Irgendwie, irgendwo, irgendwann in Wien
(c)
Markus Urban - markus_urban(at)gmx.at - 2003-2005 (neue Version)
Es war im Sommer des Jahres 2003,
als sich Markus dann doch zu einem kleinen Wandertag entschloss. Mit
dem Autobus wären es zu diesem Badeteich am Stadtrand von Wien von
hier aus nur noch ein paar Minuten gewesen, aber er wollte lieber durch
den Wald gehen. Der Weg hier war nicht unbedingt allgemein bekannt, nur
ein schon längst verrosteter Wegweiser an einem Zaun deutete
darauf hin. Auf dem Waldweg war es war angenehm kühl. So wie fast
immer kam ihm auch nach ein paar Minuten absolut niemand entgegen.
Der dichte Wald lichtete sich jetzt etwas und grelles Sonnenlicht
durchflutete die Umgebung. Als Markus auf die Anzeige seines Handys
blickte um nach der Zeit zu sehen, bemerkte er dass hier überhaupt
kein Empfang war. Momente später sah er plötzlich den Namen
eines ihm unbekannten Mobilfunknetzes, um gleich darauf wieder in sein
übliches Netz eingebucht zu sein. Ihm kam daraufhin in den Sinn
dass ja gestern auch das Licht eine halbe Minute lang so seltsam
geflackert hat, aber das hier war wohl einfach ein Funkloch.
Wenig später lag ein Ast quer über dem Weg. Markus beschloss,
einfach drüberzuspringen. Er nahm sogar einen kurzen Anlauf. Im
Moment wie er zum Sprung ansetzte, überkam ihn plötzlich ein
seltsames Gefühl. Ja, er spürte dass hier irgendetwas
passierte, etwas Mächtiges, Unerklärliches, aber da wurde ihm
auch schon schwarz vor den Augen.
***
Er fand sich auf dem weichen Waldboden liegend wieder. Er
überlegte etwas, wie er in diese Lage gekommen war und hatte
momentan keine Erinnerung daran was passiert war. Doch, natürlich,
der Sprung, der Ast. War er gestolpert, hängengeblieben, ist er so
schlimm gestürzt dass er gleich das Bewusstsein verloren hatte? Er
sah sich um. Wo war überhaupt der Ast?
Markus konnte aber problemlos aufstehen und hatte sich scheinbar auch
nicht verletzt, gerade dass ein Knie voller Erde war. Er putzte sich
notdürftig ab und ging weiter.
Einige Zeit später lichtete sich schließlich der Wald und er
sah auch schon den Badestrand am Rande der Lobau. Doch wie er
näher kam, wurde Markus den Eindruck nicht los, dass hier
irgendetwas Seltsames vorging. Er ging erst einmal auf den Imbissstand
zu der dort war und stellte sich hinter zwei Wartenden an.
Plötzlich fiel ihm bei genauerer Betrachtung der Preistafel auf,
dass alle Preise noch in Schilling angeschrieben waren. Ja, vielleicht
haben die das immer noch nicht ausgetauscht und irgendwo anders hang
die Richtige, aber das war nicht alles. Auch auf der Eiskarte sah er
ein Logo, das er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Wie lange die
wohl schon hier montiert war?
Wie er als Nächster an die Reihe gekommen wäre und schon
gefragt wurde was er gern hätte, sagte er nur halblaut "Danke -
doch nichts!" und machte ein paar Schritte zurück. Er versuchte
einfach nur, seine Gedanken zu ordnen und überlegte, was es nur
war das hier irgendwie nicht stimmte. Von einem spontanen Gedanken
getrieben ging er ein Stück weiter. Er kam zur
Raffineriestraße, hinter der sich die...
Markus blieb erstarrt stehen. Gegenüber, dort wo die Donauinsel
sein sollte, tat sich eine riesige Baustelle vor ihm auf. Auch die Neue
Donau, das Entlastungsgerinne, wirkte irgendwie anders, wie wenn das
Flussbett gerade erst ausgebaggert worden wäre. Sonst sah alles
wie eine Schottergrube aus und auf der staubigen Donauinsel konnte man
ein paar Bagger und Lastwagen sehen.
Nach einigen Momenten mit einer Gänsehaut am ganzen Körper
begriff er langsam, was mit ihm passiert sein könnte oder
zumindest wonach es aussah. Natürlich wollte er es nicht wahrhaben
und versuchte immer noch eine rationale Erklärung zu finden, doch
er konnte seine plötzlich aufkommende Panik einfach nicht
unterdrücken. Was sollte er jetzt nur machen, wo sollte er hin
gehen?
Er griff nach seinem Handy und griff natürlich ins Leere. Er
suchte sämtliche Taschen ab, wo war es denn nur? Na toll, es
wäre ja nicht das erste Mal gewesen dass Markus es irgendwo
verloren hätte. Taschendiebe gab es hier wohl nicht so viele,
obwohl diese ja im Laufe der Zeit auch schon zweimal bei ihm
zugeschlagen hatten. Weit konnte es ja nicht sein, er hatte es ja
gerade noch in der Hand. Egal, das war jetzt wirklich das geringste
Problem. Vielleicht lag das Telefon irgendwo im Dreck oder mitten im
Unterholz, aber er könnte ja einmal bei dem Stand fragen ob es
vielleicht doch jemand gefunden hat.
Als Markus so überlegte, ging ihm die Großbaustelle vor
seinen Augen einfach nicht aus dem Kopf. Genau so musste es hier vor
über zwei Jahrzehnen ausgesehen haben, wie das Jahrhundertprojekt
Donauinsel schön langsam einigermaßen fertig wurde. Aber was
das hier darstellen sollte, war ihm einfach nur schleierhaft und er
versuchte erst gar nicht, es wirklich zu realisieren. Wie er dann etwas
gedankenverloren ein Stück weiter gegangen war, überlegte er
ob sie sie in der Zwischenzeit vielleicht den Weg auf dem er gerade
ging etwas umgebaut oder verlegt hatten. Es war ja doch schon eine
Weile her als er zum letzten Mal hier gegangen ist.
Er war jetzt wieder auf einen in die Lobau führenden Waldweg
eingebogen von dem er glaubte, dass er ihn früher oder später
zurück zu diesem Badestrand führen würde. Er begann
jetzt ein bisschen zu laufen und wurde auch zunehmend nervös und
bekam schon wieder Magenkrämpfe, aber irgendeinen Ausweg musste er
jetzt finden.
Markus blieb kurz stehen, weil er einfach eine kurze Pause machen
musste. Ja, er war hier schon einmal gegangen, aber irgendwie sah jetzt
nichts mehr so aus wie es eigentlich aussehen sollte. Er ging noch ein
Stück weiter und hatte immer weniger eine Ahnung wo er jetzt
eigentlich gerade war. Das Schlimmste war aber, dass langsam aber
sicher schon die Abenddämmerung hereinbrach. Er hatte ja momentan
keine Uhr, war er wirklich schon so lange unterwegs?
Irgendwie tat sich jetzt so etwas wie eine Lichtung auf und ein paar
kleine Wohnhäuser waren zu sehen. Entweder war Markus noch in
Wien, vielleicht weitläufig in der Gegend von Eßling, oder
das hier war womöglich schon ein Teil von Großenzersdorf
oder der kleine Ort Mühlleiten. Ja, er hatte momentan echt
völlig die Orientierung verloren.
"Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?", kam plötzlich ein
älterer Mann auf Markus zu. Noch bevor dieser, leicht erschrocken
und etwas verwundert, überhaupt antworten konnte, riet er ihm,
einfach in Richtung dieses kleinen Hauses an der übernächsten
Straßenkreuzung weiterzugehen. Markus bedankte sich nur kurz,
ohne die Sache näher zu erläutern und ging weiter. Vermutlich
kamen hier öfters Leute vorbei, die eigentlich ganz woanders hin
wandern wollten und dort vorne war wahrscheinlich eine
größere, gut beschilderte Weggabelung oder sonst ein
markanter Punkt.
Hier war eigentlich nur so etwas wie eine abgelegene Wohngegend, in der
die meisten Gärten ziemlich verwildert waren und die Häuser
doch eher schäbig aussahen. Von einer Leitung, die die schmale
Straße entlang führte, hing sogar ein Kabel hinunter. Das
Haus, das der Mann von vorhin erwähnt hatte, war das einzige bei
dem Licht brannte. Es sah zwar auch recht verträumt aus, aber
zumindest so wie wenn hier tatsächlich jemand wohnen würde.
