Jäger
des verlorenen Lottoscheins
(c) 1997-2003
Markus Urban
Es war eine laue Sommmernacht. Die Stadt war einsam und verlassen, es
war Urlaubszeit.
Markus war allein zu Hause. Er hatte sich für heute vorgenommen,
sich durch nichts stören zu lassen und die Ruhe der Vorstadt von
Wien zu genießen, anstatt sich in irgendwelchen Lokalen durch die
Menschenmassen zu drängen. Markus saß gedankenverloren in
einem Liegestuhl auf der Gartenterrasse und blickte in den
sternenklaren Nachthimmel. Aus dem Haus drang der Klang eines wirklich
guten Radiosenders, der genau zu dieser Stimmung und Zeit passende
Musik spielte.
Nichts schien die Idylle zu stören. Doch dann fiel Markus ein,
daß er die Ergebnisse der letzten Lottoziehung ja noch nicht
überprüft hat.
Er raffte sich aus seiner bequemen Gartenliege auf, ging ins Haus und
sah den Teletext nach den Ziehungsergebninssen durch. Noch keine
Gewinnermittlung. Aber die Zahlen standen hier. Er suchte kurz auf dem
Tisch nach der Lottoquittung, konnte diese aber nicht finden. "Macht
nichts", dachte er sich, "die kann ich immer noch suchen". Stattdessen
nahm er den Zettel mit den Zahlen, die er immer spielte, aus seiner
Geldbörse und verglich sie mit den Ergebnissen auf dem Bildschirm.
"1...stimmt. 5... habe ich. 26... richtig. Siebenund... Moment!"
Markus'Blick schweifte hastig zwischen den Tippkolonnen hin und her.
Schlußendlich stellte er mit offenem Mund, rasendem Puls und
Adrenalinschock fest - daß in einem Tip alle sechs Zahlen richtig
waren. Markus hielt noch einige Sekunden inne, doch dann folgte ein
wahrer Euphorieausbruch.
Doch Markus nahm sich zusammen und versuchte, ruhig und sachlich zu
bleiben. Instinktiv begann er, nach der Quittung zu suchen. Auf dem
Wohnzimmertisch war sie nicht. Er streifte alles, was auf dem Tisch
stand, mit einer Armbewegung auf den Boden. Gläser zerbrachen. Er
durchwühlte hastig den Papierhaufen - nichts. Im Kasten - nichts.
Markus lief zu seinem Auto, das auf der Straße vor dem Haus
stand. Auch hier nichts. "Nein, das gibt es nicht! Halt. Immer
systematisch vorgehen. Was habe ich mit dem Lottoschein gemacht, als
ich aus der Trafik gegangen bin?", sagte er zu sich selbst.
Plötzlich überkam Markus ein Gefühl der Erleichterung.
Natürlich. Er hatte die Quittung seitdem in seiner Geldbörse
aufbewahrt - in seiner anderen. Und die lag wohl bei einem Freund im
Auto. Höchstwahrscheinlich vor einigen Tagen dort vergessen. Jetzt
konnte er sich an alles erinnern.
Markus griff zum Telefon und rief bei Stefan zuhause an. Doch leider
meldete sich nur ein Anrufbeantworter-Text. Daraus schloß Markus,
daß er wohl wieder in diesem Lokal am Donauufer war. Er probierte
seine Handy-Nummer - mit mehr Erfolg.
"Ja, was gibt's?", fragte Stefan gutgelaunt.
"Es ist sehr wichtig! Ich glaube, ich habe meine Geldbörse
unlängst bei dir im Auto liegen lassen."
"Könnte sein... ja genau... wenn, dann war es letzte Woche
irgendwann. Ich könnte ja dann schauen und sie dir vorbeibringen,
morgen irgendwann, oder muß es heute noch sein?"
"Perfekt. Alles wunderbar! Wo bist du momentan?" ... "Aha, genau dort."
"Wenn es so wichtig ist, kannst du ja noch vorbeikommen. Ich bin sicher
noch bis zwei dort - oder bis drei."
"Gut", sagte Markus, warf den Hörer irgendwie auf das Telefon,
schritt zu seinem Wagen und fuhr sofort los.
Er fuhr um zwei Ecken und erreichte die Kreuzung mit der
Hauptstraße. Die Ampel sprang gerade auf rot. Markus hielt an.
