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| Autoren | | Friedburg | Grimm | Helpfau | Lengau | Uttendorf | | |
| Lektor und Herausgeber | Helfried Helpfau | |
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Frühlingsexplosionen Lyrischer Klassizismus
Erotische
Literatur im Netz
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Helfried Hellpfau ist der Initiator, Lektor und Herausgeber des Projektes Literotik, einer virtuellen Bibliothek für deutschsprachige, erotische Literatur. Der erste Text kam 1998 ins Netz; heute besteht die Bibliothek aus mehreren zehntausend Seiten und wächst stetig. Helfried Hellpfau lehrte bis 1994 in den USA an der deutschen Universität Boston und gründete dann einen eigenen Verlag, der eine Plattformen für erotische Texte im Internet anbietet. Dann Universitätslektor und Werbetexter in Wien. Beispiele seiner Arbeit sind die beiden ältesten Portale auf diesem Gebiet, beides bekannte Projekte über E-Sex im Web. |
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| Erotische Literatur im Netz | ||
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Das Interview befasst sich vor allem mit der Problematik der Verlegens von erotische Literatur im Internet. Das Literaturgespräch mit Helfried Hellpfau hat Babette Babenham vom Magazin Nexus New York per E-Mail geführt. |
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Pornografie, Erotik, Sex - was ist das Verlagsthema?Erotik natürlich. Wir verlegen deutschsprachige, erotische Literatur, die im Rahmen des Rechtes auf sexuelle Selbstbestimmung des einzelnen jedem auch zusteht. Der Begriff Erotik kommt vom griechischen 'eros', dem Gott der Liebe und ist die Bezeichnung für alle mit der Geschlechtsliebe zusammenhängenden Vorstellungen und Inhalte. Vielleicht ist manchmal in die Texte ein Quäntchen Pornografie hineingemischt. Aber wenn man's recht bedenkt und Pornografie die anstößig empfundene Darstellung von Genitalien oder sexuellen Handlungen in Wort und Bild auffasst, dann bieten wir das auch nicht an. Denn der Leser wird Texte, die er freiwillig und bewusst gewählt hat, doch nicht als anstößig empfinden. Echten Sex können wir dem Leser nicht und niemals anbieten. Denn Sex ist die direkte Ausübung der Sexualität mit einem Partner und das übertrifft unsere technischen Möglichkeiten im Internet bei Weitem. Sind die Geschichten für jedermann gedacht?Lust beginnt im Kopf und wir hoffen, dass wir zur Lust des Lesers beitragen können. In dieser Geschichte geht es zu wie im wahren Leben. Wenn jemand unter 18 ist oder zu den empfindsamen Gemütern gehört, die mit Ausdrücken wie "Penis" oder "bumsen" zu schockieren sind, dann tut er sich etwas Gutes, wenn er nichts liest, was dieser Verlag herausbringt. In manchen Ländern ist Erotik in Form von Literatur und in anderen Medien strengstens verboten. Wenn man in so einem Land lebt, dann sollte man die Finger von diesen Texten lassen, sonst kann's sein, dass einem ein Glied des Körpers abgeschnitten wird. "Klasse statt Masse / lustig statt frustig" heißt bei uns das Motto, nach dem wir unsere Texte auswählen. Zudem sind alle Geschichten entweder von Autoren für uns geschrieben oder sorgfältig ausgesucht und redigiert. Also keine billige Rein-Raus-Ware oder gewöhnliche Wix-und-Spritz-Lektüre. Liebe und Sexualität – was haben die miteinander zu tun?Was kann Jugendlichen helfen, ein natürliches Verhältnis zu Liebe und Sexualität aufzubauen? Wie erleben Eltern das Heranreifen der Jugendlichen? Wie leben Menschen ihre Sexualität aus? Wie erleben Erwachsene ihre Sexualität? Diese Themen werden in den Texten behandelt. Jeder kann die Themen mitgestalten, wenn er uns