IGNATIUS VON LOYOLA


DER BERICHT DES PILGERS






VORWORT DES PATERS NADAL


(1) Andere Patres und ich hatten von unserem Vater Ignatius gehört, er habe danach verlangt, daß Gott ihm vor seinem Tode noch drei Gnaden gewähren möge: einmal, daß der Orden der Gesellschaft Jesu vom Apostolischen Stuhle bestätigt werde; zum zweiten, daß dasselbe mit den Geistlichen Übungen geschähe; und drittens, daß er noch die Konstitutionen niederzuschreiben vermöchte.

(2) Da ich mich daran erinnerte und zugleich miterlebte, wie er all dies erreichte, fürchtete ich, er werde bald aus unserer Mitte zu einem besseren Leben abberufen. Ich wußte nun, daß die heiligen Väter und Stifter von Mönchsorden ihren Nachfahren nach Art eines letzten Vermächtnisses jene Weisungen hinterlassen hatten, die ihnen für ihr Streben nach Vollkommenheit behilflich sein sollten. Daher suchte ich nach einer guten Gelegenheit, den Vater Ignatius um eben das gleiche zu bitten. Als wir nun eines Tages im Jahre 1551 beisammen waren, geschah es, daß der Vater Ignatius zu mir sagte: "Jetzt war ich über den Himmel erhoben"; meines Erachtens wollte er damit sagen, daß er eben eine Ekstase oder ein Hingerissensein erlebt habe, wie dies ihm oftmals zuteil wurde. In aller Ehrfurcht fragte ich ihn: "Was wollt Ihr damit sagen, Vater?" Sofort lenkte er das Gespräch auf anderes. Ich glaubte, daß dies nun der rechte Augenblick wäre, und bat ihn sehr dringlich, er möchte uns doch darlegen, auf welche Weise Gott ihn vom Anfang seiner Bekehrung an geführt habe, damit dann dieser Bericht uns als Vermächtnis und väterliche Unterweisung nützlich sein könne. "Denn", so sagte ich, "da Gott Euch jene drei Anliegen gewährt hat, die Ihr noch vor Eurem Tode zu erleben wünschtet, befürchten wir, daß Ihr bald zur ewigen Herrlichkeit abberufen werdet."

(3) Der Vater entschuldigte sich mit seinen Arbeiten und meinte, er könne seine Aufmerksamkeit und seine Zeit nicht auf so etwas verwenden. Indessen fügte er hinzu: "Lest drei Messen nach dieser Meinung, Sie, Polanco und Poncio, und dann nach dem Gebet berichtet mir, wie ihr über diese Frage denkt." "Vater, wir werden dann sicher ebenso darüber denken, wie wir jetzt denken." Er aber sagte nur noch mit großer Milde: "Tut, was ich euch sage!" Wir lasen nun die drei Messen, und nachdem wir ihm danach unsere Ansicht mitgeteilt hatten, versprach er, unsere Bitte zu erfüllen. Als ich im folgenden Jahr von Sizilien zurückkam und unmittelbar vor meiner Entsendung nach Spanien stand, fragte ich den Vater, ob er schon etwas getan habe. "Nichts", antwortete er mir. Nach der Rückkehr von Spanien im Jahre 1554 stellte ich wiederum die gleiche Frage. Aber er hatte noch nichts unternommen. Von irgendeinem inneren Drang getrieben, bestand ich jedoch,damals weiter darauf: "Es sind nun schon bald vier Jahre her, daß ich Euch immer wieder darum bitte, mein Vater, und zwar nicht bloß in meinem eigenen Namen, sondern im Namen aller anderen, daß Ihr uns im einzelnen berichtet, auf welche Weise Gott Euch vom Beginn Eurer Bekehrung an geführt hat. Denn wir sind überzeugt, daß die Kenntnis darüber für uns und für die ganze Gesellschaft höchst nützlich sein wird. Da ich jedoch sehe, daß Ihr es doch nicht tut, möchte ich Euch des einen versichern: wenn Ihr uns unseren dringlichen Wunsch erfüllt, werden wir diesen Liebeserweis sehr zu nützen wissen; andernfalls jedoch werden wir deswegen nicht den Mut verlieren, sondern wir werden die gleiche Zuversicht in unserem Herrn behalten, wie wenn Ihr alles niedergeschrieben hättet."

(4) Der Vater gab nichts mehr zur Antwort, aber er rief - meines Wissens war es am gleichen Tage - den Pater Luis Gonçalves zu sich und begann mit dem Bericht über sein Leben, den dieser dann mit seinem hervorragenden Gedächtnis schriftlich niederlegte. Dies ist also die 'Geschichte des Vaters Ignatius', die von Hand zu Hand geht. Der Pater Luis war Elektor bei der ersten Generalkongregation, und auf dieser wurde er zum Assistenten des Paters General Laynez erwählt. Später wurde er dann Lehrer und Erzieher des Königs von Portugal, Don Sebastiáns. Er ist ein Pater von ausnehmender Tüchtigkeit. Pater Gonçalves schrieb teils in spanischer, teils in italienischer Sprache, je nachdem welche Schreibgehilfen er gerade zur Verfügung hatte. Die Übersetzung fertigte Pater Annibale du Coudray an, ein sehr gelehrter und frommer Mann. Beide, der Schreiber wie der Übersetzer, sind noch am Leben.



VORWORT DES PATERS GONÇALVES DA CÂMARA


(1) An einem Freitagmorgen, am 4. August des Jahres 1553, am Vortag des Festes Unserer Lieben Frau vom Schnee, stand der Vater im Garten nahe beim Hause, oder genauer: nahe bei dem Flügel, der 'Der Herzog' heißt. Ich war gerade dabei, ihm Rechenschaft über einige Einzelheiten meines Seelenlebens abzulegen, und unter anderem sprach ich mit ihm auch von meiner Neigung zu eitler Ruhmsucht. Als Mittel dagegen gab mir der Vater an, ich solle oftmals alle meine Anliegen bewußt auf Gott hinlenken und mich darum bemühen, alles, was ich etwa an Gutem in mir fände, Ihm anzubieten, dies so als Seine Gabe anzuerkennen und Ihm dafür zu danken. So sprach er zu mir in einer Weise, die mir großen Trost schenkte, so daß ich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Der Vater erzählte mir auch, wie er selbst zwei Jahre lang mit diesem Fehler zu kämpfen hatte, und zwar so stark, daß er damals, als er in Barcelona aufs Schiff ging zur Fahrt nach Jerusalem, niemandem zu sagen wagte, er wolle nach Jerusalem reisen; und er berichtete noch mehrere ähnliche Einzelheiten. Er fügte noch hinzu, welch großen Frieden er später diesbmüglich in seiner Seele gespürt habe. Eine oder zwei Stunden nachher gingen wir zu Tisch. Unser Vater, der mit Magister Polanco und mir zusammen speiste, sagte, Magister Nadal und andere aus der Gesellschaft hätten ihn oftmals um eine bestimmte Sache gebeten, doch habe er sich nie dazu entschließen können; indes habe er nach dem Gespräch mit mir, als er sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, eine große Andacht und Hinneigung verspürt, es endlich doch zu tun; und nun - dabei sprach er in einer solchen Weise, daß deutlich wurde, wie Gott selbst ihm große Klarheit darüber geschenkt hatte, er solle dies tun - sei er dazu durchaus entschlossen; es ginge darum, zu berichten, was alles in seiner Seele bis heute vor sich gegangen sei, und er habe sich auch dafür entschieden, daß ich es sein sollte, dem er diese Dinge enthüllen wolle.

(2) Dem Vater ging es damals sehr schlecht; und auch sonst war es nicht seine Art, auch nur mit einem einzigen weiteren Lebenstag zu rechnen. Wenn einer meinte: "Ich will das in vierzehn Tagen erledigen oder nach einer Woche", gab der Vater vielmehr immer geradezu bestürzt zur Antwort: "Wie denn das! Glauben Sie, noch so lange zu leben?" Dagegen sagte er damals, er hoffe noch drei oder vier Monate am Leben zu bleiben, um diese Angelegenheit zu Ende zu führen. Am folgenden Tag sprach ich ihn an und fragte ihn, wann er wünsche, daß wir beginnen sollen. Er antwortete mir, ich solle ihn jeden Tag daran erinnern (wie viele Tage es wurden, weiß ich nicht mehr genau), bis er Zeit dazu habe. Da er sie jedoch damals wegen anderer Arbeiten nicht bald fand, kam es dann dahin, daß ich ihn nur noch jeden Sonntag erinnern sollte. Im September schließlich (ich erinnere mich nicht mehr an das genaue Datum) rief mich der Vater und begann, sein Leben und seine Jugendstreiche offen und deutlich mit allen ihren Einzelheiten zu erzählen. Im gleichen Monat ließ er mich dann noch drei- oder viermal rufen und kam mit seiner Lebensgeschichte bis zum Beginn seines Aufenthaltes in Manresa, wie man es noch an der verschiedenen Schrift erkennen kann.

(3) Die Weise, in der der Vater erzählt, ist dieselbe, die er in allen Angelegenheiten immer beweist: nämlich mit einer solchen Klarheit, daß er dem Zuhörer die ganze Vergangenheit gleichsam gegenwärtig werden läßt. Daher war auch keine weitere Frage mehr notwendig; denn der Vater dachte von selbst daran, alles zu sagen, was von Wichtigkeit ist, um dem Zuhörer das Verständnis zu ermöglichen. Ohne dem Vater etwas davon zu sagen, ging ich daran, das Erzählte unmittelbar niederzuschreiben, zunächst eigenhändig in Stichworten und danach ausführlicher, wie es jetzt schriftlich vorliegt. Ich habe mir alle Mühe gegeben, nur die Worte wiederzugeben, die ich aus dem Munde des Vaters vernommen hatte. Was ich vielleicht falsch gemacht zu haben fürchte, ist dies, daß ich nämlich nicht ganz gut die Überzeugungskraft einiger Ausdrücke des Vaters wiederzugeben vermochte, um ja .nicht von seinen Worten abzuweichen. So schrieb ich an diesem Teil, wie bereits erwähnt, bis September 1553. Von da ab bis zur Ankunft des Paters Nadal am 18. Oktober 1554 hatte der Vater immer eine Entschuldigung wegen irgendwelchen Krankheiten und verschiedener vordringlicher Geschäfte, und er sagte dann zu mir: "Wenn diese Angelegenheit fertig ist, dann erinnern Sie mich wieder daran!" Wenn sie erledigt war, folgte meine Mahnung, worauf er dann meinte: "Jetzt stehen wir wieder mitten in dieser anderen Arbeit; wenn sie fertig ist, dann mahnen Sie mich!"

