Am Horizont glaubte ich eine sich langsam nähernde
Straßenbahn zu erahnen, die laut Fahrplan genau jetzt hier sein
sollte. Es war tatsächlich eine, doch ein Müllwagen stand auf
den Schienen. Geduldig wartete der Zug, bis sich der orangefarbene
Lastwagen dann doch wieder in Bewegung setzte. Kaum jemand stieg aus
der Straßenbahn aus, aber viele ein.
Alles voll mit herumblödelnden Schulkindern, was bei mir doch
schon einige Zeit her war. Obwohl, geblödelt hatten meistens die
anderen. Ein Mann, der bei der mittleren Tür saß, drehte
sich alle fünf Sekunden um, eine Mutter, die mit ihrem Kind
unterwegs war, wirkte sehr hektisch. Jemand aß etwas, das er
wahrscheinlich kurz vorher in einer Bäckerei gekauft hatte,
wenigstens war es kein Leberkäse.
Wir hielten an der nächsten Haltestelle, auf der beleuchteten
Werbefläche eine Frau in Unterwäsche, auf der anderen Seite
Zigarettenwerbung. Die Kinder kicherten, ein Handy piepste.
„Sehr geehrte Fahrgäste“, war auf dem Weg zum
nächsten Halt zu hören, „wir bitten Sie, Ihren
Sitzplatz anderen Personen zu überlassen, wenn diese ihn
notwendiger brauchen.“ Schön, aber genauso könnten sie
„wir ersuchen Sie, keine Geldbörsen zu stehlen und in
Zukunft innerhalb von zehn Minuten vor dem Einsteigen nicht mehr zu
rauchen“ durchsagen.
Der Straßenbahnzug stand in der Haltestelle und fuhr nicht
weiter, obwohl es grün war. Es wurde rot und blieb es auch
scheinbar endlos lang, und auch wie es wieder grün wurde, fuhren
wir nicht weiter. Es war 7 Uhr 52. Erst, als die Ampel schon fast
wieder umgesprungen wäre und noch ein paar Leute noch schnell zum
noch offenen vorderen Einstieg liefen, setzte sich der Zug mit einem
Ruck in Bewegung. Jetzt schien es zügig weiter zu gehen, und der
Stau neben dem Gleiskörper war mir egal. Ich hatte mich schon
immer gefragt, wo die ganzen in die Stadt fahrenden Autos eigentlich
dann parkten. Wurden dann den ganzen Tag, obwohl eigentlich nicht
erlaubt und auf Dauer ohnehin kostspielig, die Parkscheine
ausgetauscht, oder konnten sich die alle die Innenstadt-Preise der
Garagen leisten? Oder waren alle geschäftlich unterwegs und
blieben höchstens ein, zwei Stunden wo stehen? Wir fuhren trotz
eigenem Gleiskörper nur langsam weiter, weil es an der
nächsten Kreuzung sowieso schon wieder rot war.
Wenn die Aufzugtür nicht noch im letzten Moment wieder aufgehen
würde, und es höchstens einen Zwischenhalt gab, dann
könnte es sich vielleicht ausgehen. Wie die Tür schon halb
geschlossen war, stiegen aber doch noch zwei ein und drückten
jeweils ein Stockwerk unterhalb von meinem. Wir sagten uns ein
schnelles, halblautes „Guten Morgen“, bevor sich die
Türen endlich schlossen.
Schnellen Schrittes ging ich durch den breiten Gang in das Büro.
Ich grüßte allgemein, derjenige, der hier sowas wie mein
Vorgesetzter war, reagierte darauf aber nur mit einem leicht böse
wirkenden Blick. Es war 8 Uhr 3. Egal ob es 7 Uhr 55, 58 oder genau 8
Uhr war, er war immer da. Manchmal glaubte ich, dass er wohl hier
übernachtete.
Ich stellte meinen Rucksack auf den Boden neben meinen Arbeitstisch,
schaltete den Monitor und den Computer ein, und während dieser
hochstartete, hängte ich meine Jacke auf den Kleiderständer.
