Dimensionen - Die Welt der Wissenschaft 8.4.1999

Non - Profit-Organisationen Der dritte Sektor der Wirtschaft

<Wenn es aber so ist, dass ein Produktionssystem etwa 10% Dinge macht, die es produzieren sollte und die man will, und der Rest ist Reststoffe, dann kann irgendetwas mit dem Produktivitätsbegriff nicht stimmen. Produktionssysteme die extrem hohe Reststoffanteile haben, können meiner Ansicht nach nicht als produktiv bezeichnet werden.> 

  

Non - Profit-Organisationen, ein dritter Sektor der Wirtschaft, eine Sendung von Heidi Dumreicher:

  

Ein Umwälzungsprozess ist in der Wirtschaft in Gang. Er betrifft das Eigentum, die Interaktionsformen, die Politikformen. Ein Prozess, der in seiner räumlichen Weite und seiner Eingriffstiefe größere Dimensionen hat, als bisherige Umstrukturierungen. Die sozio-kulturelle Vielfalt wird abgebaut, man bereitet sich auf den globalen Wettbewerb vor. Alle werden dann in Zukunft um die gleichen Gegenstände in Konkurrenz treten und vor Ort entsteht ein ungeheurer Modernisierungsdruck. Man sucht Problemlösungen, ohne hinreichende Klärung des Problems.
Deshalb ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema "Neue Wirtschaftsformen" wesentlich. Die Wirtschaft allein wird die Fragen der neuen Organisation von Wirtschaft nicht lösen können. Für die Betroffenen ist es oft schwer zwischen den realen Problemen und ihren ideologischen Dimensionen zu unterscheiden. Im Beschleunigungsprozess, den die Wirtschaft zur Zeit durchläuft, werden oft angebliche Erfordernisse antizipiert, ohne das klar ist, wohin die Massnahmen führen werden. Beispielsweise wird weltweit die Diversität abgebaut, doch tatsächlich ist Diversität wichtig, auch und gerade für die globale Leistungsfähigkeit. Diversität bedeutet Elastizität und damit Krisenfestigkeit.
Während die etablierte Ökonomik nach wie vor einem Homo-Ökonomikus festhält, dessen wirtschaftliche Tätigkeit ausschliesslich von monetären Überlegungen geleitet wird, sind heterodoxe ökonomische Theorien im Entstehen, die ihre Aufmerksamkeit den neuen Sektoren der Wirtschaft zuwenden, in denen es nicht um Profitmaximierung geht. Von diesen heterodoxen Ansätzen soll heute die Rede sein.
Wenn man von Wirtschaft spricht, dann denkt man meist an zwei Institutionen, in denen sie sich abspielt. Markt einerseits, Staat andererseits. Doch liegt dazwischen ein dritter Sektor, dessen Existenz bisher vernachlässigt wurde, der Non-Profit-Sektor. Das 

 in Berlin hat es sich zur Aufgabe gestellt, Forschung auf diesem Gebiet zu betreiben. Geschäftsführer ist der Politologe 

Rupert Strachwitz

Er beschreibt, dass hier ein ganz neuer Wirtschaftsfaktor im Entstehen ist:

<Der sogenannte Non-Profit-Sektor ist eigentlich nicht im entstehen, sondern es hat ihn immer gegeben. Man hat ihn nur nicht gesehen, von Aussen. Man hat immer vermutet, es gäbe den Staat, der sei für alles Öffentliche zuständig, und es gäbe die Wirtschaft, die würde also alles Eigennützige, Privatnützige regeln oder bearbeiten. Und erst über die letzten zehn, zwanzig Jahre ist aus Amerika kommend die Einsicht gewachsen, dass es dazwischen einen sehr eigenständigen Sektor gibt, der auch eigenen Regeln folgt, der weder Staat noch Wirtschaft ist.
Der setzt sich zusammen aus den großen Wohlfahrtsverbänden, den Stiftungen, den Kulturvereinen und vielen anderen Organisationen, und der sich kaum verfasst. Es gibt keine zentrale Organisation, hat kein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, und es gibt ihn aber doch.>

  

Einige Organisationen, die diesem dritten Sektor zuzuordnen sind, kennt die Öffentlichkeit. Die "Caritas" etwa, oder grosse Umweltriesen wie "Greenpeace" oder "Global 2000". Doch wichtiger als Größe ist, so Strachwitz, die Vielzahl der kleinen Organisationen und Vereine. Traditionell sind sie dem Dienstleistungssektor zugeordnet, und machen Sozialarbeit oder Pflegearbeit. Doch immer wichtiger werden die sogenannten Themenanwälte, englisch "Advocacy- Groups", die öffentlich eintreten für Anliegen der Gesellschaft.