(4) Pater Nadal freute sich bei seiner Ankunft sehr, daß ein Anfang gemacht war. Er trug mir auf, den Vater immer wieder zu drängen; und oftmals sagte er zu mir, mit nichts anderem könne der Vater eine größere Wohltat der Gesellschaft erweisen als eben durch die Vollendung dieses Berichtes, und das erst hieße im ganz wahren Sinn die Gesellschaft gründen. Ähnlich sprach er selber oftmals mit dem Vater. Und der Vater sagte mir, ich solle ihn erneut daran erinnern, sobald die Bemühungen um die finanzielle Sicherung des Römischen Kollegs abgeschlossen seien. Und nach deren Abschluß hieß es, sobald die Frage der Äthiopischen Mission erledigt und der Postbote abgegangen sei. Am 9. März begannen wir mit der Fortsetzung der Lebensgeschichte. Als jedoch der Zustand des Papstes Julius III. beängstigend wurde und dieser dann am 23. März starb, verschob der Vater die Arbeit, bis ein neuer Papst da sei. Kaum war er jedoch gewählt, erkrankte er und starb gleichfalls; es war Papst Marcellus. Wieder machte der Vater einen Aufschub bis zur Wahl des Papstes Paul IV. Danach wurde er durch die Sommerhitze und die vielerlei anderen Beschäftigungen immer wieder abgehalten bis zum 21. September, als zum erstenmal meine Versetzung nach Spanien besprochen wurde. Deshalb drängte ich dann den Vater sehr, er solle doch sein Versprechen erfüllen, das er mir gemacht hatte. Darauf setzte er die Fortsetzung auf den Morgen des 22. im 'Roten Turm' an. Sofort nach dem Ende meiner Messe ging ich daher zu ihm, um ihn zu fragen, ob es jetzt nicht an der Zeit wäre.

(5) Er gab mir zur Antwort, ich solle vorausgehen und ihn im 'Roten Turm' erwarten, damit ich schon dort wäre, wenn er käme. Ich merkte, daß ich geraume Zeit an jenem Ort auf ihn warten müßte. Während ich nun gerade im Durchgang stand und mit einem Mitbruder sprach, der mich irgend etwas gefragt hatte, kam der Vater, und er erteilte mir einen Verweis, weil ich es an Gehorsam fehlen gelassen und ihn nicht im 'Roten Turm' erwartet hätte. Er wollte an jenem Tage nichts weiter mehr tun. Darauf wurden wir erneut wieder recht zudringlich. Schließlich kam er zum 'Roten Turm' zurück und führte, auf und ab gehend, den Bericht fort, so wie er auch zuvor immer erzählt hatte. Um seinen Gesichtsausdruck beobachten zu können, versuchte ich, ihm immer etwas näher zu kommen, worauf der Vater sagte: "Beobachten Sie die Regel!" Wie ich nun ein andermal, unbekümmert um diesen Verweis, mich ihm nähern wollte und noch zwei- oder dreimal in den gleichen Fehler erneut verfiel, wiederholte er denselben Tadel und ging weg. Schließlich kam er wieder zurück, um mir im gleichen Turmzimmer zu Ende zu diktieren, was in dieser Niederschrift enthalten ist. Da ich jedoch schon seit geraumer Zeit reisefertig war - man muß bedenken, daß der Vortag meiner Abreise der letzte Tag war, an dem der Vater über dieses Thema mit mir sprach -, konnte ich in Rom nicht mehr alles in die endgültige und ausführliche Fassung bringen. Weil mir dann in Genua kein spanischer Schreibgehilfe zur Verfügung stand, diktierte ich in italienischer Sprache, was ich an stichwortartigen Notizen aus Rom mitgebracht hatte. Diese endgültige Niederschrift beendete ich im Dezember 1555 in Genua.



DER BERICHT DES PILGERS


ERSTES KAPITEL

Abkehr von der Welt

(1) Bis zum Alter von sechsundzwanzig Jahren war er den Eitelkeiten der Welt ergeben, und hauptsächlich fand er aus einem unbändigen und eiteln Verlangen, sich Ruhm zu gewinnen, sein Gefallen in Waffenübungen. Er gehörte damals zur Besatzung einer Zitadelle, welche die Franzosen berannten; und während nun alle andern der Meinung waren, man solle sich unter der Bedingung freien Abzuges ergeben, da sie die Unmöglichkeit einer Verteidigung klar einsahen, redete er dagegen mit so viel Gründen auf den Befehlshaber ein, daß dieser sich trotz allem zur Verteidigung entschloß entgegen der Ansicht aller anderen Offiziere, die sich aber dann doch durch seinen Mut und seine Tapferkeit mitreißen ließen. Als nun der Tag anbrach, an dem man mit dem Beginn der Beschießung rechnen mußte, beichtete er bei einem seiner Waffengefährten. Als die Beschießung eine gute Zeitlang gedauert hatte, traf ihn ein Kanonenschuß an einem Bein und brach es vollständig; und da die Kugel auf der Innenseite des Beines durchging, wurde dabei auch das andere Bein schwer verwundet.

(2) Nachdem er ausgefallen war, ergab sich die Besatzung der Zitadelle alsbald den Franzosen. Sie behandelten den Verwundeten nach der Eroberung der Festung ausgezeichnet und erwiesen ihm alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit. Nach zwölf oder fünfzehn Tagen, die er noch in Pamplona verblieb, ließen sie ihn in einer Sänfte in seine Heimat bringen. Dort erwies sich sein Zustand als äußerst schlecht. Deshalb ließ er aus vielen Orten alle möglichen Arzte und Chirurgen kommen. Ihre Meinung war, man müsse das Bein noch einmal brechen und die Knochen ein zweites Mal einrenken; denn, so erklärten sie, beim erstenmal seien sie schlecht eingerichtet worden oder sie hätten sich während des Transportes verschoben, deshalb seien sie nun nicht in der rechten Lage und so sei eine Heilung unmöglich. Daher machte man sich nun erneut an die 'Schlächterei'. Dabei - wie auch bei allen andern Eingriffen, die er zuvor schon durchgemacht hatte und später noch durchmachen sollte - kam kein Laut über seine Lippen, und er ließ sich den Schmerz nur dadurch anmerken, daß er seine Fäuste fest ineinander verkrampfte.

(3) Trotzdem ging es ihm immer schlechter; er vermochte nicht mehr zu essen, und es traten die übrigen Anzeichen des nahen Todes auf. So kam der Tag des heiligen Johannes. Die Ärzte hatten kaum mehr Hoffnung auf eine Besserung, und so gab man ihm den Rat, zu beichten. Er empfing die Sakramente, und am Vorabend des Festes Peter und Paul sagten die Arzte: wenn er bis Mitternacht keine Besserung fühle, müsse er sicher mit dem Tode rechnen. Der genannte Kranke hatte nun immer eine besondere Andacht zum heiligen Petrus gehabt; und deshalb war es der Wille unseres Herrn, daß er eben damals um Mitternacht sich besser zu fühlen begann. So rasche Fortschritte machte seine Genesung, daß man wenige Tage später der Ansicht war, er sei nun außer Todesgefahr.

(4) Als nun die Knochen wieder fest miteinander zusammengewachsen waren, blieb unterhalb seines Knies ein Knochenstück über das andere geschoben. Deshalb war dieses Bein kürzer als das andere, und das Knochenstück stand derart heraus, daß es ein häßlicher Anblick war. Das konnte er nicht anstehen lassen, da er entschlossen war, seine weltliche Karriere fortzusetzen. Da er nun meinte, daß jenes hervorstehende Knochenstück ihn entstelle, erkundigte er sich bei den Chirurgen, ob man es nicht entfernen könne. Sie antworteten, es ließe sich schon abschneiden, aber die Schmerzen dabei seien schlimmer als alles, was er bisher durchgemacht habe, da die Knochen schon fest miteinander verwachsen seien und man eine gute Zeit für die Operation brauche. Trotzdem blieb er dabei, sich auf eigenen Wunsch hin martern zu lassen, obgleich sein älterer Bruder sich darüber entsetzte und meinte, er selber würde es sich nicht unterfangen, solche Schmerzen auf sich zu nehmen. Der Verwundete ertrug das Ganze geduldig wie immer.

(5) Nachdem nun das Fleisch und das überstehende Knochenstück abgeschnitten waren, war man darauf bedacht, verschiedene Mittel anzuwenden, damit das Bein nicht gar so kurz bliebe. Man rieb es mit vielerlei Salben ein und streckte das Bein beständig mit Vorrichtungen, die ihn viele Tage lang quälten. Aber unser Herr schenkte ihm die Genesung. Und so gründlich war die Heilung, daß er sich sonst ganz wohlauf fühlte, bloß konnte er sich nicht gut auf dem Bein aufrecht halten. So war er gezwungen, zu Bett zu bleiben. Da er auf die Lektüre von Büchem mit weltlichem und erfundenem Inhalt schon immer versessen war - man nennt sie gewöhnlich Ritterromane - und da er sich nun gesund genug fühlte, bat er um einige solcher Bücher, um sich damit die Zeit zu vertreiben. Jedoch fand sich in jenem Haus nichts von seiner üblichen Lektüre. Deshalb gab man ihm ein Leben Christi und eine Sammlung von Heiligenleben in spanischer Sprache.

