Einen Tag später
von Markus Urban - markus_urban(at)gmx.at
Spätestens jetzt, als er hier vor einer verschlossenen Tür
stand, wurde Markus klar dass hier irgendetwas nicht stimmte. Es war
sowieso nur ein Gelegenheitsjob, aber dass es schon am zweiten Tag
solche Schwierigkeiten gab war schon seltsam. Ja, er hatte dann auch
bei der Firma angerufen, außer dem Anrufbeantworter hat aber
niemand abgehoben. Markus stand allein im ersten Stock eines
Treppenhauses irgendwo in Wien. Es war still, und abgesehen von leisem
Blätterrauschen durch ein geöffnetes Gangfenster war nicht
viel zu hören. Na toll, er war extra so schnell hergehetzt weil er
wieder einmal zu knapp weggegangen ist und dann das.
Es war ruhig, verdächtig ruhig. Auch in den ziemlich genau
zwölf Minuten, die er heute mit dem Fahrrad unterwegs war, ist ihm
nicht ein einziges Auto entgegengekommen und auch keine
Straßenbahn. Doch, eine, aber bei der wunderte sich Markus, warum
sie die ganze Zeit nicht aus der Haltestelle fuhr. Er ist auch dreimal
völlig unnötig an roten Ampeln gestanden, das passiert sonst
höchstens bei denen die sie auch mitten in der Nacht nicht
abdrehen und wo die Leute dann sowieso nach kurzem Stehenbleiben
weitergehen. Wenn er es sich recht überlegte, so waren auch die
Gehsteige völlig leer. Markus läutete noch ein letztes Mal an
der Tür, wartete eine halbe Minute, klopfte dann ein paarmal an,
wartete wieder etwas und ging dann einfach die Treppen hinunter. Was
solls, es wäre ja wahrscheinlich sowieso nur irgendeine
Drecksarbeit gewesen, die er ohnehin schon wieder aus seinem
Gedächtnis gestrichen hatte.
Er ging wieder hinunter auf die Strasse, durch die ein leichter
Windhauch wehte, und sah sich um. Schräg gegenüber war eine
Bäckerei, die einladend genug aussah, um dort gleich etwas
fürs morgige Frühstück zu kaufen. Markus betrat das
kleine Geschäft. Es duftete nach frischem Gebäck, aber
niemand war hier. Oft ist es ja so, dass dann gleich jemand aus einem
hinteren Raum kommt oder man dort jemand sieht, aber es war niemand da.
Alles war in vollem Betrieb und es war so wie wenn dort draußen
"Bin gleich wieder da" stehen würde, aber dort stand nichts.
Langsam überkam Markus ein wirklich sehr, sehr seltsames
Gefühl. Er stand einfach so einen Moment da. Konnte es sein...?
Nein, es würde sich schon alles aufklären und für
Spekulationen hatte er zuhause genug Zeit. Genau dorthin wollte er erst
einmal wieder zurück.
Diesmal hielt er nur kurz an der roten Ampel an und fuhr dann weiter.
Nein, es war weit und breit keine Spur von Querverkehr. Er
schlängelte sich eilig an einigen aufgereihten Fahrzeugen vorbei,
die aus irgendeinem Grund auch schon vorhin bei Grün hier
standen. Wenn er einmal am Vormittag zuhause war, dann war um
diese Zeit oft schon die Post da, doch der Briefkasten war leer. Im
Radio lief immer noch auf fast allen Sendern nur diese
Musik-Dauerschleife, aber keine Nachrichten. Um elf Uhr kamen auch
keine, nur diese Schlagzeilen-Hintergrundmusik, zu der aber niemand
etwas vorlas.
Im Fernsehen waren entweder die üblichen
Rübenraspler-Werbesendungen oder irgendwelche Serien zu sehen. Nur
auf einigen Sendern schien das Bild stehengeblieben zu sein, es war nur
irgendeine Texttafel zu lesen oder es war überhaupt schwarz. Naja,
es ist vor ein paar Jahren schon einmal vorgekommen dass die halben
Satellitenkanäle nicht funktioniert haben. Irgendwas war schon
wieder irgendwo, aber was sollte es schon Großartiges sein? Auch
die Nachrichten im Teletext der österreichischen Sender schienen
wie bei allen anderen auch seit gestern abend nicht mehr aktualisiert
worden zu sein.
Am frühen Nachmittag wurde der leichte Wind dann deutlich
lebhafter, und die großen Bäume auf der anderen
Straßenseite bogen sich langsam mit dem Luftzug. Auch die Wolken
begannen sich jetzt zu verdichten, es sah so aus als ob vielleicht ein
Gewitter aufziehen würde. Markus hatte sich inzwischen umgesehen,
was noch so zum Essen im Haus war und dann irgendwann nach neuen
E-Mails geschaut, er hatte aber nicht einmal Spam oder Viren bekommen.
Auf Websites, wo es sonst stündlich oder noch öfter neue
Meldungen gab, war auch nichs zu sehen das neuer als von gestern Abend
war. Wenn sie sich überhaupt öffnen ließen, denn viele
funktionierten heute überhaupt nicht.
"Hallo?", stand in dem Chat-Fenster, das sich plötzlich
öffnete. Markus sah kurz in die Beschreibung des Gegenübers.
Es war ein Student aus einer größeren Stadt in Deutschland,
mit 24 etwas jünger als er. Er hatte jetzt aber nicht wirklich
Lust zu chatten, schrieb noch kurz ein "später vielleicht"
zurück und klickte dann das Fenster weg. Während es
draußen momentan ziemlich dunkel aussah und es leicht zu regnen
begann, blätterte Markus gedankenverloren in Zeitschriften herum
die er gerade so zur Hand hatte. Obwohl es noch gar nicht so spät
war, überkam ihn langsam aber sicher einfach so eine ziemliche
Müdigkeit und ihm war danach, sich erst einmal auf sein Bett zu
legen.