seine spontanen Ideen dazu schreibt. Welche Vorteile haben die Autoren des Portals?Die Vorteile liegen vor allem in der Veröffentlichung der Arbeiten. Unser Literaturportal versteht sich als Gemeinschaftsprojekt aller beteiligten Autoren. Wir versuchen alles über Werbeeinschaltungen und Sponsoren zu finanzieren. Wir bieten den Autoren einen professionellen Auftritt und fachmännischer Unterstützung. Außerdem machen wir auf unsere Internet Präsenz durch Presseaussendungen aufmerksam. Vielleicht ergibt sich für den einen oder anderen Autoren daraufhin etwas in Richtung Verlag. Und wir ziehen auch jederzeit Texte zurück, wenn sie der Autor beispielsweise lieber irgendwann über einen Verlag vermarkten möchte. Kann man als Erotikautor bei ihnen Geld verdienen?Wem es Spaß macht eigene erotische Geschichten zu schreiben und bereit ist die Rechte dafür zu verkaufen, der soll sich bei uns melden. Wir vertreiben Adult Content im XXX Bereicht und wollen auch Geschichten weiterverkaufen. Wichtig: Bevor man sich wegen der Geschichten meldet, sollten in
den Texten folgenden Bedingungen erfüllen: Bedingungen die erfüllt werden müssen: Wann veröffentlichen sie eine Story nicht?Dafür kann es mehrere Ursachen, dass wir sie eine Story definitiv nicht veröffentlichen können. 1. Die Story liegt in einem Format vor, das wir nicht bearbeiten können – wir akzeptieren nur reine Textdateien und die Formate HTML, RTF, MS-Word und MS-Write; alles andere kann nicht veröffentlicht werden. 2. Die Story enthält zu viele Rechtschreibfehler, die Satzzeichen sind grob falsch oder die Geschichte ist durchgehend in Kleinbuchstaben oder in Großbuchstaben geschrieben. 3. Die Story hatte Inhalte, die wir nicht veröffentlichen können, z.B. zu wenig Erotik oder zu viel Gewalt. Wie wird das Projekt finanziert?Das Projekt Literotik wird als Non Profit Business betrieben. Als das Archiv an der Uni angesiedelt war, hat die Uni die Leitungskosten übernommen, als ich es in die eigene Firma mitgenommen habe, haben wir die Leitungskosten getragen. Wir brauchen im Grunde eine Standleitung ins Internet, und wir müssen pro abgerufenem Text Volumengebühr an den Provider bezahlen. Im Juli 1996 waren die Volumengebühren, die wir zu zahlen hatten für kostenlose Information, die wir lieferten, auf über 1000 Euro gestiegen. Das war nicht mehr die Portokasse. Daraufhin habe ich die Uni Hamburg gebeten, das Projekt Literotik wieder zu übernehmen, und das ging gut bis zum Januar 1997. Da hieß es, das Projekt Literotik erzeugt jetzt 70% unserer Last auf dem Internet. Zum Glück erhielt ich noch einmal eine Verlängerung, und seit zwei Monaten hat sich dankenswerterweise AOL bereit erklärt, alle Kosten für den Transport der Daten zu übernehmen. Die neue gültige Adresse lautet: http://www.literotik.com. Der Benutzer kann aber auf jeden der alten Server zugreifen, und die geben dem Internetprogramm die neue Adresse bekannt. © 1998 Projekt Literotik |
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| Webliteratur | ||
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Das Interview befasst sich vor allem mit der Problematik des Verlagswesens im Internet. Das Literaturgespräch mit Helfried Hellpfau hat Babette Babenham vom Magazin Nexus New York per E-Mail geführt. |