Nach einigen Sekunden sah er, daß er das einzige Fahrzeug weit
und breit war. Er faßte den Entschluß, die Ampel zu
ignorieren und keine Zeit zu verlieren. Doch genau als er in die
Kreuzung fuhr, bemerkte er auf der anderen Straßenseite zwei
Gestalten in der Dunkelheit. Bei genauer Betrachtung entpuppten sich
diese als zwei sich unterhaltende Polizisten. Es kam, was kommen
mußte. Beide wurden auf den Verkehrssünder aufmerksam,
riefen "Halt!" und sprangen auf die Fahrbahn.
Markus konnte gerade noch vor ihnen bremsen. Dabei starb der Motor ab.
Die Beamten belehrten Markus über sein Vergehen, holten einen
kleinen Papierblock hervor und begannen, aus einigen Gesetzestexten zu
zitieren.
"Also, Mißachtung des Rotlichts, Nichtanhalten vor einem
Schutzweg, Behinderung und Gefährdung von Fußgängern,
Körperverletzung eines Beamten im Dienst... ja, das kostet Sie
leider was!"
"Zeigen Sie mir einmal Ihre Papiere", unterbrach der andere Polizist.
"Papiere, ja Moment...", sagte Markus und tastete seine Hosentaschen
ab.
"Ja, wissen Sie, die habe ich in meiner anderen Hose", gab Markus den
Beamten zu verstehen, als er merkte, daß er die ganzen Ausweise
und sein Bargeld in der Eile zu Hause vergessen hatte.
"Schlecht, sehr schlecht!", sagten die Polizisten im Chor. "Können
Sie wenigstens gleich zahlen?"
"Also das ist so...", stammelte Markus.
"Keine Fahrzugpapiere, kein Ausweis, kein Bargeld... Dann müssen
wir Sie leider vorläufig festnehmen, bis Ihre Idendität
geklärt ist. Steigen Sie bitte aus!"
"Nein, nein, das gibt es doch nicht! Das darf doch einfach nicht wahr
sein", dachte Markus. Aber andererseits - er war doch jetzt reich. Und
diese Lappalie würde er schon irgendwie regeln.
Entschlossen startete er wieder den Motor, legte blitzartig den Gang
ein und raste mit aufheulendem Motor davon.
In der Ferne konnte er noch die Anhalteaufforderungen der Polizisten
hören. Sie hatten sich wohl sicher das Kennzeichen gemerkt. Aber
gleich morgen würde Markus die Lotto-Gesellschaft anrufen und dann
keine Schwierigkeiten haben, die lächerliche Geldstrafe zu
begleichen. Ein Chauffeur würde dann aber wohl auch gleich
fällig werden, so mit entzogenem Führerschein.
Jetzt ging es zügig durch die Nacht. Nichts schien Markus jetzt
noch aufzuhalten. Doch plötzlich zuckte neben der Straße ein
greller Blitz auf. Verdammt, er hatte wohl eine Radarfalle
übersehen. Das war ihm aber jetzt wirklich egal.
Wenig später erreichte er die Donaubrücke. Gleich nach der
Brücke bog er zum Lokal ab. Dort angekommen, dröhte ihm
gleich laute Discomusik entgegen. Obwohl gerade Reisezeit war, waren
der Gastgarten des Lokals und jene der benachbarten
außerordentlich gut besucht.
Vor dem gebührenpflichtigen Parkplatz standen einige Autos und
warteten, bis sich der Schranken öffnete. Der erste Fahrer hupte
schon und beschwerte sich lautstark, daß hier nichts weitergehe,
kurz darauf auch die anderen.
Markus fragte sich, warum er lange warten und noch dazu dafür
zahlen sollte, wenn dort, wo er jetzt war, alles frei war. Er zweifelte
zwar noch, ob man hier auch wirklich parken darf, doch dann stellte er
schließlich sein Auto am Rand des Zufahrtsweges ab und ging in
den Gastgarten.
Nach einigem Suchen entdeckte er im Gedränge seinen Freund Stefan.
"Hallo Markus! Wie geht's? Wir haben uns lange nicht..."
"Keine Zeit für Erklärungen! Wo ist meine Geldbörse?"
"Deine Geldbörse? Die habe ich bei mir im Handschuhfach! Es sind
ein paar hundert Euro drin, aber die wichtigen Dokumente hast du ja
glaub' ich in einer anderen - wieso hast du es eigentlich gar so eilig?"
"Das ist... es ist... rein privat!", sagte Markus verlegen.
"Ach so! Ja, dann gehen wir zu meinem Auto und holen deine
Geldbörse", schlug Stefan daraufhin etwas ratlos bis neugierig
vor.