Als Markus aufwachte, war es etwas nach 21 Uhr, zumindest laut der
Zeitanzeige auf seinem Handy. Er hatte einen trockenen Mund und wollte
erst einmal etwas trinken. Langsam raffte er sich auf und tastete sich
durch die Dunkelheit. Es war noch dazu absolut still, keine irgendwo
laufenden Geräte und auch keine um die Ecke fahrenden und wieder
beschleunigenden Autos waren zu hören, auch nicht leise aus der
Entfernung. Wie er das Licht einschalten wollte, passierte rein
garnichts. War jetzt vielleicht auch noch der Strom ausgefallen? Wie er
die dunkle Treppe im Halbschlaf nach unten ging, überkam ihn so
ein Gefühl wie in einem Traum, einem dieser Träume wo
plötzlich kein Lichtschalter und nichts mehr funktioniert und man
schließlich nicht mehr sprechen konnte. Es war aber
wahrscheinlich keiner, auch keiner von diesen wo einem bewusst ist dass
man träumt.
Beim Öffnen der Kühlschranktür blieb es dunkel. Markus
machte sie gleich wieder zu, und fast im gleichen Moment als sich die
Dichtungen wieder berührten glaubte er zu hören, wie der
Kühlkreislauf wieder anlief. Ja, als er wieder die Tür
öffnete, leutete das Licht, auch wenn es ein wenig flackerte. Als
er dann wieder weiter schlief, muss es so gegen 22 Uhr gewesen sein.
***
Manuel wusste momentan wirklich nicht mehr weiter. Wo sind alle
plötzlich hin verschwunden, war er der letzte Mensch auf seiner
Uni und in ganz Bielefeld? Oder in Osnabrück und Münster und
überhaupt? War es vielleicht ein Atomschlag, ein raffinierter Plan
einer fremden Macht oder ein neuer Kalter Krieg? Es war weit her
geholt, aber es war ja im Moment auch weder jemand hier um diese Frage
zu beantworten noch gab es konkrete Anhaltspunkte. Er hoffte, dass sich
wenigstens dieser Typ aus Wien wieder meldete. Manuel überlegte,
dass das Internet wohl in immer mehr kleinere Inseln zerfallen
würde wenn nach und nach der Strom ausfällt und niemand da
ist um sich um die Administration zu kümmern. Der Knotenpunkt in
Frankfurt und die Leitungen zwischen den größeren
Städten schienen aber noch stabil zu laufen.
***
Es war noch nicht einmal sieben Uhr, als Markus dann am nächsten
Morgen aufwachte. Zusammen mit dem Nachmittagsschlaf hatte er wirklich
mehr als genug geschlafen und fühlte sich auch sehr munter.
Obwohl, genau deswegen war sein Zeitgefühl auch etwas
durcheinander geraten. Es war ein Mittwoch irgendwann im
Spätsommer, obwohl es ihm eher schon wie Donnerstag vorkam. Es kam
ihn in den Sinn was er letzte Nacht so geträumt hatte,
nämlich zusammen mit einem Freund den er schon länger nicht
gesehen hatte und der auch etwas ahnte dieser ganzen Sache von gestern
auf den Grund zu gehen. Er hatte einige Zeit nachdem er nach Hause
gekommen war ja auch versucht ein, zwei gute Freunde, seine Eltern und
irgendwann die ganze Verwandschaft zu erreichen. Natürlich hatte
er weder telefonisch noch im Internet jemand erreicht.
Markus blickte aus dem Fenster. Auch einen Tag später sah er nur
die großen Bäume auf der anderen Straßenseite, deren
Blätter leicht im Wind raschelten. Abgesehen von ein paar
parkenden Autos war die Straße leer, niemand ging oder fuhr
vorbei. Die Wolken hatten sich auch längst wieder verzogen und die
grellen Sonnenstrahlen erhellten fast unwirklich die Szenerie.
Er ging Richtung Küche und Badezimmer, nachdem er den Job wohl los
war, brauchte er sich jetzt auch nicht besonders zu beeilen. Fast war
er schon versucht, den Dienstag ins Reich der Träume abzuschieben,
als ihn die immer noch ungewöhnlich in der Helligkeit schwankende
Beleuchtung daran erinnerte, dass er alles tatsächlich so erlebt
hatte. Im Radio war jetzt bei immer mehr Sendern nur noch ein leerer,
stiller Tonträger zu finden oder jene Frequenzen auf denen einst
etwas zu hören war lieferten nur noch Rauschen.
Markus schaltete wieder das Notebook ein. Es war klar, dass irgendwas
mit dem Stromnetz nicht in Ordnung war und es ziemliche
Spannungsschwankungen geben musste, aber das Netzteil schien fürs
erste keine Probleme damit zu haben. Der Akku war natürlich
sowieso leer und halb kaputt. Heute schien das ganze Internet noch
weniger als gestern zu funktionieren. Manches öffnete sich nach
einigen Minuten Wartezeit und einigen Versuchen doch noch, die meisten
Sachen aber gar nicht mehr. E-Mails hatte er sowieso keine bekommen.
Doch auf einmal öffnete sich wieder ein Chat-Fenster.
"Hallo?!" - Es war der Selbe wie gestern.
"Hallo, also du bist in Bielefeld? Wie schauts bei dir gerade so aus?",
war das Erste, das mir einfiel.
"Hör mal, du bist der erste den ich seit 2 Tagen erreiche! Ich
weiß nicht was los ist aber ich war in Münster, in
Osnabrück..."
Markus lief für einen kurzen Moment ein kalter Schauer über
den Rücken und er wusste sofort, was gemeint war. Er erklärte
Manuel, was er in Wien so gesehen oder besser nicht gesehen hatte und
dass er bis jetzt auch nicht schlauer war. Manuel hatte es auch nicht
schwer gehabt, er hatte sich einfach alle anzeigen lassen die
überhaupt gerade online waren, ohne bei der Suche besonders viel
einzuschränken. Nach ein bisschen allgemeiner Plauderei fassten
beide den Entschluss, sich treffen zu wollen, am besten irgendwo in der
Mitte. Nur waren das immer noch hunderte Kilometer, Auto hatte Markus
momentan keines zur Verfügung und Zug würde wohl auch keiner
fahren.