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Wie sehen typische Sprachprobleme aus?In den einschlägigen Geschichtensammlungen und Diskussionsboards gibt es massenhaft Geschichten – mehr schlechte als gute, mehr nichts sagende als geile, geschrieben in sauberer Sprache oder in einem Kauderwelsch. Viele der dort vertretenen Autoren stehen mit der deutschen Sprache auf absolutem Kriegsfuß und ihre Texte strotzen nur so von gröbsten Verstößen gegen die deutsche Sprache. Oder ist das in Wirklichkeit eine andere Sprache, die nur dem Deutschen sehr ähnlich ist? Keiner weiß so recht, was uns so manche Verfasser mit ihrer abenteuerlichen Rechtschreibung sagen wollen. Viele der Autoren haben wirklich geile Texte, aber ewig schade, wenn die praktische Umsetzung so schlecht wie die sprachliche ausfällt. Dann wird sich die durch die Ignoranz der einfachsten Sprachregeln verursachte Verschlammung der Sprache wohl auch als Versumpfung beim realen Sex manifestieren. Rechtschreibung und Sprache sind nicht immer die Stärke von Hobbyautoren. Noch schlimmer als das, sind dann oft nur mehr der Aufbau und die Ausführung der Geschichte. Wieso sollte ein Autor seine Werke im Netz verlegen?Pro Jahr gibt es alleine im deutschsprachigen Raum etwa 100.000 Neuerscheinungen und Neuauflagen von Büchern, also pro Tag etwa 350 Neuausgaben. Von all den Neuerscheinungen stammen aber nur 1000 (also1 %) von neuen Autoren. In einer Woche erscheint heute weit mehr an Texten, als im ganzen Altertum geschrieben wurde, sowohl was Quantität, als auch was Qualität betrifft. Verlage müssen bei den enormen Kosten, die ein Buch verursacht, genau kalkulieren und da ist eben der wirtschaftliche Erfolg unumgänglich. Unsere Homepage fördert moderne, deutschsprachige, erotische Gegenwartliteratur. Die Kosten für die Herausgabe werden vom Verlag getragen. Lässt sich vielleicht ein neuer Stephen King entdecken?Stephen King kommt mit einem Wortschatz von weniger als 1000 Wörtern aus, seine Themen und Plots wiederholen sich immer wieder und enthalten Nacherzählungen ganzer Passagen von klassischer Geschichten (von Tolkien, Poe, etc.). Trotzdem oder gerade deshalb verkauft King jährlich Millionen von Büchern. Natürlich könnte auch ein Stephen King unter unseren Autoren sein und den muss der Leser suchen. Sind die Texte im Archiv gegen Eingriffe geschützt?Der Text im Archiv selber ist schreibgeschützt. Man kann nur lesen. Jeder Text im Projekt Literotik ist per Mausklick auf den eigenen Rechner zu holen und kann dann ausgedruckt werden. Ich warne aber davor, das ganze Projekt Literotik auszudrucken. Die Menge der Dokumente würde ausgedruckt 100.000 Seiten entsprechen, das sind 100 kg Papier und die Drucckosten würden etwa 4000 Euro betragen, wenn der Drucker nicht vorher den Geist aufgibt. Wer ist der ideale Nutzer des Archivs?Das sind für mich die Leute, die auch heute noch erotische Literatur lesen wollen. Das Projekt Literotik enthält längst nicht so viele Bilder wie andere Websites, und wir legen Wert auf eine möglichst einheitliche Gestaltung der Texte im Archiv. Wir wollen Menschen zum Lesen anregen, sie sollen in den Texten stöbern, und wir wollen sie auf die Idee bringen, die eine oder andere Geschichte auch selbst zu schreiben. Wird es einen ständigen Wechsel der Inhalte im Netz geben?Ganz sicher wird es einen ständigen Wechsel der Inhalte im Netz geben, denn Informationen könnten nicht dauerhaft im Netz am selben Platz verfügbar gemacht werden. Sites kommen und gehen. Und daher sehe ich die Literatursammlung des Projekts Literotik wirklich bewusst als lebendiges und weit gefächertes Archiv. Wenn uns ein älterer Text vorliegt, dann wird er an die heutige Schreibweise angepasst. Wir transferieren das Abbild eines Buches aus einer bestimmten Epoche in unsere Zeit. Offensichtliche Druckfehler werden ebenfalls korrigiert. Wie ist die Struktur der Bibliothek?Ich unterscheide nicht genau zwischen einem Text, Geschichte und einem Buch, weil z.B. zehn Kurzgeschichten manchmal schon ein Buch sind, hingegen gibt es Fragmente, die schlecht