Markus hatte sich etwas umgesehen, aber Wegweiser, vielleicht eine
Bushaltestelle oder irgendeinen Anhaltspunkt der ihm weiterhelfen
würde schien es hier nicht zu geben, dafür wurde es immer
dunkler und er immer müder. Vielleicht würde ihm hier ja
jemand weiterhelfen können, fragen konnte er ja.
Irgendwie war diese jüngere Frau, die wenige Sekunden nach seinem
Läuten aus dem kleinen Haus mit dem leicht moosüberzogenen
Dach kam, nicht so ganz was Markus jetzt erwartet hatte. Er sagte nur
kurz guten Abend und wurde gleich freundlich hereingebeten. Er wusste
auch nicht was es war, irgendwie war ihm nicht so gut, aber
andererseits war es fast eher diese gewisse Müdikeit, die jetzt
immer mehr über ihn kam. Auch die ganze altmodische Einrichtung
bemerkte er noch und bekam dann noch zu hören, dass er sich besser
ein bisschen hinlegen sollte.
Einerseits war sein Kopf ziemlich klar, er schien sich jetzt sogar von
den unnötigen Gedanken befreit zu haben die ihn zuvor noch
belasteten, andererseits kam Markus die ganze Situation wieder ein
bisschen unwirklich vor. Ihm war auch nicht danach, gleich wieder
aufzustehen. Die Frau brachte ihm jetzt ein Glas Wasser, oder was immer
da drin war.
"So, du hast dir also insgeheim unter anderem immer schon
gewünscht, eine - weite Reise zu machen, habe ich recht?", sagte
sie. Markus war momentan einfach nur in den Bann ihrer Worte gezogen
und konnte nicht so recht etwas erwidern. Wenn ihm jemand weiterhelfen
konnte, dann sie jetzt. "Nur alles mit der Ruhe, früher oder
später wird das alles einen Sinn ergeben", sagte sie noch bevor er
viel darauf sagen konnte. "Aber überlege dir gut was du tust, ich
kann nicht immer auf dich aufpassen", ergänzte sie noch. Dann
wurde es langsam immer dunkler um ihn.
***
Es war wohl schon ein paar Stunden hell, als er wieder die Augen
öffnete. Er musste erst kurz überlegen, als er die ungewohnte
Umgebung sah. Ja, jetzt fiel ihm wieder alles ein, der Wald, die junge
Frau und was sie alles gesagt hat. Wo war sie denn nur?
Markus sah sich um. Er war noch immer in diesem Haus, aber er war
allein. Er streckte sich, und tausende Gedanken gingen ihm durch den
Kopf. Nach einigen Minuten sprang er dann spontan auf. Er erforsche die
nähere Umgebung, die ihm immer noch reichlich seltsam vorkam, aber
da war niemand außer ihm. Wenigstens stand da ein
Gefäß, ein verbeulter alter Metallbecher. Nach kurzem
Zögern ging Markus davon aus dass dort klares Wasser drin war und
trank daraus.
Nachdem er den noch etwas an seiner kurzen Hose haftenden Schmutz und
Staub abgeklopft hatte, ging er schließlich einfach durch die
halb offen stehende Tür nach draußen und den Waldweg hinter
dem Haus entlang. Zuvor hatte er noch ein paar Mal "Hallo?" gerufen,
aber wer auch immer gestern bei ihm war, sie war weg.
Markus ging vielleicht drei Kilometer weiter. Er versuchte sich zu
erinnern ob ihm etwas bekannt vor kam und irgendwelche Indizien
dafür zu finden was jetzt wirklich hier vor ging. Doch er stand
mitten im Wald, und außer diesem Pfad gab es keine Anzeichen von
Zivilisation. Nun ja, in den Donauauen oder im Wienerwald gibt es
endlose Kilometer von Wanderwegen, die kaum jemand alle kennen kann.
Wenigstens hatte er unterwegs ein paar Sträucher entdeckt, die
zwei, drei Hände voll Brombeeren hergaben.
Plötzlich blieb er stehen. Vor ihm war eine Holzbank am Wegrand,
darauf lag eine Zeitung. Schlagartig bekam Markus wieder eine
Gänsehaut und rief sich die Szene an der Neuen Donau in Erinnerung.
"Donnerstag, 26. Juni 1980" stand auf der Zeitung. Er erinnerte sich,
dass er einmal auf einem Schulwandertag eine Zeitung gefunden hatte die
schon mehrere Jahre alt war, aber diese sah noch sehr druckfrisch aus.
Nach einigen Momenten lösten sich seine verkrampften Finger, und
er begann darin zu blättern. Einiges das da drin stand kam ihm
bekannt vor, das war vor über zwanzig Jahren. Nein, es war gerade
erst jetzt... ach, es war überhaupt nichts.
Markus legte die Zeitung weg und blickte kurz um sich herum. Es sah
jetzt irgendwie etwas anders aus, auch der Weg war etwas breiter und
von einer dünnen Schicht Kieselsteinen bedeckt. Er ging weiter,
und als ihm an einer Biegung ein paar Leute entgegen kamen, kam ihm
bald alles immer bekannter vor.
Ein paar Minuten später wusste er schon wieder wo er war. Es sah
zwar immer noch etwas seltsam aus, aber er erkannte jetzt den
Badestrand und den Imbissstand wieder. Doch wieder sah er diese
seltsame Preistafel, und noch bevor jemand glauben könnte dass er
etwas kaufen wollte, ging er wieder ein Stück weiter.
Am anderen Ende der Wiese war eine Telefonzelle. Nein, Markus wunderte
sich nicht mehr über die uralte Tür, aber wie er dann von
einem Mindesteinwurf von einem Schilling las, hatte er ein Problem.
Dann überlegte er kurz und kramte in seiner Geldbörse. Ja,
die war noch da und komplett, nur dieses verdammte Handy war wohl
wirklich verschwunden. Er nahm den großen, schwarzen
Telefonhörer ab und warf ein 20-Cent-Stück in den
Münzeinwurf. Er spürte eine große Erleichterung, wie es
offenbar angenommen wurde. Er wählte auf der Wählscheibe
einer Nummer von jemand die er gerade im Kopf hatte, doch es kam nur
eine Hinweis-Tonfolge dass diese Nummer nicht existierte. Die
Münze kam wieder heraus und er probierte es gleich wieder mit der
Telefonnummer seines eigenen Handys, aber auch diese Nummer gab es ganz
einfach nicht.
Er hängte den Hörer auf und ging hinaus. Draußen
wartete ohnehin schon jemand und wollte telefonieren. Er ging wieder in
die Nähe des Imbissstandes, wo sich irgendwo "Video killed the
radio star" aus einem Lautsprecher quälte. Jemand quatschte
über das Ende und es folgte nach einer kurzen Pause die
"Österreich 3"-Senderkennung die Markus mindestens zehn Jahre
nicht mehr im Radio gehört hatte, dann kamen nach einem deutlich
hörbaren Gong die Nachrichten. "Hier ist der Österreichische
Rundfunk..."
Wie er nach der langen und konservativen Einleitung etwas zuhörte,
wurde nur noch bestätigt was ohnehin schon lange offensichtlich
war. Wie auch immer es passiert war, alles deutete darauf hin dass sich
Markus tatsächlich wieder im 20. Jahrhundert, im Wien der
frühen Achtziger Jahre befand. Er dachte daran dass es irgendein
rätselhaftes Naturphänomen sein könnte, er dachte an
diese Theorien über Zeitverzerrungen, schwarze Löcher und an
das ganze Zeug in der Richtung - und dann fielen ihm wieder die Worte
der Frau in diesem Haus ein. Sie war jetzt die einzige Person, die ihm
weiterhelfen konnte, sie würde das schon alles aufklären
können.
Warum war er gerade in dieser Zeit, konnte es sein dass es kein Zufall
war und eine tiefere Bedeutung hatte? Markus überlegte, dass er im
Jahr 1980 doch erst kaum über fünf Jahre alt war, er war aber
28. Könnte es theoretisch sein, dass sofort eine Narbe bei ihm
erscheint wenn er sein fünfjähriges Ebenbild mit einem Messer
attakieren würde? Was wäre wenn er sich selbst dazu bringen
würde, an diesem bestimmten Tag im Jahr 2003 garnicht erst in die
Lobau zu gehen?