Verdammt, und genau jetzt war auch plötzlich der Strom weg. Gerade
dass sie noch etwas von morgen Nachmittag und der Münchner
Innenstadt erwähnt hatten, das war zwar nicht so ganz in der Mitte
aber so ziemlich das Erste, das beiden eingefallen war.
Ein Glück, dass der Tiefkühlschrank sowieso schon fast leer
war, der dürfte ja schon nach dem Stromausfall in der vergangenen
Nacht dann doch nicht mehr angesprungen sein. Markus nahm eine Pizza
aus ihrer aufgeweichten Schachtel, und bevor er nach einem Gaskocher zu
suchen begann der hier irgendwo sein musste, biss er lieber so ab. Ein
Stück Karton mit Ketchup drauf musste wohl auch so ähnlich
schmecken, wenigstens schmeckte es nicht verdorben, sondern einfach nur
etwas fad. Er ging dann durch den kleinen Garten hinaus auf die
Straße, hielt es irgendwie für unnötig abzusperren und
marschierte weiter in Richtung der nahe gelegenen Hütteldorfer
Straße. Sollte er wirklich einfach so zu einer
größeren Reise aufbrechen? Er war sich nicht einmal ganz
sicher, ob der Satz mit München noch angekommen war. Ein Fahrrad
wäre in diesem Fall wohl auch nicht das Richtige um dort hin zu
kokmmen, das würde ja eine Woche dauern.
Die Tür des kleinen Supermarktes war offen. Eigentlich wollte er
heute einkaufen gehen, aber er konnte ja gleich aus den paar Sachen die
er noch zu Hause hatte und die ohne Kühlung sowieso verderben
würden noch etwas machen. Markus ging trotzdem hinein und sah die
Regalgänge im Halbdunkel daliegen. Es schien ihm, als ob er jeden
seiner Schritte deutlich hören konnte. Nur an einer Stelle drang
etwas Tageslicht durch ein kleines Fenster und feine Staubkörner
tanzten in den grellen Sonnenstrahlen. Er nahm dann aber doch
kurzerhand ein paar Sachen mit die er brauchen konnte und hielt es dann
doch für richtig, ein paar Euro bei der Kassa hinzulegen bevor er
das Geschäft verließ.
Auf dem Rückweg bemerkte er nur ein paar Meter von seinem Haus
entfernt etwas. Stand dort um die Ecke nicht so ein kleiner, schmutzig
weißer Lieferwagen mit offenem Fenster?
***
Eigentlich wollte er schon immer einmal mit 70 über eine Kreuzung
rauschen, an der man um diese Zeit, so gegen Neun, mindestens ein paar
Minuten im Stau stehen würde. Einen Tag später stand auch der
Straßenbahnzug immer noch in der Haltestelle und schien auch auf
die Beantwortung einer offenen Frage zu warten. Markus machte sich auch
Gedanken darüber, sich dieses Fahrzeug einfach so - auszuborgen,
aber es stand ja auch wie bestellt mit steckendem
Zündschlüssel da und wer sollte schon da sein um es zu
vermissen?
Wenig später erreichte er dann die Autobahnauffahrt. Viel
schneller als 120 wollte er mit der Klapperkiste lieber nicht fahren,
aber ohne Staus sollte er locker am frühen Nachmittag in
München sein. Ob der Typ wirklich dort auf ihn warten würde?
Vielleicht sitzt er ja im Hofbräuhaus und säuft schon einmal
das ganze Bier aus? Markus hätte lieber versuchen sollen, ihn noch
einmal zu erreichen und alles genau zu klären. Nur, er hätte
ja vielleicht noch einen Generator aus einem Baumarkt auftreiben
können, aber das komplette Internet war wahrscheinlich sowieso
schon lange zusammengebrochen.
Auf den Radiofrequenzen war wie zuvor höchstens Rauschen zu
hören. Halt, da war doch noch etwas.
"That's great it starts with an earthquake, birds and snakes, an
airplane..."
Kaum zu glauben, aber auf diesem verdammten Sender lief End of the
World von REM. Ja, alles ist aus, alles ist kaputt, aber wir haben es
trotzdem noch lustig. Irgendwie half es jetzt etwas, die beklemmende
Stimmung ein bisschen zu verdrängen.
"It's the end of the world as we know it - and I feel fine..." - Markus
konnte es nicht lassen, den Refrain laut mitzusingen.
Als er nach einiger Zeit die Werbung für eine Raststation sah,
dachte er daran dass er ja noch nicht einmal etwas
gefrühstückt hatte. Er hatte ja schnell ein paar Sachen
zusammengesucht und in diesem Wagen verstaut, aber dabei kaum ans Essen
gedacht. Vielleicht waren ihm ja auch noch die Sachen von gestern etwas
im Magen gelegen. Der Radiosender war inzwischen in immer mehr
Störgeräuschen untergegangen und war dann auch der einzige,
der überhaupt zu hören war.
Markus blieb irgendwo auf dem Parkplatz stehen, auf dem sonst nur noch
ein paar wenige Autos und ein leerer Bus standen. Eine gespenstische,
unheimliche Ruhe lag auch über diesem Ort. Über der
Eingangstür stand in in geschwungenen Buchstaben "Herzlich
willkommen". Es war eine verglaste, automatische Schiebetüre, die
jetzt natürlich nicht mehr funktionierte. Er zögerte nicht
lange und wollte schon versuchen die Scheibe einzutreten, im letzten
Augenblick hielt er aber doch noch inne. Er könnte sich ja
ziemlich verletzen, und außerdem war er ja nicht gerade der Typ,
der so etwas tun würde. Als er dann aber einen Schirmständer
aus Beton entdeckte, holte er damit kurz etwas Schwung und ließ
ihn in die Glasscheibe rauschen. Nachdem er die restlichen
herunterhängenden Glasteile mit den Füßen losgetreten
hatte, schlüpfte Markus durch das nun ausreichend große Loch
vorsichtig in den Innenraum.