zusammenzufassen sind. Für mich ist ein Dokument eine verlegerische Einheit. Die Grenze der Bibliothek wird dann erreicht sein, wenn alle deutschsprachigen, erotischen Texte, die es auf der Welt gibt, in der Bibliothek zusammengetragen sind. Müssen Autoren Ihrer Bibliothek 70 Jahre tot sein?Generell gilt für alle Autoren der Urheberrechtsschutz bis 70 Jahre nach dem Tod. Für die fremdsprachigen Autoren gilt zusätzlich das Todesdatum des Übersetzers, und da man das oft nicht kennt, ist das ist ein Problem. Zum Glück gibt es aber genügend junge Autoren, die ihre erotischen Werke zur Verfügung stellen und so können wir sie im Verlag veröffentlichen. Außerdem nehmen wir auch alle einschlägigen Texte auf, derer wir im Internet legal habhaft werden können. Nicht immer lässt sich bei diesen Texten die Autorenschaft eindeutig klären, da die Copyrightvermerke nicht immer mit dem Text weitergereicht werden, wenn der Text durchs Netz schwirrt. Sollte einer der Autoren die Veröffentlichung durch unseren Verlag nicht wollen, dann genügt ein e-Mail und der Text wird zurückgezogen und wartet in einem speziellen Teil des Archivs die 70 Jahre nach seinem Tod ab, um dann wieder veröffentlicht zu werden. Herr Helpfau wer sind ihre Autoren?Wir haben verschiedenste Autorengruppen. Da sind einmal die arrivierten Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts, die als Klassiker in unserem Verlagsprogramm sind. Die Klassiker der erotischen Literatur in unserem Programm sind alle seit mehr als 70 Jahren tot. Dann gibt es ein große Anzahl von Autoren, die ganz allgemein ihre Arbeiten im Internet veröffentlichen. Und last not least unsere Hausautoren, allen voran Gregor Immanuel Grimm. Steht uns ein Verkümmerung des Epischen, des Erzählens bevor?Dass uns ein Verkümmerung des Epischen, des Erzählens bevorsteht, weil wir für längere Texte keine Geduld, keine Konzentration mehr besitzen, ist nicht der Fall. Mir gefällt es auch überhaupt nicht, dass im Fernsehen, im Radio die Nachrichten und Beiträge werden kürzer werden. Ich wünschte mir, man könnte noch länger zuhören, ich wünschte mir, man könnte noch längere Erzählungen machen und würde nicht alles in zwei Sätzen abhandeln wollen. Auf der anderen Seite gibt es bei den Büchern einen riesigen Markt für Romane. Kurzgeschichten und Erzählungen werden im Buchhandel kaum angeboten. Gibt es einen Unterschied zwischen Literatur im Web und Web-Literatur?DIE ZEIT hat vor einigen Jahren einen ziemlich verunglückten Literaturwettbewerb veranstaltet. Trotzdem oder gerade deshalb blieb das traditionelle Feuilleton höchst skeptisch gegenüber Web-Literatur. Die Chancen für eine neue Literaturgattung sind dennoch gut und Web-Literatur gibt es definitiv jetzt schon. Ich habe mir die Ergebnisse des Literaturwettbewerbs der ZEIT angesehen und ich muss sagen, es ist eine neue Form von Literatur, die mit anderen Methoden gar nicht möglich ist. Erkennen kann man aber nur erste Ansätze, da der Jury offensichtlich die Prämierung gründlich misslungen ist. Da führt z.B. eben bei einem Hypertext-Link die Verfolgung eines Links zu einer anderen Geschichte als das sequentielle Lesen eines Textes. Oder man kann sich ja vorstellen, dass Seiten nicht mehr statisch sind, sondern eine Seite plötzlich anfängt zu leben. Eine Idee kann plötzlich eine ganz neue Art von Literatur hervorbringen, und das kriegt man nicht zwischen zwei Buchdeckel. © 1996 Projekt Literotik |
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Das Interview befasst sich vor allem mit der Möglichkeit der Rezeption von Literatur direkt m Netz - ohne den Umweg über das Papier. Das Literaturgespräch mit Helfried Hellpfau hat Babette Babenham vom Magazin Nexus New York per E-Mail geführt. |