Langsam war seine panische Angst zu Gunsten von Entdeckungslust in den
Hintergrund getreten. Doch bevor er tiefere Überlegungen anstellen
wollte, warum jetzt alles so war wie es war oder sich daran machen
konnte die Stadt so wie sie jetzt ist zu erkunden, stand er vor einem
elementaren Problem. Möglicherweise würde es ja noch ein paar
Automaten geben, die Euro- nicht von Schillingmünzen unterscheiden
konnten, aber die gezählten fünfundneunzig Euro und ein paar
Cent die er noch hatte würden wohl nur verwunderte Blicke
hervorrufen. Er konnte sich ja nicht einmal irgendetwas zu essen
kaufen. Selbst wenn es noch Schilling gäbe, würde ihm niemand
die modernen Scheine abnehmen. Soweit er sich erinnern konnte, gab es
zu dieser Zeit auch schon die ersten Bankomaten, nur hatte er seine
Karte sowieso nicht mit und es war auch genauso wenig wahrscheinlich,
dass die Automaten damit Geld ausspucken würden.
Markus war inzwischen ein Stück weitergegangen und konnte in nicht
allzu großer Entfernung schon die Ostbahnbrücke über
die Donau sehen. Er folgte er dort dem Wegweiser zur Schnellbahnstation
und versuchte, auf dem Weg seine Gedanken etwas zu ordnen. Der Zug
würde zum Südbahnhof fahren, von dort aus würde er
einfach zu Fuß durch die Stadt weitergehen. Es musste ja alles
unglaublich interessant sein, noch kaum Häuser über acht oder
neun Stockwerke, keine Einkaufszentren und Multiplex-Kinos in fast
jedem Bezirk, Straßenbahnlinien die es zu seiner Zeit schon lange
nicht mehr gab, sogar noch die Stockautobusse auf dem 13A und das alles
jetzt aus der Erwachsenen-Perspektive. Er hatte ja schon einige Texte
über die Stadtentwicklung gelesen und genug Bilder von früher
gesehen, aber jetzt lag die Geschichte zum Greifen nah vor ihm.
Als er nach kurzer Wartezeit auf dem recht einsamen Bahnsteig im
Schnellbahnzug war und es eine Fahrausweiskontrolle gab, wurde Markus
bewusst dass er gerade einen Einzelfahrschein aus seiner Zeit verwendet
hatte. Plötzliche Panik erfasste ihn wieder, doch der Schaffner
warf nur kurz einen prüfenden Blick auf den Fahrschein, machte
einen seltsam lächelnden Gesichtsausdruck und ging kommentarlos
weiter. Vielleicht hatte er nicht genau hingesehen, immerhin war ja der
Entwerterstempel korrekt.
Es waren jetzt sicher ein, zwei Stunden die Markus durch die Stadt
gegangen war. Alles völlig zugeparkt mit Autos wie alten Mercedes,
VW-Käfern oder Opel Asconas. Überall waren mehr oder weniger
knallig gelbe Bodenmarkierungen, und sogar die Mistkübel am
Straßenrand waren so wie er sie aus seiner frühesten
Kindheit in Erinnerung hatte.
Das recht zeitlose Billa-Logo hat wohl schon immer so ausgesehen.
Geöffnet von Montag bis Freitag 8 bis 18 Uhr, Samstag bis 12 Uhr.
Zwischen den jahrzehntealten Wohnhäusern schien eher der
zweckorientierte, schmucklose Betonstil zu dominieren, aber irgendwie
schien man auch manchmal etwas Aufbruchsstimmung in ein neues Jahrzehnt
zu bemerken. Dazwischen gab es ein paar etwas verträumt wirkende
Lebensmittelgeschäfte und einige detailverliebt gestaltete
Auslagen mit Taschenrechnern mit Leuchtziffern und mechanischen
Schreibmaschinen, in einer anderen große, eckige
Kassettenrecorder und Plattenspieler. Zwischendurch war Markus auch
eine absolut wahnwitzige Idee gekommen, aber gerade nach diesem
Erlebnis in der Schnellbahn wollte er es einfach drauf ankommen lassen
und sehen was passiert.
Er stand vor dem Gebäude der Nationalbank im neunten Bezirk, nach
kurzem Zögern ging er durch die jedenfalls nicht abgeschlossene
Tür und sah sich drinnen etwas um. War das überhaupt der
richtige Raum für Bankgeschäfte? Zumindest kann man hier zu
seiner Zeit bis in alle Ewigkeit Schilling-Bargeld spesenfrei in Euro
tauschen. Er sah in seine Geldbörse und zählte noch einmal
die Scheine nach. Es war absolut verrückt, dass er mit einer an
den Haaren herbeigezogenen Geschichte versuchte, diese Banknoten
umzutauschen, es wäre besser wieder zu gehen und sich etwas
Besseres zu überlegen. Auf einmal sprach ihn eine Dame an, ob sie
ihm weiterhelfen könne. Markus war kurz etwas erschrocken, doch
dann kam sie ihm irgendwie bekannt vor. Wie er stotterte dass er da ein
kleines Problem hätte, forderte sie ihn nur auf ihr zu folgen -
als ob sie wusste worum es ging.
Sie gingen noch an zwei Schaltern vorbei, an denen ein paar Leute
warteten, bis sie in einen Nebenraum kamen. Es war etwas dunkel, das
Tageslicht fiel nur recht gedämpft duch ein kleines Fenster in den
hohen Raum. Die Frau ging durch eine kleine Tür, bis sie hinter
dem Bankschalter stand. Markus beschloss einfach, ihr die Euroscheine
hinzulegen und abzuwarten, was passieren würde.
Für einige Sekunden herrschte Stille, dann sah er bei ihr genau
dieses seltsame Lächeln, das er schon bei dem Kontrolleur gesehen
hatte. Auf einmal zuckte auch wieder das Bild dieser Frau aus dem
seltsamen Haus durch seinen Kopf. Ja, das war doch, das musste...
"So, das wären dann...", nannte sie ihm einen Betrag, nahm sein
Geld und zählte ihm einen Haufen Hundert-Schilling-Scheine und ein
paar Münzen hinunter. Sie legte noch eine Visitenkarte dazu, falls
er noch irgendetwas brauchen würde. Als Markus den Text
überflogen hatte, war sie schon längst irgendwo nach hinten
gegangen. Inge irgendwas hieß sie und es stand auch eine
Telefonnummer und eine genaue Adresse drauf.
Markus steckte das Geld ein und ging hinaus auf die Straße.
Wenigstens hatte er jetzt keine Schwierigkeiten, etwas zu essen zu
besorgen. Es kam ihm dann in den Sinn, einfach einmal diese ganzen
Zeitreisetheorien nachzulesen, was sollte er denn momentan sonst tun?
Es musste doch genug wissenschaftliche Abhandlungen und Spekulationen
darüber geben, auch wenn es sogar in seiner Zeit pure Science
Fiction war. Selbst da gibt es ja mindestens zwei, drei verschiedene
gängige Zeitreise-Modelle. Zumindest wäre es jetzt
unmöglich, das berühmte Großvater-Paradoxon zu
verursachen, auf jeden Fall erschien es ihm aber angebracht, jetzt so
wenig Aufsehen wie möglich zu verursachen. Er könnte ja auch
alles im Internet nachlesen. Ja toll, im Jahr 1980 gab es das Internet
oder zumindest irgendwie vernetzte Computer zwar auch schon, aber
höchstens bei großen Firmen oder Universitäten. Es war
auch noch anders aufgebaut als dann in den späten Neunzigern und
es würde sicher um ein Vielfaches schwieriger sein an brauchbare
Informationen zu kommen, aber einen Versuch war es wert, wenn schon das
mit der Bank geklappt hat. Ja, vielleicht sollte er es hier in der
Stadt an der Uni probieren, zumindest müsste es an dieser ja auch
irgendwo eine riesige Bibliothek geben.
Fast schon etwas müde kam er nicht allzu lange später bei
dieser vorbei und sah sich in Ruhe etwas um. Er war ja nie Student
gewesen und wusste deshalb auch nicht, wie hier alles so läuft.