Beide gingen auf den Parkplatz. Stefan kramte eine Weile in seinem
Fahrzeug, und nach einer Weile präsentierte er Markus stolz die
Geldbörse. In diesem Augenblick überkam Markus ein
unglaubliches Gefühl der Erleichterung. Zufrieden umklammerte er
das Portemonnaie. Ein kurzer Blick - die Quittung war tatsächlich
da. Ihm wurde bewußt, wieviel Geld er da momentan in der Hand
hielt.
Er steckte die Börse ein und beschloß, die Lottoquittung
sofort in seinem Auto zu versperren. Er bat Stefan, kurz zu warten und
ging weg. Nachdem das erledigt war, hatte Markus wirklich allen Grund
zu feieren.
"Wie soll ich es sagen? Ich war heute - äh - geschäftlich
sehr erfolgreich! Das müssen wir feiern! Komm, ich lade dich
ein!", sagte Markus in hocherfreutem Ton.
"Das ist ja nett, aber jetzt habe ich wirklich keinen Grund zum
Feiern", gab sich Stefan etwas deprimierit, "vor einer halben Stunde
ist meine Freundin davongelaufen. Es hat so gut angefangen, aber ich
muß irgendetwas falsches gesagt haben. Dann ist sie ausgerastet,
hat gesagt, daß sie mich nie wieder sehen will und ist
davongelaufen."
"Oh, die Eva? Ach, vergiß sie. Sie hat dich doch sowieso
ständig nur ausgenutzt."
"Jetzt, wo du es sagt... Ja, eigentlich hast du recht. Unsere Beziehung
war wirklich nicht die beste. Vielleicht ist es besser so. Eigentlich
bin ich sogar froh, daß ich sie endlich los bin! Jetzt stört
mich nur noch, daß sie hier seit neuestem Parkgebühren
verlangen und auch noch ein Halteverbot auf dem Zufahrtsweg aufgestellt
haben."
"Aber einen Grund zum Feiern haben wir! Schnell, dort drüben ist
noch ein Tisch frei."
Markus und Stefan drängten sich durch die Menge und nahmen an dem
Tisch Platz.
Sofort war auch schon ein Kellner zur Stelle.
"Was darf ich bringen, die Herren?"
"Ich hätte gerne...", überlegte Markus, während er mit
dem Finger über die Getränkekarte fuhr, "...ich möchte
einen Long Island Ice Tea extra heftig!"
"Oh, das ist der härteste, den wir haben - gut, gerne. Und
für Sie?"
"Also ich möchte... diesen aloholfreien Coctail hier."
"Willst du nicht etwas Härteres?", fragte Markus Stefan.
"Nein, auf keinen Fall. Ich muß noch fahren und du doch auch,
oder?"
"Na und? Dann fahren wir halt mit dem Taxi - statt in einen Baum."
"Wenn du zahlst, gerne."
"Natürlich, ich zahle ja auch das hier!"
"Wenn das so ist... Herr Ober!", rief Stefan, zunehmend besser gelaunt,
dem gerade weggehenden Kellner zu.
"Ja?", fragte dieser.
"Streichen Sie meine Bestellung, ich nehme stattdessen das Gleiche wie
er."
"Natürlich, kommmt sofort!", bestätigte der Kellner.
Während die beiden auf ihre Coctails warteten, konnte Stefan es
nicht lassen, Markus noch einmal nach diesem angeblichen guten
Geschäft zu fragen.
"Ja, das ist folgendermaßen...", wurde Markus verlegen.
Doch wenige Augenblicke später wurde er erlöst, denn der
Kellner stellte die Getränke auf den Tisch.
"Wie war das also?", fragte Stefan noch einmal nach. "Es ist... eine
interne Angelegenheit, und wenn etwas davon an die Öffentlichkeit
tritt, könnte das für mich schwerwiegende Folgen haben",
erfand Markus spontan eine nicht besonders gute Ausrede.
"Ach, vergessen wir das endgültig. Ich sollte mich wirklich nicht
in deine Angelegenheiten mischen."
"Äh, richtig!"
Markus und Stefan prosteten sich zu. Schon der erste Schluck hielt, was
er versprach.
"Hey, der schmeckt aber heute besonders gut!", waren sich beide einig.
Doch auf einmal fiel Markus etwas ein.
"Was hast du vorhin gesagt wegen dem Halteverbot?"
"Diese Trottel haben auf dem Zufahrtsweg ein Halteverbot aufgestellt.
