Ich bin Lisa. Ich bin Malerin. Malerinnen malen. Heute schreibe ich.
Wieder bringt mich Freistaat Burgstein dazu, Grenzen zu überschreiten.

Das Thema:
Symposium Freistaat Burgstein 2005, Aktion Biennale di Venezia

... und um eines vorweg zu nehmen: in der Nacht nach der Biennale, am Ende der beiden Symposiumswochen antwortete Matthias Walch auf meine Frage, was ihm im heurigen Freistaat Burgstein am meisten imponiert habe, mit dem Satz: ... DASS WIR JETZT ALLE WIEDER ZUSAMMEN SIND ...

 

Der Beginn: Mittag, im Gastgarten bei Marlies, Burgstein, Längenfeld, eine Gruppe Burgsteiner
Das Thema: Aktion Biennale Venezia, wie so oft in den letzten Tagen.
Das Gespräch dreht sich im Kreis. Nichts Greifbares. Zum ersten mal fällt das Schlagwort Asyl, Asyl für den FreiSTAAT in Venedig. Augen beginnen zu leuchten.

Das Konzept: Abends, Campingplatz Pto. Sabbione, Venezia, eine Gruppe Burgsteiner, eine Woche später
Mittlerweile haben wir den Ort gesehen, haben Kunst gefunden, Aussagen und Einsichten, alles, nur keine Künstler. Thomas Schafferer baut die Asylidee aus. Er meint, wir könnten uns als Künstler installieren. Alles sträubt sich in mir. Das Begaffen von Affen im Zoo schleicht sich in meine Gedanken. Ein Bild drängt sich auf. Wir diskutieren. Schlagworte wie interaktive Kommunikation, grenzüberschreitende Aktion, kunstpolitische Aussage fallen. Die Spannungen der letzten Tage werden offensichtlich. Schön langsam beginne ich mich mit der Idee anzufreunden. Es ist ein Dialog, ein Dialog mit den Werken der Anderen, mit den Staaten und deren Aussagen, ein Dialog auch mit und unter uns, ein sich Positionieren, ein Stellungbeziehen, ein Annähern. Akzeptanz und Miteinander sind starke Argumente. Kommunikation ist der Schlüssel.
Die Frage nach der Vorgehensweise ist schnell beantwortet.
Die Frage nach dem Warum beantwortet jeder für sich.

Die Aktion, der Beginn: Freitag, 22.7.05, 10.00 Uhr, Parkbank mit Blick auf das Meer, Biennale Gelände im Rücken, wir warten. Noch ist alles ruhig. Wir warten immer noch. Die anderen kommen, schlechte Stimmung, schlechte Laune, keine Worte. Ein unausgesprochenes „so nicht“ steht im Raum. Ich kämpfe mit mir.
Wir starten im österreichischen Pavillon, natürlich. Wir starten unvollständig. Ich werde gebeten, voraus zu gehen. Ich soll die Künstlerin sein, die sich positioniert während unsere Botschafterin Susanne Riegelnik den Asylantrag stellt, soll eindringen, ungeschützt und wehrlos, soll Platz schaffen und vorreiten, soll vorangehen und den Weg ebnen. Immer noch kämpfe ich, weiß ich nicht, ob ich das will. Die Affen tanzen vor meinen Augen.

Alles ist anders.
Ich bin allein in diesem Pavillon. Der Platz zentral, ein Knotenpunkt im Inneren des Berges. Licht scheint durch eine Luke direkt auf mich. Ich stehe hier auf meinem Podest und bin Kunst. Ich fühle mich wohl. Die Verhandlungen müssen gut verlaufen sein. Die anderen kommen. Gedämpfte Laute, sie stellen sich zum Raum und zu mir. Sakrale Stimmung, wortlos. Die ersten Fußabdrücke werden dokumentiert. Ein Danke und ein Ciao zum Abschied. Euphorie.

Die Aktion, Eindrücke ...

von Ehrfurcht - Ägypten
Steinsäulen, Grabbeigaben, fremde Leben in gedämpftem Licht. Ich schließe den Kreis und warte. Sie lassen uns zu sich. Wir sind wieder komplett.

von Angst - Russland, alles Rot.
Ich sehe sie verhandeln. Ich bin hier und dort. In diesem Raum fühle ich mich nicht wohl, bin vorbelastet vom gestrigen Besuch. Alles rot, blutrot. Stehe in der Ecke in diesem Rot. Der Blick ins Freie, Vogelgezwitscher dort. Dieses „droppo lungo per scappare” in meinem Nacken. Bin allein. Eine Frau stellt sich in meinen Raum, sie respektiert meine Tür. Eine Frau, fernöstlich, klein, sie lächelt, sie umkreist mich, nimmt Kontakt auf. Ihre Augen ermöglichen es mir, meinen Fluchtweg zu verlassen. Sie lebt. Sie hilft. Die anderen kommen. Auch sie respektieren meinen Raum. Niemand stellt sich mir in den Weg. Die Frau ist immer noch da.

von Nähe - Dänemark
Diesmal dauert es lange. Wo sind denn alle?  Ich stehe hier in diesem Film. Lineare Strukturen, Großstadtgehabe, Sterilität. Mein Schatten unterbricht das Geschehen. Will ich das? Habe ich meine Wahl vorschnell getroffen?
Jemand stellt sich vor mich. Viel zu nahe. Viel zu lange. Ich kann ihn nicht riechen. Er atmet meine Luft. Ob die anderen wissen, wie wehrlos ich bin?

von Miteinander - Frankreich
Am Rand eines roten Meeres, mitten drin. Sturm und Leuchten, Körper und Farbe, Erotik wächst mir entgegen. Fühle mich lebendig. Kein Halt vor mir, keine Grenzen. Energie ist im Raum. Jemand steht neben mir, Haut an Haut, ich kann ihn spüren. Thomas vermutlich. Er gehört dazu, ich trage seine Nähe, will hier nicht weg. Alles ist warm. Die Bedeutung von Zeit verschwindet. Die anderen warten auf uns.

von Ausgrenzung - Deutschland
Bin gefangen in diesem Raum. Sie sperren die Leute weg, die Worte, das Lachen, das Atmen. Sie verhindern meine Befreiung. Ich gehe. Wir gehen. Sprachlos.
Haben nicht sie ihre Aussage auf Kommunikation aufgebaut?
Isn´t it contemporary? (Zitat deutsche Kunstaktion)

von Akzeptanz - Brasilien
18.10 Uhr, die Biennale ist geschlossen. Sie warten auf uns. Sie schaffen unsere Bühne. Wir bringen die Aktion zu Ende. Ich stehe vor diesem Flugkörper und denke mir: „Wow!“.

von Konsequenz - Albanien, vor den Toren
Aufbruchstimmung. Alles schön verstaut, Aktion vollbracht. Müdigkeit. Trotzdem die letzten Bilder in letzter Konsequenz.

Das Ende: Grünblaue Welten zerfließen unter mir. Fahre mit dem Schiff nach Hause. Unglaublich, nenne diese Schuhschachtel (Zitat Thomas) auf diesem Campingplatz tatsächlich mein Zuhause und ... wir sind alle zusammen.

Resumeé: Die Aktion „Asylantrag Freistaat Burgstein auf der Biennale di Venezia 2005“ war ein voller Erfolg. 24 von 30 Staaten haben uns aufgenommen, haben ihre Räume mit uns geteilt. Ein Lachen liegt in der Luft.

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