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Wie war ihre erste Begegnung mit dem Computer?Es war Liebe auf den ersten Blick. Irgendwann Anfang der 70er passierte es, dass man auf diesen Geräten richtigen Text eingeben konnte. Ich weiß, dass ich meinen ersten Homecomputer - es hieß noch nicht PC - 1982 gekauft habe. Das Gerät musste direkt aus den USA importiert werden und kostete 10.000 Dollar. Meine damalige Geliebte nutzte ihn am Tag in ihrer Allgemeinpraxis und ich schrieb darauf in der Nacht meine Gedichte. Was wissen sie über Ihre Nutzer?Ich weiß, dass die Nutzer sehr weit gestreut sind, weiter gestreut als bei anderen Web-Servern, deren Statistik ich kenne. Wir haben einen überdurchschnittlich hohen Anteil von jungen, männlichen Lesern. Wird das Internet die Menschheit in ein global village bringen?Die Anonymität wird durch das Netz steigen. Definitiv. Das ist Faktum. Der Wunsch nach realer Begegnung ist nicht groß. Wir bekomme täglich bis zu 50 mail-Anfragen, ich kann aber nicht behaupten, dass deswegen mein Bedürfnis, mit der einen oder anderen Person zu sprechen, deutlich anders ist, als wenn ich jemanden auf der Straße treffe. Ich glaube nicht daran, dass man im Internet besser nette Leute treffen kann als auf einer schönen Fete. Wird nicht täglich die Menge an Information im Internet unüberschaubarer?Täglich wächst die Menge an Information im Internet und wird tatsächlich immer unüberschaubarer. Das Selektieren aus der Fülle der Informationen und das Suchen nach bestimmten Informationen im Netz wird immer schwieriger und schwieriger. Zur Zeit herrscht wegen der Flut an neuen Informationen eine große Lücke zwischen dem Angebot und den Chancen, das Gesuchte zu finden. Dazu gehört schon ein geschulter Umgang mit den vorhandenen Werkzeugen. Ich hatte mir schon früh das Ziel gesetzt, die Informationen erreichbar zu machen. So sind z.B. alle Dokumente unseres Archivs unsichtbar mit Markierungen versehen, die den Autorennamen und den Typ des Dokumentes - ob es ein Gedicht, eine Novelle, ein Schwank, eine Erzählung ist - enthalten. Diese Informationen können durch entsprechende Programme selektiert und abrufbar gemacht werden. Eine solche Verbesserung der Leistungen der Suchmaschinen geht eigentlich nur über Klassifizierung, Verschlagwortung, fachliche Einordnung, und das ist wieder eine Aufgabe für die Wissenschaftler, die daran arbeiten. Wenn ich qualifizierte Informationen brauche, dann setze ich mich heute nicht mehr ans Telefon oder blättere in Katalogen und Verzeichnissen, sondern schaue mir schnell das Angebot im Netz an. Es geht einfach schneller, per Mausklick. Hat das Buch Überlebenschancen?In den nächsten hundert Jahren definitiv ja, dann wird das Buch wahrscheinlich nicht mehr aus Holz produziert. Ich kann mir gut vorstellen, dass dann die Qualität des elektronischen Buches überzeugen wird und auch für bed, bath, beach und bus tauglich sein wird. Es wird zukünftig nicht größer sein als ein Taschenbuch, und ich würde es sofort benutzen, wenn der Bildschirm hochauflösend und die Schrift schwarz auf weiß ist. In meinen Augen spricht nichts dagegen, weil es dann schlicht mehr Möglichkeiten gibt. Lesen sie im online im Netz?Inzwischen lese ich im Netz alles und ohne zeitliche Limitierung. Lesen im Netz bedeutet für mich die Umstellung meiner Lesegewohnheiten, vor allem in Hinblick auf die Möglichkeit von Kommunikation und Interaktion. Das Buch stellt für mich einen schützenden Bereich zur Verfügung, in dem ich entspannt meine literarische Interaktivität entfalten kann. Das Netz stellt für eine zwar virtuelle, aber weit