Seit ich hier bin, haben sie schon fünf Autos abgeschleppt. Du
stehst doch nicht etwa dort, oder?" - "Doch!"
Markus stand auf und sah nach seinem Auto. Doch es war nicht dort, wo
er es abgestellt hatte. Er sah sich kurz um und erspähte den
Parkplatzwächter, der beim Schranken stand. Markus gab ihm zu
verstehen, daß er sein Auto vermisse.
"Auf dem Weg haben Sie es geparkt? Das geht aber nicht!"
"Wo ist mein Auto?"
"Die Falschparker werden alle auf den städtischen
Zentralabschlepplatz gebracht."
"Na toll. Und was kostet der Spaß?"
"Wenn Sie Glück haben zweihundert Euro, wenn Sie Pech haben 400,
plus Mehrwertsteuer natürlich noch. Wenn der Chef besonders
schlecht aufgelegt ist, kann auch noch eine Bestitzstörunsklage
kommen."
"Vielen Dank", sagte Markus in einem recht scharfen Tonfall.
"Räuberbande!", rief er noch laut in die Luft, als er wieder in
den Gastgarten zum langsam ungeduldig werdenden Stefan ging.
"Und? Was war?", fragte dieser.
"Was soll sein? Abgeschleppt haben sie mich! Das kostet ein
Vermögen. Die Parkgebühr wäre dagegen ein Trinkgeld
gewesen!"
"Apropos...", sagte der gerade vorbeigehende Kellner.
"Wie? Ach so! Wir werden dann langsam zahlen", sagte Markus und
drückte ihm ein paar Geldscheine in die Hand. "Hier, stimmt
schon."
"Vielen Dank, besuchen Sie uns bald wieder! Hier, unsere Karte", zeigte
sich der Kellner recht erfreut.
"Es ist zum Aus-der-Haut-fahren!", ließ Markus seiner Wut freien
Lauf.
"Gut... aber es gibt Schlimmeres."
"Willst du die ganze Wahrheit wissen? Gut. In der Geldbörse war
eine Lottoquittung. Und drauf sind sechs Richtige. Sie ist ein
Vermögen wert!"
"Also ich glaube, du hast zuviel getrunken", reagierte Stefan ganz
gelassen.
"Aber wenn ich es dir sage."
Markus zog den Zettel, auf dem er seine Standardtips notiert hatte, aus
seiner Hosentasche. Er gab ihn Stefan.
Markus stieg auf einen Sessel und brüllte durch den Gastgarten, ob
jemand die Lottozahlen wisse. Dies brachte ihm allerdings nur
Gelächter ein. Er stieg wieder hinunter und ging zum Nebentisch.
"Wissen Sie's? Wissen Sie die Zahlen?"
"Am Mittwoch? Da waren doch schon wieder so dumme Zahlen. 1, 5, 26, 37,
38, 39. Da hab ich nur einen Dreier gehabt, und den auf zwei Tips
verteilt", gab sich der Mann vom Nebentisch gesprächsbereit.
"Danke! Na, und jetzt schau dir diese Zahlen an. Du weißt doch,
daß ich immer die selben spiele", wandte sich Stefan vom
Nebentisch zu Markus.
"Donnerwetter!", stand Stefan plötzlich der Mund offen.
"Weißt du was? Wenn ich das hier überstanden habe, werden
wir den Gewinn irgendwie aufteilen, gab sich Markus
großzügig.
"Äh, was soll ich sagen? Gut, einverstanden! Ein paar Prozent
davon wären schon toll. Trinken wir aus und machen wir, daß
wir von hier wegkommen."
Markus und Stefan kippten den Rest ihres Coctails hinunter. Doch das
sollte beiden den Rest geben.
"Mir ist auf einmal so schwindlig. Und dich gibt's auf einmal zweimal!"
"Ebenfalls! Aber www... wir sollten sehen, daß wir ein Taxi
bekommen, und zu diesem verfluchten Abschlepplatz fahren. In diesem
Zustand kann wohl wirklich niemand von und mehr selbst fahren. Ich
werde diese Quittung keine Sekunde mehr aus meiner Hand geben, wenn ich
sie habe!"
"Gg... gute Idee!"
Stefan zog mit Schwung die Antenne seines klassischen Handysmodells aus
und rief in einer Taxizentrale an. Nichteinmal eine Minute später
war schon ein Wagen zur Stelle weil der Standplatz gleich um die Ecke
war, was aber niemand von beiden bemerkt hatte.
"Wohin soll's denn gehen?"
