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Hat sich durch Internet Ihre Haltung zur Literatur verändert?

Laden Sie selbst Literarisches aus dem Internet zur Lektüre auf Ihre Festplatte oder greifen Sie lieber zum Buch?

Meine Haltung zum Buch hat sich mit dem Internet total verändert. Durch das Internet habe ich Literatur wieder mehr schätzen gelernt. Wenn man weiß, wie anstrengend es ist, bestimmte Texte in Buchhandlungen, Bibliotheken oder Antiquariaten zu finden oder sich durch den Zettelwust selbstgeschriebener Entwürfe zu wühlen, dann sind zwei Stunden im Internet eine wahre Erholung. Immer wieder lade ich mir komplette Texte aus dem Internet auf die Festplatte. Am Bildschirm lese und arbeite ich gern. Außerdem hat mich das Stöbern in der Internet-Literaturszene motiviert, auch privat wieder mehr zu lesen, auch Bücher.

Wie steht's mit den Urheberrechten im Netz?

Jemand der das, was er als "sein Werk" bezeichnet, mit der deutlichen Aufforderung, das Urheberrecht zu beachten, im Netz veröffentlicht, darf sich nicht wundern, wenn das Werk ihm irgendwann als guter alter Bekannter - aber eben nur noch als Bekannter entgegenkommt, an dem andere mehr oder weniger schwerwiegende Veränderungen vorgenommen wurde. Dabei werden Texte wild kopiert, verändert, zusammengefügt und zersetzt. Hier darf, wer will, Autor sein ohne Beschränkung, allerdings auch ohne Bezahlung. Viele Journalisten verfahren heute nur noch so: Sie holen sich komplette Texte aus dem Netz, die sie dann für ihr Medium aufbereiten.

Stirbt der Autor als Person aus?

Der Autor ist, trotz seiner juristischen Unfassbarkeit und trotz der hohen Geschwindigkeit, mit der im Cut-Paste-Send-System Texte erstellt und verteilt werden, immer noch präsent. Denn es darf nicht vergessen werden, dass diese Texte sich keineswegs von selbst generieren, sondern dass es lebendigen Akteuren "erdachte und geschriebene Texte" sind.

Frau Lengau wie steht's mit dem Leseschreiber?

Innerhalb komplexerer Netzstrukturen entscheidet nicht mehr der eine und einzige Autor, welchen Weg der Leser zu gehen hat. Von jedem Punkt aus gibt es mehrere Möglichkeiten, die Erzählung fortzusetzen – einen Schaltplan der Freiheit. Welche Möglichkeit vom Leser gewählt wird, das bleibt dem Leser überlassen. Und weil der Leser sich entscheiden muss, damit die Erzählung überhaupt vorangeht, scheint es, als sei er auf eine Aktivität verpflichtet, die ihm durch die Lektüre von Büchern abgewöhnt worden ist: Hypertext schreit geradezu nach dem aktiven Leser. Aus diesen Gegenstücken - Buchleser sind passiv, Netzleser sind aktiv - reproduziert fühlt man sich im Netz den Zwangsmechanismen der Gutenbergkultur entkommen. Aus lauter Bevormundeten werden nun Text-Aktivisten, die selbstbewusst und für sich selbst bestimmen, wo es entlangzugehen hat. Durch die Überführung linearer Medien in Netzstrukturen dem Leser vermitteln zu können, dass die Zukunft immer offen sei, dass man nicht gezwungen werden könne, sondern entscheidungsfroh seinen eigenen Weg zu gehen habe.

Was sind primäre Aufgaben eines Netz-Autors?

Zur primären Aufgabe eines Autors für Netztexte gehört es, Möglichkeitsräume zur Verfügung zu stellen, in denen sich eben jene Stimmung der selbständigen Entscheidung und die Unbekümmertheit der Freiheit einstellen kann. Wo mehrere Autoren an einem größeren Hypertext arbeiten, verbinden sie einzelne Textbrocken aus verschiedenen Zusammenhängen auf möglichst vielfältige Art und Weise, um den Leser nicht auf einen Übergang, auf eine Textlinie und damit auf einen Autoren festzulegen. Die kollaborative Autorschaft der Netzautoren dient dazu, den Leser zur permanenten Mitarbeit zu bewegen. Deshalb wird der Leser zum "Leseschreiber" gemacht.

Hypertext als Schnittstelle zwischen Autor und Leser?

Der Autor ist befreit vom Zwang, seine komplizierten Gedanken in Linien pressen zu müssen; er ist befreit davon, isoliert von allen anderen schreibenden Menschen arbeiten zu müssen; die Leser müssen sich nicht länger der einen Stimme des einen Autors unterwerfen; sie haben ein Mitspracherecht, das sie auf der Ebene der Aktivierung, der Verknüpfung und der Ergänzung ausüben dürfen; das Machtgefälle zwischen Autor und Leser ist ein für allemal aufgelöst: Im Reich der Netzkultur gibt es nur noch Schreibleser.

