Josefine "Pepi" Mutzenbacher wächst in einer Mietskaserne im Wiener Stadtteil Ottakring auf, bei ihren Eltern, mit zwei Brüdern und wechselnden Untermietern. Als sie fünf ist, nimmt sie einer dieser Untermieter, ein traurig blickender, verrußter Schlossergeselle, auf den Schoß, legt sie zurück, hebt ihren Rock hoch und betrachtet finster und stumm ihr nacktes Mittelstück. Solange er bei ihnen wohnt, wiederholt er dieses Ritual, ohne dass sie den Sinn versteht. Im nachhinein nennt sie ihn ihren ersten Geliebten.

Zwei Jahre später werden sie und ihr Bruder Franz von den älteren Nachbarskindern Anna und Ferdl beim Vater-Mutter-Rollenspiel aufgeklärt. Sie nehmen an sich sexuelle Handlungen vor, die Josefine nicht nur gefallen, sondern auch neugierig machen. Der dreizehnjährige Ferdl beeindruckt seine Spielkameraden mit der Behauptung, er habe bereits mit der Nachbarin Frau Rheintaler geschlafen. Als Lorenz, der älteste Bruder von Josefine und Franz, von den Spielen erfährt, reagiert er empört und behauptet, sie würden sündigen. Josefine und Franz können das in ihrer Unschuld nicht glauben, denn dann wären, wie sie meinen, auch ihre Eltern Sünder.

Als Anna und Ferdl Besuch von ihren Verwandten Mizzi und Poldl bekommen, werden die Neuzugänge gleich in die Spiele einbezogen. Mizzi ist mit ihren dreizehn Jahren bereits gut entwickelt und keine Jungfrau mehr. Josefine und Anna dürfen zusehen, wie sie von den Buben reihum beschlafen wird. Am liebsten würden sie es ihr gleich nachmachen, aber die Buben lehnen ab. Sie seien noch zu klein. Einmal in diesem Sommer bringen Mizzi und Poldl den fünfzehnjährigen Robert mit, der die drei Mädchen gleichzeitig befriedigt. Die drei anderen Buben gesellen sich hinzu, bis sie zu siebt beschäftigt sind. Poldl klärt die Spielgefährten über die Gefahr der Schwangerschaft und über Verhütung auf und bringt ihnen das ‘Mundvögeln’ bei. In Josefines Vorstellung kommt das dem ersehnten Geschlechtsverkehr bereits sehr nahe. Roberts Kenntnisse stammen daher, dass er seit zwei Jahren seine Stiefmutter, deren Mann gelähmt ist, beschlafen muss.

Als Anna und Ferdl wegziehen, haben Josefine und Franz kein stilles Plätzchen mehr. Josefine belauscht nun nachts die Eltern. Nach einer Weile begreift sie, dass sie ihre Spiele doch weitertreiben kann, nachts mit Franz.

Der neue, etwa fünfzig Jahre alte Untermieter Herr Eckhardt nimmt Josefine eines Tages, als die beiden allein sind, zu sich. Reibend befriedigt er sich an ihr. Gerne würde er mit ihr schlafen, aber er hält sie für zu jung. Josefine aber zeigt ihm, wie er mit ihr schlafen kann, ohne in sie einzudringen. Sie legt sich bäuchlings auf den Fußboden und schiebt seinen Penis zwischen ihre Oberschenkel. Zum ersten Mal hat sie Sex mit einem Erwachsenen und ist mächtig stolz darauf.

Nun schaut sie sich auf der Straße fremden Männern um. Ein Soldat bemerkt sie, lockt sie hinter ein Gebüsch und will mit ihr schlafen, müht sich jedoch vergebens an ihren kindlichen Proportionen ab und muss sich auf andere Weise an ihr befriedigen. Ein siebenjähriger Junge, der sie beobachtet hat, erpresst nun Josefine. Sie ist zunächst empört, aber lässt ihn dann doch gewähren. Endlich wird ihr sehnlichster Wunsch, die Entjungferung, erfüllt. Sie fühlt sich nun erwachsen.

Josefine beobachtet Frau Rheintaler, denn sie hofft, sie mit Franz verkuppeln zu können, damit der auch endlich Sex mit einem Erwachsenen hat. Aus einem Versteck heraus sieht sie, wie Frau Rheintaler es im Keller mit dem Bierversilberer Horak treibt. Als sie den Hausmeister kommen hört, warnt sie das Liebespaar, verrät sich aber damit natürlich auch selbst. Peinlich berührt fragt das Liebespaar Josefine, was sie weiß. Als Josefine ihnen mit ihrer Schilderung beweist, wie aufgeklärt und neugierig sie ist, integrieren sie das Kind in ihr Liebesspiel. Aufgrund ihrer kindlichen Proportionen penetriert Horak sie anal. Anfangs missfällt ihr dies wegen der Schmerzen und aus hygienischen Gründen, dann jedoch empfindet sie Lustgefühle. Herr Horak schmeichelt ihr, indem er ihr zu verstehen gibt, dass sie ihm lieber als Frau Rheintaler ist und er sie nun jeden Tag im Keller pudern möchte. Er nennt sie seine kleine Hure. Da Horak sein Versprechen zunächst nicht hält, sieht sich Josefine nach anderen Männern um. Sie schläft mit verschiedenen Buben aus der Nachbarschaft, die wiederum mit anderen Mädchen und Frauen pudern, was Josefine aber akzeptiert.

Josefine gelingt es, den gehemmten Herrn Eckhardt zu verführen, indem sie ihm vorlügt, sie triebe es mit Horak und anderen Männern. Zum ersten Mal schläft sie mit einem erwachsenen Mann. Der gebärdet sich wie ein wildes Tier, so dass sie noch am nächsten Tag Schmerzen hat. Tage später verführt Eckhardt Josefines sexuell frustrierte Mutter, die von Herrn Eckhardts Potenz und Einfühlungsvermögen so angetan ist, dass sie ihre Skrupel überwindet und eine Liaison mit dem Bettgeher beginnt. Josefine beobachtet und schweigt, lässt Herrn Eckhardt danach jedoch nicht mehr in ihre Nähe.

Im darauf folgenden Jahr schläft sie abwechselnd mit Alois, Horak, Schani und Franz, der noch immer von Frau Rheintaler träumt. Josefine vermittelt ihm eine erotische Begegnung mit ihr. Zwar hat der unerfahrene Franz dabei Probleme mit dem den richtigen Zeitpunkten und seinen Händen, da er aber ein viel versprechend Bub ist, nimmt sich Frau Rheintaler seiner an.

Mit dreizehn Jahren hat Josefine bereits zwei Dutzend Männer gehabt. Als nun die Mutter plötzlich stirbt, gibt Lorenz ihr und Franz die Schuld. Sie glaubt ihm und nimmt sich vor, fortan abstinent zu leben.

Zwei Monate später wird sie wie alle ihre Mitschülerinnen zur Beichte geschickt. Der Kooperator erfragt alle Details ihrer Sünden und bestellt sie anschließend zu sich ins Pfarrhaus zu deren Demonstration. Nachdem die beiden eine Reihe von sexuellen Handlungen vollzogen haben und sie miteinander gepudert haben, leckt er sie, um sie, wie er erklärt, von den Sünden zu reinigen. Josefine erfährt, dass der Kooperator fast alle ihre Mitschülerinnen in dieser Weise reinigt. Ungefähr zweimal monatlich geht sie nun zum Kooperator. Nach einem erotischen Erlebnis mit ihrer Mitschülerin Melanie und deren Liebhaber Leopold bemerkt sie, dass der Katechet in der Schule sie mit anderen Augen anblickt. Sie beobachtet, wie er Melanie hinter dem Pult auf dem Podest an intimen Stellen berührt und gleichzeitig den anderen Schülern diktiert. Er fickt mit Melanie bereits regelmäßig seit einem Jahr. Nun zitiert er auch Josefine zu sich und berührt sie. Schließlich bringt ihn ein achtjähriges Mädchen zu Fall, als es arglos seine Erlebnisse ausplaudert. Die Kinder werden verhört, auch Josefine, die alles zugibt und dabei die Naive spielt. Der Katechet wird schwer bestraft.

Der Vater will nun besser auf Josephine aufpassen und sie muss ab nun, da immer verschiedene Bettgeher in der kleinen Vorstadtwohnung leben, bei ihm schlafen. Erst berührt er sie wie unabsichtlich, dann kommt es zum Inzest. Der Bettgeher Rudolf, ein 36jähriger Kaffeehauskellner, beobachtet die beiden jedoch und erpresst Josefine, ebenfalls mit ihm zu schlafen. Sie hasst ihn, kann aber nicht leugnen, dass sie Lust empfindet. Rudolf richtet es so ein, dass er den Vater und Josefine in flagranti überrascht. Nun erpresst er ach den Vater, kann nun mietfrei wohnen und offen Josefine ficken, weshalb der Vater sie als Hure beschimpft. Rudolf holt seine 15jährige Freundin Zenzi in die Wohnung, die als Straßendirne für ihn anschaffen geht. Sie bringt regelmäßig Kunden mit in die nun gemeinsame Wohnung, bis der Hausbesitzer das verbietet und Zenzi in ein Hotel ausweichen muss. Rudolf gibt seine Arbeit auf, lebt von Zenzis Geld und feiert Trinkgelage mit Josefines Vater, der dadurch seine Arbeit verliert. Anfangs borgt Rudolf ihm Geld, dann schlägt er ihm vor, Josefine als Freudenmädchen arbeiten zu lassen, damit er das Geld zurückzahlen können. Den Vater plagen vorerst Skrupel, bis Rudolf ihn überzeugt, dass es nur vorübergehend sei.

Zenzi nimmt Josefine mit in die Innere Stadt, zum Graben und den Stephansplatz, in die Kärntnerstraße und die Dorotheengasse und gibt ihr Ratschläge. Josephines erster Kunde ist ein nobel gekleideter Mann, den sie auf dem Treppenabsatz mit der Hand befriedigt. Ihr nächster Kunde ist ein barscher Greis, der sich und ihr beweisen muss, dass er in seinem Alter noch potent ist. Dabei übertreibt er jedoch und bleibt anschließend wie tot liegen. Ihr dritter Kunde ist ein Masochist, den sie zusammen mit Zenzi züchtigen muss. Verwundert nimmt sie zur Kenntnis, dass ihn das befriedigt und sie nicht pimpern will.

Danach steht Josefine Modell für den Fotografen Capuzzi, der aus ihr, seiner Frau und dem jungen Gehilfen Albert lebende Aktgruppen baut. Capuzzi ist jedoch so eifersüchtig, dass seine Frau die Lust, die sie darzustellen hat, nur mimen darf. Sie leidet darunter und löst sich nur widerwillig von Albert. Als Albert sich nicht mehr beherrschen kann und es vor der Kamera mit der Ehefrau treibt, wirft ihn der Fotograf hinaus. Die vier anderen müssen sich abreagieren. Josefine fickt mit Albert, Capuzzi mit seiner Frau, die dabei an Albert denken dürfte. Josefine erzählt Zenzi von ihrem denkwürdigen Erlebnis, was beide derart erregt, dass Zenzi kurzerhand mit Karl, dem Enkel der Wirtin, schläft und ihm einen Gulden schenkt.

Zenzi liebt Karl, nicht Rudolf, wie Josefine dachte. Rudolf war der Freund von Zenzis verstorbener Mutter und sollte sich um sie kümmern. Er machte sie mit Drohungen zu seiner Geliebten, was ihr dann auch gefiel, denn sie fühlte sich geborgen und erwachsen. Rudolf erlaubte ihr, mit anderen Männern zu schlafen, aber nur gegen Geld.

Zenzis erster Kunde war der Kaufmann an der Ecke, der ihre intimen Körperteile anschaute und sich dabei selbst befriedigte. Das Geld lieferte sie bei Rudolf ab, der fortan umsonst bei dem Kaufmann einkaufen konnte. Danach hat sie sich dem Lehrer angeboten.

Zenzi rät Josefine, nicht ihr ganzes Geld abzugeben, sondern etwas zurückzulegen, für sich und für schlechte Zeiten. Daran hält sich Josefine ein Leben lang.

Die Memoiren, die aus einer Rückschau von dreißig Jahren erzählt werden, enden in Josefines philosophischer Erkenntnis, dass es müßig sei, auf die ungefähr dreiunddreißigtausend Männer, die sie im Laufe der Jahre gehabt habe, einzeln einzugehen, denn die Liebe sei im ganzen doch unsinnig.

     
   
   
   
Einleitung
Originaltexte
 
   
     

Einleitung

 

Die Geschichte der Josefine Mutzenbacher erschien zum ersten Male im Jahre 1906 als Privatdruck in einer einmaligen Auflage von 1000 Exemplaren. Obwohl Josefine Mutzenbacher wirklich gelebt hat, ist es unwahrscheinlich, dass es sich hier um ihre eigenen Aufzeichnungen handelt. Die literarische Qualität nährte vielmehr den Verdacht, der Wiener Schriftsteller Felix Salten sei der Autor. Auch Arthur Schnitzler wurde als Verfasser genannt, und seltsamerweise hat keiner der beiden seine Urheberschaft ausdrücklich abgestritten. Deutlich hebt sich dieses Buch aus der Flut der gängigen Erotica heraus, einmal durch den sozialen Hintergrund und die atmosphärische Dichte des Wienerischen, zum anderen durch das literarische Stilgefühl des Autors, der das Buch über den Voyeurismus hinaus zu einer Parodie auf die pornographische Literatur der Zeit macht.

     
   

Es wäre nun an der Zeit, sich mittels Archivrecherche der verschiedenen in Frage kommenden Nachlässe (Briefe, Tagebücher etc.) auf die Suche nach dem rechtmäßigen Autor der Josefine Mutzenbacher zu machen und so Beweise für die authentische Autorschaft zu liefern.  Auch die Aufarbeitung der verworrenen Editionsgeschichte in den ersten sechzig Jahre seit dem Erscheinen des Buches als Privatdruck steht noch aus.

   

 

Originaltexte

 

... "Magst?" flüsterte er leise. Ich sträubte mich. Zum erstenmal sträubte ich mich und sagte: "Wenn aber wer kommt...?"