"Zum diesem Parkplatz, wo sie die abgeschleppten Autos hier hinbringen,
schnell!"
"Soso, zum städtischen Abschlepplatz. Ich sag' Ihnen, das
Geschäft geht heute ziemlich gut!"
Während das Taxi durch die Nacht fuhr, drehte der Fahrer am
Funkgerät herum. Dabei erwischte er auch kurz den Polizeifunk. Es
waren Wortfetzen von einem bei einer Verkehrskontrolle flüchtenden
Fahrzeug zu hören. In diesem Augenblick lief Markus kalter
Angstschweiß über den Rücken. Er glaubte schon,
daß er gemeint sein könnte, doch als eine völlig andere
Automarke genannt wurde, war er wieder einmal total erleichert.
Am Ziel angekommen stiegen beide aus, und Markus bezahlte den Fahrer.
Stefan und Markus standen nun vor dem Gitterzaun des
Autoabstellplatzes. Es war fast idyllisch ruhig. Nur das Zirpen der
Grillen durchschnitt die Stille der Nacht. Beide lenkten ihre Schritte
nach kurzem Umsehen zu der kleinen Hütte beim Haupteingang, aus
der ein fahler Lichtschein drang.
"Ihr Auto wollen Sie? Haben Sie das Geld mit?", gab sich der
Nachtportier gleich geschäftstüchtig. Eigentlich ein Wunder,
daß um diese Zeit jemand hier war.
"Ja, sicher! Und sperren Sie endlich das Tor auf!"
"Nicht so hastig. Da brauche ich zuerst einmal einen Ausweis und den
Zulassungsschein."
"Ausweis? Zulassungsschein? Das habe ich nicht da!"
"Ist eigentlich auch egal. Haupsache, Sie haben Geld mit. Schreiben Sie
mir die Autonummer auf und kommen Sie mit."
Der Portier gab Markus einen kleinen, unbedruckten Zettel, worauf
dieser seine Autonummer notierte. Daraufhin ging der Nachtportier aus
seinem Häuschen, öffnete das große Ausfahrtstor und bat
Markus und Stefan, mit ihm mitzukommen.
Tatsächlich, hier stand Markus' Auto. Er sperrte sofort die
Tür auf, kramte nach der Lotto-Quittung und umklammerte diese
fest, als er sie gefunden hatte.
Seine Begeisterung kannte jetzt keine Grenzen. "Ja, ich bin reich! Alle
materiellen Güter stehen mir offen! Alles, was ich will! Hier,
schau es dir selbst an!", sprach Markus und überreichte den
Lottoschein vorsichtig Stefan.
Dieser studierte intensiv das kleine Stück Papier.
"1, 5, 26, 37, 38... moment einmal!"
"Was ist?", unterbrach Markus abrupt seinen Freudentaumel.
"Ich muß dir etwas zeigen. Hier: 1, 5, 26, 37, 38 - und 41. Das
steht zumindet hier auf deiner Quittung."
Mit einem Schlag wurden alle Träume und Hoffungen von Markus
zerstört. "Nur fünf Richtige? Ich muß die letzte Zahl
falsch angekreuzt haben. Nein, das kann nicht sein!", rief er
wütend und riß Stefan das Papier aus der Hand.
Doch nun sah er selbst, daß er sich geirrt hatte. "Nur ein
Fünfer. Damit kann ich gerade alles bezahlen, das ich mir heute
Nacht erlaubt habe", stellte Markus deprimiert fest, "und dann werde
ich nie wieder mein Geld für dieses beschissene Lotto
verschwenden".
"Das mußt du mir aber alles noch erklären", war Stefan schon
wieder neugierig.
"Vielleicht später."
Markus gab dem Portier noch den stolzen Betrag von 248 Euro und 81
Cent, inklusive 20 Prozent Umsatzsteuer. Es war ja Glück im
Unglück, daß er überhaupt soviel Geld mit hatte. Als
Markus den Motor starten und hinausfahren wollte, gab Stefan seine
Bedenken kund.
"Kannst du fahren? Bist du nicht noch etwas benebelt von dem Coctail?"
"Schon noch etwas, aber ich fahre nur hier heraus, parke draußen
irgendwo, und dann gehen wir zu Fuß weiter oder sonst irgendwie.
Keine Lust, hier noch irgendwelche Verwahrungsgebühren zu zahlen."
"Na gut, wenn das so ist..."
