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Ans Ende der Welt und zurück


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Am Horizont glaubte ich eine sich langsam nähernde Straßenbahn zu erahnen, die laut Fahrplan genau jetzt hier sein sollte. Es war tatsächlich eine, doch ein Müllwagen stand auf den Schienen. Geduldig wartete der Zug, bis sich der orangefarbene Lastwagen dann doch wieder in Bewegung setzte. Kaum jemand stieg aus der Straßenbahn aus, aber viele ein.

Alles voll mit herumblödelnden Schulkindern, was bei mir doch schon einige Zeit her war. Obwohl, geblödelt hatten meistens die anderen. Ein Mann, der bei der mittleren Tür saß, drehte sich alle fünf Sekunden um, eine Mutter, die mit ihrem Kind unterwegs war, wirkte sehr hektisch. Jemand aß etwas, das er wahrscheinlich kurz vorher in einer Bäckerei gekauft hatte, wenigstens war es kein Leberkäse.

Wir hielten an der nächsten Haltestelle, auf der beleuchteten Werbefläche eine Frau in Unterwäsche, auf der anderen Seite Zigarettenwerbung. Die Kinder kicherten, ein Handy piepste.

„Sehr geehrte Fahrgäste“, war auf dem Weg zum nächsten Halt zu hören, „wir bitten Sie, Ihren Sitzplatz anderen Personen zu überlassen, wenn diese ihn notwendiger brauchen.“ Schön, aber genauso könnten sie „wir ersuchen Sie, keine Geldbörsen zu stehlen und in Zukunft innerhalb von zehn Minuten vor dem Einsteigen nicht mehr zu rauchen“ durchsagen.

Der Straßenbahnzug stand in der Haltestelle und fuhr nicht weiter, obwohl es grün war. Es wurde rot und blieb es auch scheinbar endlos lang, und auch wie es wieder grün wurde, fuhren wir nicht weiter. Es war 7 Uhr 52. Erst, als die Ampel schon fast wieder umgesprungen wäre und noch ein paar Leute noch schnell zum noch offenen vorderen Einstieg liefen, setzte sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung. Jetzt schien es zügig weiter zu gehen, und der Stau neben dem Gleiskörper war mir egal. Ich hatte mich schon immer gefragt, wo die ganzen in die Stadt fahrenden Autos eigentlich dann parkten. Wurden dann den ganzen Tag, obwohl eigentlich nicht erlaubt und auf Dauer ohnehin kostspielig, die Parkscheine ausgetauscht, oder konnten sich die alle die Innenstadt-Preise der Garagen leisten? Oder waren alle geschäftlich unterwegs und blieben höchstens ein, zwei Stunden wo stehen? Wir fuhren trotz eigenem Gleiskörper nur langsam weiter, weil es an der nächsten Kreuzung sowieso schon wieder rot war.

Wenn die Aufzugtür nicht noch im letzten Moment wieder aufgehen würde, und es höchstens einen Zwischenhalt gab, dann könnte es sich vielleicht ausgehen. Wie die Tür schon halb geschlossen war, stiegen aber doch noch zwei ein und drückten jeweils ein Stockwerk unterhalb von meinem. Wir sagten uns ein schnelles, halblautes „Guten Morgen“, bevor sich die Türen endlich schlossen.

Schnellen Schrittes ging ich durch den breiten Gang in das Büro. Ich grüßte allgemein, derjenige, der hier sowas wie mein Vorgesetzter war, reagierte darauf aber nur mit einem leicht böse wirkenden Blick. Es war 8 Uhr 3. Egal ob es 7 Uhr 55, 58 oder genau 8 Uhr war, er war immer da. Manchmal glaubte ich, dass er wohl hier übernachtete.