(6) In diesen Büchern las er oftmals; und in etwa begeisterte er sich für das, was er da geschrieben fand. Wenn er seine Lektüre unterbrach, richtete er manchmal seine Gedanken auf die Dinge, die er eben gelesen hatte, und dann wieder auf die Dinge der Welt, an die er früher immer gedacht hatte. Unter den vielen eitlen Gedanken, die sich ihm so aufdrängten, hatte besonders einer sein Herz in Beschlag genommen, so daß er sofort, ohne es zu merken, durch zwei und drei und vier Stunden hindurch wie versunken in diesen Gedanken war. Er stellte sich nämlich vor, was er im Dienst einer Dame zu tun habe, wie er es anstellen könne, um an ihren Aufenthaltsort zu gelangen, was für schöne Verse und welche Worte er zu ihr sagen werde und was für Waffentaten er in ihrem Dienst vollbringen wolle. So ganz hingegeben war er an diese Vorstellung, daß er gar nicht darauf achtete, wie unmöglich ihre Verwirklichung war. Denn die Dame war nicht von gewöhnlichem Adel oder bloß Gräfin oder Herzogin, sondern ihr Stand war viel höher als all dieses.

(7) Jedoch kam ihm unser Herr zu Hilfe, indem Er derartigen Gedanken andere folgen ließ, die ihren Ausgangspunkt in dem hatten, was er eben las. Bei der Lektüre des Lebens unseres Herrn und der Heiligen machte er sich nämlich Gedanken und überlegte bei sich: Wie wäre es, wenn ich all das täte, was der heilige Franziskus getan hat, oder das, was der heilige Dominikus tat? Solche Überlegungen stellte er über vielerlei an, was ihm gerade gut erschien. Dabei nahm er sich immer schwierige und mühsame Aufgaben vor; und wenn er sich solche vornahm, meinte er, in sich Kraft genug zu finden, um sie auch wirklich durchzuführen. Seine ganze Überlegung bestand darin, daß er zu sich selber sagte: Der heilige Dominikus hat dies getan, also muß auch ich es tun; der heilige Franziskus hat jenes getan, also muß auch ich es tun. Auch diese Gedankengänge dauerten geraume Zeit an. Ihnen folgten, wenn irgend etwas anderes dazwischenkam, die weltlichen Gedanken, von denen schon zuvor die Rede war, und auch bei diesen hielt er sich wieder lange auf. Dieses Nacheinander so grundverschiedener Gedankengänge dauerte bei ihm lange Zeit an, und jeweils war er ganz in eben den Gedanken verloren, der ihm gerade kam, waren es nun die weltlichen Großtaten, die er zu vollbringen wünschte, oder jene anderen Taten für Gott, die sich seiner Phantasie aufdrängten, bis er, müde geworden, wieder davon abließ und sich anderem zuwandte.

(8) Indessen gab es dabei diesen einen Unterschied: wenn er sich mit weltlichen Gedanken bschäftigte, hatte er zwar großen Gefallen daran; wenn er aber dann, müde geworden, davon abließ, fand er sich wie ausgetrocknet und mißgestimmt. Wenn er jedoch daran dachte, barfuß nach Jerusalem zu gehen und nur noch wilde Kräuter zu essen und alle andern Kasteiungen auf sich zu nehmen, die, wie er las, die Heiligen auf sich genommen hatten, da erfüllte ihn nicht bloß Trost, solange er sich in solchen Gedanken erging, sondern er blieb zufrieden und froh, auch nachdem er von ihnen abgelassen hatte. Allerdings gab er darauf nicht acht, und er hielt nicht inne, um diesen Unterschied richtig einzuschätzen, bis ihm schließlich eines Tages die Augen darüber ein wenig aufgingen. So fing er endlich an, diese Verschiedenheit als merkwürdig zu empfinden und darüber nachzugrübeln. Aus seiner Erfahrung ergab sich ihm, daß er nach den einen Gedanken trübsinnig und nach den andern froh gestimmt blieb; und allmählich kam er dazu, darin die Verschiedenheit der Geister zu erkennen, die dabei tätig waren, nämlich einmal der Geist des Teufels und das andere Mal der Geist Gottes. Dies war die erste Überlegung, die er über die Dinge Gottes anstellte. Und als er später die Exerzitien verfaßte, begann er von hier aus Klarheit über die Lehre von der Verschiedenheit der Geister zu gewinnen.

(9) Da er bei dieser Lektüre nicht wenig Erleuchtung erhielt, fing er an, ernster über sein vergangenes Leben nachzudenken, und er erkannte, wie notwendig es für ihn wäre, Buße dafür zu tun. Hier drängte sich ihm das Verlangen auf, die Heiligen nachzuahmen, wobei er nicht so sehr auf Einzelheiten einging, sondern sich einfachhin vornahm, mit der Gnade Gottes das zu tun, was jene getan hatten. Was er aber sofort nach seiner Genesung zu unternehmen plante, war bloß die Wallfahrt nach Jerusalem - wie schon zuvor erwähnt - mit so viel Bußübungen und Entsagungen, wie nur eine großmütige Seele, die von Gott entflammt ist, auf sich zu nehmen wünschen kann.

(10) Die früheren Gedankengänge gerieten jetzt in Vergessenheit bei diesen heiligen Wünschen, die er in sich trug und die noch durch eine besondere Heimsuchung bestärkt wurden. Das trug sich so zu: Als er einmal während der Nacht wach dalag, sah er klar ein Bild Unserer Lieben Frau mit dem heiligen Jesuskind; bei diesem Anblick empfand er für geraume Zeit ganz außerordentlidien Trost. Und ein solcher Abscheu vor seinem ganzen vergangenen Leben und besonders vor den Sünden des Fleisches erfüllte ihn, daß er vermeinte, aus seiner Seele seien alle Vorstellungen verschwunden, die er früher in sie ein-geprägt hatte. Von jener Stunde an bis zum August 1553, da diese Zeilen geschrieben werden, gab er daher niemals mehr, auch nicht im geringsten, seine Zustimmung bei sinnlichen Versuchungen. Wegen dieser Wirkung läßt sich sagen, daß jene Vision von Gott gekommen ist, obgleich er selbst es nicht mit Bestimmtheit zu behaupten wagte und nur das eben Gesagte zur Bestätigung wiederholte. Aber sein Bruder wie auch alle übrigen Bewohner des Hauses konnten schon am äußeren Gehaben die Wandlung erkennen, die innerlich in seiner Seele vor sich gegangen war.

(11) Ohne sich um anderes zu kümmern, setzte er seine Lektüre fort und blieb fest in seinen guten Vorsätzen. Und die Zeit, in der er sich mit den Hausgenossen unterhielt, verwandte er nur für göttliche Dinge, wodurch er ihnen geistlichen Nutzen brachte. Da er großes Gefallen an jenen Büchern fand, kam ihm der Gedanke, einige der wichtigsten Stellen aus dem Leben Christi und aus den Heiligenleben kurz zusammenzustellen. So machte er sich daran, mit großer Sorgfalt ein Buch vollzuschreiben, das ungefähr dreihundert ganz beschriebene Blätter in Quartformat enthielt - er konnte sich nämlich schon etwas im Hause herumbewegen -, und zwar schrieb er die Worte Christi mit roter Tinte und die Unserer Lieben Frau mit blauer. Das Papier war fein geglättet und liniert. Und er schrieb mit schönen Buchstaben, da er ein sehr gewandter Schriftkünstler war. Seine Zeit verbrachte er so teils mit Schreiben, teils mit Beten. Und den größten Trost empfing er, wenn er den Himmel und die Sterne betrachtete, was er sehr häufig und jeweils lange Zeit hindurch tat. Denn dabei fühlte er in sich eine ganz große Begeisterung, unserem Herrn zu dienen. Oftmals dachte er an seinen Vorsatz und wünschte nur, bald ganz gesund zu sein, um sich auf den Weg machen zu können.

(12) Da er nun bei sich erwog, was er nach seiner Rückkehr aus Jerusalem tun solle, um beständig ein Leben der Buße zu führen, kam ihm der Gedanke, dann in die Kartause von Sevilla einzutreten, ohne dabei zu verraten, wer er sei, damit man ihn für um so geringer einschätzen und dort von nichts anderem als bloß von Kräutern zu leben. Aber wenn er dann wieder seine früheren Gedanken an die vielerlei Bußübungen aufnahm, die er, in der Welt umherziehend, auf sich nehmen wollte, erkältete sein Verlangen nach der Kartause. Er befürchtete nämlich, er könne dort nicht den Haß, den er gegen das eigene Ich gefaßt hatte, ganz befriedigen. Trotzdem beauftragte er einen Diener des Hauses, der gerade nach Burgos ging, dort Erkundigungen über die Kartäuserregel einzuholen; und die Nachricht, die er darüber erhielt, dünkte ihm ausgezeichnet. Indes bekümmerte er sich nicht weiter darum wegen des eben angeführten Grundes, und weil er gänzlich von dem Gedanken an die Wallfahrt in Beschlag genommen war, die er bald durchzufahren hoffte, während jener andere Plan ja erst nach der Rückkehr zu überlegen war. Als er wieder einige Lebenskraft in sich verspürte, schien es ihm vielmehr an der Zeit zum Aufbruch zu sein, und er sprach zu seinem Bruder. "Mein Herr, Ihr wißt, der Herzog von Nájera hat bereits erfahren, daß es mir wieder besser geht; es wird gut sein, daß ich nach Navarrete reise." Denn dort hielt sich gerade der Herzog auf. Der Bruder und einige andere Familienmitglieder vermuteten, daß er irgendeine grundlegende Änderung in seiner Lebensweise durchführen wolle. Der Bruder führte ihn von einem Zimmer zum andern, und mit dem Ausdruck größter Bestürzung bat er ihn, er solle doch sein Leben nicht wegwerfen; vielmehr möge er doch bedenken, wieviel man noch von ihm erwarte und was er noch leisten könne. So und mit anderen ähnlichen Worten suchte er ihn von dem guten Vorsatz abzubringen, den er gefaßt hatte. Aber seine Antwort war so gehalten, daß er, ohne jedoch die Wahrheit zu verletzen - denn in diesem Punkt war er schon damals sehr gewissenhaft -, seinen Bruder im unklaren über seine Pläne ließ.