Irgendwann war er einmal im Eigangsbereich der TU in der Gegend vom
Karlsplatz gewesen, wo es sowas ähnliches wie ein Internet-Cafe
gab. Hier gab es auf den ersten Blick nichts dergleichen, auch keine an
Wunderkugeln erinnernden grüne Monitore mit sperrigen Tastaturen
wie es sie um 1980 vielleicht gab. Er fragte dann vorsichtig jemand,
der ihm gerade über den Weg lief, ob es hier vielleicht einen
Internetzugang gäbe. Nach kurzem Überlegen was Markus meinte
sagte dieser, dass der Zugang nur für Angehörige der
Universität möglich wäre, und überhaupt würde
die Verbindung gerade nicht funktionieren.
Draußen stieß er dann, gedankenverloren wie er war und
eigentlich nach so etwas wie einer Parkbank suchend, plötzlich mit
jemand zusammen. Natürlich, es war seine Schuld, er wollte sich
auch nur kurz vergewissern dass auch nichts passiert war und dann
möglichst schnell weitergehen. Aber Moment, war das nicht...
"Entschuldigung, aber kann es sein dass wir uns heute schon in der Bank
gesehen haben?", fragte er.
"Ja", schien sie fast etwas überrascht, "und gestern abend auch."
"Also Inge heißt du, richtig? Was geht hier überhaupt genau
vor und was wird am Ende noch einen Sinn ergeben? Warum warst du immer
so schnell wieder weg?", überhäufte er sie mit Fragen.
Während ringsherum der Straßenlärm toste, herrschte
zwischen den beidem für einen Moment Stille.
"Also hast du dir schon immer insgeheim gewünscht, einmal durch
die Zeit reisen zu können?"
"Aber..."
"Ich würde dir das ja gern alles genau erklären, aber das
geht jetzt nicht. Ich kann mir das selber auch nicht alles
erklären, aber bleib einfach locker und mache das von dem du
fühlst dass es richtig ist."
"Hör einmal, was willst du überhaupt von mir?", war Markus
irgendwie leicht verärgert.
Ja, was wollte die komische Tussi überhaupt von ihm? Verarschte
sie ihn die ganze Zeit? Andererseits - eigentlich wirkte sie ja sonst
ganz nett. Er beschloss für den Moment, einfach nicht mehr
darüber nachzudenken. Schließlich war er lange genug durch
die Gegend gelaufen und wollte sich erst einmal etwas auf der Bank dort
drüben ausruhen. Er hatte für einen Moment nicht auf Inge
geachtet, und als er sich dann wieder zu ihr hinüberdrehen wollte
war sie - wie vom Erdboden verschluckt.
Irgendwie war das alles momentan etwas zuviel für Markus.
Eigentlich wollte er ja ursprünglich schwimmen gehen und fasste
somit den Entschluss, den Nachmittag in einem Freibad zu verbringen.
Das Wetter war ja zumindest danach, und seine kurze Hose würde
schon auch als Badehose etwas taugen.
***
An sich hätten sie ihn mit seinem Ausweis umsonst hereinlassen
müssen, dachte sich Markus - naja, Spaß beiseite. Er hatte
sich gerade erst ein bisschen auf der Liegewiese des Ottakringer Bades
ausgebreitet, einem Schwimmbad, in dem er als Kind öfters mit
seinen Eltern oder auch mit Kindern aus der Schule war. Es war eher
unterdurschnittlich gut besucht, vielleicht würden die
großen Massen ja erst im Laufe des Nachmittags herkommen.
Außer ein paar Kindern war auch momentan niemand im Wasser.
Er genoss die Sonnenstrahlen auf seiner Haut und überlegte, ob er
sich lieber bald in den Schatten setzten oder doch eine Sonnencreme
kaufen sollte. Er wollte aber sowieso noch fühlen, wie warm denn
das Wasser war. Bis auf zwei Kinder waren jetzt alle wieder aus dem
Wasser gegangen. Ihm war bei ihnen im Schwimmbecken neben ihm, noch
dazu im tieferen Teil, nicht ganz wohl. Im Kinder-Planschbecken
wären die zwei wohl besser aufgehoben, aber wahrscheinlich hatten
sie schon richtig schwimmen gelernt. Er legte sich erst einmal
zurück und blickte mit geschlossenen Augen Richtung Sonne.
Was war das, hatte er grade jemand schreien gehört? Ja - es sah
doch nicht so aus, als ob die beiden Kinder wirklich schwimmen konnten,
sie schienen sich übermütig ins tiefe Wasser gewagt zu haben
und plötzlich verzweifelt um sich zu strampeln. Markus sah sich
nervös um, es musste doch schon jemand aufgefallen sein. Doch
irgendwie war niemand in der Nähe des Schwimmbeckens und der
Bademeister war auch nicht zu sehen. War das jetzt ein Test oder was?
Er ging schnell in Richtung Beckenrand, nein, er rannte hin und sprang
nach einem kurzen zögernden Moment ins Wasser. Eines der Kinder
konnte schon den Kopf nicht mehr über Wasser halten, während
das andere jetzt nur noch hysterisch kreischte. Markus packte beide so
schnell er konnte, versuchte sie über Wasser zu halten als er mit
ihnen schwamm und war wahnsinnig erleichtert als er den Beckenrand
erreichte.
Verdammt, es musste ihm doch jemand helfen. Ja, als er sich gerade in
Erinnerung gerufen hatte was man in so einem Notfall alles tun sollte,
kam auch schon der Bademeister angelaufen. Er war wohl noch
nervöser als Markus gerade, es wäre ja seine Schuld gewesen
wenn etwas passiert wäre. Nachdem dieser realisiert hatte was
genau geschehen war, brachte er ein atemloses "Sie waren gerade noch
rechtzeitig!" heraus. Die zwei Kinder sahen sich recht ähnlich und
schienen Brüder zu sein, sie husteten zwar gerade ziemlich wegen
dem verschluckten Wasser, aber sonst schien ihnen nicht viel passiert
zu sein.
Die Frau, die jetzt auch angerannt kam, war anscheinend ihre Mutter.
Sie machte fast einen etwas verwahrlosten Eindruck, fast wie wenn ihr
ihre Kinder eigentlich egal wären. Trotzdem sah man ihr an, dass
sie mit einem Mal wirklich sehr erleichtert war. Markus erklärte
kurz was passiert war, gab ihr dann noch einen langen Händedruck
und wollte jetzt ohne langes Gerede einfach nur weg von hier. Es
wäre ihm unangenehm gewesen, sich jetzt groß als Retter
feiern zu lassen oder immer mehr Schaulustigen gegenüberzustehen.
Vielleicht sollte er wieder in die Stadt fahren.
***
Als Markus um eine Ecke bog, wehte ihm auf einmal ein kalter
Windstoß ins Gesicht. Er hatte auch wieder dieses Gefühl wie
wenn etwas Rätselhaftes mit ihm geschehen würde, wie wenn ihm
für einen unendlich kurzen Augenblick schwarz vor den Augen
gewesen wäre. Das hier war die innere Mariahilfer Straße,
und mit einem Mal schien es so, als ob es viel kälter geworden
wäre. Seine Hose sah fast so aus, als ob sie jetzt etwas
länger wäre, auf jeden Fall hielt dieses Stück Stoff die
Kälte gerade so einigermaßen fern. Tatsächlich, es
schneite leicht. Was war jetzt schon wieder mit der Welt passiert?
Über dem Eingang einer Bank war eine Digitalanzeige älterer
Bauart montiert - 29. Oktober. Es gab keine U-Bahn-Haltestellen,
wahrscheinlich auch keine ewig langen unterirdischen Gänge und
auch noch keine endlosen Baugruben, dafür schlängelten sich
die Gleise der Straßenbahn durch das Straßenpflaster.
Markus ging ein Stück weiter und fragte dann einfach zur
Sicherheit einen Passanten, der wievielte denn heute bitte wäre.
Er bekam sofort "der 29." zu hören und fragte dann noch "also der
29. Oktober 1980?" nach. Der andere sagte darauf nur ein leicht
verwundertes "Ja" und ging weiter.
Bald wurde er vom geschäftigen Treiben auf dem Gehsteig
mitgenommen, wobei er bei einigen Zeitungsständen immer wieder das
Datum 29. Oktober 1980 lesen konnte. Er wunderte sich ja ohnehin schon
nicht mehr darüber und es ist schon ab und zu vorgekommen, dass
Ende Oktober schon ein paar Schneeflocken fielen, aber trotzdem wurde
er das Gefühl nicht los, dass hier etwas anders war als es
eigentlich sein sollte.