Ich stellte meinen Rucksack auf den Boden neben meinen Arbeitstisch, schaltete den Monitor und den Computer ein, und während dieser hochstartete, hängte ich meine Jacke auf den Kleiderständer. Nach dem Datenbank-Programm öffnete ich die Auftragsliste und ein paar Dokumente, die ich irgendwann gestern am Nachmittag noch schnell gespeichert hatte und bearbeiten sollte. Nachdem das aber nicht extrem dringend war und ich für diesen Tag genug hatte, war ich pünktlich gegangen. In meinem E-Mail-Posteingang fanden sich drei Rundschreiben und interne Massenmails, ein paar Büroscherz-Mails und eine Anfrage mit vier Rufzeichen im Betreff, wann denn jetzt endlich die Computer in der Filiale in Wiener Neustadt aufgestellt würden. Durch ein Gefühl in der Magengegend angetrieben, versuchte ich daraufhin gleich den Techniker, der das eigentlich vor zwei Tagen hätte manchen sollen, auf seiner Handy-Nummer zu erreichen, aber ich kam nur zur Mobilbox.

Während ich noch einmal versuchte, dort anzurufen, kramte ich in meinem Rucksack. Ich hatte zwei Scheiben einer abgepackten Mehlspeise als Frühstück mitgenommen, die ich, wie niemand direkt zu mir herüberschaute und es vielleicht so aussehen könnte, wie wenn ich nicht wirklich etwas arbeiten würde, schnell verspeiste. Gerne würde ich zuhause richtig gemütlich frühstücken, so wie am Samstag und Sonntag manchmal, aber da müsste ich noch früher aufstehen.

„Was ist mit dem Auftrag in Wiener Neustadt, wie schauen wir da aus?“, fragte plötzlich mein Chef, der an einem Tisch ein paar Meter von meinem entfernt saß. Ich bewunderte ja fast, wie viel Geduld er manchmal mit mir hatte – aber ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass ich mich oft mehrmals in der Woche, eher schon mehrmals pro Tag, für irgendwas rechtfertigen oder eine sehr schnelle Antwort auf eine unvorhergesehene Frage abliefern musste.
„Ja – da bin ich grade dabei“, sagte ich erst einmal.
„Sagen Sie es mir dann“, schien er für den Moment zufrieden zu sein. Dieser Auftrag war ja hauptsächlich meine Sache, und wahrscheinlich hatte er die E-Mail auch als Weiterleitung bekommen.

Für einen anderen Auftrag, den ich noch nicht bearbeitet hatte, vergab ich eine Auftragsnummer und verschickte eine Standard-Bestätigungsmail. Ich überlegte, ob wir die Hardware noch hier hatten, ob ich sie mit der Spedition oder als Paket mit der Post schicken sollte und welchen Techniker ich beauftragen könnte. Selber hätte ich es sicher auch locker installieren können, aber das war hier nicht meine Aufgabe.

Wie jemand mit einer Zigarette in der Hand aus einer anderen Abteilung kam, sich neben meinen Tisch stellte und mit meinem Tischnachbarn tratschte, war das eine gute Gelegenheit für mich, in das Hardware-Lager zu gehen. Die nötige Netzwerkkarte war nicht da, zumindest nicht dort, wo wir noch welche haben sollten. Ich hatte aber unlängst spät aber doch welche nachbestellt, weil wir schon fast alle verwendet hatten, und eigentlich sollten spätestens heute am Vormittag zehn Stück kommen, wenn nicht, dann würde ich nachtelefonieren. Ich hatte geglaubt, dass noch ein, zwei im Lager waren, aber jemand musste sie entweder genommen oder umgeräumt haben. Weil ich sonst momentan nichts machen konnte und der Typ immer noch draußen stand, räumte ich etwas auf.

Manchmal war viel zu tun, wenn auch meistens nur Routinetätigkeiten, und manchmal war der Tag um 9 Uhr eigentlich auch schon gelaufen – da musste ich dann nur noch die Zeit absitzen, für die ich bezahlt wurde, so wie an diesem Tag. Obwohl, vielleicht würde nächste Woche ja auch wieder einmal so ein Massenauftrag kommen – da konnte ich dann schauen, wie ich die 70 Installationen oder so in ganz Österreich bewältigen sollte, und blöd sah es auch aus, wenn ich dann trotzdem irgendwie zur üblichen Zeit gehen wollte.