Er hatte ja schon Lokale gesehen die gerade dabei waren zu
schließen, wo alle schon längst gegangen waren und nur noch
jemand dort war um zusammenzukehren. Doch hier sah es aus, wie wenn
alle im vollen Betrieb plötzlich aufgestanden und gegangen
wären, einige Tische sahen etwas unordentlich aus und auf einigen
standen noch Teller. Der Orangensaft sah noch halbwegs frisch aus, die
Brotscheiben waren zwar schon ziemlich hart, aber dafür war die
Marmelade recht genießbar, so dass sich Markus am Buffet
bediente. Er versuchte sich aber etwas zu beeilen und wollte nicht zu
viel Zeit vertrödeln, außerdem hatte er hier ein bisschen
Angst, dass vielleicht doch plötzlich jemand auftauchen
könnte. Bei Dunkelheit wäre er jedenfalls kaum hier hinein
gegangen und wenn dann so kurz wie möglich.
Einigermaßen gestärkt setzte er sich wieder in den
Lieferwagen und startete den Motor. Hoffentlich würde das Benzin
bis nach München reichen. Er passierte Amstetten und Linz, fuhr
Kilometer um Kilometer ohne irgendjemand zu begegnen. Er hätte
genausogut auf der linken Fahrbahn fahren können, den gelegentlich
mitten auf der Fahrbahn stehenden verlassenen Autos und LKWs musste er
so oder so ständig ausweichen so dass er oft gleich auf dem
Pannenstreifen fuhr. Irgendwann war ein kleines blaues Zeichen mit dem
Sternenkranz zu sehen, gefolgt von einem Schild auf einer
weiß-blauen Stange.
Je mehr er sich ab der Grenze der Hauptstadt Bayerns näherte,
desto nervöser wurde Markus. Wer konnte ihm garantieren, dass
Manuel kein bewaffneter Psychopath war und alles nur eine Falle? Viel
Gelegenheit, ihn genauer kennenzulernen hatte er ja nicht gehabt.
So, jetzt war es so weit, er war immer den Wegweisern nachgefahren,
hatte den östlichen Stadtrand erreicht und querte
schließlich den Mittleren Ring. Und was jetzt, in München
steht ein Hofbräuhaus oder wie? Es war aber wohl so ziemlich das
Erste, das Touristen zu der Stadt einfiel, und mitten im Englischen
Garten und was noch so in den Reiseführen stand, würde wohl
kaum jemand auf ihn warten. Genauso hätte er auch den Platz in
Nürnberg vorschlagen können, auf dem jedes Jahr dieser
Weihnachsmarkt stattfindet. Egal, er war doch vor ein paar Jahren schon
einmal hier und irgendwo müsste es jetzt sein. Die
Maximiliansbrücke ging in die Maximilianstraße über und
erreichte den Altstadtring, und dort vorne war jetzt sogar noch ein
Wegweiser.
Markus hielt in einer Straßenschlucht im Gassengewirr der
Altstadt am Fahrbahnrand an und ging das letzte Stück zu Fuß
weiter. Sonst konnte man in dieser Gegend sicher unmöglich parken,
aber niemand kümmerte das Halteverbot jetzt. Wenn Manuel nicht
auch diese Idee gehabt haben sollte und wenn er nicht den ganzen
Nachmittag geduldig warten würde, dann müsste er sowieso wo
anders weitersuchen.
Nachdem er um eine Ecke gegangen war, stand er nun vor dem Haus. Er war
fast so nervös wie bei diesen Schulreferaten vor der ganzen Klasse
mit vierzehn. Er probierte vorsichtig, ob sich die Eingangstür
öffnen ließ, und nachdem das leichte Quietschen der Tür
die Stille durchschnitten hatte, machte er ein paar Schritte in den
Innenraum und sah sich um.
Er erstarrte, als er jemand an einem Tisch sitzen sah. Der andere hatte
ihn jetzt auch bemerkt, und beide sahen sich nun wortlos an.
Während Markus langsam näher kam, stand der andere vorsichtig
auf und kam auf ihn zu.
"Manuel, bist du das?", fragte Markus als erster.
"Ja - Markus?", antwortete der andere.
Beide gaben sich etwas zögernd einen kräftigen
Händedruck, sie sahen einander aber dann an, dass sie wirklich
froh darüber waren, wieder einmal jemand anderen zu sehen.
***
Eva wusste, dass man den alten Mittelwellensender auf dem Bisamberg bei
Wien bis auf 600 Kilowatt aufdrehen konnte, wie gut dass sie sich etwas
für technisches Zeugs interessierte. Sie wollte sogar fast einmal
etwas in der Richtung studieren, hatte sich dann aber doch anders
entschieden. Das Telefonnetz funktionierte jedenfalls nicht mehr, das
Internet auch höchstens mit sehr viel Glück und Strom gab es
eigentlich auch keinen mehr. Was war nur geschehen? Wenn in der Nacht
irgendeine Katastrophe hereingebrochen war, dann war es schon rein
administratorisch nicht möglich, dass die ganze Stadt einen Tag
später vollständig evakuiert ist. Irgendjemand musste doch
die ganzen Radiofrequenzen abhören, so früher oder
später auf sie aufmerksam werden und ihr alles erklären
können, irgendjemand musste da draußen sein. Zumindest von
der Abend- bis zur Morgendämmerung sollte der Sender locker ganz
Mitteleuropa abdecken können, wenn sie es denn schaffte, die
Dieselgeneratoren und die Sendeanlage in Gang zu setzen.