Als ihm eine Kurier-Schlagzeile ins Auge fiel, die die neuesten
Erkenntnisse über ein technisches Gerät verkündete,
kaufte er für fünf Schilling eine Zeitung. Schon eine Seite
nach der Weltpolitik war von "neuesten Erkenntnissen über das
Gerät" die Rede, nachdem ja die Spekulationen über dessen
Herkunft kein Ende nahmen. Wie ihm dann daneben das grobkörnige
Schwarzweißfoto auffiel, war klar, was gemeint war.
Der kalte Wind, der ihm auch noch ständig die Schneeflocken ins
Gesicht wehte, hatte Markus inzwischen in das große Kaufhaus
Herzmansky getrieben. Er nahm noch einmal die Zeitung her und
blätterte den Artikel durch. Man war sich zwar mittlerweile
sicher, dass das tatsächlich ein komplettes Funktelefon war und
nicht nur der Hörer und wohl auch irgendeine Art von
elektronischem Fernschreiber, aber in dieser Bauweise hatte das noch
niemand gesehen. Es arbeitete auch nach keinem der bekannten Standards.
Nachdem auch vor einigen Wochen an die Öffentlichkeit gedrungen
war, dass im Inneren die Zeichenfolge FEB2002 aufgedruckt ist, hatte
immer noch kaum jemand eine bessere Erklärung als dass es eine Art
Seriennummer sein sollte. Das direkt Naheliegende wagte jedoch kaum
jemand auszusprechen.
Doch dann fiel ihm erst auf, dass die halbe Weltpolitik davon handelte.
Es gab diplomatische Spannungen mit Finnland, weil man von der
österreichischen Regierung die Herausgabe des Gerätes
forderte, da der Name einer dortigen Firma drauf stand. Man zeigte sich
zwar zu einem Kompromiss bereit, wolle aber zuvor noch die ersten
Untersuchungen beenden. Auch die Amis hatten sich mittlerweile zu Wort
gemeldet und waren ebenfalls scharf drauf.
Markus lief ein kalter Schauer über den Rücken. Dabei
wäre das ja unter anderen Umständen eine echte Lachnummer,
aber ihm war in diesem Moment nicht zum Lachen zumute. Als er einige
Momente gedankenverloren an einer Säule lehnte, kam ein
Angestellter des Kaufhauses vorbei und fragte ob er ihm vielleicht
weiterhelfen könne. Markus war leicht erschrocken, fragte dann
aber ob es hier vielleicht eine Telefonzelle gäbe und der Mann
verwies ihn freundlich auf den siebenten Stock.
Auf dem Weg nach oben kam er bei der Spielwarenabteilung vorbei und an
der Eisenbahn, die sie hier immer aufgebaut hatten als er ein Kind war.
Doch jetzt wirkte dieser Ort immer bedrohlicher und nicht wie eine
schöne Kindheitserinnerung. Im Moment konnte er sich auch nicht
erinnern, ob es hier jemals mehr als vier oder fünf Stockwerke
gegeben hatte, doch dann war er auch schon in der siebenten Etage
angelangt.
Es gab hier zwar wie in jedem Stockwerk eine Übersichtstafel, doch
beim siebenten Stock war der meiste Text mit abgenutzten Klebestreifen
überdeckt. Es sah hier auch recht leer aus, nur ein paar
Wühlkisten und sonstiger Kleinkram standen herum. Außer ihm
war fast niemand hier, nur am anderen Ende des Raumes sah sich jemand
um.
Ein kleiner Wegweiser führte Markus zu einem an der Wand
montierten, von einem Kunststoffschirm umgebenen Münzfernsprecher.
Er kramte hastig nach der Visitenkarte, die ihm Inge in der Bank
gegeben hatte. Ein Gefühl der Erleichterung überkam ihn, als
er die Karte noch in seiner Geldbörse fand.
Nachdem die Wählscheibe ihre Impulsfolgen in das Telefonnetz
getackert hatte, wartete er gespannt ob sie sich melden würde. Sie
musste einfach. Als sie sich dann tatsächlich meldete, war er
gleichzeitig sehr erleichtert und etwas nervös.
"Inge? Ja, ich bin's, Markus."
"Oh, freut mich, dass du anrufst", sagte sie ruhig und gelassen.
"Das verfluchte kleine Handy, ist es das? Oder was geht hier jetzt
schon wieder vor?", erwiderte Markus er mit leicht angespannter Stimme.
"Es könnte sein, dass du irgendwas aus dem ursprünglichen
Zeitablauf verändert hast", blieb Inge weiter ruhig. "Das
könnte dann gegenüber der Welt so wie du sie kennst entweder
gar keine oder nur sehr kleine Auswirkungen haben, genauso kann es aber
auch sein dass schon kleine Dinge große Veränderungen
bewirken", drückte sie sich schon wieder etwas schleierhaft aus.
"Gut, das heißt, ich habe einen groben Anachronismus hierher
gebracht, und jetzt entsteht eines von den Dingern die das
Raum-Zeit-Kontinuum vernichten oder wie?", war Markus leicht
sarkastisch.
"Wie schon gesagt...", wollte Inge sagen, doch ihre Stimme wurde immmer
mehr von Störgeräuschen überlagert. Markus konnte sie
nur noch leise hören und sagte etwas lauter, dass er sie nur
schlecht verstehen konnte. Er brachte gerade noch heraus, dass er gern
bei ihr vorbeikommen würde um das alles hier in Ruhe zu
besprechen, dann brach die Verbindung ab.
Nachdem Markus noch einige Momente vor dem Telefon gestanden war,
bemerkte er, dass sich das durch die Glasscheibenfront in einiger
Entfernung zu sehende Tageslicht irgendwie verändert hatte. Es
würde wohl zu regnen beginnen. Er schritt zur Rolltreppe und
beobachtete im Stockwerk darunter einige Momente interesssiert, wie
zwei, drei Angestellte an den ausgestellten Fernsehgeräten
herumdrehten, die Bildstörungen aber einfach nicht wegbrachten. Im
Erdgeschoß angelangt, sah er vor dem Ausgang eine kleine
Menschenmenge. Sie warteten wohl bis es wieder zu regnen aufhörte.
Markus drängte sich durch, erntete einige auf ihn gerichtete
Blicke und ging hinaus auf die Straße. Es regnete nicht.
Das Blau des Himmels war kein Blau. Es ging vor seinen Augen in ein
Grün über, wurde nach einigen Sekunden gelb um dann in ein
blasses Rot überzugehen. Er konnte seine Augen nicht vom Himmel
lösen und es schien kein Ende zu nehmen. Ein etwas älterer
Mann ging vorbei und blieb neben ihm stehen.
"Was ist das?", war das einzige, das Markus momentan einfiel.
"Ja eine Farbveränderung! Hören Sie keine Nachrichten?"
"Und ist das schlimm?", wollte Markus wissen.
"Kaum jemand traut sich noch hinaus wenn dieses Wetter kommt, aber was
das wirklich genau ist, wissen sie ja noch nicht genau. Ach, alles
Blödsinn!", meinte der Mann und ging langsam weiter.
Giftgrün wurde zu sattem Blau, sattes Blau wurde zu blaugrau mit
einigen Wolkenschleiern und so blieb es dann auch wieder. Es war
vorbei. Langsam drangen wieder Menschen auf die Straße oder
gingen weiter, nachdem sie sich unter Vordächern
zusammengedrängt hatten. Markus interessierte sich momentan nur
für den Stadtplan, den er gerade an einer touristischen
Hinweistafel entdeckt hatte. Er stieg in die nächste
Straßenbahn, kaufte diesmal einen Fahrschein aus dem Automaten
und machte sich auf den Weg zu Inge.
Soweit er sich in der Gegend auskannte, hatte ihn der 58er jetzt fast
zu seinem Ziel gebracht. Er würde an der nächsten Haltestelle
aussteigen, vielleicht jemand fragen und zu Fuß weitergehen.
Bevor der Zug stehenblieb, flackerte das den Fahrgastraum etwas
erhellte Licht kurz auf. Markus stieg hinaus in das jetzt doch etwas
ungemütliche Wetter und ging einfach seinem Gefühl nach
weiter. Als er auf die richtige Gasse gestoßen war, kramte er
noch einmal die Visitenkarte hervor und sah sich nach der Hausnummer
um. Das seltsame Gefühl bei ihm in der Magengegend, das sich
zwischenzeitlich halbwegs gelegt hatte, kam jetzt doch langsam wieder.
