönes, neues Kleid neben den Backtrog hin und sich selber auf die Lauer. Wie die Salige in der Nacht wieder zum Brotbacken erscheint, findet sie das Kleid, probiert es sofort an und schaut sich in den Spiegel und spricht:

Vorn schian, hintn schian,
kann nimmer in Toag gian!

(Vorne schön, hinten schön,
kann nimmer in Teig gehen!)

Dann ist sie fort und nie wieder gekommen.

In einer anderen Version der Geschichte nimmt die Saligen zwar ein Schüsserl Milch an, aber bezahlt werden will sie nicht! Dann heißt es:

I bin so olt,
i woaß die Moarspitz
kloan wia a Kitz
und die Moarwies
neunmal Wies
und neunmal Wold.
und jetzt hobn mi die Bauern bezohlt
und jetzt muss i fort
an ein andern Ort.

(Ich bin so alt,
ich weiß die Moorspitze(?)
klein wie ein Kitz
und die Moorwiese
neunmal Wiese
und neunmal Wald
nd jetzt haben mich die Bauern bezahlt
und jetzt muss ich fort
an einen anderen Ort)

Mehr Geschichten von wilden Frauen gibts auf den Seiten der Feministische Mädchenschule Virginia Woolf.

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