Um knapp 10 kam dann die Lieferung, von der ich eine Karte kontrollieren, umpacken und adressieren und dann mit dem Botendienst an die Filiale schicken konnte, für die sich heute Nachmittag ein Außendienst-Techniker angekündigt hatte. Am Nachmittag erreichte ich dann doch den, der nach Wiener Neustadt fahren sollte – er sagte mir, dass es sich zeitlich leider nicht anders ausgegangen und er schon auf dem Weg wäre. Ich schrieb eine Standardantwort auf die Mail in zwei Sätzen, weil ich mir auf diese Weise ein Telefongespräch ersparte – die zwei Anrufe, die  ich versäumt hatte, waren zumindest der Nummer nach jedenfalls von dort und wären wahrscheinlich in eine gereizte Diskussion ausgeartet. Eigentlich war es ja ein Irrsinn – es konnte ja nicht so schwierig sein, einen gelieferten Computer auszupacken, anzuschließen und ein paar Sachen einzustellen, und für das, was ich pro Technikerstunde verrechnen sollte, konnte man jedenfalls locker zwei Nächte in einem durchschnittlichen Hotel verbringen.

Die Rückfahrt mit der Straßenbahn schien auch heute wieder irgendwie viel flotter zu gehen. Obwohl es mir eigentlich schnuppe war, ob ich da ein paar Minuten schneller oder langsamer war, so hatten wir die Horrorkreuzung um 16 Uhr 52 schon passiert, und das war gut in der Zeit. Egal, ich war da, ignorierte nach dem letzten vorbeifahrenden Fahrzeug die rote Ampel bei der Haltestelleninsel und ging in eine Seitengasse zu meinem geparkten Auto. Dort konnte man meistens irgendwo parken, während das bei meinem Arbeitsplatz in der Stadt unmöglich war. Es gab zwar dort keine Kurzparkzone, aber einen freien Parkplatz hatte ich dort noch nie gesehen – außer vielleicht, wie ich irgendwann am späten Abend einmal dort vorbeigegangen war. Ein paar Kollegen im Büro redeten manchmal davon, eine halbe Stunde und manchmal noch länger im Kreis zu fahren.

Von hier aus waren es nur noch ein paar Minuten Fahrt durch großteils enge Straßen und ein Einbahn-Labyrinth zu mir nach Hause. Eigentlich könnte ich auch fast gleich zu Fuß gehen, aber da müsste ich noch früher aufstehen, genauso wie ich noch etwas früher aufstehen müsste, um richtig zu frühstücken. Vor 8 Uhr 30 oder frühestens irgendwann vor 8 stand ich eigentlich nicht auf, wenn es nicht sein musste, aber sogar wenn das ginge, müsste ich dann ewig lange in der Arbeit bleiben. Obwohl, bis 15 Uhr würde ich dann wahrscheinlich auch meistens fertig werden und das Gehalt würde auch immer noch locker reichen, aber 30-Stunden-Jobs gab es eben kaum. Entweder 38,5 oder gleich 40, oder zuhause bleiben. Dabei hatte ich ja noch Glück, nur selten zu Überstunden eingeteilt zu werden, obwohl ich mir schon öfters Anspielungen auf mein Gehen fast immer zur genau gleichen Zeit anhören habe können.

Mit dem Fahrrad hatte ich es auch schon probiert und das dauerte eigentlich genauso lang, aber es war mir einfach zu kalt, und dann noch die Steigung bei der Rückfahrt. Obwohl, jetzt ging es ja schön langsam wieder einigermaßen, aber am frühen Morgen war es eben immer noch etwas kühl.

***

„Wir müssen etwas besprechen“, hatte mein Chef an diesem Freitag gesagt, nachdem ich ins Büro gekommen war und gerade meine Auftragsliste bearbeitet hatte. Spätestens nach den ersten Sekunden im Besprechungsraum war mir klar, worum es ging. Auf dem Papier, welches er während seiner freundlichen, aber dennoch ernsten Erklärungen erst einmal in die Mitte des Tisches legte, waren ein paar Standard-Formulierungen zu lesen, nach einem Überfliegen des Textes und meiner Unterschrift darunter war der Schreckensmoment auch schon wieder vorbei.

Ich ging erst einmal an meinen Platz zurück, atmete tief durch und las mir mein Exemplar noch einmal genau durch. So wie er das kurz erwähnt hatte, es hier stand und die das gedreht hatten, begann also nach dem Wochenende mein noch zu konsumierender Resturlaub und eine Zeit, die sie mir praktisch geschenkt hatten, damit sie mich etwas früher als zur regulären Kündigungsfrist los wurden. Theoretisch hätte ich mich ja auch bei der Arbeiterkammer beschweren können, fühlte mich durch den zusätzlichen bezahlten Urlaub aber nicht wirklich übervorteilt, so plötzlich es auch gekommen war.