Er hob mir langsam die Röcke auf und stellte sich zwischen meine Beine. Sein Gesicht blieb ernst, und ich fühlte, wie er mit seinem Schweif an meinem Loch herumtastete. Ich war so aufgeregt, dass es mir augenblicklich kam, sowie ich nur die erste Berührung seiner warmen Eichel wahrnahm. Meine Geilheit hielt jedoch an. Davon, dass es mir gekommen war, und wohl auch von meiner Aufregung, war meine Spalte ganz feucht geworden. Er blieb immer ernst und ruhig. Mit der einen Hand fasste er meinen Popo, drückte mich gegen sich, so dass ich nur mit dem Rücken an der Mauer lehnte, und im nächsten Moment ächzte ich schwer auf, weil ich einen Aufschrei der Wollust unterdrückt hatte. Mit einem einzigen wunderbar geschickten Stoß war er mir nämlich ganz bis ans Heft in den Leib gefahren. Es war ein fester, sehr kurzer und ziemlich dicker Schweif, und er rührte sich ein paar Sekunden nicht, als er ihn hineingesteckt hatte. Dann führte er kurze Stöße gegen mich, aber ohne dass er seinen Schwanz dabei nur einen Millimeter herauszog. Er blieb wie angegossen drinnen stecken, und ich war halb besinnungslos vor Geilheit. Dann fing er an im Kreise zu bohren, als wollte er mein Loch ausweiten, aber er blieb dabei immer tief drinnen stecken. Das war mir noch nicht geschehen. Ich quietschte leise, weil es mir wieder kam und Alois sagte auf einmal: "Schluss mit Genuss!" Ehe ich Zeit hatte über diesen Ausdruck überrascht zu sein, änderte er seine Stoßweise, zog nämlich seinen Schwanz langsam ganz heraus, fuhr dann langsam wieder ganz hinein, so etwa vier- bis fünfmal, und dann spüre ich ihn spritzen; es war nicht viel, aber doch spritzte er, sein Stachel zuckte heftig, wie er jetzt herein zu mir kam, und ganz gleichzeitig mit ihm kam es auch mir zum letzten Male. Als er fertig war, wischte er sich den Schweif an meinem Hemd ab, sagte: "Du puderst besser als die Klementine..." Da ich nicht wusste, wer die Klementine sei, schwieg ich, aber ich wunderte mich gar nicht, dass so ein feiner Bub vögeln könne, mit wem er will. Bevor er wegging, schlug er mir vor: "Komm morgen Nachmittag zu mir. Meine Eltern fahren fort, da sind wir allein."

Am anderen Nachmittag läutete ich klopfenden Herzens an der Türe der Hausherrenwohnung. Die Köchin öffnete mir: "Ist der Herr Alois da...?" fragte ich schüchtern. Sie lachte: "Ja, der - junge Herr ist da drin..."

Ich wurde in sein Zimmer gewiesen, das sehr groß und wunderschön weiß möbliert war. Mir kam es wie im Paradies vor. Er zeigte mir sein schön lackiertes weißes Bett, das hellblau überzogen war. Dann seinen großen Diwan, der weiß und blau überzogen war und sagte, auf das Bett deutend: "Da schlaf´ ich", und auf den Diwan weisend: "Da schlaft das Kindermädel."

Dann zeigte er mir seine Bilderbücher, seine Soldaten, seine Gewehre und seinen Säbel, und ich hätte nie geahnt, dass es ein Kind so gut haben könne. Mir fiel es gar nicht ein, dass man in so einem herrlichen Zimmer auch solche Dinge machen könne, wie das, was wir gestern im Keller getan hatten...

   

 

   
... Er kam zu mir und stand vor dem Bett. Ich hob ruckweise meine Kleider: "Jetzt siehst du noch nichts?", sagte ich. "Jetzt auch noch nicht?" Nun lagen meine Knie frei. "Jetzt auch noch nicht?" Ich hob wieder ein bisschen und meine nackten Schenkel kamen zum Vorschein. "Jetzt auch noch nicht?" Er schaute mich an, lächelte und rührte sich nicht. "Aber jetzt!" rief ich und deckte mich auf...
   

 

   
... Sie warf sich mit dem Rücken aufs Bett und hob ihre Röcke. "Nein," sagte er, "dreh dich um." Er richtete sie so, dass sie, vor dem Bett stehend, mit dem Kopf auf dem Leintuch sich stützte und ihren Popo in die Höhe streckte. [...] Dann ließ nur ein tiefes Gurgeln hören, und gleich darauf seufzte sie: "Mir kommt's... schon... jetzt..."...
     
   
   
   
Bewertung der Romanvorlage
Gesellschaftlicher Hintergrund
Die Anfänge
Freuds Sexualtheorie
Pepis Lebensqualität
Pepis Entwicklung
Zusammenfassung
 
 
   
     

Bewertung der Romanvorlage

 

Wer sich etwa die Aufgabe stellt, die letzten zwölf Jahre auf der Suche nach entsprechender Sekundärliteratur zur Mutzenbacher zurück zu bibliographieren, wird feststellen müssen, dass nicht einmal eine Handvoll bibliographischer Hinweise zu diesem Roman zu finden sind. Das Auffindbare behandelt in der Überwiegenden Zahl der Fälle journalistische Berichterstattung zum bundesdeutschen Gerichtsurteil über die Mutzenbacher. Das alles ist kennzeichnend für die Haltung einer Literaturwissenschaft, die die Existenz des Obszönen in der Ausformung saftiger Sumpfgewächse der Poesie von ihrem Forschungsfeld mit hartnäckiger Ignoranz verleugnet.

Es ist im Umfeld der bibliographischen Recherche zu diesem Thema kein einziges Werk der deutschsprachigen Literaturgeschichtsschreibung aufzufinden, in dem der Roman zur Jugendgeschichte von Josefine Mutzenbacher auch nur eine kurze Erwähnung fände. man fragt sich warum die Fachwissenschaft eines der wenigen deutschsprachigen Werke der Pornographie verschweigt, das es verdient, einen Rang in der Weltliteratur dieser Textgattung einzunehmen. Die Germanistik ringt offenbar angestrengt darum, als ernstzunehmende Wissenschaft anerkannt zu werden. Nun schickt es sich seit jeher der so genannten seriösen Wissenschaft unliebsame Stoffe, Genres und Einzelwerke aus dem Kanon herauszuhalten und die mühsam erzeugte Seriosität von allen unreinen literarischen Anfechtungen sauber zu halten.

Diese Motivation gilt besonders bei der Objektwahl der forscherlichen Begierde, beim Ausmachen der Gegenstände, mit denen sich die Wissenschaft auseinandersetzen möchte. Folglich wäre eine einleuchtende Strategie des ehrlichen Umgangs mit diesem ungeliebten Genre die Geißelung des Garstigen, Abweichenden, Anarchischen, Obszönen mit markigen Worten, eine zornige Abrechnung mit den Geruch aus den Niederungen der Gebrauchsliteratur. Eine andere, subtilere Strategie ist das Überlesen einschlägig vorbelasteter, erotischer Passagen - eine Methode, die beispielsweise bei der Rezeption von Goethes Faust seit Jahrhunderten mit Bravour Anwendung findet. Jedoch ist die Josefine Mutzenbacher aufgrund ihrer durch und durch sexualierten, provokanten Schreibweise eindeutig zu drastisch geraten, um ihr mithilfe dieses Modus auf den Leib zu rücken. Da bleibe einfach zu wenig davon übrig. Deswegen zieht sich die Germanistik auf die dreisteste und effektivste Methode des Umgangs mit dieser Literatur des Unrats zurück: der Strategie des Verschweigens.

   

 

Gesellschaftlicher Hintergrund

 

Dies ist jedoch nicht die einzige Ursache für das Verschweigen des anonym in Wien als Privatdruck erschienen Romans aus dem Jahre 1906. Ein weiterer gewichtiger Grund, welcher den kollektiven Verdrängungsprozess der Literaturexperten in Gang setzt, liegt darin, dass pornographische Literatur im allgemeinen und die Mutzenbacher im ganz besonderen, als unterstellt wird, dass sie vordergründig der profanen, schlüpfrigen Unterhaltung dient. Die Herabwürdigung des Textes als ausschließliche Gebrauchsliteratur zur Befriedigung niederer Instinkte, wie der onanistischen Triebabfuhr, dient als Rechtfertigung der fehlenden ernsthafteren Auseinandersetzung mit dem Stück exzentrischer Literatur. Wer den Text beim Überfliegen als Unterhaltungspornographie einseitig und vorschnell (ab-)klassifiziert, braucht sich nicht weiter um das Problem einer ernsthaften Auseinandersetzung und Einordnung des Romans in einen genregeschichtlichen Kontext zu kümmern.

Der mutzenbacherschen Schreibweise tatsächlich inhärent ist eine subversive Sicht auf die kleinbürgerliche Gesellschaft der östereich-ungarischen Doppelmonarchie zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese subversive Perspektive lässt sich auf andere europäische Länder anwenden. Die Darstellung geht über herkömmliche Gesellschaftskritik hinaus und der Text gibt Auskunft über die Impulse für eine Veränderung der beschriebenen Zustände. Dieser Text beschreibt partiell einen Gegenentwurf zu den kritisierten Zuständen. 

Eine zumindest aufklärerische Funktion muss in diesem Zusammenhang dem Text Freuds Über die Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie zugesprochen werden, der etwa zeitgleich mit der Mutzenbacher in Wien erscheint. Auffällig scheint, wie viele Gemeinsamkeiten zwischen den Postulaten der Drei Abhandlungen zur Sexualität des Kindes und der selbst bestimmten Sexualität der kindlichen Mutzenbacher bestehen. Diesen intertextuellen Bezugnahmen entsprechen durchaus den viel gescholtenen, bis heute nicht unumstrittenen Thesen zu der von Freud erstmals aufgeworfenen Kindersexualität festmachen lässt.

Der anonym herausgegebene Text über den Werdegang der blutjungen Josefine Mutzenbacher beginnt mit einer bilanzierenden Vorrede. Die dezidiert erotischen Erlebnisse der Mutzenbacher führen uns durch ihre Kindheit bis zum Eintritt in die Pubertät. Im Mittelpunkt steht ein Kind, das sexuell auffällig ungehemmt in einem städtebaulich abgetakelten Wiener Vorort im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts aufwächst. Aus der Sicht der Ich-Erzählerin berichtet der Roman von den ersten erotischen Erlebnissen und Erfahrungen der Kindheit, in einer beeindruckenden Anzahl verschiedener Sexual-Praktiken, mit allem erdenklichen gleichaltrigen und erwachsenen Figuren in vielerlei Konstellationen. Die Praktiken reichen vom klassischen Quickie zu zweit bis zu orgiastischen Gruppierungen mit fünf Kindern. Dieser sexuelle Entwicklungsroman setzt bei der fünfjährigen Josefine "Pepi" ein, als ihr eines Tages ein Schlossergesellen, der im elterlichen Haushalt mitwohnt, den Rock hoch gerafft auf den Schoss genommen und dort in nachdenklicher Betrachtung ihres "nackten Mittelstückes" gehalten wird. Bei diesem ersten Erlebnis bleibt die Figur der Pepi dem ontogenetischen Entwicklungstand einer Fünfjährigen entsprechend im Verhalten gegenüber einem an sich unbekannten Erwachsenen und im (Sexual-)Verhalten passiv, was sich im Laufe der Entwicklung sehr bald entschieden wandelt.

   

 

Die Anfänge

 

Der erwachte Ehrgeiz und die sexuelle Neugierde treibt sie dazu, im Alter von sieben Jahren erstmals einen Erwachsenen zu verführen, worauf sie, im Wettstreit mit ihren Freundinnen und Freunden liegend, mächtig stolz ist. Ihr "Opfer" ist der Herr Horak, ein Bierversilberer, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht, als Pepi von ihm verlangt, es ihr wie einer Erwachsenen 'zu machen'.

Die Lesevergnügen der Josefine Mutzenbacher ist außergewöhnlich, denn es gibt sich wohl selten die Gelegenheit, ein Buch in der Hand zu halten, in dem sexuelle Handlungen derartig klar, mit so freimütiger Offenheit, ohne alle moralischen Verklemmtheiten und in epischer Breite geschildert werden. Auffällig ist, dass zwischen der Sexualität der Erwachsenen und derjenigen der Kinder in diesem Roman nach dem jeweiligen erotischen Debüt der Kleinen, praktisch kein Unterschied mehr besteht. Es scheint so, als verfügten selbst kleine Kinder in diesem Mikroklima der Wiener Vorstadt über eine voll entwickelte sexuelle Triebkraft. Die Begierde brennt bei jung und alt gleich stark. Hier behandelt der Roman tabuverletzend und provokativ ein Sujet, das großen gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen ist, denn das Thema der Kindersexualität ist im bürgerlichen Zeitalter ein tabuisiert absolut.

Der Roman der Josefine Mutzenbacher wird in der k.u.k. Metropole Wien des Jahres 1906 erstmals verlegt, in der er auch spielt. Zur selben Zeit lebt und wirkt in Wien auch ein Wissenschaftler, der mit seinen nur ein Jahr früher erschienenen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie sämtliche bis dahin gesellschaftlich geläufigen Vorstellungen von der sexuellen Indifferenz der Kindheit vehement über den Haufen wirft: der Psychiater und Arzt Siegmund Freud. Es stellt sich nun die Frage, ob es zwischen dem theoretischen Text Über die Sexualtheorie und den erotisch äußerst lustvoll geschilderten Erlebnissen der kleinen Pepi literarische Querverbindungen gibt.

Das Wiener Milieu bringt in der Epoche des Fin de siècle einen pornographischen Roman hervor, der mit Vehemenz die offiziell progagierten, repressiven Moralkonventionen des säkularisierten christlichen Obrigkeitsstaates in aller Form düpiert. In der Zeit vor der Jahrhundertwende, als Mitteleuropa noch prüder und verlogener ist als man es sich aus heutiger Sicht vorzustellen wagt. Gleichzeitig ist diese Epoche - wie literarische Überlieferungen, beispielsweise die Mutzenbacher oder z. B. die Dramen Wedekinds es belegen - welt- und meinungsoffener als man ahnen möchte. Todsünde bedeutet es in diesem doppelbödigen Sozialklima, das durchmischt ist von Überschäumender Lebenslust und hemmungsloser Bigotterie, sich erwischen zu lassen, oder wie es so oft abgewandelt im Wiener Schmäh der Mutzenbacher heißt:

"Tummeln Sie Sich [z. B. beim Ausziehen der Kleider], es könnt' wer kommen."

"Es macht nichts, was man alles in seinem Schlafzimmer anstellt, solange man es nicht auf der Straße tut und die Pferde erschreckt."

Das könnte das passende Motto sein, das die moralische Heuchelei dieser Epoche treffend charakterisiert. Dadurch das die Mutzenbacher dies laufend aufdeckt, nicht ohne schelmisches Augenzwinkern, verschafft dem Text einen subversiven Zug.