  

<Vereine gibt’s ja enorm viele und das reicht vom Taubenzüchterverein bis zu Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty, sehr engagierten Themenanwälten, bis zu Caritas mit ihren Dienstleistungen, oder bis zu den Förderstiftungen, die Fördermittel für den Gemeinnützigen Bereich bereithalten. Dazu gehören natürlich auch die Sportvereine, die für ihre Mitglieder immer wichtiger werdende Leistungen erbringen, u.s.w.>

  

Wichtig im Dritten Sektor, ist ein hohes Mass an Freiwilligkeit und die Tatsache, dass sie autonom ihre eigenen Entscheidungen treffen. Bürgerinnen und Bürger tun sich zusammen, das ist das Wesentliche. Ob es um einen Taubenzüchterverein oder einen Fussballklub, oder um die Wiederherstellung eines historischen Marktplatzes geht.

  

<Natürlich wenn die nur am Eck stehen, "der Platz ist ein bisserl dreckig und kehren wir da mal zusammen", da entsteht noch keine gemeinnützige Organisation. Aber wenn die zusammenstehen und sagen," also der Marktplatz, der ist so schön, eigentlich historisch, aber er verfällt, jetzt tun wir da mal was in Gang setzten, damit der wieder restauriert wird." Und dann werden die Bürger eingeladen, Mitglieder zu werden in einem Verein, der sich dann vielleicht gründet. Und dann wird ein Vorsitzender gewählt und wenn die Organisation Glück hat, ertrinkt sie nicht in den Formalien und streitet sich nicht allzusehr um die Satzung oder um die Funktion des dritten stellvertretenden Schatzmeisters, sondern kommt wirklich ans arbeiten, und dann wird sie sehr schnell in der Öffentlichkeit auch wirksam werden.
Dazu gibt es inzwischen, nachdem man vor dreissig Jahren solche Organisationen grundsätzlich als Störenfriede abgetan hat, ja inzwischen in der Gesellschaft einen Konsens, dass solche Organisationen eine wichtige Aufgabe erfüllen und man verschafft ihnen auch durchaus eine Plattform.>

 

Vereine sind ein Vorfeld der Politik, so die Interprätation von Rupert Strachwitz. Man lernt ein Anliegen zu verfolgen, von der Presserbeit über das Organisieren von Veranstaltungen, bis zum "Fun-Raising". Wesentlich für die Vereine ist auch, dass sie die Bedeutung des Lokalen Agierens betonen. Die grossen Wirtschaftsunternehmen sind ja nicht darauf angewiesen, was am Ort getan wird und für Mitbestimmung kaum zu haben.

 

<Menschen wollen aber gerne mitreden, bei Dingen mitentscheiden. Und dieser Wunsch nach Mitentscheidung, der völlig legitim ist, der vollzieht sich zu einem sehr hohen Anteil heute in solchen Organisationen, und ich glaube, dass wird noch sehr viel wichtiger werden, wenn wir eine gesunde Gesellschaftskultur entwickeln wollen. Also der Gesellschaft zum Umbau, die Einrichtung einer Bürgergesellschaft wird sehr stark davon abhängen, dass wir diesen Organisationen einen hohen Stellenwert einräumen.>

 

Manche Dienstleistungen wechseln aus dem Non-Profit-Bereich in den Marktsektor über, z.B. derzeit die Kranken- und Altenfürsorge. Das kann eine sehr sinnvolle Entscheidung sein, denn für Strachwitz ist auch vom Standpunkt der Gesellschaft aus, das wesentliche am Verein nicht so sehr die Dienstleistung, also die Versorgung von Kranken in Spitälern, sondern die zivilrechtliche Organisation von Vorhaben aller Art.