Warum werden immer mehr Leser zu Autoren?

Unter dem Druck und Eindruck der neueren Medien lässt sich mit Recht die Hypothese aufstellen, dass praktisch jeder Lesende auch in der Lage ist, sich in einen Schreiber zu verwandeln. Das ist heute durch die weltweite Vernetzung der Computer mehr als nur eine bloße Möglichkeit. Im digitalen Medium sind Schreib- und Lesefunktionen so weit integriert, dass zu ihrer Anwendung kein Wechsel von Technologie oder Rolle mehr erforderlich ist.

Wie sehen Grenzen im Internet aus?

In den meisten Hypertexten sind Autorenfunktionen und Leserfunktionen strikt voneinander getrennt. Der Leser muss sich damit begnügen, bestehende Links zu aktivieren und Stück für Stück als "aktiver Leser" den Text zusammenzupuzzeln. Im Internet stößt man dabei immer wieder auf Beschränkungen. Dokumente können nicht aufgerufen werden, zu Diskussionsforen wird man nicht weitergeschaltet, auf Mailinglisten kann man sich nicht einschreiben, eigene Texte dürfen nicht abgelegt und bestehende Texte nicht verändert werden. Unter Schutz gestellt wird damit zum einen die Qualität des Textes auch die Qualität der Verknüpfungen.

Machen Hypertexte frei vom linearen lesen?

Das ja, allerdings ist diese Freiheit nur eine oberflächliche, denn sie ist nichts anderes als ein Designeffekt, der auf der Bildschirmoberfläche der Computer entsteht. Während man sich im Flimmern des Monitors den Träumen vom Elysium der Textproduktion und -rezeption hingeben kann, wird man vom Programm selbst an der von Fall zu Fall etwas kürzeren oder längeren Leine gehalten.

Das lineare Lesen in Reinkultur hat es auch früher nicht gegeben: Unzialen und Buchbilder standen am Anfang der typografischen Gestaltung von Texten. Später sind diese dann nach und nach weggefallen und Mittel wie Einzug, Fettschrift, Kleingedrucktes, Kursives und manchmal auch Farbiges waren umstrittene Mittel, um den Text in sich zu gliedern. Der nichtlineare Einstieg wurde durch Inhaltsverzeichnisse, Fußnoten, Querverweise und Stichwortverzeichnisse unterstützt. Natürlich geht die Verzweigung nicht auf Knopfdruck, sondern mit Blättern. Na und heute gibt es die Mittel des Hypertextes.

Wie steht's mit den Computeranalphabeten?

Der Computeranalphabet ist ein prinzipiell alphabetisierter Menschen, der zwar Bücher lesen und vielleicht sogar schreiben Bücher kann, aber eben nicht den Computer in seiner Anwendung durchschaut.

Den Computeranalphabeten gibt’s sicher nicht mehr lange, das ist ein Problem, das die Biologie in kurzer Zeit gelöst hat. Das ist aber bei jeder Massentechnologie das gleiche, ein bis zwei Generationen und die Technologie ist Teil des Alltags und es gibt kaum mehr Diskussionen oder Abwehrhaltungen.

Was ist heute das Schreibzeug der Autoren?

Bei jungen Autoren ist das Schreibzeug der Computer. Ältere Autoren schreiben ihre Manuskripte immer noch mit der Hand. Es soll aber auch noch immer Autoren geben, die mit der Schreibmaschine schreiben.

Jeder mittelalterliche Mönch, nicht nur wenn er im Scriptorium gearbeitet hat, kannte sein Schreibzeug genau und wusste mit ihm umzugehen. Er wusste wie man Pergament durch die komplizierten Vorgänge des Glättens und das Linieren schreibfertig macht, wie man aus Schlehenrinde Tinte herstellt, wie man mit dem Federmesser Gänsekiele anspitzt und welchen Streusand man zum Trocknen der Tintenschrift verwendet. Außerdem war er mit der Herstellung der Unzialen und der Schreibweise der Minuskeln bestens vertraut.

Heute besteht das Schreibzeug eines Autors aus einem Textsystem, der Dateiverwaltung und detaillierten Kenntnissen über Hypertext und Net-Browser. Komplizierter ist heute die Beherrschung des Schreibzeugs sicher nicht geworden, aber man muss sich eben dafür interessieren und es sich erklären lassen. Trotzdem gibt’s heute bei den Kenntnissen einen augenfälligen Mangel, der an Peinlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Haben denn Autoren Bretter vorm Kopf?