Eva warf noch einen Blick zurück auf die glosenden
Trümmerhaufen am Stadtrand. Es war ja niemand hier um die
Brände zu löschen, vielleicht war es ja auch ein verlassener
Gasherd, der nicht abgedreht wurde. Sie hoffte, dass bald wieder Regen
aufkommen würde, der die jetzt wieder leicht aufkommenden Flammen
eindämmen konnte. Ja, die Wolken schienen sich wieder zu
verdichten, als sie weiter die Senderstraße aufwärts ging.
***
Manuel und Markus waren inzwischen etwas aufgetaut und hatten die Leere
um sie herum fast vergessen und ja, sie hatten sich ein großes
Bier genehmigt, aber wirklich nur eines und dann konsequent Apfelsaft
und Wasser. Markus redete darüber, dass er eigentlich sowieso nie
so recht wusste was er wirklich wollte und nie längere Zeit eine
feste Arbeit hatte, trotzdem aber einen recht geregelten Lebensstil.
Manuel ging es ja fast ähnlich, aber immerhin hatte er mit Physik
eine Studienrichtung gefunden, die ihn wirklich interessierte. Das
heißt, im letzten Semester hatte er die Vorlesungen dennoch fast
eher selten besucht. Ach ja, und auch wenn alle um ihn herum weg waren,
so gab es für ihn persönlich momentan eigentlich kaum jemand,
den oder die er wirklich vermisste.
"Also du studierst ja Physik", sagte Markus, "und hast du irgendeinen
Ansatz, was mit der Welt passiert sein könnte? Alle weggebeamt
oder wie?"
"Nein", erwiderte Manuel mit einem kurzen Lachen, "also es gäbe da
schon ein paar gewagte Theorien, aber genauso wahrscheinlich wäre,
dass alle - wie du schon sagtest. Ich habe echt keine Ahnung."
"Hmm", frage er dann noch nach einer kurzen Pause, "hast du dir
eigentlich schon einmal Gedanken gemacht wie es wäre, wenn alle
anderen weg wären, du alles für dich allein hättest und
dir von niemand irgendwas vorschreiben lassen müsstest - so wie
jetzt?"
"Ja schon... aber ganz allein wärs auf Dauer sicher langweilig.
Und wo soll ich hingehen, wenn ich einmal Zahnschmerzen habe?"
Mittlerweile war es schon später Nachmittag. Beide hatten gar
nicht so recht gemerkt, dass sich langsam die Abenddämmerung
ankündigte, aber noch war es von draußen her
einigermaßen hell. Manuel kramte in seinem auf dem Boden
abgestellten Rucksack und holte ein kleines Radio hervor, so eine Art
Weltempfänger.
"Du, ich habe alles durchprobiert", sagte Markus, "auch Mittelwelle,
die ganzen Kurzwellenbänder..."
Manuel schaltete die Kiste einmal ein. 531 Kilohertz, dort wo der
Schweizer sein sollte - nichts. 540, Ungarn - ein paar zufällige
Störgeräusche, vielleicht von Gewittern. Mit der Zeit
schaltete er immer schneller weiter weil außer Rauschen ja doch
nicht viel zu hören war. Markus überlegte, dass vielleicht
irgendwo ein digitales oder sonst irgendein Signal lief, das dieses
Gerät gar nicht empfangen konnte, aber er erwartete sich nicht
viel und sah sich gelangweilt im jede Minute langsam immer dunkler
werdenden Raum um.
Doch halt, da war doch etwas.
Es war leise und ging fast im Rauschen unter, aber da war etwas. Er
glaubte noch ein paar Wortfetzen zu hören, aber was er dann
hörte war ein Pfeifen, ein Sinuston - und jetzt änderte sich
auch noch die Tonhöhe. Es war so, wie wenn sich jemand mit einem
Tongenerator spielen würde. Markus war mit einem Mal ziemlich
aufgeregt, als er auf die Frequenzanzeige blickte - 1476, das sollte
doch eigentlich der Sender in Wien sein!
"Hört mich jemand?", drang plötzlich eine aufgeregte
weibliche Stimme aus dem Lautsprecher. "Ich sende aus Wien, Bisamberg,
die Koordinaten sind - moment..." Sie las ihren Standort und noch ein
paar Dinge vor, die sie sich wohl zuvor schnell zusammengeschrieben
haben musste. Anscheinend war es eine vor höchstens ein paar
Stunden hastig aufgenommene Ansage, die in Endlos-Wiederholung lief.
Markus und Manuel sahen sich eine Weile wortlos an. Es war also
zumindest noch jemand da draußen. Sie hörte sich so an, als
ob sie schon etwas Angst davor hätte, wenn plötzlich
irgendjemand aus dem Nichts bei ihr auftauchte, aber wohl noch
größere Angst vor dem Alleinsein.
"Mit was bist du eigentlich her gekommen?", wollte Markus wissen.
"Mit dem Flugzeug", sagte Manuel jetzt wieder gelassen.
"Was?"
"Ja, ich hatte schon einmal Flugstunden - gut, eigentlich mehr so
gelegentlich als eine Art Schnupperkurs als Co-Pilot, weil ich da
einmal jemand auf dem Flugplatz bei uns in der Gegend gekannt habe.
Aber wenn du ein bisschen Ahnung davon hast, geht das schon."
Manuel schien nicht so ganz wie jemand auszusehen, der ein Flugzeug
steuern konnte.
"Markus, ich wollte ja zuerst auch hier her fahren, aber dann war da
diese Cessna auf dem Flugplatz - sie steht jetzt draußen auf der
A 99, war Platz genug zum Landen. Obwohl", sagte er und fügte
hinzu", sonst waren auf dem Autobahnen ständig diese verlassenen
Autos, aber auf dem Stück dort muss grade irgendwo eine Sperre
wegen einer neuen Baustelle gewesen sein."
"Das ist die Ringautobahn, oder was? Na dann fahren wir doch hin und
auf nach Wien!", gab sich Markus unternehmungslustig.