   

 

Freuds Sexualtheorie

 

Freuds anthropologische Konzeption von der "polymorph perverse[n] Anlage" der Sexualität postuliert, dass es bereits im Alter von etwa vier bis fünf Jahren eine erste Hochphase des Eros im Leben eines jeden Menschen gibt. Diese erste Blüte des Sexuellen ist bei den Vierjährigen genetisch bedingt und wird nicht unbedingt durch die Verführung Gleichaltriger oder Erwachsener eingeleitet. Von außen kann diese Sexualisierung gleichfalls ausgelöst werden. Laut Freud

"... ist es selbstverständlich, dass es der Verführung nicht bedarf, um das Sexualleben des Kindes zu wecken, dass solche Erweckung auch spontan aus inneren Ursachen vor sich gehen kann."

Freud findet das Material auf dem seine Theorie basiert in seiner täglichen ärztlichen Praxis, verfügt also über eine relativ geringe quantitative Basis für seine qualitativ weitreichenden Interpretationen. Kinsey jedoch bestätigt beispielsweise 1953 detailliert die von Freuds rund fünfzig Jahre zuvor gemachten Aussagen mit einer quantitativen Auswertung von über 16.000 Personenbefragungen zur menschlichen Sexualität.

Die intertextuellen Bezüge zwischen Freuds Sexualtheorie und der 'polymorph perversen' wird durch die Figur der Pepi hinreichend repräsentiert. Sie zeigt genau das, was Freud in der zweiten Abhandlung seiner Sexualtheorie den "polymorph perverse[n]" Charakterzügen des Kleinkindes zuschreibt.

Im Kapitel Über die Äußerungen der infantilen Sexualität finden sich ganze Passagen, die als Handlungsanweisungen oder als kurzer Abriss der Figurenzeichnung Pepis als zentraler Protagonistin in der Mutzenbacher gelesen werden können. Folgenden Absatz bei Freud sei herausgegriffen und näher mit den Charakteristika der literarischen Figurenzeichnung des Freudenkindes Pepi vergleichen:

"Es ist lehrreich, dass das Kind unter dem Einfluss der Verführung polymorph pervers werden, zu allen möglichen Überschreitungen verleitet werden kann. Dies zeigt, dass es die Eignung dazu in seiner Anlage mitbringt [...]. Das Kind verhält sich hierin nicht anders als etwa das unkultivierte Durchschnittsweib, bei dem die nämliche polymorph perverse Veranlagung erhalten bleibt. Diese kann unter den gewöhnlichen Bedingungen etwa sexuell normal bleiben, unter der Leitung eines geschickten Verführers wird es an allen Perversionen Geschmack finden und dieselben für seine Sexualbetätigung festhalten. Die nämliche polymorphe, also infantile Veranlagung beutet dann die Dirne für ihre Berufstätigkeit aus, und bei der riesigen Anzahl der prostituierten Frauen und solcher, denen man die Eignung zur Prostitution zusprechen muss, obwohl sie dem Berufe entgangen sind, wird es endgültig unmöglich, in der gleichmäßigen Anlage zu allen Perversionen nicht das allgemein Menschliche und Ursprüngliche zu erkennen."

Im Falle der siebenjährigen Pepi findet keine klassische Verführung statt, vielmehr erfolgt ihre eigentliche Initiation in die Sphäre des Erotischen an einem Nachmittag im Rahmen einer ménage à quattre durchaus selbst bestimmt zusammen mit ihrem Bruder Franz und zwei Nachbarskindern. Dabei Übernimmt die neunjährige Anna zusammen mit ihrem Bruder Ferdl die Initiative, indem sie die Mutzenbacher-Geschwister auffordert, mit ihr zusammen Vater-und-Mutter und hinterher Kinder-machen und Kinder-kriegen zu spielen. Die Verführung erscheint hier mehr als Anleitung durch kaum Ältere. Das angeleitete Spiel artet in heftiges Hard-Core-Petting aus. Die sexuelle Neugierde, die man im übrigen bei den allermeisten Kindern in diesem Alter beobachten kann, ist wohl die treibende Kraft für Pepis sexuellen Initiation. Damit erweist sich der Einstieg des Romans in ihre erotische Erlebniswelt als überbracht, sehr naturalistisch gefärbt und für den weiteren Verlauf der Mutzenbacher folgenreich, denn die Pepi schreibt:

"Seit jenem Tag betrachtete ich Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen mit völlig veränderten Blicken. Ich war erst sieben Jahre alt, aber meine Geschlechtlichkeit kam voll zum Ausbruch. Sie muss in meinen Augen zu lesen gewesen sein, mein ganzes Gesicht, mein Mund, mein Gang muss eine einzige Aufforderung gewesen sein, mich anzupacken und hinzuschmeißen."

Zukünftig wird Pepi als eine derjenigen agieren, die, einmal auf den Geschmack gekommen, "zu allen möglichen Überschreitungen" der so genannten guten Sitten, der repressiven offiziösen Sexualkonventionen bereit ist - wo auch immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Dabei überschreitet sie in beinahe jeder erdenklichen Form die einer anständigen, gesellschaftlich geachteten Frau von staatlicher und kirchlicher Autoritätsseite zugewiesenen Rollenklischees. Trotzdem endet sie - wie im Genre des Dirnenromans üblich - am Ende nicht als gestraucheltes und gefallenes Mädchen. Denn statt sich wie die Heldinnen der klassischen und ordinären Dirnenromane von Stufe zu Stufe zu sinken und Trübsal als Lohn des Lasters zu ernten, turnt Pepi zäh und immer vergnügt auf der Stufenleiter der niederen Wollust ihrem Wohlstandshimmel entgegen. Sie tut's, weil es Spaß macht.

   

 

Pepis Lebensqualität

 

Was Freud mit Perversionen pejorativ benennt, ist de facto ein an Nuancen, vielerlei Arten von sexuellem Vor- und Nachspiel, verschiedenen Koitus-Praktiken mit unterschiedlichen Partnern und vielerlei Stellungen reiches Geschlechtsleben, das sich nicht auf die christlich kanonisierte sexuelle Klaviatur der minimalistischen Missionarsstellung, in der repressiv eingeforderten Monogamie praktiziert, beschränkt. Eine solch vitale Sexualität beschreibt die betagte Ich-Erzählerin Mutzenbacher im Prolog:

"Ich bin frühzeitig zur Hure geworden, ich habe alles erlebt, was ein Weib, im Bett, auf Tischen, Stühlen, Bänken, an kahle Mauerecken gelehnt, im Grase liegend, im Winkel dunkler Haustore, in chambres separées, im Eisenbahnzug, in der Kaserne, im Bordell und im Gefängnis Überhaupt nur erleben kann [...]. Aus Armut und Elend, wie ich entstammt bin, habe ich alles meinem Körper zu verdanken. Ohne diesen gierigen, zu jeder Sinnenlust frühzeitig entzündeten, in jedem Laster von Kindheit auf geübten Körper wäre ich verkommen wie meine Gespielinnen, die im Findelhaus starben oder als abgerackerte Proletarierfrauen zugrunde gingen."

Neben der sozialpolitisch bewussten Anklage gegen die Verelendung des wienerischen Proletariats der Jahrhundertwende wird in diesem Roman vor allem die entwürdigende Rolle der Frau betonent. Die Ich-Erzählerin macht im Roman deutlich, dass ihre hoch entwickelte, lustvoll ausgelebte Sexualität nutzt, um sich in ihrem Leben ein Stück existentielle Lebensqualität und persönliches Glück zu sichern. Dazu muss die initiative Pepi nicht sonderlich verführt werden, eine erste Anleitung von gleichaltrigen Gespielinnen und Gespielen reicht als Anstoß vollauf, ihre Lustmöglichkeiten aggressiv selbst zu entwickeln.

Der Umstand, dass die intensive erotische Lust anlässlich ihrer sexuellen Vergnügungen nicht nur mit dem anderen Geschlecht aber noch mehr Pfründe abwirft als tiefe genitale Befriedigung und Glück, wird der Mutzenbacher erst gegen Ende des Romans gewahr:

"Und ich war Glücklich. Zwei Gulden, in zwei Minuten verdient. Und so leicht. Was hatte ich denn für Mühe gehabt? Dabei war ich diesem eleganten Herrn so zugetan, bewunderte ihn so sehr und hatte so viel Hochachtung vor ihm, dass ich gewiss kein Geld von ihm verlangt hätte.
[...] und gab mir fünf Gulden. Ich fühlte mich reich und hüpfte vor Freude in der Stube umher. Nun sah ich ein, was ich an meiner Muschel besaß, und ich beschloss, sie nicht mehr zu verschenken."

Wie von Freud in seiner zweiten Abhandlung zur Sexualtheorie beschrieben, macht sich die nunmehr als Dirne debütierende Josefine Mutzenbacher ihre ausufernde Lust am sexuellen Verkehr zunutze, um damit so nebenbei künftig auch ihren Lebensunterhalt zu unterstützen. Sie gibt sich den Männern nicht mehr zu ihrem reinen Vergnügen hin - stattdessen verlangt sie ein Honorar von den zahlungskräftigen Erwachsenen und schlägt somit zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie verbindet das Nützliche mit dem Angenehmen. Die Neuerung hält die Mutzenbacher nicht davon ab, weiterhin starkes Vergnügen beim Geschlechtsverkehr mit den Herren zu empfinden. Gleichzeitig verdient sie mit diesem Vergnügen ihren Lebensunterhalt, denn von den Partnern ist keiner abgeneigt, die hübsche, lüsterne Pepi für die empfangene sexuelle Entspannung gebührend zu entlohnen.

Der Mutzenbacher Roman bezieht sich in seiner literarischen Ausformung des Sexualverhaltens der fidelen Hauptfigur auf die phänomenologischen Betrachtungen bei Freud und dabei besonders auf den oben zitierten Passus in der Sexualtheorie aus dem Jahre 1905. Der anonyme Autor der Mutzenbacher hat die Schriften Freuds wohl mit relativ großer Wahrscheinlichkeit gekannt, sich vielleicht persönlich seiner Bekanntschaft erfreut oder sich über ihn lustig gemacht. Auf jeden Fall ist diese Phase der Wiener Moderne geistesgeschichtlich revolutionäre Sexualtheorien Freuds in Prosaform ausgestaltet.

   

 

Pepis Entwicklung

 

Nach dem Tod von Pepis Mutter vollzieht sich im Text eine tiefe Zäsur, die alsbald jedoch in einer der vielen Kehrtwendungen des Romans zu noch größeren gesellschaftlichen Tabubrüchen durch die Hauptdarstellerin kulminiert. Doch zuerst scheint es, als ob Josefine - ganz nach der Tradition des Dirnenromans auf den rechten Pfad der Tugend zurückfände:

"Meine Mutter war schon zwei Monate tot, und ich hatte ein keusches Leben geführt. Weder einen Schwanz noch eine Schwanzspitze hatte ich die ganze Zeit gesehen, und wenn mich meine Muschel kitzelte und ich wider Willen ans Vögeln denken musste, hatte ich doch der Versuchung widerstanden, das Verlangen, das mir zwischen den Füßen brannte, mit eigenen Fingern zu trösten. Da wurde für unsere Klasse und für die ganze übrige beichtpflichtige Schule wieder eine Beichte angesetzt. Ich wollte mich diesmal von der Sünde der Unkeuschheit reinigen und beschloss, alles zu beichten."

Pepi lebt nunmehr keusch, sublimiert ihren Sexualtrieb, will eine neues Leben anfangen und zu diesem Zweck ihr altes samt seinen bereuten Ausschweifungen abstreifen. So führt sie ihr Weg sie zur Beichte, um sich von allen Sünden zu reinigen. Diese Reinigung hat eine ganz konkrete Bewandtnis hat, denn freilich entwickelt sich nach der schelmischen Logik der Romanhandlung aus dieser Beicht-Episode, der nächste Höhepunkt dieser Pornographie.

Die Begegnung mit dam Mann der Kirche leitet einen Wendepunkt ein, der auch hin zu einem stereotypischen Dirnenroman führen könnte, der gleichsam ungeahnte Veränderungen in der erotischen Rollenzuordnung zeitigt. Bislang ist es Pepi vorbehalten, ihren Liebhabern in Form der Fellatio sexuelle Genüsse auch abseits des bloßen Koitus zu bereiten. In der Beicht-Episode tritt nun ausgerechnet in der Gestalt des feisten Kooperators Mayer ein Mann auf, welcher der inzwischen dreizehnjährigen Pepi zum ersten Mal zu dem Vergnügen verhilft, einen Cunnilingus appliziert zu bekommen. Das Motiv der verkehrten Welt wird in der Mutzenbacher fruchtbar gemacht. Hier bleibt es ausgerechnet dem Geistlichen vorbehalten, der offiziell für Frauen und Mädchen wegen seines Zölibates sexuell absolut tabu ist, Pepi im Zuge der Beichte in die Welt der verfeinerten erotischen Genüsse einzuführen. Sie kann passiv genießen und die überlässt Initiative dem Priester. Doch wie sich die Verführung durch den Priester vollzieht, welche haarsträubende Argumente hier vom Autor satirisch vorgeschützt werden, um über die sexuelle Gier beider Partner hinwegzutäuschen, zeigt sich im Text:

Er lächelte salbungsvoll: "Nimm nur meinen Schweif...", sagte er, "an dem geweihten Priester ist alles rein... nichts an ihm ist Sünde... und nichts an ihm ist sündig."

"Nimm nur mein Glied und zeige mir all deine Sünden. Ich leihe dir meinen Leib, damit du vor meinem Angesicht beichtest und dich reinigst." Und damit führte er mich an sein Hosentürl.

"Und sonst nichts...?" tönte die Stimme von oben.

Zweifelnd blickte ich ihn an. Aber er schaute voll Ernst und Würde auf mich und meinte: "Bist du bereit? Oder willst du mir undankbar sein für die Gnade, die ich dir erweise? Wisse denn, du bist von allen Sünden schon halb gereinigt, wenn du mich so berührst wie deine Buhlen...". Das leuchtete mir außerordentlich ein, und ich pries mich Glücklich, dass ich so von den Sünden kommen dürfe.

Jetzt wollte ich auch gevögelt sein. Da es keine Sünde war, erst recht. [...] Ich fing an zu begreifen, dass der Herr Kooperator eine Komödie spielte und es einfach darauf abgesehen hatte, mich zu pudern. [...] und im übrigen glaubte ich doch daran, dass der Herr Kooperator die Macht habe, mich von meinen Sünden zu absolvieren.

Als er fertig war, sagte er mit Würde: "Du hast gehört, meine Tochter, was ich gesprochen habe... Siehe, ich habe die Reden des Erzfeindes und des Verführers nachgeahmt, in deinem Interesse... damit auch die unflätigen Worte, die du in buhlerischer Umarmung vernommen hast, ihre böse Gewalt Über dich verlieren.

Und ich merkte sehr wohl, was er jetzt mir vorlügen wollte. Aber ich sagte nichts. Gevögelt war eben gevögelt, der Herr Kooperator war für mich jetzt wie der Herr Horak oder der Herr Ekhardt.

