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Markus Urban:
Silvester 1999/2000

(Wie ihn sich viele erwartet haben und er dann doch nicht wurde ;-)
 

Das Datum: 31. Dezember 1999. Die viele Meter großen Ziffern der überdimensionalen, weithin sichtbaren Digitaluhr zeigen 13 Uhr 47, ein paar Sekunden sowie etliche Hundertstel und Tausenstel. Viele Firmen sind noch immer mit derJahr 2000-Umstellung beschäftigt, aber die meisten haben ohnehin schon alle Hoffnung aufgegeben. Hersteller von Karteikarten und mechanischen Schreibmaschinen machen seit einigen Wochen ein Bomben-Geschäft. Auch Versicherungen gegen Feuer und Sprengstoff-Anschläge sind jetzt sehr gefragt.

Ziemlich alle Hundebesitzer und -innen haben die Stadt fluchtartig verlassen, natürlich inklusive ihren Hunden. Nur einige Hundehalter haben ihre Tiere darauf abgerichtet, knallkörperwerfende Personen anzuspringen und gerade noch nicht zu zerfleischen.

Auch die Polizei führt heuer zum x-ten Mal eine "Aktion scharf" durch, diesmal extra scharf. Doch die eigefleischten Kracherwerfer lassen sich dadurch nicht verunsichern. In Feuerwerks-Fachgeschäften herrscht seit Wochen reger Betrieb. Laut inoffiziellen Angaben sind beim Bundesheer die Sprengstoffdiebstähle in  letzter Zeit überdimensional angestiegen. Wer jetzt durch die Straßen der Stadt geht, hört immer wieder ohrenbetäubende Knälle, die durch erfolglose Hobby-Bastler hervorgerufen werden.

Es wird später. Langsam bricht die Dämmerung herein. Die letzten Vorbereitungen werden getroffen: Hier noch eine Zündschnur angeschlossen, da noch etwas Dynamit nachgefüllt, dort noch die letzten zu habenden hochprozentigen Getränke ergattert. Aus kleinen Lautsprechern an jeder Straßenecke, so etwa 50000 Watt pro Stück, erklingen überall liebliche alte Schlager für die ganze Familie, wie etwa "Highway To Hell" oder "I Hate Myself And Want To Die". Und natürlich "1999" von Prince, was eigentlich schon letztes Jahr zu dieser Zeit der große Hit war. Dieses Lied wird mindestens alle 10 Minuten gespielt, weshalb es, obwohl musikalisch an sich von hoher Qualität, einige Leute einfach nicht mehr hören können und dies zum Anlaß nahmen, der Plattenfirma zerbrochene Tonträger desselben Stücks zuzuschicken. Diese war darüber zunächst natürlich schockiert, kam aber dann auf die Idee, aus den CD's, Minidiscs und Speicherkarten Konfetti herzustellen, um es punkt Mitternacht auf die Stadt hinunterregnen zu lassen. Das würde zwar etwas eckig und scharf werden, aber die Leute sollen eben aufpassen, wo sie hinsteigen. Wenigstens konnte der ebefalls sehr massive Einsatz von Robbie William's "Milennium" durch massive Demonstrationen vor den Zentralen der größten Radiosender deutlich eingedämmt werden. Manche meinen, daß auch die ständigen Aussagen einiger Gelehrter, daß die Jahrtausendwende ja korrekterweise erst in einem Jahr stattfinde, dazu beigetragen hätten. Allerdings wurden dieser von der Mehrheit einfach nur als nervtötend empfunden, außerdem gab es gegen diese Gelehrten vereinzelt noch viel größere Demonstationen.

20 Uhr: Hie und da fliegt jetzt eine Bauhütte und auch so mancher Imbißstand in die Luft. Nur vor Telefonzellen wurde nicht nur Halt gemacht, weil diese Leben retten können, sondern weil im Zuge einer neuen Preissenkung die Gebühren überraschend auf minus 88 komma 8 Groschen pro Minute gesenkt wurden. Um diesen Zuständen entgegenzuwirken, wird in "G'scheit im Bild" sowie in den "Hardcore Action News" eines unter massiven Bombendrohungen von Medienrechts-Aktiviten kurzfristig zugelassenen privaten TV-Senders ein totales Feuerwerksartikelanwendungsverbot verlautbart.

21 Uhr: Nachdem vereizelt zu beobachten war, daß mit Panzern gegen knallerbsenwerfende Volksschüler vorgegangen worden ist, wird dieses Verbot nach kurzen, aber heftigen Diskussionen jedoch schon bald wieder aufgelassen.

23 Uhr: Mc Donald's klagt über akuten Filialenschwund. Also, die Jugend von heute hat doch wirklich kein Benehmen!

23 Uhr 30: Langsam verstummen Techno-Beats und Schwermetall-Klang, unter 240 Beats oder Headbangs pro Minute lief da nichts. Die Spannung steigt, daher lassen die E-Werke vorsichtshalber auf Empfehlung ihrer Rechtsabteilung Schilder mit der Aufschrift "Vorsicht! Hochspannung!" aufstellen.

23 Uhr 55: Die Spannung ist unerträglich. Nur die gigatischen Digitalziffern erhellen die Nacht. Tausende von Millisekunden verstreichen in jedem Augenblick.

23 Uhr 59: Die letzte Minute. Kein Hauch ist zu hören. 23:59:40. 23:59:50. Der Zeigefinger liegt wie angeschweißt über dem Auslöseknopf. 55, 56, 57, 58, 59.

Im nächsten Augenblich bricht eine unbeschreibliche Klangwolke über die Stadt los, ebenso zahllose wild-wüste Lichtblitze. Plötzlich entwickelt nach und nach eine gigantische Staubwolke. Eine Viertelstunde später kann man seine eigene Hand nicht mehr sehen. Durch die Straßen laufen Bäche von danebengeschüttetem Sekt. Wildes Stimmengewirr bricht aus, ob das ganze Chaos nicht doch nur am 2000-Fehler gelegen hat.

Ein, zwei Tage später können die ersten Alkoholleichen erst wieder so richtig aufstehen. Nachdem erst am dritten Jänner bekannt wird, daß es in einem grenznahen Atomkraftwerk einen Störfall gegeben hat und nun noch für die nächsten zwei Wochen der Durchzug der radioaktiven Wolke abgewartet werden muß, kann erst dann mit den Aufräumungsarbeiten begonnen werden. Noch über Wochen hinweg werden zerstörte Computer, Schutt und Müll aus der Stadt geführt. Die ersten Diskussionen entstehen, ob es rechtzeitig möglich ist, alles bis zum nächsten Silvester wieder in den Normalzustand zu versetzten.

E N D E

(c) 2000 by Markus Urban