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Meine unbedeutende Meinung zu "Realnames" in Newsgroups

Brauchen wir einen Realname-Zwang im Usenet? - Nein!

In vielen Bereichen des Internets ist es üblich, einen "Nickname" (Pseudonym, Spitznamen) zu verwenden, sei es weil es Tradition hat, witzig ist oder warum auch immer - nicht so im deutschsprachigen Usenet (Internet-Newsgroups). Die in der "Netiquette (externer Link) " festgehaltenen Regeln mögen durchwegs sinnvoll sein, aber der Zwang, stets den realen Vor- und Familiennamen zu verwenden ("Realname"), sorgt oft nur für eine Beschäftigung für selbst ernannte "Realnamesheriffs" bzw. "Netcops". Diese nerven dann wegen der alleinigen Tatsache, dass jemand nicht den richtigen Namen verwendet hat, oft auf "oberlehrerhafte" Weise mit Reaktionen wie "Frage bitte deine Eltern, wie du heißt" alle anderen, und es entsteht nicht selten eine verkrampfte, unangenehme Atmosphäre. Es wird darauf bestanden, dass "Nicks" einfach nur unhöflich seien, Formulierungen wie die vorhin genannte aber als angemessen empfunden. Man findet oft Interpretationen der "Netiquette" und Hinweise auf richtiges Verhalten im Usenet, Stellungnahmen gegen den Realname-Zwang jedoch eher weniger, weshalb ich mich zu dieser hier aufgerafft habe.


Gibt es überhaupt einen "Realname-Zwang"?

Die Netcops behaupten gern, dass in der Netiquette ja nirgens von einer Pflicht, den Vor- und Familiennamen zu verwenden die Rede ist. Tatsächlich ist die Aussage "Benutzen Sie Ihren wirklichen Namen, kein Pseudonym" so wie die ganze Netiquette nur als Empfehlung gemeint ("... kann und sollte"). Wenn eine Nichtbefolgung dieser Empfehlung aber in der Praxis ständige Ermahnungen bzw. Hinweise nach sich zieht, dann kann man getrost von einem Zwang sprechen. Die Netiquette wird von den Netcops übrigens selbst auch nicht so genau genommen, weil unter dem Punkt "Benutzen Sie E-Mail" empfohlen wird, Hinweise auf Netiquette-Verstöße nicht öffentlich zu posten. Auch kursiert seit 2006 eine "moderne" und realitätsnahe Version der Usenet-Netiquette (siehe externer Link am Seitenende), die aber natürlich auch nur Empfehlungs- und Hinweis-Charakter hat.

 

Toleranz

Es ist sicher nicht unwahr, dass ein Beitrag mit einem realen Namen in vielen Bereichen seriöser wirkt oder dass man dann eher ernst genommen wird. Persönlich ist es mir aber grundsätzlich egal, wie sich jemand nennt, und es wäre schön, wenn alle so viel Toleranz aufbringen würden. Was mich hingegen wirklich stört, sind die ständigen Zurechtweisungs-Postings und das Diskriminieren von all jenen, die die Realname-Regel entweder nicht kennen oder bewusst ignorieren. Wer auf einen "Pseudonym-Beitrag" etwas zu sagen hat, sollte das genauso wie bei einem "Realname-Beitrag" machen, und wer nichts zu sagen hat sollte am besten gar nichts schreiben, und nicht etwa die Tatsache des fehlenden "Realnames" zum künstlichen "Aufspielen" nutzen. Pseudonym-Postings sind zwar gar nicht so selten wirklich extrem dumme Fragen oder plumpe Spam-Versuche, aber alles dafür zu halten wäre ein Pauschal-Urteil. Es sollten jedenfalls alle selbst entscheinden können, ob sie jetzt den realen oder einen Nickname verwenden, und so oder so von allen ernst genommen werden. Sollte man die Netiquette wirklich als unfehlbahres "Gesetz" ansehen und Kritik daran oder selbstständige zeitgemäße Anpassungen nicht zulassen? Haben nur Berühmtheiten das Recht, in der Öffentlichkeit unter einem "Spaß-Namen" aufzutreten?
 
 

Anonymität?

"Wer in der Öffentlichkeit etwas sagt, soll auch mit dem Namen dazu stehen", ist ein oft zu hörendes Argument, auch Vergleiche mit jemand, der mit einer Maske auf dem Kopf irgendwo hineingeht und Fragen stellt, sind nicht selten. Nun, wer trägt in der Öffentlichkeit schon ein Namensschild? Stellt man sich vor, wenn man jemand nach dem Weg fragt oder danach, wer auf einem Konzert als nächstes spielt und ob der nächste Auftritt hoffentlich besser wird? Bis vor kurzem konnte man sogar anonym ein Sparbuch eröffnen. Der Vergleich mit der Maske ist doch etwas weit her geholt.