Nach dem Datenbank-Programm öffnete ich die Auftragsliste und ein
paar Dokumente, die ich irgendwann gestern am Nachmittag noch schnell
gespeichert hatte und bearbeiten sollte. Nachdem das aber nicht extrem
dringend war und ich für diesen Tag genug hatte, war ich
pünktlich gegangen. In meinem E-Mail-Posteingang fanden sich drei
Rundschreiben und interne Massenmails, ein paar Büroscherz-Mails
und eine Anfrage mit vier Rufzeichen im Betreff, wann denn jetzt
endlich die Computer in der Filiale in Wiener Neustadt aufgestellt
würden. Durch ein Gefühl in der Magengegend angetrieben,
versuchte ich daraufhin gleich den Techniker, der das eigentlich vor
zwei Tagen hätte manchen sollen, auf seiner Handy-Nummer zu
erreichen, aber ich kam nur zur Mobilbox.
Während ich noch einmal versuchte, dort anzurufen, kramte ich in
meinem Rucksack. Ich hatte zwei Scheiben einer abgepackten Mehlspeise
als Frühstück mitgenommen, die ich, wie niemand direkt zu mir
herüberschaute und es vielleicht so aussehen könnte, wie wenn
ich nicht wirklich etwas arbeiten würde, schnell verspeiste. Gerne
würde ich zuhause richtig gemütlich frühstücken, so
wie am Samstag und Sonntag manchmal, aber da müsste ich noch
früher aufstehen.
„Was ist mit dem Auftrag in Wiener Neustadt, wie schauen wir da
aus?“, fragte plötzlich mein Chef, der an einem Tisch ein
paar Meter von meinem entfernt saß. Ich bewunderte ja fast, wie
viel Geduld er manchmal mit mir hatte – aber ich hatte mich immer
noch nicht daran gewöhnt, dass ich mich oft mehrmals in der Woche,
eher schon mehrmals pro Tag, für irgendwas rechtfertigen oder eine
sehr schnelle Antwort auf eine unvorhergesehene Frage abliefern musste.
„Ja – da bin ich grade dabei“, sagte ich erst einmal.
„Sagen Sie es mir dann“, schien er für den Moment
zufrieden zu sein. Dieser Auftrag war ja hauptsächlich meine
Sache, und wahrscheinlich hatte er die E-Mail auch als Weiterleitung
bekommen.
Für einen anderen Auftrag, den ich noch nicht bearbeitet hatte,
vergab ich eine Auftragsnummer und verschickte eine
Standard-Bestätigungsmail. Ich überlegte, ob wir die Hardware
noch hier hatten, ob ich sie mit der Spedition oder als Paket mit der
Post schicken sollte und welchen Techniker ich beauftragen könnte.
Selber hätte ich es sicher auch locker installieren können,
aber das war hier nicht meine Aufgabe.
Wie jemand mit einer Zigarette in der Hand aus einer anderen Abteilung
kam, sich neben meinen Tisch stellte und mit meinem Tischnachbarn
tratschte, war das eine gute Gelegenheit für mich, in das
Hardware-Lager zu gehen. Die nötige Netzwerkkarte war nicht da,
zumindest nicht dort, wo wir noch welche haben sollten. Ich hatte aber
unlängst spät aber doch welche nachbestellt, weil wir schon
fast alle verwendet hatten, und eigentlich sollten spätestens
heute am Vormittag zehn Stück kommen, wenn nicht, dann würde
ich nachtelefonieren. Ich hatte geglaubt, dass noch ein, zwei im Lager
waren, aber jemand musste sie entweder genommen oder umgeräumt
haben. Weil ich sonst momentan nichts machen konnte und der Typ immer
noch draußen stand, räumte ich etwas auf.
Manchmal war viel zu tun, wenn auch meistens nur
Routinetätigkeiten, und manchmal war der Tag um 9 Uhr eigentlich
auch schon gelaufen – da musste ich dann nur noch die Zeit
absitzen, für die ich bezahlt wurde, so wie an diesem Tag. Obwohl,
vielleicht würde nächste Woche ja auch wieder einmal so ein
Massenauftrag kommen – da konnte ich dann schauen, wie ich die 70
Installationen oder so in ganz Österreich bewältigen sollte,
und blöd sah es auch aus, wenn ich dann trotzdem irgendwie zur
üblichen Zeit gehen wollte.