Die ganze Stadt lag schon im Halbdunkel, als sich beide auf den Weg zum
geparkten Lieferwagen machten. Die Tankanzeige war schon sehr
verdächtig im roten Bereich nachdem Markus den Motor gestartet
hatte, aber für die paar Kilometer sollte es sich schon ausgehen.
Nachdem sich beide in der Stadt nicht so recht auskannten, dauerte es
doch etwas länger als sie geglaubt hatten. Auch Manuel war sich
nicht mehr so sicher, auf welchem Weg er her gekommen war. Es war auch
schon ziemlich dunkel, doch als sie fast um den halben Mittleren Ring
gefahren waren, kam jetzt endlich doch noch ein brauchbarer Wegweiser.
Sie landeten über eine lange Auffahrtsrampe auf der nach Norden
Richtung Nürnberg führenden A 9, um dann nach einigen Minuten
zuversichtlicher, zügiger Fahrt ein großes Hinweisschild zur
A 99 zu entdecken. Über einem Fahrstreifen war dieser zwar mit
Klebeband abgedeckt, doch Manuel war sich sicher dass es jetzt irgendwo
hier sein musste.
Als Markus auf der weitläufigen Fahrban vor ihm in der Ferne im
Scheinwerferlicht etwas zu erkennen glaube, ging er vom Gas. Ja, dort
vorne stand mitten auf der Autobahn ein kleines Flugzeug. Er blieb in
einiger Entfernung auf dem Seitenstreifen stehen und suchte die paar
Sachen zusammen, die er aus Wien mitgenommen hatte. Beide stiegen aus
und gingen ein paar Meter weiter.
"Du weißt, in welche Richtung wir genau müssen?", war Markus
jetzt doch wieder etwas beunruhigt. "Wäre es es morgen früh
nicht doch besser? Hat die Landebahn überhaupt ein Notsystem
für die Beleuchtung, wenn der Strom ausgefallen ist? Was ist,
wenn da ein verlassenes Flugzeug mitten auf der Piste steht?"
"Ja, hat sie - sollte sie haben", versuchte Manuel zu beruhigen, "und
bis hier her hats ja auch geklappt und das GPS und die ganzen
Bordinstrumente funktionieren ja auch noch."
"Ja - wenn der Flughafen dann noch da ist", ergänzte Markus mit
etwas nachdenklicher Stimme.
Manuel kletterte zur Einstiegstür hinauf und half dann Markus beim
Einsteigen, dann setzte er sich ins Cockpit und schien nach kurzem
Überlegen genau zu wissen, was er tat. Wenig später
dröhnten die Triebwerke, die Scheinwerfer leuchteten weithin in
die beginnende Nacht und der Flieger begann zu rollen.
Markus hatte sich während des Beschleunigens krampfhaft irgendwo
festgehalten und spürte ein Gefühl der Erleichterung, als sie
schließlich abhoben und recht rasch an Höhe gewannen. Ihm
war, als ob sie gerade in letzter Sekunde vor etwas entkommen waren. Er
blickte aus dem Fenster, doch da war nichts. Alles schien wie
ausradiert, nur ein paar wenige flackernde Lichtpunkte erhellten wie
Irrlichter die Nacht.
Manuel schien alles fest unter Kontrolle zu haben und beide schwiegen
von nun an. Das Radiosignal war jetzt auch wieder da, sie schien alles
von vorhin öfters zu wiederholen und es wurde immer stärker
und klarer je mehr sie sich Wien näherten. Über
Österreich mussten sie ja schon längst sein.
"So, also den Anzeigen, der Karte und der Entfernung nach...", begann
Manuel vorsichtig und machte jetzt einen besonders konzentrierten
Eindruck, war aber erleichtert, als er die schwachen Lichterreihen
endgültig als Landebahn-Beleuchtung identifizieren konnte.
Einige Momente später tauchten plötzlich ein Zaun, eine
Grünfläche, einige Gebäude und eine breite, scheinbar
endlose Betonfläche im Lichtkegel auf. Augenblicke später
krachte das Fahrwerk unsanft auf die Landebahn, doch wieder einige
Augenblicke später war beiden klar, dass sie es geschafft hatten.
***
Markus hatte keine Ahnung wie spät es war, aber von draußen
drangen schon grelle Sonnenstrahlen in den Raum. Einen Tag später
erschien ihm der vorige wieder etwas unwirklich, aber er erinnerte sich
ganz klar, dass er sich mit Manuel noch irgendwie Richtung Stadt
durchgeschlagen und ihm dann angeboten hatte, erst einmal bei sich zu
übernachten.
Letzterer war auch schon aufgestanden und hatte scheinbar noch etwas
Genießbares zum Frühstück gefunden.
"Guten Morgen! Und, hast du noch was Interessantes gehört?",
fragte Markus.
"Hallo Markus", antwortete Manuel, "ja, da war noch kurz etwas, aber es
war dann auch weg. Wenn die dort einen Generator hat, dann läuft
der auch nicht ewig. Ach ja, fließendes Wasser gibt's bei dir
auch keines mehr, zumindest ist kaum noch Druck drauf."
"Na toll."
***
"Gut, also rein theoretisch angenommen, diese Eva, so heißt sie
doch, ist da...", begann Manuel.
"Ja, und?"
"...und wir sind die letzten drei unserer Spezies auf diesem
verfluchten Planeten..."
"Manuel, ich kenne diese Endzeit-Geschichten. Meistens bleiben dann am
Ende höchstens zwei übrig, die noch nicht völlig
wahnsinnig geworden sind", merkte Markus dann an.
"Ja, ja, wir werden das schon alles ruhig angehen. Wer weiß, da
ist einmal sie, aber vielleicht gibt es ja noch hunderte oder tausende
die irgendwo dort draußen sind."
Sie bogen jetzt mit dem ausgeborgten Fahrzeug des
Flughafen-Sicherheitsdienstes um eine scharfe Kurve. Nun konnte man
auch schon die zwei mächtigen Stahlkonstruktionen der Sendeanlage
sehen. Sicherlich hatte Eva irgendwelche Anhaltspunkte über sich
dort hinterlassen, angedeutet hatte sie es ja.