 

<Ob das eine Haus gelb oder rosa angestrichen wird, dazu gibt es Fachleute, die kann man dafür bezahlen, u.s.w. Aber diesen Impuls ingangsetzten, dass kann man nicht bezahlen. Das kann man über den Markt nicht machen, dass kann man nur, wenn sich Leute mit Herz und Verstand dafür engagieren, die Zeit zur Verfügung stellen, die Zeit stiften, indem sie ökonomische Überlegungen ausser Acht lassen und sagen, dass ist uns aus ganz anderen Gründen wichtig, u.s.w.>

 

Wichtig bei den Non-Profit-Organisationen ist vorallem neue Aufgaben wahrzunehmen und neue Modelle zu entwickeln, oder vorzuleben. Es gab eine Zeit, da war die Versorgung mit Krankenbetten mieserabel. Damals war der Einsatz von kirchlichen Institutionen wesentlich. Heute kann die Versorgung auch marktwirtschaftlich organisiert werden, und die Kirchen können sich zurückziehen und neuen Aufgaben widmen. Beispielsweise der Frage, wie die Arbeitswelt neu zu organisieren wäre. Dabei geht es nicht so sehr um die Schaffung von Arbeitsplätzen, sondern darum, ein konkretes Gerechtigkeitsproblem zu lösen.
Vereinstätigkeit wird oft verniedlicht, ein Verschönerungsverein kommt leicht in die Gelegenheit belächelt zu werden. Doch für Rupert Strachwitz liegt die Bedeutung des Dritten Sektors darin, Ventil für den "Wunsch nach Mitgestaltung" zu sein, und Übungsgelände für demokratische Strukturen. Die angelsächsische Diskussionskultur hat im kontinentalen Europa allerdings einiges voraus. Die netzartige Stuktur, die als Nährboden dafür dient, sich um verschiedenste Dinge anzunehmen, könnte Vorbild für den Dritten Sektor europaweit sein.
Community-Foundations sind ein Beispiel dafür, wie neue Organisationsformen aussehen könnten. In München gibt es eine solche Bürgerstiftung, die Stadtviertelarbeit betreibt und als Stiftung von vielen kleinen Geldgebern getragen wird. Jugendfragen, Seniorenthemen, Stadtinitiativen sind die vorrangigen Themen. Und für Strachwitz tragen sie zu einer Kultur der Gemeinschaft bei, als Komplementär zur Globalisierung und Europäisierung vieler Prozesse.

"Bedürfnisslogik statt Konkurrenzlogik", könnte man einen gemeinsamen Nenner dieses Dritten Sektors nennen, so Frank Elstner von der Universität Bremen, Institut für institutionelle Ökonomik.
Und statt dem üblichen Nullsummenspiel, "dein Verlust ist mein Gewinn", steht ein Plussummenspiel auf dem Programm, eine Formulierung, die er vom Träger des alternativen Nobelpreises Hans Peter Dürr übernimmt.
Ein Beispiel dafür kann man in Italien nachprüfen, das Projekt "Drittes Italien","Terza Italia". Emilia Romania, Toscana, Venedo, also das Italien dazwischen, zwischen dem traditionell hochentwickelten Norden und dem nachhinkenden Süden, haben es geschafft mit Hilfe ihrer traditionellen altindustriellen Struktur, von einer sehr armen Region in zehn, fünfzehn Jahren zu einer der reichsten Regionen in Italien zu werden, die mit ihren Produkten aus der Leder- und Keramikindustrie weltmarktfähig ist.

 