Um knapp 10 kam dann die Lieferung, von der ich eine Karte
kontrollieren, umpacken und adressieren und dann mit dem Botendienst an
die Filiale schicken konnte, für die sich heute Nachmittag ein
Außendienst-Techniker angekündigt hatte. Am Nachmittag
erreichte ich dann doch den, der nach Wiener Neustadt fahren sollte
– er sagte mir, dass es sich zeitlich leider nicht anders
ausgegangen und er schon auf dem Weg wäre. Ich schrieb eine
Standardantwort auf die Mail in zwei Sätzen, weil ich mir auf
diese Weise ein Telefongespräch ersparte – die zwei Anrufe,
die ich versäumt hatte, waren zumindest der Nummer nach
jedenfalls von dort und wären wahrscheinlich in eine gereizte
Diskussion ausgeartet. Eigentlich war es ja ein Irrsinn – es
konnte ja nicht so schwierig sein, einen gelieferten Computer
auszupacken, anzuschließen und ein paar Sachen einzustellen, und
für das, was ich pro Technikerstunde verrechnen sollte, konnte man
jedenfalls locker zwei Nächte in einem durchschnittlichen Hotel
verbringen.
Die Rückfahrt mit der Straßenbahn schien auch heute wieder
irgendwie viel flotter zu gehen. Obwohl es mir eigentlich schnuppe war,
ob ich da ein paar Minuten schneller oder langsamer war, so hatten wir
die Horrorkreuzung um 16 Uhr 52 schon passiert, und das war gut in der
Zeit. Egal, ich war da, ignorierte nach dem letzten vorbeifahrenden
Fahrzeug die rote Ampel bei der Haltestelleninsel und ging in eine
Seitengasse zu meinem geparkten Auto. Dort konnte man meistens irgendwo
parken, während das bei meinem Arbeitsplatz in der Stadt
unmöglich war. Es gab zwar dort keine Kurzparkzone, aber einen
freien Parkplatz hatte ich dort noch nie gesehen – außer
vielleicht, wie ich irgendwann am späten Abend einmal dort
vorbeigegangen war. Ein paar Kollegen im Büro redeten manchmal
davon, eine halbe Stunde und manchmal noch länger im Kreis zu
fahren.
Von hier aus waren es nur noch ein paar Minuten Fahrt durch
großteils enge Straßen und ein Einbahn-Labyrinth zu mir
nach Hause. Eigentlich könnte ich auch fast gleich zu Fuß
gehen, aber da müsste ich noch früher aufstehen, genauso wie
ich noch etwas früher aufstehen müsste, um richtig zu
frühstücken. Vor 8 Uhr 30 oder frühestens irgendwann vor
8 stand ich eigentlich nicht auf, wenn es nicht sein musste, aber sogar
wenn das ginge, müsste ich dann ewig lange in der Arbeit bleiben.
Obwohl, bis 15 Uhr würde ich dann wahrscheinlich auch meistens
fertig werden und das Gehalt würde auch immer noch locker reichen,
aber 30-Stunden-Jobs gab es eben kaum. Entweder 38,5 oder gleich 40,
oder zuhause bleiben. Dabei hatte ich ja noch Glück, nur selten zu
Überstunden eingeteilt zu werden, obwohl ich mir schon öfters
Anspielungen auf mein Gehen fast immer zur genau gleichen Zeit
anhören habe können.
Mit dem Fahrrad hatte ich es auch schon probiert und das dauerte
eigentlich genauso lang, aber es war mir einfach zu kalt, und dann noch
die Steigung bei der Rückfahrt. Obwohl, jetzt ging es ja
schön langsam wieder einigermaßen, aber am frühen
Morgen war es eben immer noch etwas kühl.
***
„Wir müssen etwas besprechen“, hatte mein Chef an
diesem Freitag gesagt, nachdem ich ins Büro gekommen war und
gerade meine Auftragsliste bearbeitet hatte. Spätestens nach den
ersten Sekunden im Besprechungsraum war mir klar, worum es ging. Auf
dem Papier, welches er während seiner freundlichen, aber dennoch
ernsten Erklärungen erst einmal in die Mitte des Tisches legte,
waren ein paar Standard-Formulierungen zu lesen, nach einem
Überfliegen des Textes und meiner Unterschrift darunter war der
Schreckensmoment auch schon wieder vorbei.
Ich ging erst einmal an meinen Platz zurück, atmete tief durch und
las mir mein Exemplar noch einmal genau durch. So wie er das kurz
erwähnt hatte, es hier stand und die das gedreht hatten, begann
also nach dem Wochenende mein noch zu konsumierender Resturlaub und
eine Zeit, die sie mir praktisch geschenkt hatten, damit sie mich etwas
früher als zur regulären Kündigungsfrist los wurden.