Markus hielt vor dem Gasthaus auf dem Gipfelplateau an. Auch Manuel
stieg dann wortlos aus, und beide sahen sich erst einmal ein bisschen
um. Die Aussicht auf die Stadt war doch immer wieder
überwältigend. Trotzdem, diesmal war es einfach irgendwie -
anders. Der Ursprung der Übertragungen die sie gehört hatten,
lag jetzt nur ein paar Schritte von ihnen entfernt, und beide waren nun
etwas nervös und gleichzeitig neugierig, was sie dort finden
würden.
Irgendetwas war dort neben dem Tor das den Haupteingang zum
Sendegebäude bildete. Ja, dort wo etwas von "Sendebetriebsleitung
Wien, Niederösterreich, Burgenland" stand, war etwas darunter ein
Stück Karton aufgeklebt. Alle zwei waren jetzt noch gespannter,
was dort wohl stehen würde und gingen weiter darauf zu. Bei
näherer Betrachtung konnten sie dann von einem Lokal in der
Innenstadt lesen, sie schrieb auch wann sie dort jeden Tag auf
möglichen Besuch warten würde.
***
Es sah fast wie eine Festung aus. Einige Tische aus dem Gastgarten
waren notdürftig vor den großflächigen Fenstern
aufgestapelt. Die Tür war von innen her mit irgendwelchen
Holzplatten verkleidet worden. Markus versuchte sich erst einmal
irgendwie bemerkbar zu machen und glaubte sich dabei sowieso schon
lange beobachtet. Ihm war auch, als hätte er von oben etwas
gehört.
"Hallo?", rief er nochmals, während er vorsichtig versuchte, die
Eingangstür zu öffnen. Wahrscheinlich war sie in der Nacht
auch verbarrikadiert, aber jetzt ließ sie sich öffnen.
Manuel zögerte etwas, kam dann aber auch nach. Angst hatte er aber
kaum und schließlich waren sie ja zu zweit.
Als auf einmal Schritte zu hören waren, zuckten beide etwas
zusammen. Sie mussten von der Treppe im hinteren Teil des Raumes
kommen. Ja, es war eine jüngere Frau, sie musste es sein. Sie
sagte zuerst gar nichts und legte dann das Stück Holz mit dem sie
bewaffnet war weg.
Eva wusste nun, dass es mindestens noch zwei andere Menschen gab und
war nun sichtlich von einiger Anspannung befreit, aber sonst waren alle
drei auch nicht schlauer als vorher.
"Habt ihr dieses leichte Erdbeben vor ein paar Tagen eigentlich auch
bemerkt?", fragte Eva nach einer Weile des lockeren Unterhaltens in die
Runde.
"Warte einmal, am Montag bin ich ziemlich früh ins Bett gegangen",
dachte Markus nach, "und irgendwann wie ich in der Nacht aufgewacht bin
ist mir vorgekommen, wie wenn da irgendein dumpfes Geräusch
gewesen wäre."
Manuel hatte plötzlich seinen Gesichtsausdruck schlagartig
verändert und wollte schon die ganze Zeit etwas sagen.
"Sag nicht, bei dir auch", sagte Markus, als er das bemerkte.
"Also Bielefeld ist von Wien so etwa - 900 Kilometer entfernt. Das
müsste ja schon ein großes Erdbeben gewesen sein. Oder
vielleicht - na egal", warf Eva daraufhin ein.
"Vielleicht was?", bekam Markus jetzt ein bisschen eine Gänsehaut.
"Was wäre wenn?", antwortete Eva. "Es ist schon komisch, ich habe
mir früher manchmal gedacht wie es wohl wäre wenn alle
außer mir plötzlich verschwunden wären, und
unlängst in dieser Nacht wo das Erdbeben war sogar davon
geträumt."
Plötzlich standen Manuel und Markus wieder nur für einige
Momente wortlos im Raum, kurz darauf dann auch Eva. Ja, jetzt wussten
alle, welche Verbindung zwischen ihnen bestand, sie erinnerten sich
wieder an den schon verblassten Traum, den sie alle hatten. Was auch
immer das zu bedeuten hatte, im Moment dieses Erdbebens - wenn es denn
überhaupt eines war - ist so wie es aussah etwas Seltsames mit der
Welt passiert.
Einen Tag später und in den Tagen darauf geschah dann nicht allzu
viel, außer dass sie so nach und nach immer mehr
übereinander erfuhren. Obwohl, in erster Linie waren sie eher
damit beschäftigt, mit vereinten Kräften bei Markus wieder
alles einigermaßen zum Laufen zu bringen und ein paar
Vorräte einzulagern. Mit einem Dieselgenerator und Solarzellen auf
dem Dach, einem Haufen Autobatterien, einem Wechselrichter und Unmengen
an Verlängerungskabeln aus dem Baumarkt schafften sie es sogar,
wieder eine halbwegs stabile Stromversorgung herzustellen. Nur die
Sache mit dem Wasser blieb etwas unpraktisch. Markus hatte auch den
Gaskocher wieder gefunden, nur auf Dauer konnte das auch keine
Lösung sein. Zwischendurch war ihm auch einmal danach, sich eine
Spraydose zu schnappen, das "Bitte den Rasen nicht betreten" im
Stadtpark zu übermalen und dort gleich ein bisschen in der Sonne
zu liegen, aber irgendwann würden solche Aktionen auch langweilig
werden. Manuel hatte sogar ein Strahlenmessgerät aufgetrieben um
auch eine gewisse Verschwörungstheorie ausräumen zu
können, aber an Radioaktivität war nur die natürliche
minimale Hintergrundstrahlung festzustellen.