Er stand vor einem dieser typischen Wiener Gründerzeithäuser,
studierte kurz die Druckknöpfe der Sprechanlage und entdeckte auch
tatsächlich ihren Namen. Nach einigen Augenblicken gespannten
Wartens begrüßte sie ihn kurz und er hörte den Summton
des elektrischen Türöffners. Er öffnete die alte,
knarrige Holztür und war froh, dem Schneetreiben wieder entronnen
zu sein. Der Türnummer nach musste es wohl im zweiten Stock sein.
Markus erkannte Inge gleich wieder als sie ihm die Tür
öffnete. Als erste Reaktion umarmte er sie fest, um sie dann
genauso schnell wieder loszulassen.
"Das... das tut mir jetzt leid, ich wollte nicht...", versuchte er zu
sagen.
"Aber das muss es nicht", erwiderte Inge. "Komm, setz dich erst einmal
hin."
Sie gingen durch die Wohnung, die echt noch nach zwanzigstem
Jahrhundert aussah. Der Fernseher lief, einer von diesen Farbfernsehern
mit abgerundeter Bildröhre die leicht herausstand, mit nur einem
Lautsprecher auf der rechten Seite und in einem braunen Gehäuse.
Die Zeit im Bild-Sondersendung brachte auch nur, was er schon aus der
Zeitung kannte. Draußen schien sich schon wieder etwas
zusammenzubrauen.
Sie redeten etwas über die Dinge, die sich so ereignet hatten,
dabei tat sie dann auch nicht einmal mehr so geheimnisvoll und er war
froh, ganz locker und offen mit ihr reden zu können. Markus
vergaß auch für den Moment diese mysteriöse Aura, die
Inge umgab.
"Also du hast das alles inszeniert und im Wald sowas wie ein -
Zeitversatzfeld - installiert oder wie soll ich mir das genau
vorstellen?"
"Nein, aber irgendwas ist da draußen. Nenn es temporale
Störungen oder wie du willst, ich verstehe es ja selber nicht
völlig. Ja, und du bist da in etwas hineingezogen worden und ich
konnte es spüren."
"Und in der Mariahilfer Straße hat mich dann wieder sowas
erwischt? Wie..."
"Irgendwann", unterbrach ihn Inge, "habe ich entdeckt, dass ich da
bestimmte Dinge wahrnehmen und auch bis zu einem bestimmten Grad
irgendwie beeinflussen kann, nur möchte ich da sehr vorsichtig
sein."
Sie wurde still und wusste nicht so recht weiter.
"Hmm", versuchte Markus anzuknüpfen, "und dass wir hier einmal in
ein Lokal, eine Disco oder sowas in der Art gehen wäre wohl nicht
so eine gute Idee?"
"Nein - ich habe einfach Angst davor Dinge zu tun, die zu dieser Zeit
ursprünglich nicht so passiert sind. Wahrscheinlich gibt es so
etwas wie einen Mechanismus, der unsere eigene Gegenwart vor
Veränderungen schützt, vielleicht gleicht auch ein Ereignis
ein anderes aus, aber irgendwann ist eine bestimmte Schwelle
überschritten und alles könnte kollabieren. Vor ein paar
Wochen gab es zum ersten Mal so eine Himmelsverfärbung."
"Und darum warst du bis jetzt nicht so gesprächig und immer gleich
weg?", fragte Markus nach einer kurzen Pause nach. Wieder herrschte
für einen Moment Stille.
Inge tat dann wieder etwas geheimnisvoll und meinte, dass gerade der
heutige 29. Oktober 1980 für sie eine besondere Bedeutung
hätte, sowas wie ein temporaler Knotenpunkt. Nein, Markus wollte
momentan garnicht mehr wissen wie sie auf all das kam.
Als sie sich dann erst einmal nichts mehr zu sagen hatten, verfolgten
sie die Sendung im Fernsehen. Es kamen immer wieder die gleichen
Aufnahmen und Interviews mit irgendwelchen Wissenschaftlern.
Plötzlich schwenkte die Kamera zu einem etwas aufgeregt wirkenden
Nachrichtensprecher, dem man gerade ein Papier zugesteckt hatte.
"Sehr geehrte Damen und Herren, vor wenigen Minuten haben wir die
Bestätigung erhalten, dass sich die bisher schwerste
Farbveränderung...", konnte er gerade noch sagen, bis nach einigen
Momenten mit Störstreifen nur noch Bildrauschen herrschte. Es kam
dann zwar eine "Wir bedauern"-Grafik mit diesen drei abgebrochenen
Farbstreifen, aber wenig später war nur noch eine Mischung aus
Rauschen und irgendwelchen Geisterbildern zu sehen. Ein rötliches
Schimmern drang durch das Fenster.
Inge stand auf und ging zum Fenster. Rasch änderte sich die
Himmelsfarbe, in immer schnellerer Abfolge. Auch Markus stand auf und
ging zu ihr. Beide sagten nichts und blickten in den Himmel. Instinktiv
nahm er ihre Hand, bis alles um sie herum nur noch strahlendes
Weiß war.
***
Markus war gerade aufgewacht und begann sofort mit neugierigen Blicken
seine Umgebung zu erforschen. Er war in einem kleinen Raum, durch das
Fenster drang strahlender Sonnenschein herein und aus einem Radio
dudelte der Ö3-Wecker, die Schlagzeilen vom 27. Juni und der
Wetterbericht. Er zweifelte noch einige Zeit daran, ob diese Umgebung
jetzt wirklich real ist, doch dann streckte sich Markus noch einmal und
raffte sich aus dem Bett auf.
Er entdeckte einen Fluchtplan für den Brandfall, daneben hang noch
ein in Kunststoff eingeschweißtes Stück Karton -
"Zimmerpreise 1980". Ein Einzelzimmer schlug sich mit 190 Schilling zu
Buche. Wenn heute der 27. Juni 1980 ist, dann wäre das einen Tag
nachdem er hier aufgetaucht war. Ja, die Sache mit der
Farbveränderung erschien ihm auch noch sehr real, aber trotzdem
wurde er den Gedanken nicht los, dass es ja doch nur ein Alptraum
gewesen sein könnte und er sich wohl gestern irgendwann dieses
Hotelzimmer genommen hat.
Markus machte noch eine schnelle Katzenwäsche mit kaltem Wasser
und sah sich dann noch kurz um. Seine Kleidung, ein Schlüsselbund
und seine Geldbörse waren alles das er hatte. Toller Ausweis,
geboren am 19.01.1975. Vielleicht sollte er ja bei seinen Eltern
vorbeischauen - "Hallo, so sehe ich dann 23 Jahre später aus!" Na
klar.
Er entdeckte noch die Toilette am Gang und kam dann bei der schlicht
gehaltenen Rezeption vorbei. Markus gab zu verstehen dass er dann jetzt
ausziehen würde, und ohne dass ihm viele Fragen gestellt wurden,
zahlte er die hundertneunzig Schilling und verabschiedete sich. Er fand
sich in einem Treppenhaus wieder, und wie er draußen auf der
Straße stand war es klar, dass die kleine Hotel-Pension in dem
Haus untergebracht war in dem er Inge getroffen hatte oder treffen
würde - toll, kein Ausdruck ist wirklich korrekt.
Plötzlich wurde ihm wieder bewusst, dass er besser dieses
verdammte Mobiltelefon suchen sollte. Die freundlichen Sonnenstrahlen
hatten ihn nur eine Weile über seine Lage hinweggetäuscht und
das leichte Gefühl der Verzweiflung verdrängt. Vielleicht lag
es ja jetzt noch dort im Wald. Markus überlegte, wie er von hier
aus am besten in die Lobau fahren könnte. Vielleicht vom Norden
her über Eßling, vielleicht würde es per Taxi ja ganz
schnell gehen? Lieber nicht, wer weiß ob das Geld reichen
würde. Markus kam dann in den Sinn, von der U1-Endstation Kagran
aus mit dem Bus weiter zu fahren. Irgendeine der zahlreichen Buslinien
müsste doch von dort aus in diese Richtung fahren.