ZWEITES KAPITEL

Der Beginn der Pilgerfahrt

(13) Auf einem Maultier ritt er fort. Bis Oñate wollte ihn einer seiner Brüder begleiten. Unterwegs beredete er diesen, eine Nachtwache bei Unserer Lieben Frau von Aránzazu zu halten. In jener Nacht betete er dort inständig, um neue Kraft für seinen Weg zu schöpfen. In Oñate ließ er dann seinen Bruder bei ihrer Schwester zurück, die sie dort besuchten, und ritt selber weiter nach Navarrete. Seit dem Tag der Abreise aus seiner Heimat geißelte er sich regelmäßig jede Nacht. Es kam ihm in Erinnerung, daß man ihm am Hof des Herzogs noch einige Dukaten schuldig sei; und er hielt es für richtig, diese Schuld zu beheben. Deshalb schrieb er einen Zettel an den Schatzmeister. Der aber antwortete, es sei kein Geld da. Der Herzog erfuhr davon, und er sagte, es möge an Geld für alles andere fehlen, jedoch für einen Loyola solle es daran nicht mangeln. Er wollte ihm im Hinblick auf seinen früher gewonnenen hervorragenden Ruf eine ansehnliche Kommandostelle übertragen, wenn er sie nur annehmen wolle. Er erhob nun das Geld und gab Auftrag, einen Teil an bestimmte Personen zu überweisen, denen gegenüber er sich noch verpflichtet fühlte, und den Rest bestimmte er zugunsten eines Bildes Unserer Lieben Frau, das in schlechtem Zustand war, damit man es wieder herrichte und prächtig ausschmücke. Er entließ die beiden Diener, die ihn bisher begleitet hatten, und machte sich allein auf seinem Maultier auf die Weiterreise von Navarrete nach dem Montserrat.

(14) Auf dieser Wegstrecke hatte er ein Erlebnis, das berichtenswert sein dürfte, um besser zu verstehen, wie unser Herr mit dieser Seele verfuhr, die noch ganz blind war trotz des großen Verlangens, Ihm zu dienen auf alle Weise, so gut er es nur verstand. Er hatte sich ja dazu entschlossen, schwere Bußwerke auf sich zu nehmen; und zwar schaute er bereits nicht mehr so sehr darauf, für seine Sünden Genugtuung zu leisten, sondern vielmehr darauf, Gott einen Gefallen zu tun und Ihm Freude zu machen. Der Abscheu vor den Sünden seiner Vergangenheit war so groß, und das Verlangen, aus Liebe zu Gott Großtaten zu verrichten, war so lebendig, daß er bei seinen Bußwerken, die zu verrichten er sich vorgenommen hatte, gar nicht besonders an seine Sünden dachte. Und dabei machte er sich nicht ausdrücklich klar, daß diese ihm ja schon vergeben waren. Wenn er also daran dachte, sich einer Bußübung zu unterziehen, die die Heiligen auf sich genommen hatten, nahm er sich vor, wenigstens dasselbe, wenn nicht noch mehr fertigzubringen. Solche Gedanken waren der einzige Trost seiner Seele; er hatte noch keinen Blick für innere Werte und verstand nicht, was Demut, Liebe, Geduld eigentlich seien. Und er kannte jenes Gespür für Gottes Willen noch nicht, das diese Tugenden zu lenken und ins rechte Maß zu bringen hat. Vielmehr ging seine ganze Absicht nur darauf, diese äußerlich sichtbaren Großtaten einzig deswegen zu verrichten, weil solches auch die Heiligen zur Verherrlichung Gottes getan hatten; und dabei achtete er gar nicht auf irgendweldie besondere Voraussetzungen.

(15) Wie er nun seines Weges dahinzog, holte ihn ein Maure ein, der auf einem Maultier ritt. Im Dahinreiten redeten die beiden miteinander, und dabei kamen sie auch auf Unsere Liebe Frau zu sprechen. Der Maure meinte, er wolle zwar noch glauben, daß die Jungfrau empfangen habe, ohne einen Mann zu erkennen; aber daß sie nach der Geburt noch Jungfrau geblieben sei, das könne er nicht mehr glauben. Und er führte für seine Ansicht all die bloß natürlichen Gründe an, die er nur finden konnte. Obgleich nun der Pilger ihm viele Gegenbeweise vorbrachte, ließ er sich doch nicht von seiner Meinung abbringen. Der Maure war dann so eilig zugeritten, daß er ihn aus den Augen verlor, während er noch ganz in Gedanken über das Gespräch mit dem Mauren versunken war. Dabei überkam ihn eine innere Erregung, die seine Seele mit sich selber sehr unzufrieden sein ließ. Denn er glaubte, seine Pflicht nicht genügend getan zu haben, und zugleich regte sich in ihm ein großer Unwille gegen den Manren, da es ihm schien, er habe schlecht gehandelt, daß er einen Mauren derartige Dinge über Unsere Liebe Frau aussprechen ließ. Er hielt es für seine Pflicht, für ihre Ehre einzutreten. So überkam ihn das Verlangen, dem Mauren nachzuspüren und ihm dafür einige Dolchstiche zu versetzen, daß er solche Worte gesagt habe. Durch geraume Zeit dauerte der Widerstreit der verschiedenen Meinungen in seiner Seele an, und zu guter Letzt blieb er immer noch unschlüssig, ohne zu wissen, was er eigentlich nun zu tun hätte. Bevor der Maure noch vorausgeritten war, hatte er ihm gesagt, sein Reiseziel sei ein Ort, der ein Stück weiter in der Richtung seines eigenen Weges liege, und zwar ganz in der Nähe der Hauptstraße, die aber selbst nicht durch jenen Ort hindurchführte.

(16) So hatte er bei sich lange hin und her überlegt, was hier eigentlich zu tun wäre. Aber er wurde sich nicht klar darüber, wozu er sich entschließen sollte. Da beschloß er nun folgendes: sein Maultier ohne Benützung der Zügel bis zu dem Punkt gehen zu lassen, wo der Weg von der Hauptstraße abzweigt; wenn dann das Maultier den Weg zu dem Dorf einschlage, dann würde er den Mauren aufspüren und ihm einige Dolchstiche versetzen; zöge es aber nicht in der Richtung zum Dorf, sondern auf der Hauptstraße weiter, dann wolle er ihn in Ruhe lassen. Da er nun seinen Plan durchführte, fügte es unser Herr, daß das Maultier auf der Heerstraße weiterging und nicht den Weg zum Dorf nahm, obwohl die Ansiedlung kaum mehr als dreißig oder vierzig Schritt abseits lag und der Weg, der zu ihr hinführte, ziemlich breit und bequem war. Schließlich kam er in einen größeren Ort am Fuß des Montserrats. Dort wollte er sich das Gewand beschaffen, das er fernerhin zu tragen beabsichtigte und in dem er dieWallfahrt nach Jerusalem machen wollte. So kaufte er sich ein Stück grobgewebten und ganz rauhen Stoffes, aus dem man gewöhnlich Säcke herstellt, und ließ sich daraus sofort ein langes Gewand machen, das bis zu den Füßen reichte. Er erstand ferner einen Reisestock und eine Kürbisflasche und befestigte alles vor dem Sattel des Maultiers. Außerdem kaufte er sich einige Hanfschuhe, von denen er jedoch immer bloß einen trug, und zwar nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil das eine Bein ganz mit einem Verband umwickelt und in ziemlich üblem Zustand war. Obwohl er ritt, war es jeden Abend geschwollen, und deshalb hielt er es für notwendig, an diesem einen Fuß einen Schuh zu tragen.

(17) Er setzte seinen Weg zum Montserrat fort. Und wie bisher immer, war er in Gedanken mit den Großtaten beschäftigt, die er aus Liebe zu Gott verrichten wollte. Da sein ganzer Sinn noch von jenen Geschichten des Amadís de Gaula und anderer Romane dieser Art erfüllt war, kamen ihm einige ähnliche Gedanken. Daher beschloß er, eine ganze Nacht lang vor dem Altar Unserer Lieben Frau vom Montserrat in seinen Waffen Wache zu halten, ohne sich niederzusetzen oder hinzulegen, teils aufrecht stehend, teils kniend. Er hatte den Entschluß gefaßt, dort dann seine bisherigen Kleider abzulegen und das Wappenkleid Christi anzuziehen. Nachdem er nun von jenem Ort aufgebrochen war, ritt er so dahin und dachte, wie es seine Gewohnheit war, nur an seine Vorsätze. Auf dem Montserrat angekommen, betete er lange und besprach sich mit einem Beichtvater. Dann legte er eine schriftlich aufgezeichnete Generalbeichte ab, und diese Beichte dauerte drei Tage. Er machte auch mit dem Beichtvater aus, dieser solle dafür Sorge tragen, daß das Maultier weggeführt werde und daß man in der Kirche am Altar Unserer Lieben Frau das Schwert und den Dolch aufhänge. Dieser Beichtvater war der erste, dem er seinen Entschluß mitteilte; denn bis dahin hatte er noch keinem anderen Beichtvater seine Pläne verraten.

(18) Am Vortag des Festes Unserer Lieben Frau im März des Jahres 1522 ging er mitten in der Nacht so unauffällig, wie es nur möglich war, zu einem Bettler. Er legte alle seine Kleider ab und schenkte sie diesem Bettler. Dann zog er sein so sehr ersehntes neues Gewand an und ging wieder hin, um sich vor dem Altar Unserer Lieben Frau auf die Knie zu werfen. Teils kniend, teils stehend verbrachte er die ganze Nacht dort mit seinem Pilgerstab in der Hand. Beim Tagesgrauen verließ er den Ort, um nicht erkannt zu werden, und zog weiter, nicht auf dem geraden Weg nach Barcelona, wo er mit vielen zusammentreffen müßte, die ihn kannten und ihn ehrenvoll aufnehmen würden; sondern er bog vom geraden Weg ab zu einem Ort namens Manresa, wo er einige Tage lang in einem Armenspital zu bleiben gedachte. Als er so schon eine Meile vom Montserrat entfernt war, holte ihn ein Mann ein, der ihm in aller Eile nachgelaufen war, und frug ihn, ob er wirklich einige Kleidungsstücke einem Bettler geschenkt habe, wie dieser behauptete. Und da er mit ja antwortete, füllten sich seine Augen mit Tränen aus Mitleid mit dem Bettler, dem er die Kleider geschenkt hatte. Es überkam ihn Mitleid, denn er begriff, daß man jenen belästigt habe in der Annahme, er habe die Kleider gestohlen. Sosehr er aber jede Beachtung mied, konnte er sich doch nicht lange in Manresa aufhalten, ohne daß sich die Leute außerordentliche Geschichten über ihn erzählten; das, was sich auf dem Montserrat ereignet hatte, gab den Anlaß zu diesen Gerüchten. Bald nahm das Gerede so zu, daß man mehr behauptete, als in Wirklichkeit vorlag: er habe ein so und so großes Einkommen aufgegeben, und anderes mehr.