<Die Industrieseite bestand in wesentlichen Teilen aus Familienbetrieben, überwiegend handwerksähnliche Betriebe, in der Größenordnung zwischen 20 bis 200 Beschäftigte, die sich nicht nur traditioenell als Zulieferer vernetzt haben, sondern die angefangen gemeinsam gepoolt, Produktionnovation zu machen. Sich zum Beispiel ganz massiv wechselseitg Lieferkredite gegeben haben, sehr flexibel plötzlich ihre Beschäftigten auch ausgeliehen und ausgetauscht haben, Maschinen ausgetauscht haben und sich ausgeliehen haben.
Und das Ganze basierte im Prinzip auf einem regionalen Klima des Vertrauens, auf allen Seiten. Im wesentlichen war es eine Akteursachse von regionalen öffentlichen Akteuren und lokalen öffentlichen Akteuren, also Kommunalverwaltung und der Regionalverwaltung, der Emilia Romania hauptsächlich, mit Unternehmensnetzwerken. Also den spontanen Organisationen dieser Mittelbetriebe, die also Verbünde gemacht haben, z.B wie gesagt um Arbeitskräfte auszuleihen und zu poolen, um ihre Maschinen zu poolen, um Technologie gemeinsam zu entwickeln, also Innovationsverbünde.
Als dritter Akteur in diesen Netzwerkstrukturen waren die Gewerkschaften interessanterweise, die es geschafft haben aus dieser klassischen Gewerkschaftsorientierung in Italien, also "Unternehmer sind Feinde" herauszukommen und zu sagen, wenn es eine regionale Vernetzung gibt, mit einer "negotiated economy" oder vereinbarten Ökonomie, also wo man drüber spricht, wie soll die Einkommensverteilung aussehen, dann können alle Seiten, auch wir als Gewerkschaft Vertrauen entwickeln, und das ist dann das Öl auf dem dann plötzlich auch ganz viel läuft.>

 

Statt eines Wettlauf nach unten, eines "Rais to Buttom", der sich für Regionen verheerend auswirkt, ist mit "Terza Italia" ein Modell entstanden, das Frank Elstner als Trichter für die Zukunft bezeichnet. Der Export und Import von solchen neuen Modellen ist für die Zukunft mindestens so wichtig, wie das erwirtschaften von Gewinnen.

 

<Was dann beschrieben wird, auch in der Literatur ganz intensiv ist, dass man dann plötzlich sah, dass abends um zehn, in einem Handwerksbetrieb der normale Arbeiter von der Maschine mit dem Entwicklungsingenieur zusammen, diese Gruppen zusammensaßen und Produkt- und Verfahrensinnovationen besprochen haben. Plötzlich entstand eine ganz hohe Bindung, der Arbeitnehmer an die Region und eine große Bereitschaft der Arbeitnehmer zur Flexibilität. was das interessante daran auch ist, ein Gegenmodell eigentlich zur neoliberalen Programmatik entwickelt worden ist. D.h., die Region hat sich saniert, weil dieses vereinbarte Vertrauen plötzlich da war, und das war sozusagen das Schmiermittel für den Modernisierungsprozess, d.h. Angst vor Innovationen spielte plötzlich keine große Rolle mehr, wie wir es ja oft sonst als Hinderungsgrund sehen, dafür das altindustrielle Regionen sich modernisieren können, wobei ich Modernisierung jetzt immer im besten Sinne des Wortes mein und nicht im neoliberalen Weltmarkt.>

 

Unternehmen die traditionellerweise auf Konkurrenz setzen, werden hier zu Partner einer gemeinsamen Zukunft.

 

<Wenn es einem Unternehmen schlecht geht, dann tun sich drei vier andere Unternehmen, die sozusagen am engsten dran sind im größeren Netzwerk zusammen, und helfen diesem Unternehmen. Und das sind Dinge, die man sonst einfach gar nicht glauben mag, weil man sie so gar nicht kennt, unter dem Aspekt des Gegeneinanders im Markt, aber da unter dem Aspekt der Vernetzung hat dieses stattgefunden, wobei man sagen muss, auch die ganz konventionellen Handelskammern haben da wesentlich mitgeholfen, plötzlich.
Und insofern sieht man auch, dass die Handelskammern dann auch eine ganz andere Rolle bekommen, als Informationsbroker, aber eben auch als Koordinatoren in einem flexiblen und sehr innovativen Prozess des Miteinanders der Firmen.>

 

So entstanden lokale Produktionskluster in bestimmten Gemeinden, wobei in jeder Gegend eine gemeinsame Branche ganz massiv vertreten war, die dann die überbetrieblichen Infrastrukturen gemeinsam nutzen konnte.