Manche Autoren sollten sich ganz einfach die Holzbretter vorm Kopf wegreißen und sich vom hellen Licht des Monitors erleuchten lassen. Den Computer als Werkzeug zu benutzen ist mehr als der Ersatz von Zettel und Bleistift. Genau so wie es ein Riesenschritt war die Keilschrift von Ton auf Papyrus zu transferieren.

Interessanterweise ist die Antwort oft, fast wortwörtlich, dieselbe: Ach, nein, vom Computer als Schreibzeug hielte man nichts; man wollte sich nicht einengen lassen durch irgendwelche Regeln und Techniken.

Jeder wäre entsetz, würde er nach Therapien den 19. Jahrhunderts behandelt, wenn er richtig krank ist. Würdest Keiner würde sich von einem Chirurgen operieren, der zwar Talent, aber keine richtige medizinische Ausbildung hat.

Wie steht's mit der Schere in ihrem Kopf ?

Alle Anbieter gehen davon aus, dass es bei der Aufnahme der Inhalte in eine Website genügt, die Gesetze des Landes einzuhalten, in dem sich der Sitz des Unternehmens befindet, da sich niemals garantieren lässt, die Gesetze eines jeden Landes beachten zu können, von dem aus die Website zugänglich ist. Ich habe keine Ahnung, wie erotischer Geschichten in deutscher Sprache im Iran, in Saudi Arabien oder in der inneren Mongolei rechtlich betrachtet werden. Und so was möchte ich auch nicht berücksichtigen müssen: keine Schere im Kopf.

Das Internet ist ein Stück neue Freiheit und wohl dazu da, um zu kommunizieren, Meinungen zu verbreiten, Ideen mitzuteilen und vom Feedback zu profitieren. Auch über die Grenzen von Länden, Kulturen, Lebensregeln und Generationen hinweg.

Wie steht's mit Bestsellern der Autoren im Internet?

Unter den gegebenen Produktions- und Distributionsbedingungen im Internet wird sich eine Klasse von Autoren herausbilden, die als Stars von ihrem eigenen Namen leben. Die Verlage werden die Texte dieser Autoren in digitaler Form anbieten. Neuerscheinungen wird man vielleicht als eine Art Fortsetzungsroman, im Analogie zu den beliebten Zeitungsromanen um 1900, abrufen können. Für jede Lektürestrecke wird einzeln bezahlt, Inhaltsangaben und Zusammenfassungen sind als Werbung kostenlos. Sicher wird man Videosequenzen einspielen, in denen Teile des Textes nachgespielt oder vorgelesen werden.

Werden sei von den Großen nicht unterdrückt?

Um neben den großen Verlagen zu bestehen, muss man sich etwas Neues einfallen lassen. Nur durch das Internet kann eine gewisse Chancengleichheit zwischen Groß und Klein hergestellt werden, sonst liegt die Lebensdauer knapp unter der von Zierfischen.

Die meisten literarisch interessierten kennen Branchenriesen wie Bertelsmann oder Gralshüter der Hochkultur wie Suhrkamp und Fischer. Im Gegensatz zu diesen Buchfabriken kann sich nur ein kleiner Verlag, so wie der unsere, wirklich an den Autor anpassen. Unser Programm enthält neben avantgardistischer Lyrik und leichter Unterhaltung von unbekannten Autoren auch immer wieder größere Namen der Weltliteratur.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Goliaths der Verlagsbranche eigene Entwicklungsabteilungen gebildet haben und damit das Internet erobern werden. Das Umdenken geht aber nicht von heute auf morgen und bis dahin können von uns Erfahrungen gesammelt werden, außerdem können wir immer noch individueller und zielsicherer für unsere Leser produzieren. Das Internet hat im Marketing immerhin eine gewisse Chancengleichheit hergestellt.

Wird man in Zukunft von seiner Schriftstellerei leben können?

Auch können die wenigsten Autor von ihrer Schriftstellerei leben. Die Funktion Autorschaft und ihre gesetzliche, ungesetzliche und gegengesetzliche Einbindung unter den digitalen Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen muss mit großer Geschwindigkeit immer weiter ausdifferenzieren werden. Immer mehr Abstufungen von Zugriffsmöglichkeiten und immer neue Abstufungen von Zahlungsansprüchen müssen berücksichtigt werden. Die Funktion der Autorschaft wird sich aber auch besser kontrollieren, verwalten und berechnen lassen, als das bislang unter den Bedingungen der Buchkultur möglich war. Was immer auch ein Autor schreibt und was immer auch mit welchem Grad von Aktivität konsumiert wird, es wird sich berechnen lassen und bezahlt werden können. Durch diese Ausdifferenzierung wird es sicher immer schwerer werden, Autorschaft genau zu definieren.

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