DRITTES KAPITEL

In der Schule Gottes

(19) In Manresa bettelte er jeden Tag um Almosen. Er aß kein Fleisch und trank keinen Wein, selbst wenn man ihm welchen schenkte. An den Sonntagen fastete er nicht und trank ein bißchen Wein, wenn man ihm solchen gab. Und da er früher entsprechend der Gepflogenheit jener Zeit sehr auf die Pflege seines Haares bedacht war und er noch immer eine schöne Frisur hatte, bschloß er nun, es einfach wachsen zu lassen, wie es wolle, ohne es zu kämmen oder zu schneiden oder irgendwie während der Nacht oder bei Tag zu bedecken. Aus dem gleichen Grund ließ er auch die Zehen- und Fingernägel wachsen, da er ebenfalls dafür früher besondere Sorgfalt aufgewendet hatte. Während seines Aufenthaltes in diesem Armenspital erlebte er häufig, daß er am hellichten Tag irgend etwas in der Luft nahe bei sich sah, was ihm großen Trost schenkte, da es ausnehmend prächtig anzuschauen war. Er konnte nicht genau erkennen, was es eigentlich für eine Sache sei. Aber irgendwie schien es ihm, als ob es die Gestalt einer Schlange hätte mit vielen Punkten, die wie Augen aufleuchteten, obwohl es keine eigentlichen Augen waren. Er hatte großes Gefallen und großen Trost beim Anblick dieser Erscheinung. Und je öfter er sie schaute, desto größer wurde seine innere Tröstung. Wenn aber jene Erscheinung seinen Augen entschwand, empfand er darüber großen Kummer.

(20) Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sich durchwegs in einem ausgeglichenen inneren Zustand befunden. Beständig spürte er in sich eine gleichmäßig große Freude und kannte sich doch noch gar nicht in den Fragen des inneren, geistlichen Lebens aus. In diesen Tagen nun, in denen sich jene Erscheinung so häufig wiederholte - und das geschah während ziemlich vieler Tage -, oder kurz bevor sie zum erstenmal auftrat, überfiel ihn übermächtig ein Gedanke, der ihm sehr zusetzte. Vor seine Seele traten nämlich die Schwierigkeiten seines derzeitigen Lebens, und es war, als ob jemand in seinem Inneren zu ihm sagte: Wie wirst du ein derartiges Leben aushalten können während der siebzig Jahre, die du noch zu leben hast? Aber darauf erwiderte er, gleichfalls in seinem Inneren, mit einer großen Entschiedenheit, denn er merkte wohl, daß die Frage vom bösen Feind kam: Du Elender, kannst du mir auch nur eine einzige Stunde, die ich noch zu leben hätte, wirklich zusichern? So überwand er die Versuchung und blieb innerlich wieder ruhig. Dies war die erste Versuchung, die ihn nach dem, was zuvor berichtet wurde, überkam. Das Ganze ereignete sich, als er eben eine Kirche betreten wollte, wo er täglich das Hochamt, die Vesper und die Komplet, die dort jeweils gesungen wurden, hörte. Und er verspürte dabei großen Trost. Gewöhnlich las er bei der Messe die Leidensgeschichte. Und seine innere Ausgeglichenheit dauerte an.

(21) Aber bald nach der eben erwähnten Versuchung begann er in seiner Seele einen merklichen Wandel zu verspüren. Einmal fand er sich so unlustig, daß er gar keine Freude mehr am Chorgebet, bei der Mitfeier der Messe oder an anderen Gebetsübungen hatte, die er verrichtete. Und ein andermal überkam ihn wieder genau das Gegenteil von dem, und zwar so plötzlich, daß es ihm dünkte, die Traurigkeit und Trostlosigkeit seien ihm abgenommen worden, wie man einem anderen Menschen einen Mantel von dessen Schultern abnimmt. Da fing er an, diesen Wechsel, den er früher nie bemerkt hatte, staunend zu beobachten, und er meinte bei sich: Was für ein neuartiges Leben soll das werden, das wir jetzt beginnen? In dieser Zeit unterhielt er sich indes ab und zu mit religiös interessierten Leuten, die ihn sehr schätzten und mit ihm zu verkehren wünschten. Zwar hatte er noch keine tiefere Kenntnis des geistlichen Lebens, aber es zeigte sich in seinem Reden ein großer Eifer und eine feste Entschlossenheit, im Dienste Gottes Fortschritte zu machen. Es lebte damals in Manresa eine betagte Frau, die seit langer Zeit einzig und allein Gott treu diente. Sie war deswegen weithin in Spanien bekannt, und sogar der Katholische König hatte sie einmal rufen lassen, um ihr einige Anliegen vorzutragen. Als nun diese Frau sich eines Tages mit dem jungen Streiter Christi besprach, sagte sie zu ihm: "Möchte es doch meinem Herrn Jesus Christus gefallen, daß Er Euch eines Tages erscheine!" Darüber erschrak er aber sehr, da er dieses Wort ganz wörtlich nahm: "Wie sollte gerade mir Jesus Christus erscheinen?" Er behielt auch hier seine Gewohnheit bei, jeden Sonntag zu beichten und zu kommunizieren.

(22) Dabei hatte er nun viele Plagen mit Skrupeln auszustehen. Zwar war seine Generalbeichte, die er auf dem Montserrat abgelegt hatte, mit soviel Sorgfalt und sogar schriftlich, wie schon berichtet wurde, vorbereitet gewesen. Aber immer wieder glaubte er, einige Dinge nicht gebeichtet zu haben, und das bedrückte ihn sehr. Auch wenn er dies und jenes in der Beichte nachholte, wurde er deswegen nicht ruhiger. So machte er sich daran, einige im geistlichen Leben bewanderte Männer ausfindig zu machen, die ihn von seinen Skrupeln heilen sollten. Aber nichts konnte ihm helfen. Schließlich sagte ihm ein Doktor an der Kathedralkirche, ein sehr frommer Mann, der gewöhnlich dort die Predigten hielt, eines Tages während der Beichte, er solle alles, woran er sich erinnern könne, aufschreiben. Er führte das aus, und trotzdem kamen ihm nach der Beichte erneut Skrupel, die sich von Mal zu Mal immer mehr in Einzelheiten verloren. Dadurch befand er sich in einem ganz niedergeschlagenen Zustand. Zwar wußte er wohl, daß jene Skrupel ihm nur zum großen Schaden waren und daß es besser wäre, sich von ihnen frei zu machen. Aber er konnte nicht mit ihnen fertig werden. Einige Male kam ihm der Gedanke, es sei wohl das beste Mittel dagegen, wenn ihm sein Beichtvater im Namen Jesu Christi einfachhin befehle, nichts mehr aus der Vergangenheit in seinen Beichten vorzubringen. Und er wünschte sehr einen solchen kategorischen Befehl des Beichtvaters. Jedoch brachte er nicht den Mut dazu auf, um dies dem Beichtvater zu sagen.

(23) Indes kam der Beichtvater, ohne daß er ihn beeinflußt hätte, von selbst darauf, ihm zu befehlen, er solle nichts mehr aus der Vergangenheit in der Beichte erwähnen, falls es sich nicht um eine ganz eindeutige Sünde handle. Da er jedoch alles aus der Vergangenheit für ganz eindeutig hielt, half ihm dieser Befehl also nichts, und er blieb auch weiterhin von seinen Skrupeln geplagt. In jener Zeit wohnte der Genannte in einer kleinen Zelle, die ihm die Dominikaner in ihrem Kloster zur Verfügung gestellt hatten. Er betete täglich auf den Knien sieben Stunden, stand regelmäßig um Mitternacht auf und führte alle übrigen schon erwähnten Frömmigkeitsübungen weiter. Aber bei all dem fand er kein Mittel gegen seine Skrupel, und diese Qual dauerte schon durch mehrere Monate. Einmal, als er besonders davon bedrückt war, begann er mit einem solchen Ungestüm zu beten, daß er plötzlich zu Gott laut und mit Worten aufschrie: "Hilf Du mir, Herr; den bei keinem Menschen und bei keinem Geschöpf kann ich irgendwelche Hilfe finden. Keine Mühe wäre mir zu groß, wenn ich damit erhoffen dürfte, irgendwie Hilfe zu finden. Zeige Du mir den Weg, Herr, wo ich sie finden kann. Selbst wenn ich einem Hündlein nachlaufen müßte, um von ihm Hilfe zu bekommen, würde ich es sofort tun."

(24) In dieser Seelenverfassung kamen ihm oftmals gar heftige Versuchungen, sich durch ein großes Loch, das im Boden der Zelle war, in die Tiefe zu stürzen; es war unmittelbar neben dem Platz, wo er seine Gebete verrichtete. Wie er jedoch sich bewußt wurde, daß Selbstmord eine Sünde wäre, fing er erneut an zu schreien: "Mein Herr, ich will nichts tun, was Dich beleidigen könnte." Und er wiederholte diese wie auch die früheren Worte oftmals. Da kam ihm die Geschichte eines Heiligen in Erinnerung, der ohne jede Speise blieb, um von Gott etwas zu erlangen, was er heiß ersehnte, und zwar so viele Tage lang, bis er erhört wurde. Darüber dachte er eine geraume Zeit nach, und schließlich entschloß er sich, dasselbe zu tun. So nahm er sich vor, nichts mehr zu essen und nichts zu trinken, bis daß Gott ihm helfen würde oder bis er sich unmittelbar am Rand des Grabes sähe. Denn wenn es zum Äußersten kommen sollte, so daß er sofort sterben müßte, falls er nicht etwas zu sich nähme, dann wollte er - das war sein Entschluß - noch um etwas Brot bitten und davon essen, wie wenn er, unmittelbar dem Tode nahe, überhaupt noch etwas hätte erbitten oder essen können.