Er erreichte die Ringstraße und stand tatsächlich wenig
später vor einer U-Bahn-Haltestelle, die irgendwie immer schon so
ausgesehen haben musste. Ja, die Aufschriften waren etwas anders, aber
sonst war alles so wie es auch noch 23 Jahre später sein
würde. Doch als plötzlich mitten auf der Strecke die Rede von
"Endstation, bitte alle aussteigen" war, fiel ihm schlagartig ein, dass
diese Linie ja erst ein paar Jahre später bis nach Kagran
durchgebaut sein würde.
Markus stieg in den nächsten Straßenbahnzug, der dann vom
Praterstern aus durch die Lassallestraße fuhr. Die neue
Reichsbrücke über die Donau war immer noch eine Baustelle,
nachdem die alte jetzt schon vor ein paar Jahren eingestürzt war.
Auf einer großen Ankündigungstafel stand, dass sie am 8.
November wiedereröffnet werden würde. Der 25er rumpelte
langsam über die während der Bauzeit noch aufgestellte
Behelfsbrücke.
Es musste schon fast Mittag sein, als ihn dann nur noch ein Stück
schmale, durch ein Feld führende Straße vom Waldrand
trennte. Er fand sich rasch zurecht und war auch bald auf dem Weg, auf
dem er im Jahr 2003 gehen würde. Nach einigen Minuten war er sich
sicher, an der Stelle seines Sturzes angelangt zu sein, und wieder fuhr
ein kalter Schauer duch seinen Körper.
Das Telefon war natürlich nicht da. Scheiße! So eine
verfluchter Mist! Markus suchte nochmals die Umgebung ab und ging dann
etwas mutlos weiter. Er ließ seine Blicke genau über den Weg
schweifen, aber von seinem Handy keine Spur. Sicher hatte es schon
lange jemand mitgenommen, und die Geschichte würde unabwendbar
ihren Lauf nehmen. Resignierend ging er weiter, und als er
schließlich am Badestrand angekommen war, hatte er Lust etwas zu
essen. Der Inhaber des Imbissstandes würde ihn vielleicht wegen
gestern dumm anschauen, aber das kümmerte Markus jetzt nicht.
Als er gerade zahlen und sich mit den Manner-Schnitten irgendwo kurz
hinsetzen wollte, fasste er den Entschluss, den Standbesitzer doch nach
dem Handy zu fragen.
"Ähm, haben Sie hier in der Nähe vielleicht so ein Ha... -
ich meine es sieht aus wie ein Telefonhörer von einem..."
"Moment, moment...", bremste ihn der Mann ein, "vielleicht sowas mit
einer Digitalanzeige drauf?"
"Ja, genau!", erwiderte Markus plötzlich voller Euphorie.
"Grade hat jemand so etwas bei mir abgegeben, also wenn's Ihnen
gehört..."
Der Mann drehte sich um, kramte in einer Schublade und reichte Markus
dann das Handy durch das Verkaufsfenster.
"Ist es das hier?" - "Ja, genau das, danke!" - "Keine Ursache."
Markus überkam ein großes Gefühl der Erleichterung. Als
er es in die Hand nahm, kam es ihm wieder so vor als ob sich
irgendetwas verändern würde. Vielleicht war es ja auch nur
die Anspannung, die sich gerade bei ihm gelöst hatte, denn die
Umgebung war genauso wie auch schon in den Minuten davor. Er hatte
anscheinend seine Aufgabe erfüllt und die ganzen Dinge in ein paar
Monaten würden nie passieren, aber was würde dann wohl als
nächstes geschehen? Das konnte ja jetzt wohl nicht alles gewesen
sein. Das Handy war immer noch eingeschaltet, die Anzeige war bei der
Suche nach einem Netz einfach hängengeblieben. Alle Einstellungen
waren noch da, nur das Datum bestand nur aus lauter Nullen. Er stellte
es auf den 27.06.1980 und steckte das Handy ein. Komisch, er hatte
irgendwann einmal versucht, ein früheres Datum einzustellen und
glaube sich zu erinnern dass das frühestmögliche Jahr 1999
war, aber jetzt lief die Anzeige korrekt.
Markus war wieder etwas durch die Stadt gestreift und überlegte
sich, wie es nun weitergehen sollte. Sollte er vielleicht wieder
versuchen, Inge zu erreichen? Wie sollte er nur wieder dort hin
zurück kommen wo er eigentlich hin gehörte? Er wusste ja
immer noch nicht, ob jetzt eine Art höhere Macht oder doch etwas
wissenschaftlich erklärbares daran schuld war dass er hier war.
Er kam noch einmal bei der Bibliothek in der Stadt vorbei und sah sich
etwas um. Ein paar Leute gingen bei etwas gedämpftem Licht auf und
ab und stöberten in den Regalen. Es würde wohl niemand dumme
Fragen stellen wenn er hier in ein paar Büchern blättert.
Markus überlegte, ob er jetzt in den Karteiblättern nach
Physik, Grenzwissenschaften, Science Fiction oder wonach auch immer
suchen sollte. Er stieß dann auf ein viel versprechendes Buch mit
leicht vergilbtem Einband und kaum lesbarem Titel. Er blätterte es
interessiert durch und setzte sich dann an einen Tisch.
Dabei wurde er die ganze Zeit beobachtet. Er hatte zumindest den
Eindruck, und als er noch einmal aufblickte, stand der Mann neben dem
Tisch immer noch da und las wohl bei seinem Buch mit. Wie ein Student
sah er nicht wirklich aus. Als Markus einmal instinktiv das Handy
hervorholte um nach der Uhrzeit zu sehen, wurde er wenig später
angesprochen.
"Entschuldigung, aber Sie interessieren sich wohl besonders für -
ähm - Zeitreise-Theorien und so?"
"Ja... und?", versuchte er gelassen zu bleiben. Er glaubte wieder
diesen seltsamen Blick wie auch schon bei der Fahrausweiskontrolle zu
sehen, aber er hatte trotzdem das Gefühl, wie wenn der hier
wirklich hier her gehörte.
"Interessantes Gerät haben Sie da! Jedenfalls, wenn Sie einmal
kurz mitkommen, könnte ich Ihnen was Interessantes zeigen."
Markus überlegte nicht lang und stürzte sich in das hinein,
was jetzt auch immer auf ihn zu kommen würde. Sie gingen durch
eine Tür und schritten über einen schlecht beleuchteten Gang.
Der Universitätsangestellte, oder was immer er genau war, sperrte
eine Tür auf, und beide standen schließlich in einem mit
Unmengen von Geräten und Kabeln vollgestopften Raum.
Der Fremde stand vor einer seltsamen Konstruktion und gab einige
Befehle an einem Computer mit kleinem Monochrom-Monitor ein.
"So", forderte er Markus aufgeregt auf, "schauen Sie einmal, ob Sie
jetzt mit dem Funktelefon etwas empfangen."
Markus startete noch einmal die Netzsuche. Wieder lief ihm ein kalter
Schauer über den Rücken, als nach und nach vier GSM-Netze
gefunden wurden, die frühestens Anfang der Neunziger auf Sendung
gehen würden. Er schaltete es ab, nahm die Abdeckung herunter und
zeigte ohne etwas zu sagen auf das innen aufgedruckte Produktionsdatum.
"Ich wusste es", rief der Mann nach einigen Momenten den Schweigens mit
sehr aufgeregter Stimme, "eines Tages würde es funktionieren! Ja,
Sie müssen aus einer zukünftigen..."
"Juni zweitausenddrei", unterbrach ihn Markus mit ruhiger Stimme, "der
26. glaube ich, so etwa 17 Uhr". Angespannte Stille folgte, nur das
Surren der Instrumente füllte den Raum.
"Hören Sie zu, ich...", begann er wieder zu reden und
erzählte in ein paar Minuten die ganze Geschichte.
"Wenn wir es versuchen dann jetzt oder nie. Bleiben Sie einfach genau
dort stehen! Das ist das - Versatzfeld." Erst jetzt fielen Markus die
orangen Linien auf dem kahlen Betonfußboden auf, die das seltsame
Gebilde neben ihm umgrenzten. Der Wissenschaftler gab noch ein paar
Befehlsfolgen auf der Tastatur ein, bis er schließlich nach einem
schwungvollen finalen Druck auf die Enter-Taste einen Schritt
zurück trat.