Wie auch immer, die bloße Verwendung eines erfundenen Namens anstatt des realen ist rein technisch sowieso nicht ausreichend, um anonym zu bleiben, warum also die Aufregung? Jedes Posting lässt sich so oder so zurückverfolgen. In den Header-Information stehen hierzu schon einmal zahlreiche Informationen, zB mittels ripe.net lässt sich der zu einer IP-Adresse zugehörige Provider finden, dieser hat wiederum Log-Dateien, wer zu welcher Zeit welche IP-Adresse hatte usw. Es wäre schon einiger Aufwand nötig, um alle Spuren zu verwischen.

Es kann auch niemand garantieren, dass der angegebene Name richtig ist, genauso könnte man einen realistisch klingenden erfinden, und kaum jemand fällt es auf, wenn dieser gut gewählt ist.
 

Besseres Vorstellungsvermögen?

"Da es in der virtuellen Welt nicht viele Anhaltspunkte gibt, können einen die anderen wenigstens anhand des realen Namens besser einschätzen", ist auch ein Argument für den Realnamezwang. Ich glaube aber kaum, dass für die Gewinnung eines Eindrucks von jemand in erster Linie wichtig ist, den realen Namen zu kennen, wichtiger ist da schon eher z.B. der Schreibstil. Bei Kontaktanzeigen welcher Art auch immer ist es beispielsweise auch sehr wichtig, einen Eindruck vom Gegenüber zu gewinnen, aber gerade hier wird höchstens der Vorname angegeben, wirklich wichtig ist der Textinhalt selbst.
 

Überall sonst funktioniert es

In kaum einem Chat wird erwartet, den richtigen Namen anzugeben, und hier tätigt man schließlich auch Aussagen in der Öffentlichkeit. Auch in WWW-basierten Diskussionsforen werden oft nur Nicknames verwendet, und dies nicht nur bei heiklen Themen. Dennoch entstehen oft genauso interessante Diskussionen, ganz ohne "Oberlehrer-Postings". Der Realname-Zwang dürfte auch nur eine mitteleuropäische Eigenheit sein, denn etwa im amerikanischen Teil des Usenets sind Nicknames absolut üblich. Web-basierte Foren werden wahrscheinlich von der alteingesessenen Usenet-Gemeinde nicht ernst genommen, weil es diese erst seit etwa Mitte der 1990er Jahre gibt, die Ursprünge des Usenet aber schon weiter zurück liegen.
 

Somit abschließend gesagt...

Mir ist klar, dass sich eine festgefahrene Regel nur schwer ändern lässt und dass man dieser höchstens durch Eröffnen von eigenen Foren im WWW oder Nutzung von alternativen Hierachien wie oesterreich.* entgehen kann (auch wenn letztere eher als Experiment und weniger als Lösung des Problems gedacht war). Ideal wäre natürlich die Streichung der Realname-Regel aus der Netiquette bei gleichzeitiger allgemeiner Akzeptanz dafür. Vielleicht weicht sie sich aber auch so eines Tages nach und nach auf, wenn immer mehr von der ständigen Wichtigtuerei über eine unbedeutende Nebensächlichkeit endgültig genug haben und sich lieber auf die eigentlichen Inhalte konzentrieren wollen.

Wer wirklich nichts zu verbergen hat bzw. keine Angst hat, sich vielleicht aus irgendeinem Grund lächerlich zu machen, kann ja bei harmlosen, nicht kontroversiellen Themen durchaus den Vor- und Familiennamen verwenden (viel mehr persönliche Daten, besonders Postadresse und Telefonnummer, sind aber eher nicht empfehlenswert) und Streitereien so gleich im vorhinein aus dem Weg gehen. Deswegen kann man immer noch die Meinung vertreten, gegen die Realnameregel eingestellt zu sein. Als E-Mail-Adresse oder in der Signatur (wer sich weiteren Ärger mit den "Sheriffs" ersparen will, sollte diese nicht länger als 4 Zeilen gestalten) wird übrigens so ziemlich alles als Name akzeptiert. Ansonsten empfehle ich das wohlüberlegte Ausdenken eines realistisch klingenden Namens, auch wenn dies eigentlich nicht sehr "nett" ist, stellt es die einzige Umgehungsmöglichkeit dar. Zumindest bei einigen sehr heiklen Themen wird einem die Verwendung eines "Nicknames" und sogar weitere technische Möglichkeiten zum "Verwischen der Spuren" zugestanden.


Mehr dazu auch unter http://www.realname-diskussion.info



(Zuletzt geändert am 20.08.2009)


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