(25) Dieser Gedanke kam ihm an einem Sonntag, nachdem er kommuniziert hatte. Die ganze folgende Woche hielt er durch, ohne auch nur das Geringste zu sich zu nehmen, und dabei unterließ er keine seiner gewohnten Übungen, nicht eimal die Teilnahme am Chorgebet, und verrichtete weiter auf den Knien seine Gebete, auch die mitten in der Nacht, und so weiter. Am folgenden Sonntag ging er wie immer zur Beichte. Da er dem Beichtvater alles, was er tat, bis in die kleinsten Einzelheiten zu berichten gewohnt war, sagte er ihm auch dieses Mal, daß er während der ganzen Woche überhaupt nichts gegessen habe. Der Beichtvater befahl ihm, dieses Fasten aufzugeben. Zwar fühlte er sich noch kräftig genug, aber er gehorchte dem Beichtvater, und an jenem Tage und am folgenden Montag fühlte er sich frei von Skrupeln. Indes fing es am dritten Tag - es war am Dienstag - während des Betens wieder damit an, daß er an seine Sünden denken mußte. Wie man etwas an einem Faden aufreiht, so überdachte er Sünde um Sünde seines vergangenen Lebens, und er glaubte, er müsse sie sofort noch einmal beichten. Als Beschluß all dieser Gedanken überkam ihn ein Gefühl des Abscheus vor dem Leben, das er jetzt führte, und zugleich ein starker Drang, es ganz aufzugeben. Das war das Mittel, mit dem der Herr ihn gleichsam wie aus einem tiefen Schlaf aufwecken wollte. Da er bereits einige Erfahrung über die Verschiedenheit der Geister aus den Unterweisungen gezogen hatte, die Gott ihm bisher gegeben hatte, begann er genauer zu überlegen, auf welche Weise jener böse Geist sich eingeschlichen hatte. Mit großer innerer Sicherheit war er nun entschlossen, nichts mehr aus dem vergangenen Leben zu beichten. So blieb er von jenem Tage an frei von derartigen Skrupeln, und er war davon überzeugt, daß unser Herr ihn aus Gnade und Barmherzigkeit davon befreit hatte.

(26) Außer den sieben Stunden Gebet gab er sich damit ab, einigen Seelen, die ihn aufsuchten, in Fragen des geistlichen Lebens Hilfe zu leisten. Was ihm vom Tag sonst noch Übrigblieb, verwandte er, um an göttliche Dinge zu denken und an das, was er gerade an dem betreffenden Tage im Gebet erwogen oder gelesen hatte. Wenn er sich zum Schlaf niederlegte, kamen ihm jedoch oftmals tiefe Erkenntnisse und große geistliche Tröstungen. Auf diese Weise verlor er ein gutes Stück der Zeit, die er für den Schlaf bestimmt hatte, und das war nicht gerade viel. Darüber dachte er einige Male nach, und schließlich kam er bei sich zu dem Ergebnis, er habe so und so viele Zeit sich vorgenommen, um mit Gott zu verkehren, und darüber hinaus noch die Zeit, die vom sonstigen Tagewerk übrigblieb. Deshalb kamen ihm Bedenken, ob jene Erkenntnisse überhaupt vom guten Geiste seien, und er zog die Folgerung daraus, daß es besser wäre, sich überhaupt nicht um sie zu kümmern und die festgesetzte Zeit zu schlafen. Und so tat er auch.

(27) Den vollen Verzicht auf Fleischspeisen führte er weiterhin durch, und er war darin so fest entschlossen, daß er eine Änderung für gänzlich unmöglich hielt. Da geschah es eines Tages in der Frühe, als er eben aufgestanden war, daß ihm eine Fleischspeise so deutlich erschien, wie wenn er sie mit leibhaftigen Augen sehen könnte, und zwar ohne daß irgendein Verlangen danach sich zuvor in ihm geregt hatte. Zugleich damit überkam ihn eine nachdrückliche Willenszustimmung, von nun an wieder Fleisch zu essen. Zwar war er sich seines früheren Vorsatzes wohl bewußt; aber er vermochte an der Bedeutung der Erscheinung nicht zu zweifeln, sondern konnte nur den Entschluß fassen, wieder Fleischspeisen zu essen. Als er dies später seinem Beichtvater berichtete, meinte dieser, er solle gut prüfen, ob es vielleicht nicht doch eine Versuchung gewesen sei. Jedoch konnte er bei gründlicher Nachprüfung keinerlei Zweifel über seinen Entschluß verspüren.

In dieser Zeit behandelte ihn Gott auf die gleiche Weise, wie ein Schullehrer beim Unterricht ein Kind behandelt. Mag nun der Grund dafür seine Unerfahrenheit und sein unausgebildetes Verständnis gewesen sein oder die Tatsadie, daß er keinen anderen Lehrmeister hatte, oder sein fester Willensentschluß, ganz Gott zu dienen, den Er ihm selber eingegeben hatte: auf jeden Fall hielt er es für klar erwiesen - und dies blieb seither immer seine Ansicht -, daß Gott mit ihm auf solche Weise verfuhr. Und falls er daran Zweifel hätte, würde er eher vermeinen, Gottes Majestät zu beleidigen. In etwa läßt sich dies aus den folgenden fünf Abschnitten erkennen.

(28) Erstens: Er hatte eine große Andacht zur Heiligsten Dreifaltigkeit. So betete er jeden Tag besonders zu jeder der Drei Personen. Und da er auch zur Heiligsten Dreifaltigkeit noch eigens betete, kam ihm die Frage, wieso er denn vier Gebete an die Dreifaltigkeit richte. Aber dieses Problem machte ihm wenig oder überhaupt kein Beschwer, da es für ihn eine Sache von nur geringer Bedeutung war. Eines Tages stand er nun auf den Treppenstufen eben jenes Klosters und betete die Tagzeiten Unserer Lieben Frau; da wurde sein Verstand plötzlich über sich selbst erhoben, wie wenn er die Heiligste Dreifaltigkeit unter der Gestalt von drei Orgeltasten erschauen dürfte, und dies war von so viel Tränen und Seufzern begleitet, daß er ihrer nicht mehr Herr werden konnte. Und während er dann am gleichen Morgen in einer Prozession mitging, die von dort ihren Anfang nahm, vermochte er seine Tränen die ganze Zeit hindurch nicht zurückzuhalten, und das dauerte bis zum Mittagessen. Und auch nach dem Essen konnte er von nichts anderem sprechen als von der Heiligsten Dreifaltigkeit, und zwar unter vielerlei und immer neuen Vergleichen und mit großer innerer Freude und Trost. Für sein ganzes Leben blieb ihm seitdem dieser Eindruck, eine ganz besondere Andacht in sich zu spüren, sooft er ein Gebet zur Heiligsten Dreifaltigkeit verrichtete.

(29) Zweitens: Ein andermal stellte sich seinem Verstande dar - begleitet von großer geistlicher Freude -, wie Gott die Welt erschaffen hatte. Das erschien ihm, wie wenn er etwas Hellglänzendes sähe, aus dem einige Strahlen ausgingen und woraus Gott das Licht erschuf. Aber er konnte diese Erlebnisse nicht näher deuten und behielt auch jene geistlichen Erkenntnisse, die Gott in jenen Tagen in seine Seele einsenkte, nicht ganz klar in seiner Erinnerung.

Drittens: In dem gleichen Manresa, wo er ungefähr ein Jahr lang blieb, gab er jene früher geübten Strengheiten auf, seitdem er Gottes reichen Trost einmal spürte und die Frucht sah, die er im Verkehr mit Menschen in deren Seelen erreichte. Er schnitt sich wieder die Nägel und die Haare. Als er eines Tages in diesem Ort in der Kirche des erwähnten Klosters war, um die Messe zu hören, und als eben der Leib des Herrn erhoben wurde, sah er mit den Augen seiner Seele etwas wie hellglänzende Strahlen, die von obenher kamen. Zwar vermag er auch dies nach so langer Zeit nicht mehr weiter auszufahren. Aber was er damals mit seinem Verstand erschaute, war ganz eindeutig dies, daß er sah, wie Jesus Christus, unser Herr, im allerheiligsten Sakrament gegenwärtig ist.

Viertens: Oftmals und durch lange Zeit schaute er während des Betens mit den Augen seiner Seele die Menschheit Christi. Und die Gestalt, unter der sie ihm erschien, war wie ein glänzender Körper, der nicht besonders groß noch besonders klein war, aber er konnte nicht die einzelnen Glieder erkennen. Dies erschaute er in Manresa oftmals. Wenn er sagen wollte, dies sei zwanzig- oder vierzigmal geschehen, würde er nicht zu behaupten wagen, daß dies eine Übertreibung wäre. Ein weiteres Mal hat er dies noch gesehen bei seinem Aufenthalt in Jerusalem und ein andermal auf dem Weg in der Nähe von Padua. Auch Unsere Liebe Frau hat er auf ähnliche Weise geschaut, ohne Einzelheiten zu erkennen. Das, was er damals in Erscheinungen sah, bestärkte ihn sehr und gab ihm für immer eine solche Sicherheit im Glauben, daß er oftmals bei sich dachte: auch wenn es keine Heilige Schrift gäbe, die uns diese Glaubenswahrheit lehrt, wäre er entschlossen, für sie zu sterben, einzig auf Grund der Tatsache, daß er dies geschaut hatte.