Ein nie gekanntes Gefühl ließ mich erbeben. Diese Wonne hatte ich noch nie gespürt. Bisher ließen sich die Männer immer von meinem Mund bedienen, aber dieser wackere Priester war der erste, der mir auch sein Zunge lieh.

"Das reinigt dich", sagte er, "das nimmt alles von dir ab..." Ich fasste mit einer Hand keck seinen Kopf, erwischte ihn bei der Tonsur und duckte ihn herunter, damit er von seinem Mund einen besseren Gebrauch mache als reden.

"Es kommt mir... immerfort kommt's mir", rief ich aus, "ach, das ist wie im Himmel, Hochwürden... so gut ist mir's noch nie gewesen..."

Der Kooperator appelliert an Pepis katholischen Glauben, indem er auf seine durch die Priesterwürde exponierte, religiöse Reinheit pocht. Er versucht damit kenntlich zu machen, dass alle nun folgenden Handlungen außerordentlich sind und dadurch aus dem Alltag herausfallen. Unter dem Deckmantel der allmächtigen Kirche werde er ihr nun auf ganz besondere Weise Vergebung all ihrer Sünden verschaffen, denn nur das ist der Anlass von Pepis Besuch beim Kooperator.

Der Priester erklärt ihr, er wolle nun die Stelle des Verführers (Satans) einnehmen, sie solle ihm szenisch beichten, wenn ihr dadurch das Bekenntnis zu den vollzogenen Untaten leichter falle. Durch die pantomimische Nachstellung der Sünden mit ihm als Partner solle sie die Vergehen zur Schau stellen, damit ihm, dem Verbindungsmann zur Dreifaltigkeit, das Ausmaß ihrer Sünden begreiflich werde. Nur so könne sie zur Absolution gelangen.

Freilich geht es dem lüsternen Herrn Kooperator darum, der hübschen, begehrenswerten und beichtwilligen Pepi möglichst am ganzen Leibe habhaft zu werden, weil ihm diese spielerische Form der Übertretung des religiösen Tabus offenbar einen ungewöhnlich starken erotischen Reiz verschafft.

Der Priester glaubt, mit dieser Schmierenkomödie bei Pepi durchzukommen bzw. rechnet zurecht mit ihrer kooperativen Haltung, weil auch sie diese mit ganz besonderen Reizen aufgeladene Verführungssituation sexuell stark erregt. Es finden also im Folgenden Fellatio, Kopulation und Cunnilingus zwischen der minderjährigen Schülerin und Schutzbefohlenen sowie dem zölibatären Priester statt. Während eines profanen sexuellen Aktes, in dessen Mittelpunkt göttliche Vergebung durch den Allmächtigen stattfinden sollte.

Wie der Geistliche versprochen hat, profitiert Pepi von dieser speziellen erotischen Begegnung, nicht nur, weil sie sich einbilden kann, ihre Sünden auf diese leichte Art vergeben zu bekommen (was auch geschieht) sondern auch weil Kooperator Mayer sie besonders verwöhnt, indem er Pepi in eine Technik einführt, die es ihr ermöglicht, auch ohne Selbst- oder genitale Stimulation zum Orgasmus zu gelangen. Der Priester befriedigt sie oral und verbrämt dies religiös, indem er vorgibt, sie von allen Sünden an diesem Körperteil zu befreien ndem er ihr quasi mit seiner im Dienste des Herrn stehenden Zunge alle Sünden nunmehr abnehme. Tatsächlich verfehlt diese neue, klerikal durchgeführte Technik bei Pepi nicht ihre Wirkung. Sie stammelt, sie fühle sich in himmlische Sphären gehoben, so wohl ergehe es ihr durch die salbungsvollen Zungenschläge des Herrn Kooperator auf ihrer die letzten Monate stark vernachlässigten Vulva.

Damit ist die Zweideutigkeit des Textes an einem ihrer Höhepunkte, im Superlativ als urchristliche Utopie des sexuellen Glücks aller mit allen Gesellschaftsgliedern - auch der Priester und Kinder. In der obszönen Vereinigung des Priesters mit dem Kind verschmelzen in einem Moment des Gelübdebruchs, die Gegensätze zwischen Profanem und Sakralem. Für einen Moment ist der Himmel auf Erden, die Heilserwartung einer ganzen Weltreligion, Wirklichkeit geworden. Zumindest in der erhitzten Imagination Pepis, die diese Worte hervorstammelt. Der Geistliche verursacht den spektakulären Bruch der christlichen Regeln, wie sie der pornographische Roman an dieser Stelle des Textes höchst kunstvoll zur Schau stellt. Im Angesicht der kapitalen Todsünde, die sich hier ereignet, wandeln sich Pepi und der Priester in ihrem quasi heiligen  Tun, das den Himmel auf Erden für einen Moment Wirklichkeit werden lässt, im orgiastischen Moment des höchsten sexuellen Glücks.

Im Sinne der Umwertung aller (christlichen) Werte die dieser Vorgang impliziert, gelingt dem Text an dieser Stelle ein Moment, der in einem pornographischen Werk möglich ist: im Augenblick des größten Tabubruchs erleben ausgerechnet zwei notorische Sünder, die sich an allem vergehen, was der Mutter Kirche gut und heilig ist, den von allen Gottesfürchtigen und auf den rechten Pfaden Wandelnden herbeigesehnten Himmel auf Erden.

Über all diesen Details und Blasphemien verliert der Roman über die Jugend der Josefine Mutzenbacher keinen Moment seine spielerische Leichtigkeit im literarischen Stil. Sein fließender Duktus täuscht darüber hinweg, dass diese Reihe extremer Tabubrüche und diese Phantasie vom Himmel auf Erden, ausgelöst durch orgiastisches Lustempfinden, ganz im Vorübergehen stattfindet. Erzählerisch ist diese Passage so beiläufig inszeniert ist, dass man diese ketzerischen Aussagen des Buches nur allzu leicht überlesen könnte.

   

 

Zusammenfassung

 

Sigmund Freud hat die kindliche Sexualität in seinen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie untersucht und postuliert ihre Existenz. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hat sich der Verfasser der anonym erschienenen Mutzenbacher intensiv mit Freuds Text auseinandergesetzt. Die freudianischen Prämissen zur Sexualtheorie werden hier dramaturgisch in Szene gesetzt und in einem literarischen Werk ausgebreitet. Der Roman repräsentiert in der Form des intertextuellen Diskurses eine literarische Transformation wissenschaftlicher Erkenntnisse, die für die Zeit der Ersterscheinung der beiden Bücher eine enorme Provokation bedeuten.

Die Handlung der Mutzenbacherin ist geprägt von einem die Armut des sozialen Umfelds und wird durch einen nicht beschönigenden Realismus geschildert. Es findet keinerlei Ästhetisierung des proletarischen Milieus statt, dagegen prägt die bestechende Ausdünstung der Sexuellen den Text. Auffällig ist, dass die Rolle der Pepi in keiner Weise romantisiert wird wie in den meisten Texten der Gattung der Dirnenromane. Pepi verkehrt vor allem mit ihresgleichen, mit Kindern gleichen Alters, mit Menschen aus dem gleichen Milieu. Es findet keine Entrückung in eine noble Umgebung statt, in der verruchte Adlige oder mächtige Fabrikanten sie zu ihrer Gespielin erheben.

Insgesamt rüttelt dieser Romanstoff an den Grundfesten der westlichen Zivilisation, denn die Mutzenbacherin legt bei ihren heranwachsenden Gespielinnen und Gespielen eine voll entwickelte Sexualität frei, die den Kindern in Wirklichkeit nachdrücklich abgesprochen wird - oftmals bis heute. Als Beleg für die Prämisse der voll entwickelten Kindersexualität lassen sich zahlreiche Textpassagen anführen. Im Buch sind Pepi und ihre Altersgenossen in ihrem sexuellen Begehren den Erwachsenen gleichgestellt, d.h. es kommt vor, dass ein Kind einen Erwachsenen verführt.

Ein für die Zeit der Jahrhundertwende provokativ formulierter Text, der einen der prominentesten Gründe zeitigt, weswegen der Roman eine so lange Prozessgeschichte entwickelt. Immer wieder bedient sich der Roman des karnevalistischen Stilmittels der verkehrten Welt.

In seiner Schau unter die Gürtellinie der Gesellschaft, die auch die Unmoral des Bürgertums mit einschließt, hat die Mutzenbacherin den Auftrag, einen Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft darzustellen, der gerade das dort Ausgegrenzte in den Mittelpunkt seiner literarischen Ausformung stellt. Die Mutzenbacherin breitet vor uns eine sexualpolitisch anarchistische Utopie der frei fluktuierenden Sexualität des proletarischen Milieus aus, die es im Verlauf der erotomanen Handlung zu befriedigen gilt. Einer fiktiven Handlung, die sich um spektakuläre Authentizität bemüht und im strikten Gegensatz zur restriktiven bürgerlichen Sexualmoral ihrer Entstehungszeit steht. In dieser Handlung werden die Tabus der Sexualmoral unterlaufen und mit spielerischer Leichtigkeit ad absurdum geführt. In der Selbstverständlichkeit, mit der der Text die freie Liebe unter allen Gesellschaftsmitgliedern, egal welchen Alters und welchen Standes propagiert, steckt eine enorme subversive Dynamik.

Wenn die aus der Mutzenbacher sprechende Grundhaltung gegenüber dem Erotischen sich in der Mentalität breiter Bevölkerungsschichten durchsetzen und entsprechend ungeniert ausgelebt werden würde, käme dies einer Bahn brechenden Umwälzung im Sexualgebaren dieser Population gleich. Die grundlegende Erosfeindlichkeit der säkularisierten westlichen Leistungsgesellschaft wäre außer Kraft gesetzt. Das ist wohl auch der Grund, welcher die bundesrepublikanische Gerichtsbarkeit dazu treibt, den Text immer wieder beschlagnahmen zu lassen. Das Problem der Jugendgefährdung, die dabei angeführt wird, ist hierfür ein bezeichnendes Symptom für die generelle Erosfeindlichkeit. Die Fiktion der Mutzenbacher unterläuft eine der Vorbedingungen unserer Gesetzgebung, die darin besteht, dass es Nicht-Erwachsenen verboten ist, sexuell aktiv zu sein.

     
   
   
   
URTEIL
ENTSCHEIDUNGSFORMEL
GRÜNDE
 
   
     

URTEIL

  BVerfGE 83, 130 - Josephine Mutzenbacher

1. Ein pornographischer Roman kann Kunst im Sinne von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG sein.

2. Die Indizierung einer als Kunstwerk anzusehenden Schrift, setzt auch dann eine Abwägung mit der Kunstfreiheit voraus, wenn die Schrift offensichtlich geeignet ist, Kinder oder Jugendliche sittlich schwer zu gefährden (§ 6 Nr. 3 des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften - GjS -).

3. Die Vorschrift des § 9 Abs. 2 GjS ist verfassungsrechtlich unzulänglich, weil die Auswahl der Beisitzer für die Bundesprüfstelle nicht ausreichend geregelt ist.

[ 1. A pornographic novel can be art in the sense of Art. 5 I 1 GG.

2. Even if a writing has an evident potential of morally endangering children or youths (§ 6 No. 3 Law About Distribution of Writings Dangerous to the Youth - GjS -), its prohibition needs to be balanced with the freedom of art if such writing is to be deemed a work of art.

3. The provision in § 9 II GjS is unconstitutional because the selection of officials for the Federal Scrutiny Agency lacks sufficient regulation. ]

Beschluß des Ersten Senats vom 27. November 1990

- 1 BvR 402/87 -

in dem Verfahren über die Verfassungsbeschwerde der R... - Bevollmächtigte: 1. Rechtsanwalt Hans-Jürgen P. Groth, Wentzelstraße 9, Hamburg 60, 2. Rechtsanwalt Sieghart Ott, Kurfürstenstraße 22, München 40 - gegen a) das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 3. März 1987 - BVerwG 1 C 27.85 -, b) das Urteil des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 4. Juni 1985 - 20 A 146/84 -, c) das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln vom 18. Oktober 1983 - 10 K 276/83 -, d) die Entscheidung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vom 4. November 1982 - Nr. 3262 (Pr. 44/79) -.

   

 

ENTSCHEIDUNGSFORMEL

 

I.

§ 9 Absatz 2 des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. Juli 1985 (Bundesgesetzbl. I Seite 1502) ist mit Artikel 5 Absatz 3 Satz 1 des Grundgesetzes in Verbindung mit dem Rechtsstaatsprinzip unvereinbar. Er kann jedoch bis zu einer gesetzlichen Neuregelung, längstens bis zum 31. Dezember 1994, weiter angewendet werden.

II.

Die Entscheidung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vom 4. November 1982 - Nr. 3262 (Pr. 44/79), das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln vom 18. Oktober 1983 - 10 K

276/83 -, das Urteil des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 4. Juni 1985 - 20 A 146/84 - und das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 3. März 1987 - BVerwG 1 C 27.85 - verletzen das Grundrecht der Beschwerdeführerin aus Artikel 5 Absatz 3 Satz 1 des Grundgesetzes. Die Entscheidungen werden aufgehoben. Das Verfahren wird an das Bundesverwaltungsgericht zur Entscheidung über die Kosten des Rechtsstreits zurückverwiesen.

III.

Das Land Nordrhein-Westfalen und die Bundesrepublik Deutschland haben der Beschwerdeführerin jeweils die Hälfte der notwendigen Auslagen zu erstatten.

   

 

GRÜNDE

 

A.

Die Beschwerdeführerin wendet sich gegen die Aufnahme des von ihr verlegten Romans "Josefine Mutzenbacher - Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt" in die Liste jugendgefährdender Schriften.

I.

Schriften, die geeignet sind, Kinder und Jugendliche sittlich zu gefährden, sind nach § 1 Abs. 1 Satz 1 des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. Juli 1985 (BGBl. I S. 1502) - GjS - in eine Liste aufzunehmen. Dazu zählen vor allem unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende sowie den Krieg verherrlichende Schriften (§ 1 Abs. 1 Satz 2 GjS). Eine Schrift darf gemäß § 1 Abs. 2 Nr. 2 GjS jedoch unter anderem dann nicht in die Liste aufgenommen werden, wenn sie der Kunst dient. Mit der Bekanntmachung der Aufnahme (§ 1 Abs. 1 Satz 3 GjS) greifen die Regelungen der §§ 3 bis 5 GjS ein, die nach Maßgabe des § 21 GjS strafbewehrt sind. Hiernach dürfen indizierte Schriften nur in Geschäftsräumen, die Kindern und Jugendlichen weder zugänglich sind noch von ihnen eingesehen werden können, und ausschließlich an Erwachsene abgegeben werden. Außerdem besteht ein Werbeverbot (§ 5 GjS).