Markus startete den Motor und fuhr hinaus. Es schien so, als ob es
jetzt keine weiteren Zwischenfälle mehr gäbe. Doch schon
einige Augenblicke später bemerkte Markus den Lichtschein der
Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos. Plötzlich stellte sich
dieses quer über die Fahrbahn, und Blaulicht begann die Umgebung
zu erhellen. Es war ein Streifenwagen. Markus konnte gerade noch
bremsen.
Aus dem Fahrzeug stiegen zwei Polizeibeamte aus. Sie kamen Markus
bekannt vor.
"Haben wir Sie doch noch erwischt! Hände auf's Dach!"
"Was soll das?", drehte sich Markus zu einem der Polizisten um.
Der Beamte hegte einen Verdacht und begutachtete ihn etwas genauer.
"Oh, getrunken haben wir auch ein bißchen was."
"Wissen Sie was", sagte der andere Polizist, "wir schreiben eine kleine
Anzeige, sie bekommen eine Strafverfügung, und wenn Sie einen
Monat den Führerschein abgeben und innerhalb einer Woche zahlen,
ist die ganze Angelegenheit erledigt. Aber um die zweitausend Euro
wird's schon kosten, und die Wagenschlüssel muß ich leider
auch vorläufig konfiszieren."
Kurz darauf stiegen die Beamten wieder in ihr Fahrzeug ein und setzten
ihren Weg fort. Markus und Stefan waren nun allein auf der in der
Morgendämmerung daliegenden Straße. Markus war gegen das am
Straßenrand stehenden Auto gelehnt und dachte über sein
Leben nach. Aus dem geöffneten Seitenfenster drangen die
Nachrichten aus dem Autoradio.
"...morgen wieder ein strahlend schöner Frühsommertag mit
Tageshöchsttemperaturen bis 28 Grad. Die Gewinnermittlung der
letzten Lotto-Runde wurde vor kurzem abgeschlossen, es gab einen
Sechser zu 3 Millionen 428536 Euro; 12 Fünfer zu je 2497; 432..."
"Zweieinhalbtausend! Toll! Davon zahle ich 2000 für die
Polizeistrafe, 250 hat mich das Abschleppen gekostet, die Radarfallen
auch noch ein paar Hunderter... Und du bekommst auch etwas. Ich stehe
zu meinen Versprechungen!"
"Also, unbedingt brauche ich es auch nicht...", blockte Stefan ab.
"Nein, ich stehe zu meinen Versprechungen."
"Gut, wenn du darauf bestehst, nehme ich es gerne!"
Markus kam zum Schluß, daß bestenfalls zehn, fünfzehn
Euro für ihn und für Stefan überbleiben würden.
"Darum können wir gerade einmal essen gehen."
"Gute Idee, es wird Zeit für ein Frühstück. Und
vielleich haben wir sogar noch Geld für einen Fahrschein nach
Hause", sprach Stefan, als er in einiger Entfernung einen
Imbißstand mit davorliegender Bus-Haltestelle entdeckte.
In diesem Moment läutete Stefans Handy, und er überlegte
für einen Moment, wer ihn um diese Zeit anrufen könnte. Wie
Markus mithören konnte, war es anscheinend Stefans Freundin Eva,
die ihn in dieser Nacht verlassen hatte. Wie er dann nach einigen
Minuten sichtlich glücklicher auflegte war klar, daß ihr
wohl alles furchtbar leid getan hat und sie es jetzt noch einmal
miteinander probieren werden. Markus kam sich fast etwas schlecht vor,
daß er gar so abfällig über sie geredet hatte, aber
wenigstens war jetzt auch für ihn im Endeffekt nichts passiert.
Fast wie ein kitschiges Happy End. Vielleicht würde es ihrer
Beziehung sogar guttun.
Während beide die Straße entlang dem Sonnenaufgang
entgegengingen, spielte in Markus' Auto immer noch das Radio. Eine
Wortmeldung unterbrach jäh die Musik.
"...haben wir gerade eine aktuelle Meldung hereinbekommen. Wie erst
jetzt bekannt wurde, wurden die Ergebnisse der letzten Lotto 6 aus
45-Ziehung unter anderem im ORF-Teletext sowie leider auch bei uns
falsch veröffentlicht, und zwar anstelle der tatsächlich
gezogenen letzten Zahl 41 fälschlicherweise 39. Da aber stets der
Zusatz 'ohne Gewähr' verwendet wird und sich noch niemand wegen
eines höheren Gewinns gemeldet hat, düfte sich die Verwirrung
in Grenzen halten."
ENDE
(c) 1997/2000/2003 Markus Urban
(zuletzt aktualisiert am 10.06.2003)