(30) Fünftens: Einmal führte ihn seine Andacht zu einer Kirche, die etwas mehr als eine Meile von Manresa entfernt war und - wie ich glaube - den Namen des heiligen Paulus trug. Der Weg dorthin führt dem Fluß entlang. In Andacht versunken, ging er so dahin und setzte sich eine kleine Weile nieder mit dem Blick auf den Fluß, der tief unten dahinfloß. Wie er nun so dasaß, begannen die Augen seines Verstandes sich ihm zu eröffnen. Nicht als ob er irgendeine Erscheinung gesehen hätte, sondern es wurde ihm das Verständnis und die Erkenntnis vieler Dinge über das geistliche Leben sowohl wie auch über die Wahrheiten des Glaubens und über das menschliche Wissen geschenkt. Dies war von einer so großen Erleuchtung begleitet, daß ihm alles in neuem Licht erschien. Und das, was er damals erkannte, läßt sich nicht in Einzelheiten darstellen, obgleich es deren sehr viele waren. Nur daß er eine große Klarheit in seinem Verstand empfing. Wenn er im ganzen Verlauf seines Lebens nach mehr als zweiundsechzig Jahren alles zusammennimmt, was er von Gott an Hilfen erhalten und was er jemals gewußt hat, und wenn er all dies in eines faßt, so hält er dies alles doch nicht für so viel, wie er bei jenem einmaligen Erlebnis empfangen hat. Dieses Ereignis war so nachdrücklich, daß sein Geist wie ganz erleuchtet blieb. Und es war ihm, als sei er ein anderer Mensch geworden und habe einen anderen Verstand erhalten, als er früher besaß.

(31) Nachdem dies eine gute Weile gedauert hatte, warf er sich vor einem Kreuz, das dort in der Nähe stand, auf die Knie nieder, um Gott zu danken. Und ebendort erschien ihm wieder die Vision, die er schon oftmals gehabt hatte und die er doch nie richtig erkennen konnte, das heißt jenes Ding, von dem vorher schon die Rede war und das ihm sehr schön und mit vielen Augen besetzt erschien. Aber jetzt vor dem Kreuz sah er deutlich, daß jenes Etwas nicht die gleiche Farbenpracht wie früher trug. Und er empfing nun eine ungemein klare Erkenntnis darüber, daß jenes Etwas ein Bild des Teufels war, und dies war begleitet von einer festen Zustimmung des Willens. Und da späterhin sich die gleiche Erscheinung noch mehrmals durch lange Zeit hindurch wiederholte, verjagte er sie zum Zeichen seiner Geringschätzung mit dem Stock, den er gewöhnlich in seiner Hand trug.

(32) Einmal war er in Manresa krank. Ein ungemein heftiges Fieber brachte ihn dem Tode nahe, so daß er sicher glaubte, seine Seele werde bald von hinnen scheiden. Dabei überkam ihn nun ein Gedanke, der ihm einflüsterte, er sei doch ein heiliger Mann. Dieser Gedanke plagte ihn so sehr, daß er nichts anderes mehr tat, als ihn innerlich abzulehnen und seine Sünden sich ins Bewußtsein zu rufen. Und diese Einbildung quälte ihn mehr als das Fieber selbst. Aber er brachte es nicht fertig, Herr über diesen Gedanken zu werden, sosehr er sich auch mühte, ihn zu überwinden. Als dann das Fieber ein wenig nachgelassen hatte und er nicht mehr in der unmittelbaren Todesgefahr war, legte er sehr nachdrücklich einigen Damen, die zu einem Krankenbesuch gekommen waren, nahe, sie sollten doch um der Liebe Gottes willen, falls sie ihn ein andermal wieder dem Tode so nahe sähen, ihm laut die Worte in die Ohren schreien: "Du Sünder!" und: "Denke ja an die Beleidigungen Gottes, die du verübt hast!"

(33) Ein andermal - es war auf hoher See bei der überfahrt von Valencia nach Italien inmitten eines starken Sturmes - zerbrach das Steuerruder des Schiffes. Die Lage wurde äußerst gefährlich, so daß man nach seiner und der meisten Schiffsgefährten Ansicht nur mehr durch ein Wunder dem Tode entgehen konnte. In diesem Augenblick erforschte er genau sein Gewissen und suchte sich auf den Tod vorzubereiten. Und auch damals vermochte er in sich keine Furcht wegen seiner Sünden oder vor der Verdammung zu finden. Aber darüber war er sehr beschämt und hatte großen Reueschmerz, daß er nach seinem Urteil die Gaben und Gnaden nicht gut verwandt hatte, die Gott unser Herr ihm geschenkt hatte.

Im Jahre 1550 lag er ein weiteres Mal an einer sehr heftigen Krankheit danieder. Nach seinem eigenen Urteil und dem vieler anderer war es die Todeskrankheit. Im Gedanken an den Tod hatte er damals eine solche Freude und so viel geistlichen Trost, da er nun sterben sollte, daß er ganz in Tränen zerfloß. Und dies wurde zu einer so beständigen Erscheinung, daß er oftmals aufhörte, an den Tod zu denken, um das übermaß jener Tröstung zu vermeiden.

(34) Mit Beginn des Winters wurde er wieder von einer schweren Krankheit befallen, und um der besseren Pflege willen brachte ihn die Stadtverwaltung im Haus des Vaters eines gewissen Ferrera unter, der später Diener bei Balthasar de Faria war. Dort wurde er mit großer Sorgfalt gepflegt. Aus Verehrung, die mehrere Damen aus den ersten Kreisen bereits zu ihm gefaßt hatten, hielten diese nachts Krankenwache bei ihm. Auch als er von dieser Krankheit genesen war, blieb er immer noch sehr schwach und hatte häufig mit Magenschmerzen zu tun. Aus diesem Grund sowohl wie auch wegen der großen Winterkälte veranlaßte man ihn, sich richtig zu kleiden und Schuhe zu tragen und den Kopf zu bedecken. So brachte man ihn dazu, zwei graue einfache Röcke aus einem ganz groben Stoff und eine Mütze von gleicher Qualität als Kopfbedeckung anzunehmen. In jener Zeit gab es oftmals Tage, an denen er ein großes Verlangen danach trug, über geistliche Dinge zu sprechen und Menschen zu finden, die dafür aufgeschlossen wären. Allmählich kam der Zeitpunkt näher, den er sich für die Abreise nach Jerusalem vorgenommen hatte.

(35) So brach er denn zu Anfang des Jahres 1523 nach Barcelona auf, um dort an Bord eines Schiffes zu gehen. Obgleich sich ihm mehrere Möglichkeiten einer Reisegesellschaft anboten, wollte er doch lieber allein reisen. Denn sein ein und alles war, Gott allein als Zuflucht zu haben. Eines Tages redeten einige gar sehr auf ihn ein, er solle sich doch ja einer bestimmten Reisegesellschaft anschließen, da er weder die italienische noch die lateinische Sprache verstehe; und sie wiesen darauf hin, wieviel Hilfe er damit fände, und waren voll des Lobes über jene Gruppe. Da sagte er, selbst wenn es der Sohn oder der Bruder des Herzogs von Cardona wäre, würde er nicht in seiner Begleitung die Reise machen. Denn er wünsche drei Tugenden ganz zu besitzen: Liebe, Glaube und Vertrauen. Falls er nun die Reise in Begleitung von jemandem mache, würde er von diesem Hilfe erwarten, wenn er einmal Hunger haben sollte; und wenn er einmal stürze, würde er damit rechnen, daß sein Begleiter ihm wieder auf die Beine helfe. So würde er also sein Vertrauen auf diesen setzen, und wegen solcher Rücksichten würde er ihm dann seine Zuneigung schenken. Nun aber wolle er solches Vertrauen und solche Zuneigung und Hoffnung einzig und allein auf Gott setzen. Was er ungefähr mit diesen Worten sagte, war wirklich die Überzeugung seines Herzens. Entsprechend diesen Überlegungen war er gewillt, nicht bloß allein, sondern auch ohne jeden Mundvorrat an Bord zu gehen. Wie er sich nun um einen Schiffsplatz bemühte, erreichte er zwar vom Kapitän des Schiffes, daß er ihn umsonst mitnähme, da er keinen Pfennig Geld habe; aber jener stellte die Bedingung, daß er seine Ration Zwieback als Zehrung auf das Schiff mitzubringen habe, andernfalls ließe man ihn um keinen Preis der Welt an Bord.

(36) Da er sich diesen Schiffszwieback besorgen wollte, kamen ihm große Bedenken: so sieht also das Vertrauen und der Glaube aus, die du auf Gott allein setzen wolltest, Er würde dich nie im Stiche lassen? und andere solche Gedanken, und zwar so nachdrücklich, daß er sehr damit geplagt war. Schließlich wußte er überhaupt nicht mehr, was er tun solle, da er durchaus vernünftige Gründe für das eine wie für das andere sah. So entschloß er sich, die Entscheidung in die Hände seines Beichtvaters zu geben. Er legte ihm also dar, wie sehr er danach verlange, das Vollkommenere zu tun und das, was mehr zur Ehre Gottes sei, und erklärte ihm die Gründe, die ihn daran zweifeln ließen, ob er die Reisezehrung mit sich an Bord nehmen sollte. Der Beichtvater entschied, er solle ruhig das Notwendige zusammenbetteln und es mit sich nehmen. Wie er nun eine Dame um Unterstützung bat, frug sie ihn, wohin er denn reisen wolle. Einen Augenblick lang zögerte er, ob er es ihr sagen sollte. Schließlich unterstand er sich nicht, ihr mehr zu sagen als bloß, daß die Reise nach Italien und Rom gehen werde. Worauf sie, fast entsetzt, zur Antwort gab: "Nach Rom wollt Ihr gehen? Ja, wer dorthin geht, kommt ich weiß nicht wie zurück!" Und damit wollte sie sagen, daß man in Rom kaum Fortschritte im geistlichen Leben machen könne. Der Grund, weshalb er nicht einfachhin zu sagen wagte, er mache eine Wallfahrt nach Jerusalem, war die Furcht vor eitler Einbildung. Diese Furcht beherrschte ihn derart, daß er sich nie anzugeben getraute, aus welchem Lande und aus welcher Familie er stamme. Schließlich hatte er seinen Zwieback beisammen und ging an Bord. Unterwegs am Strand entdeckte er bei sich noch fünf oder sechs 'Weißpfennige', den Rest von dem, was man ihm gegeben hatte, als er von Tür zu Tür betteln ging - das war ja damals seine gewohnte Lebensweise -, und er ließ sie auf einer Bank liegen, die nahe am Strand stand.