Die beschriebenen Rechtsfolgen treten ohne Listenaufnahme ein, wenn einer der in § 6 GjS bezeichneten Fälle vorliegt. Dessen Nummern 1 und 2 erfassen Schriften, die den §§ 131 und 184 StGB unterfallen, seine Nummer 3 betrifft solche, die offensichtlich geeignet sind, Kinder oder Jugendliche sittlich schwer zu gefährden.

Zur Durchführung des Gesetzes ist die Bundesprüfstelle berufen (§ 8 Abs. 1 GjS). Sie besteht aus einem vom Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit ernannten Vorsitzenden, je einem von jeder Landesregierung zu ernennenden Beisitzer sowie weiteren Beisitzern, die der Bundesminister ernennt (§ 9 Abs. 1 GjS). Diese weiteren (sogenannten Gruppen-)Beisitzer sind den Kreisen

1. der Kunst,

2. der Literatur,

3. des Buchhandels,

4. der Verlegerschaft,

5. der Jugendverbände,

6. der Jugendwohlfahrt,

7. der Lehrerschaft und

8. der Kirchen, der jüdischen Kultusgemeinden und anderer Religionsgemeinschaften, die Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, auf Vorschlag der genannten Gruppen zu entnehmen (§ 9 Abs. 2 GjS).

Die Bundesprüfstelle entscheidet grundsätzlich nur auf Antrag der in § 2 der Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften (neu gefasst am 23. August 1962, BGBl. I S. 597, zuletzt geändert durch die Verordnung vom 5. Mai 1978, BGBl. I S. 607 - DVO -) genannten Behörden und Ämter (§ 11 Abs. 2 Satz 1 GjS). Das Gesetz sieht drei verschiedene Besetzungen vor. Der Vorsitzende entscheidet allein in den Fällen des § 18 Abs. 1 und des § 18 a Abs. 1 GjS (Aufnahme nach gerichtlicher Entscheidung sowie inhaltsgleicher Schriften). Ein aus ihm und zwei weiteren Mitgliedern der Bundesprüfstelle bestehendes Dreier-Gremium ist in den Fällen des § 15 (vorläufige Aufnahme) und des § 15 a GjS (vereinfachtes Verfahren in Offensichtlichkeitsfällen) zur Entscheidung berufen. Im übrigen entscheidet das sogenannte Zwölfer-Gremium, das aus dem Vorsitzenden, drei Länder- und acht Gruppenbeisitzern besteht. Das Gremium ist beschlussfähig, wenn mindestens neun Mitglieder anwesend sind. Zur Aufnahme in die Liste bedarf es einer Mehrheit von zwei Dritteln, mindestens aber von sieben Stimmen (§ 9 Abs. 3 in Verbindung mit § 13 GjS).

II.

1. Die Beschwerdeführerin verlegt seit November 1978 den im Eingangssatz genannten Roman als Taschenbuch. Es enthält eine Vorbemerkung von K. H. Kramberg sowie "Beiträge zur Ädöologie des Wienerischen" von Oswald Wiener. Das Werk erschien ohne Autorenangabe etwa um die Jahrhundertwende in Wien; als Urheber wird Felix Salten vermutet. Eine vom Kopenhagener Dehli-Verlag 1965 in deutscher Sprache herausgebrachte zweibändige Ausgabe des Romans wurde 1968 gemäß § 18 Abs. 1 GjS indiziert, nachdem sie in zwei Urteilen deutscher Strafgerichte für unzüchtig erklärt worden war. Eine 1969 vom deutschen Verlag Rogner und Bernhard verlegte Ausgabe wurde 1970 wegen Inhaltsgleichheit in die Liste aufgenommen.

2. a) Anfang Januar 1979 beantragte die Beschwerdeführerin, diese beiden früheren Romanausgaben aus der Liste zu streichen, weil die Schrift nach heutiger Auffassung ein Kunstwerk sei. Mit der angegriffenen Entscheidung lehnte die Bundesprüfstelle den Streichungsantrag ab und nahm auch das Taschenbuch in die Liste auf. Sie führte aus, der Roman sei offensichtlich schwer jugendgefährdend im Sinne des § 6 Nr. 2 und 3 GjS, weil er unter Ausklammerung aller sonstigen menschlichen Bezüge die sexuellen Vorgänge um die Titelheldin in grob aufdringlicher Weise in den Vordergrund stelle. Kinderprostitution und Promiskuität würden positiv beurteilt und darüber hinaus sogar verharmlost und verherrlicht. Als Kunstwerk könne die Schrift nach dem Ergebnis der von den Professoren M. und G. erstatteten Gutachten nicht angesehen werden. Der Roman sei nichts weiter als eine "pornographische Stellensammlung" und "Strichliste" über die sexuellen Aktivitäten der Titelheldin. Probleme von Pornographie und Inzest würden nicht künstlerisch verarbeitet, sondern allein zur Verschärfung des Reizes eingesetzt.

b) Die hiergegen erhobene Klage hatte keinen Erfolg. Das Verwaltungsgericht führte aus: Es sei nicht zu beanstanden, dass die Bundesprüfstelle zur Klärung möglicherweise gewandelter sozialethischer Begriffe ein Wiederaufnahmeverfahren durchgeführt und den Roman in Zwölferbesetzung indiziert habe; es wäre widersinnig gewesen, die Entscheidung nach Ablehnung der Streichung gemäß § 18 a Abs. 1 GjS in die alleinige Zuständigkeit des Vorsitzenden zu verweisen. In der Sache sei die Entscheidung ebenfalls zu billigen. Nur eine im Meinungsspektrum der pluralistischen Gesellschaft gewichtige Äußerung lasse Belange des Jugendschutzes gemäß § 1 Abs. 2 Nr. 2 GjS zurücktreten.

Das Oberverwaltungsgericht führte aus: § 1 Abs. 2 Nr. 2 GjS könne den durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gewährleisteten Kunstschutz nur wiederholen oder erweitern, nicht jedoch einschränken. Die Schrift müsse als Kunstwerk angesehen werden. Die Kunstfreiheit finde ihre Grenze jedoch in den Belangen des Jugendschutzes, welche gemäß Art. 6 Abs. 2 und Art. 1 Abs. 1 GG gleichfalls Verfassungsrang genössen. Diese würden durch den Roman zweifelsfrei schwerwiegend beeinträchtigt. Die geschilderten Verhaltensweisen, namentlich die sexuellen Kontakte von Kindern zu ihren Geschwistern und Eltern, liefen den auch heute noch allgemein gültigen Wertmaßstäben zuwider. Eine Rechtfertigung durch die Kunstfreiheit scheide danach aus.

Das Bundesverwaltungsgericht führte im wesentlichen aus: Die Regelung über die Zusammensetzung des Zwölfer-Gremiums der Bundesprüfstelle sei nicht wegen Unbestimmtheit nichtig. Das Rechtsstaatsprinzip verbiete auch im Bereich grundrechtsrelevanter Vorschriften nicht, unbestimmte Rechtsbegriffe zu verwenden und dem Bundesminister bei der Berufung der Gruppenbeisitzer einen Bereich pflichtgemäß auszuübenden Ermessens einzuräumen. Die in Betracht kommenden Organisationen sowie die Zahl der von ihnen zu benennenden Beisitzer habe unter anderem deshalb nicht im einzelnen durch Rechtssatz festgelegt werden müssen, weil sich deren Bestand und Gewicht verändern könnten.

Nach den nicht zu beanstandenden Feststellungen des Oberverwaltungsgerichts sei die Wertung der Bundesprüfstelle zwingend, dass der Roman zu den schwer jugendgefährdenden Schriften im Sinne des § 6 GjS gehöre. Unabhängig davon, ob er ein Kunstwerk darstelle, sei dessen Indizierung auch mit § 1 Abs. 2 Nr. 2 GjS zu vereinbaren. Diese Bestimmung habe dieselbe Reichweite wie Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG. Die Kunstfreiheit habe hier jedoch den Belangen des Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor sittlicher Gefährdung zu weichen. Dieser beruhe auf Grundwerten der Verfassung, namentlich auf Art. 1 Abs. 1 und Art. 6 Abs. 2 GG. Der Staat sei nicht von Verfassungs wegen gehalten, jeder möglichen sittlichen Gefährdung im Sinne des § 1 Abs. 1 GjS vorzubeugen. Anders verhalte es sich indes bei den § 6 GjS unterfallenden Schriften. Selbst wenn diese als Kunst einzustufen sein sollten, stehe Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG der Anwendung der §§ 3 bis 5 GjS nicht entgegen. Während diese nur den Wirkbereich des Kunstwerks einschränkten und damit dem künstlerischen Kommunikationsinteresse Raum ließen, würde ihre Nichtanwendung bei unter § 6 GjS fallenden Schriften den Jugendschutz gerade in den gravierenden Fällen völlig beseitigen. Dies liefe der Wertordnung des Grundgesetzes mehr zuwider als der mit einer Indizierung verbundene Eingriff in die Kunstfreiheit. Dem entspreche im übrigen, dass die Vorschrift des § 6 GjS - anders als § 1 Abs. 1 GjS - nicht mit einem Kunstvorbehalt versehen worden sei (vgl. im einzelnen NJW 1987, S. 1435 (1436) unter Bezugnahme auf S. 1429 (1430 f.)).

III.

1. Mit ihrer Verfassungsbeschwerde rügt die Beschwerdeführerin die angegriffenen Entscheidungen verletzten Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG. Dessen Schutz könne der indizierten Schrift nicht deshalb versagt werden, weil sie sexuelle Erlebnisse der Titelheldin schildere. Auch Werke der Weltliteratur hätten solche Schilderungen zum Gegenstand. Kunst und Pornographie schlössen einander nicht aus. Zu Unrecht werde angenommen, dass der Kunstschutz im Falle offensichtlich schwer jugendgefährdender Schriften im Sinne des § 6 GjS stets zurückzutreten habe. Dem konkurrierenden Rechtsgut (Kinder- und Jugendschutz) fehle es schon an dem erforderlichen Verfassungsrang; dieser lasse sich weder aus Art. 1 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 2 Abs. 1 GG noch aus Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG herleiten. Selbst wenn dies anders zu beurteilen wäre, hätten die Rechtsmittelgerichte die Kunsteigenschaft des Werkes nicht offenlassen dürfen und gegebenenfalls in eine Abwägung der widerstreitenden Belange eintreten müssen. Belange des Kinder- und Jugendschutzes würden durch den Roman nicht zweifelsfrei schwerwiegend beeinträchtigt. Die Auffassung, ein bestimmter Text könne Jugendliche konkret gefährden, sei wissenschaftlich unhaltbar.

Der Gesetzgeber habe die Zusammensetzung der Bundesprüfstelle, namentlich die Berufung der sogenannten Gruppenbeisitzer, in verfassungsrechtlich unzureichender Weise geregelt; die angegriffenen Entscheidungen verletzten daher Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 20 Abs. 2 und 3 GG. Die Vorschrift des § 9 Abs. 2 GjS sei schon für sich genommen zu unbestimmt und daher nichtig. Gegen das Rechtsstaatsprinzip verstoße sie aber vor allem deshalb, weil der Gesetzgeber darin die für die Grundrechtsausübung wesentlichen Fragen nicht ausreichend selbst geregelt habe. Es fehlten Kriterien, welche die Auswahl zwischen mehreren in Betracht kommenden Bewerbern und Gruppen regelten und an deren Sachkunde besondere, durch ein Prüfungsverfahren nachzuweisende Anforderungen stellten. Außerdem schließe die Regelung mit den Weltanschauungs- sowie den Religionsgemeinschaften, die nicht Körperschaften des öffentlichen Rechts seien, unter Verstoß gegen die Neutralitätspflicht des Staates bestimmte Organisationen aus. Insgesamt lasse das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften der Exekutive bei der Berufung der Gruppenbeisitzer unter Verstoß gegen das Gebot, wesentliche Dinge gesetzlich zu regeln, freie Hand und öffne damit der auch tatsächlich willkürlichen Ernennungspraxis Tür und Tor.

Das Gesetz verstoße darüber hinaus gegen das Zitiergebot (Art. 19 Abs. 1 Satz 2 GG) und das Zensurverbot (Art. 5 Abs. 1 Satz 3 GG).

Die angegriffenen Entscheidungen verletzten Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 20 Abs. 3 (Rechtsstaatsprinzip), Art. 103 Abs. 1 und Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG, indem sie der Bundesprüfstelle sowohl hinsichtlich der Frage der Jugendgefährdung als auch der Einordnung als Kunst einen gerichtlich nur eingeschränkt überprüfbaren Beurteilungsspielraum einräumten.

Unter Verstoß gegen das Rechtsstaatsprinzip und Art. 103 Abs. 1 GG habe es die Bundesprüfstelle schließlich abgelehnt, ein jugendpsychologisches Gutachten zu der nur behaupteten, nicht jedoch nachgewiesenen Jugendgefährdung einzuholen. Der Sachverständige Prof. M. habe eine vorgefasste Meinung gehabt. Sein Gutachten hätte daher nicht zur Grundlage der Entscheidungen gemacht werden dürfen.

2. Der Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit beschränkt sich in seiner namens der Bundesregierung abgegebenen Stellungnahme auf die Frage der Besetzung der Bundesprüfstelle. Deren gesetzliche Regelung sei von Verfassungs wegen nicht zu beanstanden. Das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften regele unter Berücksichtigung der Eigenarten der Materie alle wesentlichen Besetzungsfragen. Die Fassung seines § 9 Abs. 2 biete die Möglichkeit, auf Veränderungen des Organisationsgefüges innerhalb der einzelnen Gruppen angemessen zu reagieren. Die gesetzliche Festlegung der beteiligungsfähigen Institutionen würde unausweichlich zu unerwünschten Vakanzen führen, wenn diese Gruppen zur Mitarbeit nicht bereit seien. Den auf gesetzlicher Grundlage vorgenommenen Berufungen sei der Vorwurf der Willkür nicht zu machen.

Die Bundesprüfstelle verteidigt das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts. Die widerstreitenden Belange seien darin zur Konkordanz gebracht worden. Es liege in der Gestaltungsfreiheit des Gesetzgebers zu wählen, ob er die Besetzung der Bundesprüfstelle wie geschehen bestimme oder weitergehend konkretisiere. Es sei unmöglich, alle nur denkbaren Organisationen zu beteiligen; gewisse Dispositionsmöglichkeiten des Bundesministers seien von Verfassungs wegen hinzunehmen.

B.

Die zulässige Verfassungsbeschwerde ist begründet. Die angegriffenen Entscheidungen verletzen Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG (I.). Durchgreifenden Bedenken unterliegt die Regelung über die Bestimmung der Gruppenbeisitzer (§ 9 Abs. 2 GjS). Diese ist aber für eine Übergangszeit hinzunehmen (II.). Die übrigen Rügen sind unbegründet (III.).