mehr kommunikative Situation dar. Ich schließe mich hierbei der Position an, dass es erst die Netzkommunikation erlaubt, Kommunikationssituationen von Phantasien zu unterstützen. Das Reizvolle am Umgang mit Netztexten besteht in der Thematisierung der literarischen Interaktivität Unterstützung, die ich benötige, um literarische Interaktionen aufrecht erhalten zu können. Die Dissonanz zwischen Buch- und Netzlektüre liefert ein interessantes Potential für Literaten. Der Unterschied besteht im linearen offline lesen eines Buches und dem online lesen von verlinkten Texten. Im Netz erscheinen in rascher Folge Texte, präsentiert durch Diskussionsforen, e-Mail, Chats und Fortsetzungsgeschichten. Kommunikation wird im Netz als Handlung und als Interaktion spürbar, dabei bewegt man sich in einem ständigen Fluss an Information. Ein Buch dagegen ist ohne jede Dynamik, weil es wie das Fernsehen keiner unmittelbaren Reaktion fähig ist. Im Netz ist der Kommunikationspartner der sich laufend erneuernde Text, den ich lese, gleichgültig, wer oder was ihn mir verfügbar gemacht hat. Der Lesevorgang entwickelt sich im Netz zur interaktiven Form der Kommunikation. Überhaupt entstehen ganz andere Lesegewohnheiten, ein anderer Leseduktus. Die Textportion "Seite" schwindet, denn der Text wird gescrollt oder es wird über Links zu einer anderen Texteinheit verzweigt. Auch das Gefühl für die Textlänge ist ein anderes, man schaut wo der Scroll-Balken ist, natürlich nur, wenn der Text im Netz in einem Stück daherkommt. Die Art des Mediums, über das ein Text präsentiert wird, ist auch bestimmend für die Art der Verarbeitung des Gelesenen. Für mich sind Texte im Netz von Texten in herkömmlichen Büchern so unterschiedlich wie Tag und Nacht, auch bei identen Inhalten. Ich lese und verarbeite Text im Internet anders und komme daher auch auf andere Interpretationen. Ist das Internet ein Medium für schöngeistige Literatur?Das Internet ist weder ein spezielles Medium für schöngeistige Literatur noch für sachliche Informationen. Es bietet ganz einfach eine Reihe von neuen Möglichkeiten. Wir haben z.B. im Projekt Literotik die Möglichkeit, Literatur für den Benutzer - entweder durch den Benutzer oder durch uns gesteuert - in einer anderen Form anzubieten. Alle Texte aus dem Projekt Literotik sind typographisch so aufbereitet, dass man mit einem Sprachausgabesystem, vorlesen lassen kann. In unseren Ohren klingt diese Sprachausgabe noch fremd, aber jeder Blinde, den man fragt, ob es nicht schrecklich klinge, meint es sei so schön, sich jetzt erotische Literatur vorlesen lassen zu können. Aber auch für den Normalverbraucher von erotischer Literatur gilt: beim Vorlesen kann man die Augen schließen und hat beide Hände frei... Die Texte des Projekt Literotik können aber auch problemlos in Großschrift für Sehbehinderte gesetzt werden. Und eine weitere Möglichkeit ist, dass das gesamte Archiv des Projekts Literotik in eine Version übergeführt werden kann, die blinde Leser mit einer Braillezeile lesen können. Das sind alles natürlich Möglichkeiten, die ein Verlag mit den jetzigen Methoden des Buchdruckes nur mit großem finanziellen Aufwand realisieren kann, während das bei uns per Knopfdruck erreicht wird. Wenn sie auf eine einsame Insel drei Homepages mitnehmen könnten, welche wären das?Diese Entscheidung ist für mich einfach: Spiegel-Online für die Kommentierung dieser Welt aus konservativ deutscher Sicht, www.gutenberg.aol.de für klassische deutsche Literatur und Standard-Online als links gerichtete Tageszeitung. Babette Babenham im Interview mit Helfried Hellpfau. © 2000 Projekt Literotik |
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