Der eine Kollege, der gerade mit einem Gesichtsausdruck wie ein Zombie mit seinem Kaffee zurückkam, wusste es wahrscheinlich ohnehin schon. Andere, mit denen ich eigentlich ganz gut ausgekommen war und noch kurz über ein paar mögliche Anfragen redete, die wegen eines gerade laufenden Auftrages noch kommen könnten, waren ziemlich erstaunt. Bevor mich mein Chef heute gerufen hatte, war ich gerade bei den letzten Eingaben beim Aktualisieren von Seriennummern in der Datenbank, was ich dann erst einmal fertig machte. Dann war erst einmal nichts mehr zu tun, wieder einmal.

Hatte ich alles zusammengepackt und die paar privaten Dinge von meinem Computer gelöscht? Die meisten um mich waren entweder recht lautstark in Telefonate verwickelt, oder gerade nicht da, dazwischen dudelte irgendwo das Hitradio. Es war jetzt ein paar Minuten, bevor ich offiziell gehen konnte, und nachdem ich zuvor noch ein paar Standard-Mails zu den laufenden Projekten verschickt hatte, drehte ich den Computer ab.

Das Telefon auf meinem Tisch läutete. Ich hatte keine Ahnung, wer jetzt noch anrufen könnte, und es war mir ehrlich gesagt auch schon völlig egal. Im Stehen hob ich den Hörer ab, sagte kurz „Gusch!“ und legte wieder auf, noch bevor jemand etwas sagen konnte.

Hatte ich das jetzt gerade wirklich gemacht? Es war aber sowieso nur halblaut, und es hatte wohl niemand im Raum gehört. Es war ungefähr eine Minute vor der Zeit, und ich verabschiedete mich noch einmal kurz bei meinem Chef und den anderen in der Nähe, ein Händeschütteln musste schon noch drin sein. „Auf Wiedersehen“ konnte ich sowieso nur leise sagen, weil sie alle immer noch telefonierten.

Das war es jetzt wohl, und bevor das Telefon auf meinem Tisch womöglich noch einmal läutete, nahm ich meinen Rucksack und ging zuerst relativ gemütlich, dann aber recht schnell in Richtung der Aufzugshalle. Als ich kurz wartete, spielte ich mich mit meinem Handy. Toll, ich sollte doch wieder die Tastensperre verwenden – aber trotzdem war es immer noch irgendwie befreiend.

Ich ging am Portier vorbei und grüßte ihn so wie jeden Tag und jedes Wochenende, um dann nach ein paar Schritten über die Stufen erst einmal kurz vor dem Glaspalast stehen zu bleiben. Mit einem Mal sah ich ihn mit ganz anderen Augen, aber vielleicht lag das auch nur daran, dass die dichte Wolkendecke mittlerweile aufgebrochen und alles in grelles Sonnenlicht getaucht war. Ein kräftiger, kühler Windstoß erinnerte mich aber daran, dass es erst April und nicht Mai oder Juni war. Trotzdem fühlte es sich, so wie schon seit ein paar Tagen, zumindest tagsüber recht angenehm warm an, auch wenn ich das eigentlich nur zu Mittag so ein bisschen mitbekommen hatte.

Bei der Haltestelle sah ich, wie gerade eine in die Gegenrichtung fahrende Straßenbahn kam. Anders als sonst wollte ich an diesem Tag irgendwie nicht sofort nach Hause. Ich ging zur anderen Haltestelleninsel hinüber und stieg in den Zug, der in Richtung Innenstadt fuhr. Ein paar Minuten zu Fuß von der Endstation entfernt ging ich in eine Buchhandlung, blätterte etwas in den auf den Tischen ausgestellten Büchern und ging dann etwas später in eine Bäckerei, weil ich gleich auch noch ein bisschen was fürs Frühstück kaufen wollte. Ich stellte mir schon vor, wie ich da irgendwann nach 9 Uhr richtiges Gebäck aufschneiden und mir überlegen würde, was ich drauf streiche. Nicht nur am Samstag und Sonntag, sondern auch am Montag. Beim Anblick der Warteschlange drehte ich aber spontan gleich wieder um und fuhr dann doch sofort und verärgert wieder zurück Richtung stadtauswärts. Das musste ich mir nicht bieten lassen, und irgendwas hatte ich schon noch zuhause.