I.

1. a) Die indizierte Schrift fällt in den Schutzbereich des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG. Dabei mag es zweifelhaft sein, ob dies schon deshalb zu bejahen ist, weil sich das Werk als Roman bezeichnet und das Ergebnis einer anerkannten künstlerischen Tätigkeit - der eines Schriftstellers - darstellt. Das Werk weist aber die der Kunst eigenen Strukturmerkmale auf: Es ist Ergebnis freier schöpferischer Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen und Phantasien des Autors in der literarischen Form des Romans zum Ausdruck kommen (vgl. BVerfGE 30, 173 (188* f.); 67, 213 (226)). Elemente schöpferischer Gestaltung können in der milieubezogenen Schilderung sowie in der Verwendung der wienerischen Vulgärsprache als Stilmittel gesehen werden. Der Roman läßt außerdem eine Reihe von Interpretationen zu, die auf eine künstlerische Absicht schließen lassen. So könnte er etwa als eine Persiflage auf den Entwicklungsroman aufgefasst werden. Ferner ließe sich die Titelheldin als Verkörperung männlicher Sexualphantasien deuten, die als Reaktion auf eine Erziehung gesehen werden, deren Ziel die Unterdrückung des Geschlechtlichen war. Auch parodistische Elemente sind vielfach erkennbar.

b) Dass der Roman möglicherweise zugleich als Pornographie anzusehen ist, nimmt ihm nicht die Kunsteigenschaft. Die insoweit in BVerfGE 30, 336 (350) anklingenden und in der angegriffenen Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts (S. 14 des Urteilsabdrucks) aufgenommenen Zweifel greifen nicht durch. Kunst und Pornographie schließen sich - wie der Bundesgerichtshof in seiner Entscheidung zu Henry Millers Opus Pistorum zutreffend erkannt hat (BGH, NJW 1990, S. 3026 (3027)) - nicht aus. Die Kunsteigenschaft beurteilt sich vielmehr nach den in BVerfGE 67, 213 (226 f.) aufgeführten Kriterien. Ihre Anerkennung darf nicht von einer staatlichen Stil-, Niveau- und Inhaltskontrolle oder von einer Beurteilung der Wirkungen des Kunstwerks abhängig gemacht werden (vgl. BVerfGE 75, 369 (377); 81, 278 (291*)). Solche Gesichtspunkte können allenfalls bei der Prüfung der Frage eine Rolle spielen, ob die Kunstfreiheit konkurrierenden Rechtsgütern von Verfassungsrang zu weichen hat.

2. Die vorbehaltlose Gewährleistung der Kunstfreiheit schließt eine Indizierung aus Gründen des Jugendschutzes nicht grundsätzlich aus. Der Kunstfreiheit werden zwar weder durch die Trias des Art. 2 Abs. 1 Halbs. 2 GG noch durch die in Art. 5 Abs. 2 GG aufgeführten Schranken Grenzen gezogen. Diese finden sich jedoch in den Grundrechten anderer Rechtsträger, aber auch in sonstigen Rechtsgütern, sofern diese gleichfalls mit Verfassungsrang ausgestattet sind (BVerfGE 30, 173 (193*); st. Rspr.). Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sittlicher Gefährdung dient der Wahrung verfassungsrechtlich geschützter Güter.

a) Schon in seiner bisherigen Rechtsprechung hat das Bundesverfassungsgericht angenommen, dass der Schutz der Jugend nach einer vom Grundgesetz selbst getroffenen Wertung ein Ziel von bedeutsamem Rang und ein wichtiges Gemeinschaftsanliegen ist (vgl. BVerfGE 30, 336 (347 und 348); 77, 346 (356*)). Der Jugendschutz, der in Art. 5 Abs. 2 GG ausdrücklich erwähnt ist, genießt vor allem aufgrund des in Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG verbrieften elterlichen Erziehungsrechtes Verfassungsrang. Dieses umfasst unter anderem die Befugnis, die Lektüre der Kinder zu bestimmen (BVerfGE 7, 320 (323 f.)). Das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften ordnet die Indizierungsfolgen seiner §§ 3 bis 5 entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin nicht mit dem Ziel an, in Ausübung des staatlichen Wächteramtes den Bereich des elterlichen Erziehungsrechtes zu schmälern. Sein Ziel ist vielmehr, Störungen des grundrechtlich gewährleisteten Erziehungsrechts der Eltern vorzubeugen. Die §§ 3 bis 5 GjS sollen sicherstellen, dass Kindern und Jugendlichen Schriften, die sich auf ihre Entwicklung schädlich auswirken können, nur mit Zustimmung ihrer Eltern zugänglich gemacht werden. § 21 Abs. 4 GjS in der Fassung, welche diese Vorschrift durch Art. 5 Nr. 8 des 4. StrRG vom 23. November 1973 (BGBl. I S. 1725) erhalten hat, gewährleistet dabei, dass Eltern ihre Entscheidung frei von jeder Strafandrohung treffen und ihren Erziehungsbefohlenen daher grundsätzlich auch Schriften im Sinne des § 6 GjS überlassen dürfen (vgl. zum Vorstehenden: Beschlußempfehlung und Bericht des Ausschusses für Jugend, Familie und Gesundheit zum Gesetzentwurf BTDrucks. 10/722, BTDrucks. 10/2546, S. 16 rechte Spalte).

Verfassungsrang kommt dem Kinder- und Jugendschutz daneben aus Art. 1 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 2 Abs. 1 GG zu. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit im Sinne dieser Grundrechtsnormen. Sie bedürfen des Schutzes und der Hilfe, um sich zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten innerhalb der sozialen Gemeinschaft zu entwickeln (vgl. BVerfGE 79, 51 (63)). Das gilt gerade auch für ihre Bewahrung vor sexuellen Gefahren und die Ermöglichung einer das Persönlichkeitsrecht achtenden Sexualerziehung (vgl. BVerfGE 47, 46 (72 f.)). Dieser Gesichtspunkt berechtigt den Staat, von Kindern und Jugendlichen Einflüsse fernzuhalten, welche sich auf ihre Einstellung zum Geschlechtlichen und damit auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit nachteilig auswirken können.

b) Der Gesetzgeber durfte ohne Verfassungsverstoß davon ausgehen, dass Schriften (§ 1 Abs. 1 GjS) jugendgefährdende Wirkung haben können. Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin brauchte er seine legislatorischen Maßnahmen nicht vom wissenschaftlich-empirischen Nachweis abhängig zu machen, dass literarische Werke überhaupt einen schädigenden Einfluß auf Kinder und Jugendliche ausüben können. Diese Annahme liegt vielmehr im Bereich der ihm einzuräumenden Einschätzungsprärogative. Deren Anlaß und Ausmaß hängen von verschiedenen Faktoren ab. Maßgebend sind insbesondere die Eigenart des in Rede stehenden Sachbereichs, die Möglichkeit, sich ein hinreichend sicheres, empirisch abgestütztes Urteil zu bilden, sowie die Bedeutung der betroffenen Rechtsgüter.

Die zur Vorbereitung des Vierten Gesetzes zur Reform des Strafrechts (4. StrRG) vom 23. November 1973 (BGBl. I S. 1725) durchgeführte ausführliche wissenschaftlich-empirische Bestandsaufnahme hat gezeigt, dass die Möglichkeit einer Jugendgefährdung durch Schriften zwar nicht erhärtet, trotz überwiegend in die Gegenrichtung weisender Stellungnahmen aber auch nicht ausgeschlossen werden kann. Die maßgeblichen Vorarbeiten zu diesem Gesetz waren schon in der 6. Wahlperiode geleistet worden (vgl. BTDrucks. 7/80, S. 14). Die Beibehaltung des § 6 GjS damaliger Fassung wurde seinerzeit im wesentlichen im Zusammenhang mit der Novellierung des § 184 StGB (Verbreitung von Pornographie) diskutiert. Trotz umfangreicher Anhörung von Sachverständigen aus den Gebieten der Soziologie, Sexualwissenschaften, Psychiatrie, Psychologie, Pädagogik, Gerichtsmedizin, Kriminologie, Theologie, Philosophie und Rechtswissenschaft sowie von Praktikern der Kriminalpolizei, Fürsorge, Jugendhilfe und des Erziehungswesens konnte der Sonderausschuß für die Strafrechtsreform die Frage der Jugendgefährdung nicht einwandfrei klären. Bei aller Uneinigkeit im übrigen herrschte Einmütigkeit in der Einschätzung, dass die Beurteilung der eingeholten wissenschaftlichen Stellungnahmen über mögliche Wirkungszusammenhänge von Lektüre und psychischer Entwicklung durch das Fehlen von systematischen Untersuchungen und Langzeitstudien erschwert werde (vgl. zum Vorstehenden: Schriftlicher Bericht des Sonderausschusses für die Strafrechtsreform, BTDrucks. VI/3521, S. 1, 3, 58 ff. sowie 65 f.; zum Fortgang des Gesetzgebungsverfahrens siehe insbesondere Bericht und Antrag des Sonderausschusses für die Strafrechtsreform, BTDrucks. 7/514, S. 10 f. und 12 f.).

In einer solchen wissenschaftlich ungeklärten Situation ist der Gesetzgeber befugt, die Gefahrenlagen und Risiken abzuschätzen und zu entscheiden, ob er Maßnahmen ergreifen will oder nicht (vgl. BVerfGE 49, 89 (131* f.)). Zusätzliche Rechtfertigung erfährt seine Entscheidung dadurch, dass das mit der Kunstfreiheit konkurrierende Rechtsgut hauptsächlich in Art. 6 Abs. 2 Satz 1, aber auch in Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG verankert ist und einen dementsprechend hohen Rang einnimmt. Den ihm zustehenden Entscheidungsraum hätte der Gesetzgeber daher nur dann verlassen, wenn eine Gefährdung Jugendlicher nach dem Stand der Wissenschaft vernünftigerweise auszuschließen wäre. Davon kann nach dem Ergebnis der Beratungen zum Vierten Strafrechtsreformgesetz nicht die Rede sein.

3. Entscheidet sich der Gesetzgeber dafür, der vorbehaltlos gewährleisteten Kunstfreiheit Belange des Kinder- und Jugendschutzes gegenüberzustellen, so ergeben sich aus dem Verfassungsrecht Anforderungen, denen das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften bei verfassungskonformer Auslegung genügt.

a) Rechtsstaatsprinzip und Demokratiegebot verpflichten den Gesetzgeber, die für die Grundrechtsverwirklichung maßgeblichen Regelungen im wesentlichen selbst zu treffen und diese nicht dem Handeln und der Entscheidungsmacht der Exekutive zu überlassen (vgl. BVerfGE 33, 125 (158*); 34, 52 (60); 34, 165 (192* f.); 45, 400 (417); 47, 46 (78 f.); 49, 89 (127*)). Wie weit der Gesetzgeber die für den fraglichen Lebensbereich erforderlichen Leitlinien selbst bestimmen muss, richtet sich maßgeblich nach dessen Grundrechtsbezug. Eine Pflicht dazu besteht, wenn miteinander konkurrierende grundrechtliche Freiheitsrechte aufeinandertreffen und deren jeweilige Grenzen fließend und nur schwer auszumachen sind. Dies gilt vor allem dann, wenn die betroffenen Grundrechte nach dem Wortlaut der Verfassung vorbehaltlos gewährleistet sind und eine Regelung, welche diesen Lebensbereich ordnen will, damit notwendigerweise ihre verfassungsimmanenten Schranken bestimmen und konkretisieren muss. Hier ist der Gesetzgeber verpflichtet, die Schranken der widerstreitenden Freiheitsgarantien jedenfalls so weit selbst zu bestimmen, wie sie für die Ausübung dieser Freiheitsrechte wesentlich sind (vgl. auch BVerfGE 6, 32 (42*); 20, 150 (157 f.); 80, 137 (161*)).

b) Nach diesen Grundsätzen musste der Gesetzgeber den Ausgleich von Kunstfreiheit und Jugendschutz im Bereich jugendgefährdender Schriften selbst regeln. Das hat er in Gestalt des § 1 Abs. 2 Nr. 2 GjS getan. Aus dessen Wortlaut und systematischer Stellung könnte zwar geschlossen werden, dass der Kunstvorbehalt nur für Indizierungen gilt, welche auf der Grundlage des § 1 Abs. 1 Satz 1 und 2 GjS vorgenommen werden, und nicht die Fälle des § 6 GjS ergreift, wonach die Folgen der §§ 3 bis 5 GjS ohne Aufnahme in die Liste eintreten. Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gebietet jedoch eine verfassungskonforme Auslegung dahin, dass der Kunstvorbehalt auch im Falle des § 6 GjS eingreift (vgl. BVerfGE 30, 336 (350)).

Der Gesetzgeber darf sich zwar im Widerstreit der wissenschaftlichen Meinungen für die Auffassung entscheiden, dass Schriften im Sinne des § 1 Abs. 1 Satz 2 GjS grundsätzlich geeignet sind, Kinder und Jugendliche sittlich zu gefährden. Er darf mit Rücksicht auf die Kunstfreiheit jedoch nicht anordnen, bei einer bestimmten Art besonders gefährdender Schriften genieße der Jugendschutz stets und ausnahmslos Vorrang. Gerät die Kunstfreiheit mit einem anderen Recht von Verfassungsrang in Widerstreit, müssen vielmehr beide mit dem Ziel der Optimierung zu einem angemessenen Ausgleich gebracht werden. Dabei kommt dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit besondere Bedeutung zu (BVerfGE 30, 173 (199*)). Außerdem ist zu beachten, dass die Kunstfreiheit das Menschenbild des Grundgesetzes ebenso mitprägt, wie sie selbst von den Wertvorstellungen des Art. 1 Abs. 1 GG beeinflußt wird (vgl. BVerfGE 30, 177 (193 und 195)). Bei Herstellung der geforderten Konkordanz ist daher zu beachten, dass die Kunstfreiheit Ausübung und Geltungsbereich des konkurrierenden Verfassungsrechtsgutes ihrerseits Schranken zieht (vgl. BVerfGE 77, 240 (253)). All dies erfordert eine Abwägung der widerstreitenden Belange und verbietet es, einem davon generell - und sei es auch nur für eine bestimmte Art von Schriften - Vorrang einzuräumen.

c) Diesem Erfordernis ist nicht schon dadurch Rechnung getragen, dass die §§ 3 bis 5 GjS die Verbreitung von Kunstwerken, die als schwer jugendgefährdend einzustufen sind, nicht völlig verhindern, sondern nur Werbe- und Verbreitungsbeschränkungen unterwerfen. Die Verweisung auf die danach noch zulässigen Formen des Handels schränkt die Verbreitung der Schrift auch an Erwachsene erheblich ein und macht eine Berücksichtigung der Kunstfreiheit bei der Indizierung nicht entbehrlich. Dem Gesetz darf daher von Verfassungs wegen, insbesondere wegen der vorbehaltlosen Verbürgung des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG, nicht der Inhalt gegeben werden, dass das Kunstprivileg seines § 1 Abs. 2 Nr. 2 ausschließlich für Indizierungen reserviert ist, die auf der Grundlage von § 1 Abs. 1 GjS vorgenommen werden. Es läßt eine Auslegung auch in die andere, vom Grundgesetz gebotene Richtung zu. Wortlaut und Systematik streiten nicht so eindeutig in die nach dem Grundgesetz abzulehnende Richtung, dass der Wille des Gesetzgebers durch diese verfassungskonforme Auslegung in sein Gegenteil verkehrt und die Grenzen der Auslegung damit überschritten würden (vgl. BVerfGE 2, 266 (282); 8, 28 (34); 8, 210 (221)).