 

<Also eine Forschungs- und Entwicklungskapazität gebündelt aus Betrieben, also aus Entwicklungsingenieuren plus Leuten aus der nächsten regionalen Universität, wurde dort in der Gemeinde installiert, mit Hilfe der lokalen Akteure. Also ganz offene Strukturen plötzlich, das Öffnen der Grenzen der traditionellen Unternehmen, und überhaupt das Öffnen der Grenzen aller beteiligten Akteure, seien es die Gewerkschaften, seien es die lokalen öffentlichen Akteure. Die Handwerksbetriebe haben ihre Grenzen geöffnet und was auch intensiv da festgestellt wurde ist, dass die Kollegen das normale Betriebsgeheimnis preisgegeben haben, es gibt dieses "Cross-Lie-Sensinsing", dass in der Erfindung die man im Zweifelsfalle hat und normalerweise zum Patent anmelden würde, dass man diese Erfindung innerhalb des Netzwerkes an die beteiligten Kooperanten weiterkommuniziert und das auf Gegenseitigkeit, und das sind schon phänomenale Dinge, die da passiert sind.>

 

Diese kooperative Wirtschaft brachte ganz neue Allianzen. Sie war eine Schulung für die Gewerkschaften, ebenso für die Unternehmen. Ein markantes Beispiel für die Möglichkeit der "negotiated economy", als der transparent gesellschaftlich verhandelten Ökonomie.
Das Umdenken erreicht aber nicht minderheftig die Theoretiker, die Forscher in den Universitäten. Als ich noch am monetären volkswirtschaftlichen Gesamtsystem gearbeitet habe, hat mich die tatsächliche Produktivität eines Systems noch nicht interessiert, berichtet Günther Strassert vom Institut für Regionalwirtschaft in Karlsruhe. Dann widmete er sich der Frage, wieviel gewünschte Produkte und wieviel Reststoffe die moderne Industrie produziert und kam zu verheerenden Ergebnissen. Die Industrie produziert zu 80 bis 90% Reststoffe und dazwischen fallen dann auch ein paar Personenkraftwagen an. Inzwischen ist Strassert auch dazu übergegangen, den Haushalt als wirtschaftliches Unternehmen einzustufen, dessen Produktivität deutlich besser liegt, auch wenn diese Behauptung noch schwer wissenschaftlich zu überprüfen ist. Haushalt ist eigentlich das Urbild der Ökonomie.

 

<Einerseits ist er der Ursprung der Ökonomie und unserer heutigen Produktionswirtschaft, weil er alle Produktionstätigkeiten die heute in Unternehmen durchgeführt werden im Haushalt hatten. Damals wurde ja in der Familie alles hergestellt was man zum Leben braucht, und die Arbeitsteilung hat sich ja dann erst im Laufe der Zeit der Spezialisierung, ob Schuhe oder Kleider, entwickelt. Heute behandeln wir den Haushalt oder die privaten Haushalte in der Statistik stiefmütterlich, weil wir nicht so recht wissen, was wir damit anfangen sollen.
Zum einen gibt es die grosse Diskussion, dass in Haushalten auch produziert wird, aber da liegt der Schwerpunkt der Diskussion darauf, dass man die Haushaltsmitglieder anständig bezahlen muss, für ihre Leistungen die sie erbringen. Weniger im Vordergrund steht der Aspekt, dass der Haushalt eben eine Produktionseinheit ist, weil er wie jeder andere Produktionsbetrieb auch transformiert, nämlich energetische und stoffliche Inputs in andere energetische und stoffliche Outputs. Insofern unterscheidet sich ein Haushalt, ob er klein oder gross ist, in nichts von einem Produktionsbetrieb.>

 

Vom Standpunkt des Ressourcenverbrauchs und des transformierens ist also ein Haushalt ein Unternehmen.