An meiner Haltestelle angekommen, lief ich einen Meter neben der roten Ampel über die Fahrbahn. Ein einzelnes Auto, gerade vorhin noch in sicherer Entfernung, kam dabei ziemlich nah und hupte; ich zeigte ihm vom Gehsteigrand aus den Mittelfinger nach. Sofort nachher war es mir etwas unangenehm, aber der war auch sicher schneller als 50 gefahren.

Nach wenigen Wortfetzen irgendwelchen Werbegeplappers spielte das Autoradio „Lost my job, wrecked the car ... It don‘t matter, 'cause life ain‘t never been better ...“, genauso wie auch schon heute früh am Weg in die Arbeit. Ich habe diese Arbeit verloren, das Auto löste sich auch schön langsam auf, aber es war doch ohnehin alles egal.

Zuhause sah ich auf meinem Computer erst einmal Spam und per E-Mail verschickte Viren, aber keine richtigen Mails. Ich klickte mich auch nach einiger Zeit wieder durch die Stellenangebote, aber bis auf eines oder zwei fand ich nur lauter Scheißjobs, oder sie klangen zwar interessant, verlangten dann aber am Ende einige Jahre Praxis in einer Programmiersprache, deren Namen ich nur einmal beiläufig wo gehört hatte. EDV-Servicetechniker? MCSE-Zertifikat und 3 bis 5 Jahre Praxis setzen wir voraus. Technischer Sachbearbeiter? Mindestens 2 Jahre Erfahrung mit SAP Bedingung – vor ein paar Jahren hatte ich das Programm einmal bei einem Probetag gesehen. Im Grunde war es auch immer so ziemlich das Gleiche, das ich gerade eben noch gemacht hatte.

Ohne mir viele Gedanken über den Inhalt zu machen, verschickte ich dann schließlich ein paar Standardbewerbungen an halbwegs in Frage kommende Firmen, als Text nahm ich jenen, den ich schon vor zwei Jahren verwendet hatte, änderte ein paar Wörter und Satzstellungen und fügte dann noch drei gut klingende Zeilen über meine letzte Firma in den Lebenslauf ein. Wirklich um einen Job kümmern konnte ich mich später immer noch.

Als ich aus dem Fenster blickte, bemerkte ich, dass es sich doch wieder eingetrübt hatte und es leicht zu regnen begann, so dass ich dann den restlichen Tag irgendwie zu Hause herumlungerte. Der Wetterbericht im Fernsehen sagte dann auch auf unbestimmte Zeit deutliche Abkühlung und immer wieder Regenschauer voraus. „Nein“, sagte ich mit verzogenem Gesicht bei jeder Temperaturangabe, die der Sprecher für die nächsten Tage ansagte, dazu eine Wolke mit angedeuteten Regenstrichen.

***

Es war irgendwann vor 9 Uhr, als ich mich am nächsten Morgen aus dem Bett aufraffte. Mir war etwas kalt, ich erinnerte mich kurz an einen Traum, der irgendwas mit meiner Firma zu tun gehabt hatte, und bei einem Blick aus dem Fenster sah ich nur geschlossene Bewölkung. Weiterhin keine Einigung über das Budget, in Bagdad ist ein Sprengsatz explodiert, in Israel auch, und im Bezirk Mödling ist in der Nacht ein Achtzehnjähriger auf dem Weg nach Wien mit 1,9 Promille über zwei Fußgänger gefahren. Es würde weiter abkühlen und der Wind im Laufe des Tages zulegen, danach verkündete der Verkehrsfunk Stau wegen Überlastung auf den Zufahrten zur Shopping City und starkes innerstädtisches Verkehrsaufkommen.