Eva hatte auch einmal alle zu sich nach Hause eingeladen, doch sie
hatten sich darauf geeinigt, bis auf weiteres bei Markus zu
übernachten. Platz war ja an sich genug da. Manuel wollte auch
lieber erst einmal auf unbestimmte Zeit hier in Wien bleiben. Es war ja
fast ein Wunder, dass sie bis jetzt in dieser Ausnahmesituation nicht
von ihren Instinken getrieben unkontrolliert übereinander her
gefallen waren. Obwohl, so ähnlich etwas später an einem
Abend mit einer Flasche Wein dann doch.
Eine Woche später war die Zeit reif für eine kleine Feier,
und Markus, Manuel und Eva beschlossen in jenes Lokal in der Stadt zu
gehen, in dem sie sich getroffen hatten. Das Bier war natürlich
warm, aber sonst war ja noch genug da.
***
"Hallo Eva, was ist los?", fragte Markus etwas beunruhigt.
Eva antwortete nicht, sie sah nur völlig geistesabwesend zur Seite.
"Eva?", sprach er sie noch einmal an, doch sie sagte nichts. Doch, aber
sie sah immer noch zur Seite - und schien ein paar Worte zu einer
imaginären Person neben ihr zu sagen.
"Markus", begann Manuel zu reden und schien jetzt auch zu sehen was Eva
sah, "da sind überall Leute, das ganze Lokal, ich sehs wie durch
eine Nebelwand..."
Markus schien jetzt zu spüren, dass irgendetwas in der Luft lag,
doch er sah niemand außer die beiden anderen.
"Es ist - eine alternative Realität! Ein Paralleluniversum, eine
Überschneidung, keine Ahnung, aber es ist hier in diesem Raum!",
schien Manuel mit einem Mal völlig aufgeregt aus gewagten Theorien
zu zitieren.
Was ging hier nur vor? War es wirklich...? Eva schien jetzt
plötzlich wie von einer Art Schleier umhüllt.
Würde er jetzt für immer ganz allein in dieser Welt bleiben?
Würde jetzt irgendetwas anderes den Platz von Eva und Manuel im
Universum einnehmen? Wollte er eigentlich wirklich in die Welt
zurück, die er kannte?
Markus musste jetzt etwas tun. Eva löste sich vor seinen Augen
immer mehr auf, er gab ihr seine Hand und auch Manuel wollte...
***
Es waren jetzt schon fast zwei Wochen, die Markus den Job bei dieser
Computer-Firma hatte. Ganz nett war es ja, aber so toll war es auch
wieder nicht und sowieso nur für ein bestimmtes Projekt. Er hatte
dort zwar eine ganz bestimmte Aufgabe und musste sich auch manchmal mit
anderen absprechen, aber so blickte er nicht durch, worum es bei dem
Ganzen überhaupt genau ging. Niemand konnte ihm näheres
sagen, wofür die ganzen Zahlenreihen eigentlich verwendet werden,
oder sie schienen es nicht zu wollen.
Auf dem Rückweg kaufte er in der gegenüberliegenden
Bäckerei noch schnell ein paar Sachen ein, sah dann zu Hause nach
was sonst noch so zu essen da war und schaute kurz ins Internet.
"Hallo?", stand in dem Fenster, das sich gerade geöffnet hatte. Es
war ein gewisser Manuel aus Bielefeld in Deutschland. Er begann ein
paar Sätze drauf los zu schreiben, als ob er Markus kennen
würde, aber dieser schrieb zurück dass er ihn wohl
verwechselt haben musste.
Nach einigen Momenten der Stille forderte Manuel ihn auf, eine
bestimmte Tastenkombination zu drücken. Markus glaubte zwar, dass
er ohnehin nur verarscht wurde, doch was sollte schon viel dabei
passieren?
Mit einem Mal war plötzlich irgendetwas anders. Zwar schien alles
noch wie vorher zu sein, doch auf einmal war es für Markus so, als
ob er gerade durch eine Art Portal durchgegangen wäre, wie
über einen Grenzübergang in ein fremdes Land. Ja, in diesem
Moment war er mit einem Mal wieder in diese leere Welt versetzt,
trotzdem war auch dieses Projekt an dem er das letzte halbe Monat
mitgearbeitet hatte für ihn Realität. Es war fast so, als ob
er zweimal gleichzeitig existieren würde.
Kurz darauf kam Manuel bei der Tür herein und begrüßte
Markus.
"Du Markus, ich weiß nicht was du schon weißt, aber ich
habe was herausgefunden. Also die Firma in der du arbeitest könnte
der Schlüssel zu all dem sein."
Manuel erklärte lang und breit, dass er einige Nachforschungen
angestellt hatte. Diese Computerfirma war auch tatsächlich eine,
aber wirklich am Laufen war dort ein ganz besonderes Projekt. Auch wenn
er sich bei dieser Multiversen-Theorie nicht so sicher war, so sprach
alles dafür, dass sie es dort nach Jahren der Vorbereitungen
geschafft haben, ein Tor in ein Paralleluniversum zu öffnen. Sie
schienen aber noch lange keine Kontrolle über die
Übergangspunkte zu haben und zumindest die drei so hinein gezogen
zu haben.
"Ein Abbild unseres Universums, ein Spiegelbild, ein Echo - in dem alle
höheren Lebensformen fehlen - keine Ahnung. Wirklich durchschaut
habe ich bis jetzt auch nur diese Steuerungsoberfläche, die ich
dir geschickt habe."
"Und du sagst, dass wir uns wirklich schon ein paarmal getroffen
haben?", fragte Markus.
"Ja, nach diesen Aufzeichnungen am 27. Oktober 2002, am 14..."
"Denkst du, dass es wirklich nur drei sind, die sich eben ganz
zufällig in dieser - Realität - aufhalten?", unterbrach ihn
Markus.
"Wir hätten ja alle Zeit der Welt um das herauszufinden. Ach ja,
was ist eigentlich mit Eva, ist die dann auch hier geblieben?"
Einen Tag später stand Eva mitsamt ein paar anderen Leuten vor der
Tür.
ENDE
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Version vom September 2005 - leicht
überarbeitet
(zuletzt geändert am 28.09.2005)