 

<Alles was der Haushalt an Nahrungsmitteln einkauft, einschliesslich Getränke, Kleidungsstücke und alles was er Konsum nennt, benötigt, wird transformiert und wird zu Reststoffen, feststoffart oder flüssiger Art oder gasförmiger Art. Aus Nahrungsmitteln werden alle Arten von Fäkalien und Reststoffen die man als Biomüll oder sonst wie entsorgt. Beim Haushalten ist es ja nun sehr verbreitet alle möglichen Dinge ins Klo zu spülen. Jedes Mal wenn man sich mit der Kanalisation in Städten befasst, sieht man was Haushalte alles abgeben in dieses unterirdische Kanalsystem.>

 

Das machen Haushalte stofflich gesehen. Und das machen Unternehmen auch.
Problem: die einen machen es fürs Geld, die anderen unabhängig von der Entlohnung. Während sich ein Unternehmen aber als Verwerter von Rohstoffen definiert, wäre ein Haushalt mit einer solchen Eigendefinition kaum einverstanden.
"Nein wir machen das, wie, ja warum denn?", in Diskussionen die Strassert provozierte, stiess er auf grosse Sprachlosigkeit bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

 

<Die drücken sich Drumherum, zu sagen, dass das was mit dem Lebenssinn zu tun hat, den sie sehen. Wenn man fragt, warum hörst du die Musik die du hörst, warum willst du diesen Tanz tanzen und der andere wird lieber lesen, oder wandern, oder Schi fahren, das hat doch alles mit den individuellen Auffassungen von dem Sinn des Lebens zu tun.
Um es jetzt wieder ökonomischer zu fassen, könnte man sagen, dass sie durch all diese Aktivitäten in sich selbst investieren. Sie wollen sich dadurch nicht nur eine Freude machen, sondern sie gehen doch studieren, um ihre Kapazitäten, ihre Talente, ihre Fähigkeiten auszunutzen und weiter zu entwickeln, um irgendwie selbst als Persönlichkeit eine andere Qualitätsstufe zu erreichen. Und ich meine man könnte das in Analogie sehen zu Investitionen die man macht, um das Sachkapital zu verbessern, indem man es also qualitativ oder quantitativ verbessert. So investieren die Haushalte mit all ihren Aktivitäten in sich selbst, auch in ein Kapital, nämlich in das Humankapital.>

 

Frage: Wieso ist die Erzeugung von Konsumgütern Hauptbestandteil der Berechnung des Bruttonationalproduktes?

Zur Erinnerung, das ist die Summe aller Dinge, die in einem Jahr produziert werden und noch da sind. 50 bis 60% der statistisch erfassten Daten sind Konsumgüter.

 

<Die Statistik unterscheidet da ja nicht, zwischen Brillantringen und Baumwollunterhosen. Wenn ich richtig liege mit der Interpretation, dass das was Haushalt an immateriellen Leistungen erbringen, ob das gleichzusetzen ist mit Investitionen ins Humankapital, dann müssen die Konsumgüter anders beurteilt werden, die können nur dann im Sozialprodukt bleiben, wenn die Menge der Konsumgüter ein passender Indikator ist für Investitionen ins Humankapital, und diesen Zusammenhang kann ich nicht sehen.
Das würde ja heissen, habe ich mehr Konsumgüter gekauft, dann bin ich auch talentierter und schlauer geworden. Man kann sich an der Konsumgütermenge pro Haushalt ablesen, wie viel Investitionen ins Humankapital stattgefunden haben, wie viel schlauer der Mensch geworden ist oder persönlich oder charakterlich gefestigter ausgeübt oder gefördert hat. Dafür kann doch die Konsumgütermenge überhaupt kein passender Indikator dafür sein. Sondern da muss man sich was anderes ausdenken.>
 

 

Statt der Konsumgüter, so Strassert, sollte die Leistung der Haushalte in das Bruttosozialprodukt einbezogen werden. Mütter und Väter sind dann nicht Haushaltsvorstände sondern Arbeitskräfte.

 

<Dann gibt’s schon durchaus zahlreiche und detaillierte Schätzungen, wie man z. B. die Leistung einer Hausfrau ermitteln und entlohnen kann, indem man ihre Tätigkeit an einem Tag auffächert in Putzfrauentätigkeit, in die Tätigkeit einer Köchin und die Tätigkeit einer Konkubine und die Tätigkeit einer Kindererzieherin, und jedes Mal dafür Preise bestimmt und das dann zusammenzählt. Doch, das gibt es tatsächlich solche Rechnungen. Das Problem ist dabei, dass man bei dieser Differenzierung zu immensen Zahlungen kommt, von denen man dann wieder zurückschreckt, weil man sich nicht vorstellen kann wer das bezahlen soll.>

 