Den Materialien (siehe insbesondere Regierungsentwurf zum GjS, BTDrucks. I/1101, S. 11) ist zu entnehmen, dass der Gesetzgeber mit der sogenannten Kunstklausel (§ 1 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 RegE) Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG Rechnung tragen wollte. In der Konsequenz dieses Willens liegt es, § 1 Abs. 2 Nr. 2 GjS auch auf § 6 GjS anzuwenden, wenn diese Bestimmung andernfalls der Verfassung widerspräche. Die § 6 GjS erfassende Geltung der Kunstklausel läßt sich auch mit dem Wortlaut der letztgenannten Bestimmung vereinbaren. Hiernach gelten die Beschränkungen der §§ 3 bis 5 GjS für die in ihren Nummern 1 bis 3 genannten Schriften, "ohne dass es einer Aufnahme in die Liste und einer Bekanntmachung bedarf". Damit ist die Deutung zu vereinbaren, eine Anwendung des § 6 GjS setze voraus, dass die Schrift überhaupt gestützt auf § 1 Abs. 1 GjS in die Liste aufgenommen werden dürfte, also kein Hinderungsgrund im Sinne von § 1 Abs. 2 Nr. 2 GjS gegeben ist. Die systematische Stellung der Kunstklausel spricht wegen dieser sinngemäßen Verweisung daher nicht zwingend gegen die von Verfassungs wegen gebotene Auslegung des § 6 in Verbindung mit § 1 Abs. 2 Nr. 2 GjS. Danach ist die gesetzliche Regelung so zu verstehen, dass der Kunstvorbehalt auch bei den in § 6 GjS genannten Schriften eingreift, jedoch in diesen Fällen nicht zu einem generellen Vorrang der Kunst führt, sondern zu einer Abwägung im Einzelfall verpflichtet.

d) § 6 GjS, namentlich seine Nummer 3, unterliegt auch im übrigen keinen durchgreifenden verfassungsrechtlichen Bedenken. Solche ergeben sich insbesondere nicht aus dem Bestimmtheitsgebot.

Gesetzliche Regelungen müssen so gefasst sein, dass der Betroffene seine Normunterworfenheit und die Rechtslage so konkret erkennen kann, dass er sein Verhalten danach auszurichten vermag (vgl. BVerfGE 45, 400 (420); 58, 257 (278*); 62, 169 (183)). Die Anforderungen an die Bestimmtheit erhöhen sich mit der Intensität, mit der auf der Grundlage der betreffenden Regelung in grundrechtlich geschützte Bereiche eingegriffen werden kann. Dies hat jedoch nicht zur Folge, dass die Norm dann überhaupt keine Auslegungsprobleme aufwerfen darf. Dem Bestimmtheitserfordernis ist vielmehr genügt, wenn diese mit herkömmlichen juristischen Methoden bewältigt werden können (vgl. BVerfGE 17, 67 (82)).

§ 6 GjS hält diesen Anforderungen stand (vgl. schon BVerfGE 11, 234 (238)). Seine Tatbestandsmerkmale, namentlich die seiner Nummer 3, lassen sich - wie die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zeigt (siehe insbesondere BGHSt 8, 80 (83 ff.)) - durch Auslegung so weit konkretisieren, dass sie selbst dem Bestimmtheitsgebot des Art. 103 Abs. 2 GG genügen würde.

4. Bei der Anwendung von § 6 GjS haben Bundesprüfstelle und Fachgerichte jedoch Verfassungsrecht verletzt.

a) Die angegriffenen Entscheidungen sind nicht allein daraufhin zu überprüfen, ob sie auf einer grundsätzlich unrichtigen Anschauung von Bedeutung und Tragweite der Kunstfreiheit beruhen (vgl. BVerfGE 18, 85 (92* f.)). Der verfassungsrechtliche Prüfungsauftrag erstreckt sich hier vielmehr bis in die Einzelheiten der behördlichen und fachgerichtlichen Rechtsanwendung. Denn sein Umfang bestimmt sich insbesondere nach der Intensität, mit der die angegriffenen Entscheidungen das betroffene Grundrecht beeinträchtigen (vgl. BVerfGE 42, 143 (147* ff.); 66, 116 (131*)). Ein nachhaltiger Eingriff, der zu einer intensiveren verfassungsrechtlichen Prüfung führt, liegt nicht allein bei einer strafgerichtlichen Ahndung von Verhalten vor, das unter dem Schutze des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG steht. Ein solcher Eingriff ist vielmehr auch bei anderen Entscheidungen von Staatsorganen anzunehmen, wenn diese geeignet sind, über den konkreten Fall hinaus präventive Wirkungen zu entfalten, das heißt in künftigen Fällen die Bereitschaft mindern können, von dem betroffenen Grundrecht Gebrauch zu machen (vgl. u.a. BVerfGE 43, 130 (135 f.); 67, 213 (222 f.); 75, 369 (376); 77, 240 (250 f.)).

Ein solcher Fall ist hier gegeben. Da Kunstwerke auch sonst durchaus sexuelle Bezüge aufweisen können, sind die angegriffenen Entscheidungen geeignet, die Bereitschaft zu künstlerischer Äußerung zu mindern oder zumindest den Wirkbereich gleichwohl hergestellter Kunstwerke merklich einzuengen. Sie haben daher eine erhebliche Tragweite, welche über den konkreten Fall hinausgeht.

b) Wie oben dargelegt, müssen die vorbehaltlos gewährleistete Kunstfreiheit sowie die ihrer Ausübung widerstreitenden Belange des Kinder- und Jugendschutzes im Einzelfall zur Konkordanz gebracht werden. Keinem der Rechtsgüter kommt von vornherein Vorrang gegenüber dem anderen zu. Das gilt auch für Schriften, die von § 6 GjS erfasst werden. Auch diese dürfen nur nach einer umfassenden Abwägung mit den widerstreitenden Belangen der Kunstfreiheit in die Liste jugendgefährdender Schriften aufgenommen oder den Beschränkungen der §§ 3 bis 5 GjS unterworfen werden. Etwas anderes läßt sich entgegen der Auffassung des Oberverwaltungsgerichts auch nicht aus der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Anachronistischen Zug (BVerfGE 67, 213 (228)) herleiten. Dort wird zwar ausgeführt, zweifelsfrei feststellbare schwerwiegende Beeinträchtigungen des konkurrierenden Rechtsgutes (dort: des Persönlichkeitsrechts) könnten durch die Kunstfreiheit nicht gerechtfertigt werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Prüfung, ob eine solch schwerwiegende Beeinträchtigung festzustellen ist, isoliert, das heißt ohne Berücksichtigung des Charakters des Werks, vorgenommen werden dürfte (vgl. dazu auch BVerfGE 75, 369 (378 ff.)). Die in ihrem Durchsetzungsanspruch betroffenen und bedrohten Rechtsgüter würden zu Lasten der Kunstfreiheit nicht optimiert, wenn allein der widerstreitende Belang betrachtet und die Lösung des Konflikts ausschließlich von der Schwere abhängig gemacht würde, mit der dieser durch das Kunstwerk beeinträchtigt werden könnte.

Bei der Kollision der Kunstfreiheit mit den Interessen des Kinder- und Jugendschutzes kann die von der Verfassung geforderte Konkordanz indes nicht allein auf der Basis vorheriger werkgerechter Interpretation (vgl. BGH, NJW 1983, S. 1194 (1195)) erreicht werden. Kunstwerke können nicht nur auf der ästhetischen, sondern auch auf der realen Ebene Wirkungen entfalten. Gerade Kinder und Jugendliche werden häufig, wenn nicht sogar in der Regel, den vollen Gehalt eines Kunstwerks nicht ermessen können. Dies gilt nicht nur für den labilen, gefährdungsgeneigten Jugendlichen, sondern auch für diejenigen Kinder und Jugendlichen, die kraft Veranlagung oder Erziehung gegen schädigende Einflüsse ohnehin weitgehend geschützt sind. In der Konsequenz dieser Erkenntnis liegt es jedoch nicht, dem Belang des Jugendschutzes stets Vorrang einzuräumen. Es bleibt vielmehr bei dem Gebot der Abwägung.

Auf seiten des Kinder- und Jugendschutzes werden sich Bundesprüfstelle und Fachgerichte im Rahmen des verfahrensrechtlich Möglichen Gewißheit darüber zu verschaffen haben, welchen schädigenden Einfluß die konkrete Schrift ausüben kann. Dies schließt nicht nur eine Betrachtung der Frage ein, in welchem Maße die Akzeptanz erotischer Darstellungen im Zuge "sich ganz allgemein ausbreitender Sexographie" gestiegen ist (so zutreffend BGH, NJW 1990, S. 3026 (3028)). Das erfordert unter Umständen auch eine sachverständig-gutachterliche Ermittlung dieser Folgen. Dabei haben Bundesprüfstelle und Fachgerichte die gesetzgeberische Entscheidung zu akzeptieren, dass Schriften im Sinne des § 1 Abs. 1 GjS überhaupt geeignet sein können, Kinder und Jugendliche in ihrer charakterlich-sittlichen Entwicklung, das heißt in der Herausbildung ihrer Persönlichkeit, zu beeinträchtigen.

Für die Gewichtung der Kunstfreiheit kann von Bedeutung sein, in welchem Maße gefährdende Schilderungen in ein künstlerisches Konzept eingebunden sind. Die Kunstfreiheit umfasst auch die Wahl eines jugendgefährdenden, insbesondere Gewalt und Sexualität thematisierenden Sujets sowie dessen Be- und Verarbeitung nach der vom Künstler selbst gewählten Darstellungsart. Sie wird um so eher Vorrang beanspruchen können, je mehr die den Jugendlichen gefährdenden Darstellungen künstlerisch gestaltet und in die Gesamtkonzeption des Kunstwerkes eingebettet sind (vgl. BVerfGE 30, 173 (195*)). Die Prüfung, ob jugendgefährdende Passagen eines Werkes nicht oder nur lose in ein künstlerisches Konzept eingebunden sind, erfordert eine werkgerechte Interpretation.

Weiterhin kann für die Bestimmung des Gewichtes, das der Kunstfreiheit bei der Abwägung mit den Belangen des Jugendschutzes im Einzelfall beizumessen ist, auch dem Ansehen, das ein Werk beim Publikum genießt, indizielle Bedeutung zukommen. Echo und Wertschätzung, die es in Kritik und Wissenschaft gefunden hat, können Anhaltspunkte für die Beurteilung ergeben, ob der Kunstfreiheit Vorrang einzuräumen ist.

Diese aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG abzuleitenden Prüfungsanforderungen binden nicht nur die Bundesprüfstelle, sondern auch die Gerichte. Eine Nachprüfung der dafür maßgebenden Wertungen ist möglich und geboten. Die Gerichte dürfen den Umfang ihrer Prüfung, ob die Indizierung mit der Kunstfreiheit vereinbar ist, nicht dadurch schmälern, dass sie der Bundesprüfstelle insoweit einen nur eingeschränkt nachprüfbaren Beurteilungsspielraum einräumen. Dies wäre mit dem unmittelbar aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG folgenden Gebot nicht zu vereinbaren, die widerstreitenden Güter von Verfassungsrang zur Konkordanz zu bringen.

Damit ist nicht gesagt, dass der Bundesprüfstelle überhaupt kein Beurteilungsspielraum verbleiben könnte. Diese Frage steht - entgegen der Auffassung der Verfassungsbeschwerde - hier nicht zur Entscheidung. Denn Bundesverwaltungsgericht und Oberverwaltungsgericht haben in den angegriffenen Entscheidungen weder hinsichtlich der Jugendgefährdung noch bei der Frage, ob die Schrift der Kunst dient, auf einen Beurteilungsspielraum der Bundesprüfstelle abgestellt.

c) Die angegriffenen Entscheidungen werden den verfassungsrechtlichen Anforderungen nicht gerecht. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Tatbestandsvoraussetzungen des § 6 GjS geprüft und bejaht, ohne die von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gebotene Gesamtabwägung vorzunehmen. Es hat sich auf die Gegenüberstellung der Folgen beschränkt, welche eine auf der Grundlage von § 1 Abs. 1 und § 6 GjS vorgenommene oder unterlassene Indizierung für das Kunstwerk oder den Kinder- und Jugendschutz hätte. Von Verfassungs wegen geschuldet ist jedoch eine Abwägung, welche anhand der oben skizzierten, von den Fachgerichten im einzelnen auszufüllenden und zu ergänzenden Gesichtspunkte die widerstreitenden Belange gewichtet und die maßgebliche Frage beantwortet, ob das Werk überhaupt die mit den §§ 3 bis 5 GjS verbundenen Beschränkungen des Wirkbereiches hinzunehmen hat.

Das Oberverwaltungsgericht hat gleichfalls die Tatbestandsmerkmale des § 6 GjS geprüft, ohne dabei die widerstreitenden Belange der Kunstfreiheit in der gebotenen Weise zu berücksichtigen.

Die Entscheidungen von Verwaltungsgericht und Bundesprüfstelle verletzen schon deshalb Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG, weil sie die Anerkennung seines Schutzbereichs von kunstfremden Merkmalen abhängig gemacht haben.

5. Sämtliche Entscheidungen sind danach aufzuheben. Welches Ergebnis eine Abwägung nach den dargelegten verfassungsrechtlichen Grundsätzen haben wird, ist offen und bleibt der Entscheidung der Bundesprüfstelle vorbehalten.

II.

Begründet ist auch die Rüge, die gesetzliche Regelung über die Besetzung der Bundesprüfstelle genüge nicht den von Verfassungs wegen zu stellenden Anforderungen.