Theoretisch hätte ich mich ja auch bei der Arbeiterkammer
beschweren können, fühlte mich durch den zusätzlichen
bezahlten Urlaub aber nicht wirklich übervorteilt, so
plötzlich es auch gekommen war.
Der eine Kollege, der gerade mit einem Gesichtsausdruck wie ein Zombie
mit seinem Kaffee zurückkam, wusste es wahrscheinlich ohnehin
schon. Andere, mit denen ich eigentlich ganz gut ausgekommen war und
noch kurz über ein paar mögliche Anfragen redete, die wegen
eines gerade laufenden Auftrages noch kommen könnten, waren
ziemlich erstaunt. Bevor mich mein Chef heute gerufen hatte, war ich
gerade bei den letzten Eingaben beim Aktualisieren von Seriennummern in
der Datenbank, was ich dann erst einmal fertig machte. Dann war erst
einmal nichts mehr zu tun, wieder einmal.
Hatte ich alles zusammengepackt und die paar privaten Dinge von meinem
Computer gelöscht? Die meisten um mich waren entweder recht
lautstark in Telefonate verwickelt, oder gerade nicht da, dazwischen
dudelte irgendwo das Hitradio. Es war jetzt ein paar Minuten, bevor ich
offiziell gehen konnte, und nachdem ich zuvor noch ein paar
Standard-Mails zu den laufenden Projekten verschickt hatte, drehte ich
den Computer ab.
Das Telefon auf meinem Tisch läutete. Ich hatte keine Ahnung, wer
jetzt noch anrufen könnte, und es war mir ehrlich gesagt auch
schon völlig egal. Im Stehen hob ich den Hörer ab, sagte kurz
„Gusch!“ und legte wieder auf, noch bevor jemand etwas
sagen konnte.
Hatte ich das jetzt gerade wirklich gemacht? Es war aber sowieso nur
halblaut, und es hatte wohl niemand im Raum gehört. Es war
ungefähr eine Minute vor der Zeit, und ich verabschiedete mich
noch einmal kurz bei meinem Chef und den anderen in der Nähe, ein
Händeschütteln musste schon noch drin sein. „Auf
Wiedersehen“ konnte ich sowieso nur leise sagen, weil sie alle
immer noch telefonierten.
Das war es jetzt wohl, und bevor das Telefon auf meinem Tisch
womöglich noch einmal läutete, nahm ich meinen Rucksack und
ging zuerst relativ gemütlich, dann aber recht schnell in Richtung
der Aufzugshalle. Als ich kurz wartete, spielte ich mich mit meinem
Handy. Toll, ich sollte doch wieder die Tastensperre verwenden –
aber trotzdem war es immer noch irgendwie befreiend.
Ich ging am Portier vorbei und grüßte ihn so wie jeden Tag
und jedes Wochenende, um dann nach ein paar Schritten über die
Stufen erst einmal kurz vor dem Glaspalast stehen zu bleiben. Mit einem
Mal sah ich ihn mit ganz anderen Augen, aber vielleicht lag das auch
nur daran, dass die dichte Wolkendecke mittlerweile aufgebrochen und
alles in grelles Sonnenlicht getaucht war. Ein kräftiger,
kühler Windstoß erinnerte mich aber daran, dass es erst
April und nicht Mai oder Juni war. Trotzdem fühlte es sich, so wie
schon seit ein paar Tagen, zumindest tagsüber recht angenehm warm
an, auch wenn ich das eigentlich nur zu Mittag so ein bisschen
mitbekommen hatte.
Bei der Haltestelle sah ich, wie gerade eine in die Gegenrichtung
fahrende Straßenbahn kam. Anders als sonst wollte ich an diesem
Tag irgendwie nicht sofort nach Hause. Ich ging zur anderen
Haltestelleninsel hinüber und stieg in den Zug, der in Richtung
Innenstadt fuhr. Ein paar Minuten zu Fuß von der Endstation
entfernt ging ich in eine Buchhandlung, blätterte etwas in den auf
den Tischen ausgestellten Büchern und ging dann etwas später
in eine Bäckerei, weil ich gleich auch noch ein bisschen was
fürs Frühstück kaufen wollte. Ich stellte mir schon vor,
wie ich da irgendwann nach 9 Uhr richtiges Gebäck aufschneiden und
mir überlegen würde, was ich drauf streiche. Nicht nur am
Samstag und Sonntag, sondern auch am Montag. Beim Anblick der
Warteschlange drehte ich aber spontan gleich wieder um und fuhr dann
doch sofort und verärgert wieder zurück Richtung
stadtauswärts. Das musste ich mir nicht bieten lassen, und
irgendwas hatte ich schon noch zuhause.