Ob Haushalte einen eigenen Sektor bilden, oder Teil des entstehenden Dritten Sektor sind, darüber sind sich die Forscher noch nicht einig. Non-Profit dürften sie aber wohl bleiben. Jedenfalls befinden wir uns damit mitten in der Diskussion um die ehrenamtliche, freiwillige, bürgerschaftliche Arbeit.
Ein Forschungsprojekt der Johns Hopkins Universität erfasst in über 20 Ländern weltweit dieses Phänomen, das im Steigen begriffen ist. Eckehart Briller vom Wissenschaftszentrum Berlin:

 

<Wir haben den gesamten Bereich der Erziehung auch der Weiterqualifizierung und der Weiterbildung, das sind neue Tendenzen die sich gerade im Bereich der Selbsthilfe zeigen, so dass wir hier neue Tätigkeitsfelder haben und das lässt sich auch sehr deutlich in Zahlen ausdrücken. Beispielsweise hat der Anteil der Bürger in Deutschland, der im Bereich der Selbsthilfe aktiv ist, so ein Ausmass erreicht , wie der Anteil der Bürger die Mitglied der Parteien sind.>

 

Selbsthilfe meint  in diesem Zusammenhang einerseits Gruppen, die gemeinsame Probleme diskutieren, etwa Eltern behinderter Kinder. Meint aber im Zeitalter der Arbeitslosigkeit auch immer mehr gemeinsam nach Jobs oder Arbeitsprojekten zu suchen, oder auch solche zu gründen. Das Ehrenamtliche darf aber nicht zum Ersatz für normale Erwerbsarbeit dienen, oder dazu, dass der Staat Aufgaben die er nicht mehr finanzieren will, jetzt auf billige weise auslagert.

 

<Wenn wir beispielsweise ja davon ausgehen, dass sich in der Zukunft die Arbeitszeit weiter verringern wird, dann haben die Bürger auch natürlich mehr Zeit für andere Tätigkeiten und dadurch auch die Möglichkeit in solchen Organisationen wirksam zu werden.>

 

Während früher ein Sportwart praktisch lebenslänglich seinen ehrenamtlichen Job ausführte und auch bei der freiwilligen Feuerwehr die Mitgliedschaft über viele Jahre geht, zeichnet sich im Zeitalter der Beschleunigung auch hier ein neuer Trend ab.

 

<Die Leute möchten eher kurzfristig in Projekten mitarbeiten, sie möchten eher mal wechseln, nicht mehr Mitglied in einer Organisation, in einem Verein von der Wiege bis zur Bare sein, also sie möchten einfach die Vielfalt stärker nutzen.>

 

Die USA gelten in Sachen Freiwilligenarbeit oftmals als leuchtendes Beispiel. Museen, Kirchen, Vogelzähler, ohne ehrenamtliche Tätigkeit, wären sie alle nicht denkbar. Dafür gibt es, so Echart Briller kulturelle Gründe.

 

<Wir haben eine hohe Mobilität im Wohnverhalten, also die Leute ziehen sehr oft um, wechseln sehr oft die Arbeit, und dieses Engagement in Organisationen bedeutet oft auch die Möglichkeit um Kontakte herzustellen, sich in die neue Gemeinschaft zu integrieren. Also sie sind für meine Begriffe oft Ersatz für die fehlenden Kontakte in anderen Bereichen.>

 

Die Studie erhebt welche Argumente anführen, wenn man sie nach ihren Gründen für ihre ehrenamtliche Tätigkeit fragt.

 

<Ein häufiges Argument weshalb sich jemand engagiert, tritt in unseren Befragungen auf, und heisst, "es macht Spass" und das denk ich zeigt das schon, dass hier auch diese Komponente sehr wichtig angesehen wird, das Zusammensein mit Gleichgesinnten oder Ähnlichgesinnten, die gemeinsame Tätigkeit. Das sind sicherlich Faktoren, die hier eine grosse Rolle spielen.>

 

Weitere Nennungen: sich selbst verwirklichen, Leute treffen, Fähigkeiten und Kenntnisse anwenden, etwas Neues lernen. Da soll jemand sagen, dass man von der Beteiligung vom Non-Profit-Sektor nicht profitiert.

 

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