Markus überkam jetzt wieder so ein seltsames Gefühl. Aber es
war nicht nur so ein Gefühl, er spürte wirklich ein
deutliches Kribbeln am ganzen Körper. Egal was jetzt passierte, er
wollte einfach nur in seine Zeit zurück. War vielleicht diese
Zeitmaschine hier, wenn es denn wirklich eine war, die alleinige
Ursache von alledem? Er wollte noch etwas sagen, doch er konnte nicht
sprechen, seine Worte wurden einfach vom Nichts verschluckt. Er blickte
noch einmal auf den Kalender, der an der gegenüberliegenden Wand
hing - 27. Juni 1980. Irgendwie schien jetzt langsam eine Art Nebel den
Raum zu füllen, aber nicht etwa wie Trockeneis, nein, viel feiner
und doch immer undurchsichtiger. Doch etwas schien zu blockieren,
Markus hatte das Gefühl, einfach nicht weg zu kommen. War da
vielleicht noch etwas Unerfülltes, irgendetwas das er insgeheim
noch gern tun würde oder tun sollte?
Als Markus daran dachte, wie er mit Inge am Fenster stand, wurde das
Summen lauter.
***
Er saß in einer Wiese und sah sich etwas um. Ja, er musste auf
der Donauinsel sein, die in der beginnenden Abenddämmerung da lag.
Um ihn herum war es recht laut und durch das Gebüsch konnte er
bunte Lichter sehen. War das etwa...? Markus sah auf die Datumsanzeige:
Es war der Mai 1984. Er stand auf, war für einige Minuten in
Gedanken versunken was jetzt schon wieder geschehen ist, aber er war
erleichtert, als auch nach einer Minute kein GSM-Netz gefunden wurde.
Nein, keine Spur vom Großen Bruder oder sonstigen Albträumen
die hier nicht her gehörten, und das geschäftige Treiben so
etwa fünfzig Meter von ihm musste das erste Wiener Donauinselfest
sein.
Markus ging zum Hauptweg und stürzte sich ins Gedränge. Er
hatte ja noch Geld übrig und kaufte sich an einem Stand etwas zu
trinken, lieber doch etwas Alkoholfreies. Nach einer Bühne kam
eine gewisse Strecke, an der das Gedränge deutlich nachgelassen
hatte und es nur ein paar wenige Stände gab. Ja, dort stand eine
jüngere Frau am Rand des Weges.
"Inge?"
"Markus!"
Es war tatsächlich seine Bekannte Inge, und ohne viel zu reden
beschlossen sie erst einmal, sich etwas abseits des Weges in Richtung
Donau hin zu setzen. Die Sonne war gerade untergegangen. Von einem
Getränkestand her kam Musik, es klang so richtig
kitschig-schön nach Achtziger Jahre. Markus überkam ein
"schon ewig nicht gehört"-Gefühl, es war ein altes
Nena-Stück und sicher auch keine von diesen Coverversionen.
"Im Sturz durch Raum und Zeit, Richtung Unendlichkeit - fliegen Motten
in das Licht, genau wie du und ich. Irgendwie fängt irgendwann
irgendwo die Zukunft an, ich warte nicht mehr lang..."
Sie sahen sich kurz an.
"Liebe wird aus Mut gemacht, denk nicht lange nach, wir fahren auf
Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht..."
Markus und Inge waren an irgendeinem Punkt des Zeitablaufs gelandet,
und obwohl immer noch irgendetwas nicht stimmte, genoss er den
Augenblick. Er staunte auch nicht schlecht, als ihm Inge ihr
Geburtsdatum erzähle. Auch wenn das Universum an diesem Tag doch
nicht kollabiert war, so blieb es vielleicht gerade deswegen ein
temporaler Knotenpunkt.
"Gib mir die Hand, ich bau dir ein Schloss aus Sand, irgendwie,
irgendwo, irgendwann. Die Zeit ist reif für ein bisschen
Zärtlichkeit, irgendwie, irgendwo, irgendwann..."
Wieder sahen sie sich an. Markus gab Inge seine Hand.
Sie umarmten sich.
Sie küssten sich.
"Das, das ist jetzt so über mich gekommen, ich wollte nicht...",
hatte Markus Angst jetzt vielleicht etwas Falsches getan zu haben.
"Aber das muss es nicht, war doch schön", hauchte Inge.
"So, und was jetzt?", wollte Markus wissen.
"Wart's ab, wir werden schon sehen!"
Wieder schien es so, als ob etwas Mächtiges vor sich gehen
würde. Die Musik, die bunten Lichter, das Stimmengewirr, die ganze
Umgebung - alles schien eins zu werden.
***
Markus war bei sich zu Hause. Die Umgebung erschien ihm absolut real,
alles sah sehr nach 2003 aus. Er sah nach ob seine Geldbörse, die
Schlüssel und das Handy noch da waren und es hatte
tatsächlich noch alles. Er stürzte sich an seinen Computer,
schaltete den Fernseher ein und drehte am Sendersuchlauf des
Radiotuners. Es war Ende Juni 2003 und alles war so, wie es immer war.
Plötzlich fiel ihm wieder Inge ein. Er kramte nach der
Visitenkarte. Sie war noch da. Ob unter dieser Telefonnummer immer noch
jemand abheben würde? Natürlich war ihm klar, dass die Wiener
Telefonnummern in der Zwischenzeit wohl unzählige Male umgestellt
worden waren, aber wer weiß was ihr so alles eingefallen war?
Markus zögerte einige Momente und wurde auch ziemlich nervös,
wählte dann aber ihre Nummer.
Sie meldete sich, und sie klang genau so wie er sie kannte. Er fragte
sie alle möglichen Dinge die er über sie wusste, und sie
sagte immer nur ja. Wieder wollte er sie besuchen und diesmal ganz ohne
Zwischenfälle mit ihr reden. Sie sagte ihm noch einmal die Adresse
und meinte, dass er ja gern vorbei kommen könnte.
Gut gelaunt sperrte Markus ab und ging hinaus auf die Straße. Als
er um eine Ecke gegangen war, wurde er von zwei Männern
angesprochen die ungefähr so alt wie er waren.
"Wo gehen wir denn so hin wenn man fragen darf?"
"Ach, ich - habe einen privaten Termin", wollte er einfach nur eine
schnelle Antwort geben und weiter gehen. Sehr freundlich schauten die
beiden, die einander recht ähnlich sahen nicht aus, aber es
wäre ja nicht das erste Mal dass ihn jemand blöd anquatscht.
"Nicht so schnell!", rief einer der beiden mit hasserfüllter
Stimme und zog ein Messer.
Markus bekam panische Angst und wollte nur weg von hier, doch da hatte
ihn der andere auch schon gepackt. Er versuchte sich zu wehren, doch
dann ging alles ganz schnell, er verspürte einen
fürchterlichen Schmerz und ihm wurde langsam schwarz vor den Augen.
***
Er musste in einem Krankenhaus sein, das letzte an das er sich erinnern
konnte war diese Messerstecherei. Ihm war furchtbar übel und
schwindlig. Irgendwo lief auf einem kleinen Fernseher "Wien heute", von
dem er in seinem momentanen Zustand grade so ein bisschen mitbekam.
"In Wien-Penzing wurde gestern ein 28-jähriger Mann Opfer eines
bewaffneten Raubüberfalls. Er wurde mit schweren Verletzungen in
das Wilhelminenspital eingeliefert, laut Auskunft der Ärzte
besteht aber keine Lebensgefahr. Die Täter, ein Brüderpaar,
konnten wenig später gefasst werden, sie sind einschlägig
vorbestraft." Im folgenden kurzen Filmbericht waren auch alte Aufnahmen
von einem Schwimmbad zu sehen.
Inge stand neben seinem Bett, Markus registrierte aber auch sie nur so
halb. Auch sie war irgendwie in die Gegenwart zurückgekehrt und
auch jetzt zweiundzwanzig Jahre alt. Irgendwann würde er schon aus
diesem Krankenhaus heraus kommen und dann einmal irgendwo in Ruhe mit
ihr reden. Der Arzt, der sie gerade so seltsam angeblickt hatte,
würde schon dafür sorgen. Nach ihren Nachforschungen war er
ja früher immerhin auch Mitarbeiter an der Uni und vielleicht
irgendwie nicht ganz unschuldig an der ganzen Geschichte.
ENDE
21.02.2004 - ein paar kleinere
Änderungen gegenüber der Version vom November 2003 auf
kurzgeschichten.de
02.06.2005 - Rechtschreibung
überarbeitet und einige minimale Änderungen
(zuletzt geändert am 02.06.2005)