Ich blätterte das Bezirksjournal durch, das gerade mit der Post gekommen war. Zu wenig Ausbildungsplätze, zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig Parkplätze und zu viel Hundekot auf den Gehsteigen. In einer anderen Zeitschrift war Werbung für sensationelle Verdienstmöglichkeiten ohne jegliche Vorkenntnisse und ganz natürliche Möglichkeiten, innerhalb von 2 Wochen spürbar abzunehmen. Als ich dann die bebilderten Angebote eines Reisebüros sah, hatte ich auf einmal nur noch eines im Sinn.

***

An diesem späten Vormittag im April hatte ich, und der alte Kadett, schließlich ganz Europa vor mir. Es sollen ja auch schon Leute bis nach Indien, Marokko oder so gefahren sein, aber ich hatte zumindest an etwas wie Italien oder Spanien gedacht. Die schienen auf jeden Fall vom Tiefdruckwirbel verschont zu sein, der auf der Wetterkarte über Mitteleuropa zu sehen war.

Ich musste ja auch niemand etwas lange erklären. Nur meine Eltern rief ich kurz an, aber die hatten auch nicht viel mehr zu sagen als mir eine schöne Reise zu wünschen. Sie verreisten ja selber recht oft und hatten auch alle Zeit der Welt dazu. Ich hatte glaube ich ohnehin auch vor ein paar Wochen mit ihnen über Reisen geredet und angedeutet, dass ich mir in nächster Zeit wahrscheinlich Urlaub nehmen würde. Es hätte da vielleicht auch ein, zwei mehr oder weniger gute Freunde gegeben, mit denen ich auch schon irgendwann einmal über einen möglichen gemeinsamen Urlaub geredet hatte – aber die hatten ja sowieso immer so viel zu tun und nie Zeit.

Alles Nötige, jedenfalls eine Zahnbürste und einen Rasierer, ein paar Sachen zum Anziehen, einige Getränke, Müsli- und Schoko-Riegel und dergleichen hatte ich auf der Rückbank und in meinem Rucksack verstaut, dann drei Mal nachgeschaut ob ich auch alles abgeschaltet und abgesperrt hatte und mich dann auf den Weg gemacht.

An der Kreuzung fuhr ich auf die Abbiegespur. Ich hatte mir schon öfters überlegt, was wohl wäre, wenn ich in der Früh dann nicht weiter in die Arbeit fahren, sondern einfach auf diesem stadtauswärts führenden Fahrstreifen bleiben würde.

In einiger Entfernung sah ich jetzt ein paar Leute am Straßenrand stehen. Hier waren zwar ein paar Bushaltestellen nacheinander, aber sie sahen eher so aus, als ob sie auf eine günstige Mitfahrgelegenheit in ferne Länder und weniger auf den nächsten Linienbus warteten. Als die Ampel weiter vorn auf rot schaltete und sich deshalb ein kleiner Stau bildete, hatte ich noch etwas Gelegenheit darüber nachzudenken, ob ich vielleicht doch einmal Autostopper mitnehmen sollte. Das könnte ja ganz interessant werden, und eigentlich hatte ich ja sowieso etwas in der Richtung geplant, weil allein zu fahren doch recht langweilig werden könnte. Ein paar Meter von mir stand ein junger Mann mit einem Rucksacktouristen-Rucksack, und das daneben war anscheinend seine Freundin. Wäre schön, wenn ich auch einmal eine hätte – überhaupt einmal. Sie sahen eigentlich nicht so aus, als ob sie jemand ausrauben würden. Die Ampel wurde gerade grün und die Kolonne setzte sich in Bewegung.

Nach zwei Sekunden Geradeausfahrt schlug ich doch das Lenkrad nach rechts ein und hielt an. Sekunden später kamen die zwei auch schon zu meinem Auto, und ich kurbelte das Fenster hinunter.

„Wir wollen Richtung Italien, können wir, ähm, irgendwie nach Süden mitfahren?“
„Ja – bitte!“, antwortete ich kurz und sprach es leicht lächelnd aus, öffnete mit einer Handverrenkung die hintere Tür, räumte den Kram auf der Rückbank schnell ein bisschen zur Seite und bat die beiden herein. Gerade noch rechtzeitig, bevor ein Bus in die Haltestelle fahren wollte, gab ich dann Gas und fuhr gerade noch bei Grün über die Kreuzung.



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(zuletzt geändert am 29.01.2009)

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