An meiner Haltestelle angekommen, lief ich einen Meter neben der roten
Ampel über die Fahrbahn. Ein einzelnes Auto, gerade vorhin noch in
sicherer Entfernung, kam dabei ziemlich nah und hupte; ich zeigte ihm
vom Gehsteigrand aus den Mittelfinger nach. Sofort nachher war es mir
etwas unangenehm, aber der war auch sicher schneller als 50 gefahren.
Nach wenigen Wortfetzen irgendwelchen Werbegeplappers spielte das
Autoradio „Lost my job, wrecked the car ... It don‘t
matter, 'cause life ain‘t never been better ...“, genauso
wie auch schon heute früh am Weg in die Arbeit. Ich habe diese
Arbeit verloren, das Auto löste sich auch schön langsam auf,
aber es war doch ohnehin alles egal.
Zuhause sah ich auf meinem Computer erst einmal Spam und per E-Mail
verschickte Viren, aber keine richtigen Mails. Ich klickte mich auch
nach einiger Zeit wieder durch die Stellenangebote, aber bis auf eines
oder zwei fand ich nur lauter Scheißjobs, oder sie klangen zwar
interessant, verlangten dann aber am Ende einige Jahre Praxis in einer
Programmiersprache, deren Namen ich nur einmal beiläufig wo
gehört hatte. EDV-Servicetechniker? MCSE-Zertifikat und 3 bis 5
Jahre Praxis setzen wir voraus. Technischer Sachbearbeiter? Mindestens
2 Jahre Erfahrung mit SAP Bedingung – vor ein paar Jahren hatte
ich das Programm einmal bei einem Probetag gesehen. Im Grunde war es
auch immer so ziemlich das Gleiche, das ich gerade eben noch gemacht
hatte.
Ohne mir viele Gedanken über den Inhalt zu machen, verschickte ich
dann schließlich ein paar Standardbewerbungen an halbwegs in
Frage kommende Firmen, als Text nahm ich jenen, den ich schon vor zwei
Jahren verwendet hatte, änderte ein paar Wörter und
Satzstellungen und fügte dann noch drei gut klingende Zeilen
über meine letzte Firma in den Lebenslauf ein. Wirklich um einen
Job kümmern konnte ich mich später immer noch.
Als ich aus dem Fenster blickte, bemerkte ich, dass es sich doch wieder
eingetrübt hatte und es leicht zu regnen begann, so dass ich dann
den restlichen Tag irgendwie zu Hause herumlungerte. Der Wetterbericht
im Fernsehen sagte dann auch auf unbestimmte Zeit deutliche
Abkühlung und immer wieder Regenschauer voraus.
„Nein“, sagte ich mit verzogenem Gesicht bei jeder
Temperaturangabe, die der Sprecher für die nächsten Tage
ansagte, dazu eine Wolke mit angedeuteten Regenstrichen.
***
Es war irgendwann vor 9 Uhr, als ich mich am nächsten Morgen aus
dem Bett aufraffte. Mir war etwas kalt, ich erinnerte mich kurz an
einen Traum, der irgendwas mit meiner Firma zu tun gehabt hatte, und
bei einem Blick aus dem Fenster sah ich nur geschlossene
Bewölkung. Weiterhin keine Einigung über das Budget, in
Bagdad ist ein Sprengsatz explodiert, in Israel auch, und im Bezirk
Mödling ist in der Nacht ein Achtzehnjähriger auf dem Weg
nach Wien mit 1,9 Promille über zwei Fußgänger
gefahren. Es würde weiter abkühlen und der Wind im Laufe des
Tages zulegen, danach verkündete der Verkehrsfunk Stau wegen
Überlastung auf den Zufahrten zur Shopping City und starkes
innerstädtisches Verkehrsaufkommen.