1. Die Besetzung der Bundesprüfstelle ist allerdings nicht schon unter dem Gesichtspunkt zu beanstanden, dass "Private" an der Entscheidung beteiligt werden.

a) Die Beisitzer aus den in § 9 Abs. 2 GjS genannten Bereichen handeln bei ihrer Tätigkeit nicht als Private, sondern als Träger eines Amtes, das ihnen mit der Ernennung durch den Bundesminister übertragen worden ist. Die Ernennung durch den Minister als Mitglied einer dem Parlament verantwortlichen Regierung vermittelt ihnen zugleich die demokratische Legitimation.

Das Demokratieprinzip wird auch nicht deshalb verletzt, weil die Mitglieder der Bundesprüfstelle nach § 10 GjS nicht an Weisungen gebunden sind. Die der Bundesprüfstelle übertragenen Aufgaben sind nach Art und Umfang nicht von einer solchen politischen Tragweite, dass unter dem Gesichtspunkt eines "ministerialfreien Raums" (vgl. BVerfGE 9, 268 (281 f.)) Bedenken bestünden.

b) Die Betrauung von Personen, die nicht in einem öffentlichrechtlichen Dienst- und Treueverhältnis stehen, mit Entscheidungsbefugnissen verstößt auch nicht gegen Art. 33 Abs. 4 GG. Zum einen geht es hier nicht um die ständige Ausübung hoheitlicher Befugnisse, sondern um die zeitlich begrenzte Wahrnehmung einer öffentlichen Aufgabe. Zum anderen ist die Beteiligung von Vertretern gesellschaftlicher Gruppen hier unter dem Gesichtspunkt gerechtfertigt, dass Entscheidungen, die die Presse- und Kunstfreiheit betreffen, möglichst in einer gewissen Staatsferne und aufgrund einer pluralistischen Meinungsbildung ergehen sollen. Dieser Gedanke hat in § 9 Abs. 2 GjS eine adäquate verfahrensrechtliche Ausgestaltung gefunden.

Die staatliche Verwaltung nimmt danach nicht in Anspruch, die Wertmaßstäbe für die Indizierungsentscheidung mit dem eigenen, monokratisch strukturierten Beamtenapparat zu bestimmen. Sie stellt vielmehr ein Forum zur Verfügung, auf dem die widerstreitenden Wertvorstellungen ermittelt und die Entscheidung im Hinblick auf ein ganz bestimmtes Werk aufgrund einer Erörterung gefällt wird. Die Beteiligung von Gruppenvertretern soll dabei gerade im Interesse der Kunstfreiheit sicherstellen, dass alle für die Indizierungsentscheidung maßgeblichen Gesichtspunkte gesammelt, die hierbei tragenden Werte ermittelt und zu einem Ausgleich gebracht werden.

c) Die in § 9 Abs. 2 GjS getroffene Auswahl der Bereiche, aus denen Gruppenvertreter zur Mitwirkung an den Entscheidungen der Bundesprüfstelle berufen werden, begegnet keinen Bedenken.

Insbesondere ist nicht zu beanstanden, dass im Gegensatz zu Religionsgemeinschaften (§ 9 Abs. 2 Nr. 8 GjS) weltanschauliche Gruppen keine Berücksichtigung finden. Das verstößt nicht gegen den Gleichheitssatz. Richtig ist zwar, dass die Arbeit der Kirchen in der Jugendpflege ihrem jeweiligen religiösen Hintergrund verpflichtet ist. Kirchen werden jedoch vor allem deshalb an der Tätigkeit der Bundesprüfstelle beteiligt, weil sie sich seit jeher in besonderem Maße mit der Kinder- und Jugendbetreuung befasst haben. Das gilt für weltanschauliche Gemeinschaften im Hinblick auf den Jugendschutz nicht in gleicher Weise.

Nicht zu beanstanden ist ferner, dass Parteien und Gewerkschaften keine Gruppenbeisitzer entsenden können. Bei der Bundesprüfstelle geht es, anders als etwa bei den Rundfunkräten, nicht um eine Kontrolle durch die relevanten gesellschaftlichen Kräfte, sondern um die Beteiligung derjenigen Kreise, die für die Beurteilung des jugendgefährdenden Charakters oder der künstlerischen Bedeutung von Schriften besonders qualifiziert sind.

Der Gesetzgeber hat auch keine sonstigen Sachbereiche, aus denen zur Entscheidung voraussichtlich wesentliche Gesichtspunkte beigesteuert werden könnten, in verfassungsrechtlich zu beanstandender Weise außer acht gelassen. Bei der Schaffung des § 9 Abs. 2 GjS stand ihm ein Gestaltungsraum offen. Dabei durfte er auch beachten, dass mit zunehmender Größe die Leistungsfähigkeit des Gremiums leidet. Anzeichen dafür, er habe diesen Gestaltungsraum überschritten und bedeutsame Gruppierungen unberücksichtigt gelassen, sind nicht zu erkennen.

d) Die zu beteiligenden Kreise sind auch in § 9 Abs. 2 GjS hinreichend bestimmt abgegrenzt. Wie oben (I. 3. d)*) ausgeführt, ist dem Bestimmtheitserfordernis genügt, wenn Auslegungsprobleme mit den herkömmlichen juristischen Methoden bewältigt werden können. Dies wird durch die Aufzählung in § 9 Abs. 2 GjS gewährleistet. Es mag zwar sein, dass es zwischen den Bereichen Kunst und Literatur gewisse Überschneidungen gibt; die sich hieraus ergebenden Abgrenzungsfragen sind aber lösbar, wie die bisherige Praxis zeigt.

2. Der parlamentarische Gesetzgeber hat jedoch wesentliche Fragen der Zusammensetzung der Bundesprüfstelle nicht selbst geregelt, auch nicht durch eine den Anforderungen des Art. 80 Abs. 1 Satz 2 GG genügende Verordnungsermächtigung.

a) Die Wesentlichkeitstheorie (vgl. oben I. 3. a)*) beantwortet nicht nur die Frage, ob überhaupt ein bestimmter Gegenstand gesetzlich geregelt sein muss. Sie ist vielmehr auch dafür maßgeblich, wie weit diese Regelungen im einzelnen gehen müssen (vgl. BVerfGE 34, 165 (192*); 49, 89 (127* u. 129); 57, 295 (327*)). Das ergibt sich aus der Pflicht, mit der Abgrenzung der konkurrierenden Freiheitsrechte der gesetzesanwendenden Verwaltung im einzelnen inhaltlich vorzugeben, bis zu welchem Grade sie den durch die Indizierungsentscheidung betroffenen Freiheitsbereich des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG beschränken darf (vgl. auch BVerfGE 6, 32 (42*); 20, 150 (157); 80, 137 (161*)). Zu der danach vom Gesetzgeber in ihren wesentlichen Leitlinien zu regelnden Materie zählt auch die Ausgestaltung des Verwaltungsverfahrens, in welchem die Grenzen der konkurrierenden Freiheitsrechte abgesteckt werden sollen. Hier ist es erforderlich, eine Verfahrensordnung bereitzustellen, die an dieser Aufgabe orientiert und zugleich geeignet ist zu bewirken, was Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gewährleisten will (vgl. BVerfGE 53, 30 (65*); 65, 76 (94), jeweils m.w.N.). Das Gebot, Grundrechte durch entsprechende Verfahrensvorschriften zu verwirklichen, richtet sich dabei zunächst an den Gesetzgeber (BVerfGE 73, 280 (296)). Wirkt sich das Verwaltungsverfahren unmittelbar auf grundrechtlich geschützte Positionen aus, müssen die Verfahrensvorschriften in deren Interesse rechtssatzförmig festgelegt sein. Das ist hier nicht ausreichend geschehen.

b) Nicht zu beanstanden ist allerdings, dass der Gesetzgeber den Gruppenbeisitzern keine Qualifikationsprüfung abverlangt. Ziel ihres Mitwirkens ist es, die Anschauungen der sachkundigen Kreise einzubringen. Es fehlt damit jeder durchgreifende Grund, den einzelnen Gruppenbeisitzern einen über die Verbandszugehörigkeit hinausgehenden Qualifikationsnachweis abzuverlangen.

Der Zwang zum Austausch der aufeinanderprallenden Auffassungen mit dem Ziel, eine möglichst umfassende Zusammenschau aller Belange herzustellen, wird vom Gesetz in einer Weise gesichert, welche den Freiheitsanspruch des von der Indizierung bedrohten Werkes (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG) hinreichend wahrt. Das Erfordernis einer qualifizierten Mehrheit (§ 13 GjS) gewährleistet, dass Minderheitsauffassungen nicht ohne weiteres überstimmt werden können und bei Meinungsverschiedenheiten eine Indizierung nur möglich ist, wenn eine deutliche Mehrheit von deren Notwendigkeit überzeugt ist.

Dieses Prinzip wird durch das in § 9 Abs. 3 GjS verankerte Quorum wirkungsvoll ergänzt. Es stellt den Minderheitenschutz sicher und garantiert zugleich, dass keiner der konkurrierenden Belange einseitig hintangestellt wird. Wollte man - wie es der Beschwerdeführerin vorzuschweben scheint - die Tätigkeit der Bundesprüfstelle schon wegen beständigen Fernbleibens von ein oder zwei Gruppenbeisitzern in Frage stellen, so wäre es in die Hand einiger weniger Gruppenbeisitzer gegeben, den in der Verfassung verankerten Schutz von Kindern und Jugendlichen, dem das Gesetz dient, zu verhindern. Andererseits ist durch die Regelungen des § 9 Abs. 3 Satz 2 in Verbindung mit § 13 GjS im Interesse des bedrohten Freiheitsrechtes aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG sichergestellt, dass mit schwindender Mitgliederzahl das den dann verbliebenen Stimmen zukommende Gewicht abgeschwächt wird. Wenn nur neun Mitglieder anwesend sind, müssen nicht zwei Drittel, sondern sieben für die Indizierung stimmen; andernfalls hat sie zu unterbleiben.

c) Das Verfahren zur Auswahl der Gruppenbeisitzer ist gesetzlich jedoch nur unzureichend geregelt.

Das rechtssatzförmig festzulegende Verfahren muss dem Interesse an einer möglichst umfassenden Ermittlung aller bei der Indizierungsentscheidung zu beachtenden Gesichtspunkte Rechnung tragen. Der Gesetzgeber muss daher die Personengruppen und Verbände näher bestimmen, die aus den Kreisen des § 9 Abs. 2 GjS für die Entsendung von Beisitzern in Betracht kommen. Darüber hinaus hat er zu regeln, wie die einzelnen Beisitzer auszuwählen sind. Dabei muss angestrebt werden, dass die in den beteiligten Kreisen vertretenen Auffassungen zumindest tendenziell vollständig erfasst werden.

Das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften enthält solche Regelungen nicht, auch nicht in Form einer hinreichend bestimmten Verordnungsermächtigung. Die dem Verordnungsgeber erteilten Ermächtigungen betreffen nicht das Auswahlverfahren. Dies gilt insbesondere auch für § 23 GjS, der sich nur auf das Verfahren der Bundesprüfstelle bezieht, aber keine Vorgaben für die Auswahl der Beisitzer enthält.

3. Bis zu einer Neuregelung, längstens bis zum Jahresende 1994, sind diese Mängel jedoch hinzunehmen.

Es entspricht der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, durch seine Entscheidungen keinen Zustand herbeizuführen, der mit der Verfassung noch weniger vereinbar wäre als der gegenwärtige. Dies schließt es aus, die gegenwärtige Regelung nicht nur als mit dem Grundgesetz unvereinbar, sondern sogar als nichtig anzusehen. Denn dies hätte zur Folge, dass die Bundesprüfstelle zum Schutze von Kindern und Jugendlichen überhaupt nicht mehr tätig werden könnte. Der grundrechtlich verankerte Schutz von Kindern und Jugendlichen vor einer Gefährdung der Persönlichkeitsentwicklung erfordert eine vorübergehende Fortgeltung des gegenwärtigen Rechtszustandes trotz seiner Mängel. Andererseits ist es mit den durch die Indizierung betroffenen Freiheitsrechten, namentlich mit der Verbürgung aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG, nicht zu vereinbaren, dass dieser Zustand über eine unabsehbar lange Zeit fortdauert.

Vier Jahre sind als angemessener Zeitraum anzusehen. Zwar ist in Rechnung zu stellen, dass der Gesetzgeber durch die mit der Einigung der beiden deutschen Staaten zusammenhängenden Fragen in besonders starkem Maße beansprucht wird. Hier handelt es sich jedoch um Organisationsentscheidungen in einem überschaubaren Bereich, die keine allzu langen Vorbereitungsarbeiten erfordern.

III.

Die übrigen Rügen sind unbegründet.

1. Das Zitiergebot (Art. 19 Abs. 1 Satz 2 GG) wird nicht verletzt. Es findet nur Anwendung auf Grundrechte, die aufgrund ausdrücklicher Ermächtigung vom Gesetzgeber eingeschränkt werden dürfen (vgl. BVerfGE 21, 92 (93); 24, 367 (396* f.); 64, 72 (79 f.)). Dazu gehört jedoch das Grundrecht aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG nicht.

2. Die Rüge, der Bundesprüfstelle sei unter anderem unter Verletzung von Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 20 Abs. 3, Art. 19 Abs. 4 Satz 1 und Art. 103 Abs. 1 GG ein Beurteilungsspielraum eingeräumt worden, geht ins Leere. Bundes- und Oberverwaltungsgericht haben in den hier angegriffenen Entscheidungen weder bezüglich der Beurteilung der Jugendgefährdung noch hinsichtlich der Absteckung des Freiheitsbereiches aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG auf eine Einschätzungsprärogative der Bundesprüfstelle abgestellt.

3. Die Indizierung des Taschenbuchs verstößt auch nicht gegen das Zensurverbot aus Art. 5 Abs. 1 Satz 3 GG. Die Verfassung verbietet nur die Vorzensur. Darunter ist die präventive Vorschaltung eines behördlichen Verfahrens zu verstehen, vor dessen Abschluß das Werk nicht publiziert werden darf (vgl. BVerfGE 33, 52 (71 ff.)). Ein solches Verfahren sieht das Gesetz nicht vor. Es enthält allein Ermächtigungsgrundlagen für repressive Maßnahmen. In der Tat wurde das Taschenbuch erst vier Jahre nach seiner Veröffentlichung indiziert. Dass wegen § 18 a GjS die Möglichkeit dieser Maßnahme bereits bei Herausgabe des Romans im Jahre 1978 abzusehen war, führt nur zur gesteigerten Vorhersehbarkeit des drohenden repressiven staatlichen Handelns, verleiht ihm jedoch nicht gleichsam vorwirkend präventive Züge (vgl. BVerfG, a.a.O., S. 73).

Herzog Henschel
Seidl Grimm
Söllner Dieterich
Kühling Seibert

Entscheidung vom 27.11.1990