Ich blätterte das Bezirksjournal durch, das gerade mit der Post
gekommen war. Zu wenig Ausbildungsplätze, zu wenig
Arbeitsplätze, zu wenig Parkplätze und zu viel Hundekot auf
den Gehsteigen. In einer anderen Zeitschrift war Werbung für
sensationelle Verdienstmöglichkeiten ohne jegliche Vorkenntnisse
und ganz natürliche Möglichkeiten, innerhalb von 2 Wochen
spürbar abzunehmen. Als ich dann die bebilderten Angebote eines
Reisebüros sah, hatte ich auf einmal nur noch eines im Sinn.
***
An diesem späten Vormittag im April hatte ich, und der alte
Kadett, schließlich ganz Europa vor mir. Es sollen ja auch schon
Leute bis nach Indien, Marokko oder so gefahren sein, aber ich hatte
zumindest an etwas wie Italien oder Spanien gedacht. Die schienen auf
jeden Fall vom Tiefdruckwirbel verschont zu sein, der auf der
Wetterkarte über Mitteleuropa zu sehen war.
Ich musste ja auch niemand etwas lange erklären. Nur meine Eltern
rief ich kurz an, aber die hatten auch nicht viel mehr zu sagen als mir
eine schöne Reise zu wünschen. Sie verreisten ja selber recht
oft und hatten auch alle Zeit der Welt dazu. Ich hatte glaube ich
ohnehin auch vor ein paar Wochen mit ihnen über Reisen geredet und
angedeutet, dass ich mir in nächster Zeit wahrscheinlich Urlaub
nehmen würde. Es hätte da vielleicht auch ein, zwei mehr oder
weniger gute Freunde gegeben, mit denen ich auch schon irgendwann
einmal über einen möglichen gemeinsamen Urlaub geredet hatte
– aber die hatten ja sowieso immer so viel zu tun und nie Zeit.
Alles Nötige, jedenfalls eine Zahnbürste und einen Rasierer,
ein paar Sachen zum Anziehen, einige Getränke, Müsli- und
Schoko-Riegel und dergleichen hatte ich auf der Rückbank und in
meinem Rucksack verstaut, dann drei Mal nachgeschaut ob ich auch alles
abgeschaltet und abgesperrt hatte und mich dann auf den Weg gemacht.
An der Kreuzung fuhr ich auf die Abbiegespur. Ich hatte mir schon
öfters überlegt, was wohl wäre, wenn ich in der
Früh dann nicht weiter in die Arbeit fahren, sondern einfach auf
diesem stadtauswärts führenden Fahrstreifen bleiben
würde.
In einiger Entfernung sah ich jetzt ein paar Leute am Straßenrand
stehen. Hier waren zwar ein paar Bushaltestellen nacheinander, aber sie
sahen eher so aus, als ob sie auf eine günstige Mitfahrgelegenheit
in ferne Länder und weniger auf den nächsten Linienbus
warteten. Als die Ampel weiter vorn auf rot schaltete und sich deshalb
ein kleiner Stau bildete, hatte ich noch etwas Gelegenheit darüber
nachzudenken, ob ich vielleicht doch einmal Autostopper mitnehmen
sollte. Das könnte ja ganz interessant werden, und eigentlich
hatte ich ja sowieso etwas in der Richtung geplant, weil allein zu
fahren doch recht langweilig werden könnte. Ein paar Meter von mir
stand ein junger Mann mit einem Rucksacktouristen-Rucksack, und das
daneben war anscheinend seine Freundin. Wäre schön, wenn ich
auch einmal eine hätte – überhaupt einmal. Sie sahen
eigentlich nicht so aus, als ob sie jemand ausrauben würden. Die
Ampel wurde gerade grün und die Kolonne setzte sich in Bewegung.
Nach zwei Sekunden Geradeausfahrt schlug ich doch das Lenkrad nach
rechts ein und hielt an. Sekunden später kamen die zwei auch schon
zu meinem Auto, und ich kurbelte das Fenster hinunter.
„Wir wollen Richtung Italien, können wir, ähm, irgendwie nach Süden mitfahren?“
„Ja – bitte!“, antwortete ich kurz und sprach es
leicht lächelnd aus, öffnete mit einer Handverrenkung die
hintere Tür, räumte den Kram auf der Rückbank schnell
ein bisschen zur Seite und bat die beiden herein. Gerade noch
rechtzeitig, bevor ein Bus in die Haltestelle fahren wollte, gab ich
dann Gas und fuhr gerade noch bei Grün über die Kreuzung.
(zuletzt
geändert am 29.01.2009)
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