(37) Er ging an Bord nach einem Aufenthalt von rund drei Wochen in Barcelona. Noch in Barcelona, bevor er die Seereise antrat, suchte er entsprechend seiner Gewohnheit alle Personen mit Erfahrung im geistlichen Leben auf, um sich mit ihnen zu besprechen, selbst wenn sie weit draußen vor der Stadt in einer Einsiedelei wohnten. Aber weder in Barcelona noch in Manresa konnte er in all der Zeit, die er dort verweilte, jemanden treffen, der ihm so geholfen hätte, wie er es selber wünschte. Höchstens jene Frau von Manresa, von der vorhin schon die Rede war, die ihm nämlich gesagt hatte, sie habe zu Gott gebetet, daß Jesus Christus ihm erscheinen möge: nur jene Frau also war nach seiner Meinung etwas tiefer in das geistliche Leben eingedrungen. Daher verlor sich nach seiner Abreise aus Barcelona jenes ängstliche Drängen nach einem Zusammentreffen mit religiös interessierten Personen gänzlich.


VIERTES KAPITEL

Im Heiligen Land

(38) Sie hatten einen so starken Rückenwind, daß sie von Barcelona in fünf Tagen und Nächten bis nach Gaeta kamen. Allerdings waren alle dabei sehr in Angst wegen des heftigen Sturmes. In dem ganzen Land dort fürchtete man sich vor der Pest. Indes machte er sich sofort nach der Landung auf den Weg nach Rom. Von seinen Reisebegleitern auf dem Schiff schlossen sich ihm eine Frau und deren Tochter, die Knabenkleider trug, und noch ein weiterer Bursche an. Diese wollten mit ihm reisen, da sie gleichfalls nur von Almosen zu leben gedachten. Wie sie nun zu einem Bauerngehöft kamen, fanden sie dort ein großes Lagerfeuer und viele Soldaten darum, die ihnen zu essen und Wein zu trinken gaben. Und sie waren so zudringlich zu ihnen, daß es schien, als hätten jene die Absicht, sie beschwipst zu machen. Später trennte man sie voneinander. Die Mutter und die Tochter wurden in eine Kammer im Oberstock gewiesen, während der Pilger und der Junge in einen Stall kamen. Aber gegen Mitternacht hörte er, wie dort im Oberstock lautes Geschrei ertönte. Er sprang auf, um zu sehen, was los sei, und fand die Mutter und die Tochter unten im Hof tränenüberströmt und jammernd, man wolle sie vergewaltigen. Da überkam ihn ein unheimlicher Zorn, und er schrie die Soldaten an: "So etwas muß man sich bieten lassen!" und andere derartige Vorwürfe. Das brachte er so wirkungsvoll heraus, daß die ganze Besatzung des Hauses wie gelähmt war und keiner auch nur das geringste gegen ihn unternahm. Der Bursche war schon auf und davon geflohen; so machten sie sich nun zu dritt noch in der Nacht auf den Weiterweg.

(39) Sie kamen an eine Stadt, die in der Nähe lag. Aber sie fanden die Stadttore verschlossen und konnten nicht hineingehen. So verbrachten alle drei jene Nacht in einem regennassen Kirchlein in der Nähe. Auch am anderen Morgen wollte man ihnen das Stadttor nicht öffnen. Und außerhalb der Stadt konnten sie kein Almosen auftreiben, obwohl sie noch zu einem Kastell gingen, das nicht zu weit entfernt zu sein schien. Dort fühlte sich der Pilger nach der Seekrankheit und all den anderen Anstrengungen so schwach, daß er nicht mehr weitergehen konnte und dort blieb. Die Mutter und die Tochter machten sich allein auf den Weiterweg in Richtung Rom. An jenem Tag strömte viel Volk aus der Stadt heraus. Er wußte, daß die Landesfürstin dorthin käme. So stellte er sich ihr vor und erklärte ihr, seine Krankheit sei bloß eine Schwäche, und er bitte um die Erlaubnis, die Stadt betreten zu dürfen, um dort irgendeine Medizin zu erstehen. Ohne Schwierigkeit gab sie ihre Zustimmung. So bettelte er denn in der Stadt von Tür zu Tür und bekam viele Groschen zusammen. Zwei Tage blieb er dort zur Erholung, dann machte er sich wieder auf den Weg und kam am Palmsonntag in Rom an.

(40) Dort suchten alle, die mit ihm sprachen, ihm die Wallfahrt auszureden, da sie wußten, daß er kein Geld für die Reise nach Jerusalem habe. Und sie erklärten ihm mit vielen Gründen, daß es einfachhin unmöglich sei, einen Schiffsplatz ohne Bezahlung zu finden. Dagegen fühlte er eine so große Sicherheit in seiner Seele, daß er diese Bedenken nicht zu teilen vermochte, sondern fest damit rechnete, er werde schon eine Reisegelegenheit nach Jerusalem finden. Er hatte noch den Segen des Papstes Adrian VI. erhalten, dann brach er in Richtung Venedig auf, acht oder neun Tage nach dem Osterfest. Doch hatte er sechs oder sieben Dukaten bei sich, die man ihm für die Überfahrt von Venedig nach Jerusalem geschenkt hatte. Er hatte sie angenommen, noch etwas beeindruckt von den ängstlichen Vorstellungen, die man ihm machte, daß er andernfalls nicht an sein Reiseziel käme. Indes, zwei Tage nach dem Aufbruch von Rom ging ihm langsam auf, daß dies ein ausgesprochener Mangel an Vertrauen war, von dem er sich hatte leiten lassen. Wie ein Gewicht legte es sich ihm auf die Seele, daß er die Dukaten angenommen hatte, und er überlegte, ob er sie nicht einfach irgendwo liegenlassen sollte. Schließlich entschloß er sich, sie großzügig an die Leute auszuteilen, die ihm begegneten und die zumeist arme Teufel waren. Das tat er nun so ausgiebig, daß er bei seiner Ankunft in Venedig nur mehr einige Groschen bei sich trug, die er für jene Nacht notwendig brauchte.

(41) Auf diesem Marsch bis Venedig schlief er indes wegen der ausgestellten Pestwachen unter Arkaden. Einmal passierte es ihm, daß er am frühen Morgen beim Aufstehen mit irgendeinem Mann zusammentraf, der bei seinem Anblick mit dem Zeichen größten Erschreckens auf und davon lief, ein Beweis dafür, wie farblos und blaß er damals ausgeschaut haben mußte.

So wanderte er dahin und kam nach Chioggia, zusammen mit einigen Reisegefährten, die sich ihm angeschlossen hatten. Er wußte, daß man sie nicht nach Venedig hineinlassen werde. Die Begleiter entschlossen sich darauf, nach Padua zu gehen, um sich dort eine Gesundheitsbescheinigung ausstellen zu lassen. So ging auch er mit ihnen. Aber er konnte nicht mehr mit ihnen Schritt halten, denn sie hatten ein gutes Marschtempo und ließen ihn vor Einbruch der Dunkelheit allein auf einem weiten Feld zurück. Dort erschien ihm Christus in der Weise, wie Er ihm auch sonst erschien - wir haben schon früher davon gesprochen -, und schenkte ihm neue Kraft. Durch diese Tröstung gestärkt, kam er am Morgen des folgenden Tages an das Stadttor von Padua, ohne erst einen Ausweis zu fälschen, wie seine Begleiter es meines Wissens getan hatten. Vielmehr betrat er die Stadt, ohne daß die Wachposten ihn nach irgend etwas fragten. Ebenso erging es ihm beim Verlassen der Stadt. Nicht wenig waren darüber seine Reisebegleiter überrascht, die sich bereits eine Bescheinigung besorgt hatten, um nach Venedig zu kommen. Aber er kümmerte sich gar nicht darum.

(42) Bei der Ankunft in Venedig kamen sofort die Wachsoldaten auf die Barke, um alle Fahrgäste, die im Boote waren, einen nach dem anderen, zu überprüfen. Bloß um ihn allein kümmerten sie sich nicht. Seinen Lebensunterhalt erbettelte er sich in Venedig und schlief auf dem Sankt-Markus-Platz. Auf keinen Fall wollte er in den Palast des kaiserlichen Gesandten gehen. Und er gab sich auch keine besondere Mühe, die notwendigen Geldmittel für die Überfahrt aufzutreiben. Vielmehr trug er in seinem Herzen eine so große Gewißheit, daß Gott ihm eine Gelegenheit zu besorgen hätte, um nach Jerusalem zu kommen. Und diese Gewißheit machte ihn in seinem Entschluß so unerschütterlich fest, daß keinerlei Gegengründe und Befürchtungen, die man ihm vortrug, in ihm irgendwelche Bedenken aufkommen lassen konnten.

Eines Tages traf ihn ein reicher Spanier. Dieser fragte ihn, was er tue und wohin er eigentlich reisen wolle. Als er seinen Plan erfahren hatte, nahm er ihn mit zu Tisch in sein Haus, und dann behielt er ihn einige Tage bei sich, bis man sich zur Abreise rüstete. Schon seit der Zeit von Manresa hatte der Pilger die Gepflogenheit, nie bei Tisch, wenn er mit anderen zusammen speiste, etwas zu sagen, es sei denn höchstens eine kurze Antwort. Vielmehr hörte er zu, was man sprach, und daraus suchte er ein paar Gedanken heraus, die ihm einen Anknüpfungspunkt geben konnten, um über Gott zu reden. Und nach der Mahlzeit begann er damit.

(43) Das war auch der Grund, weshalb der wackere Mann mit seiner ganzen Familie ihm so zugetan war, daß sie ihn unbedingt bei sich behalten wollten und ihn geradezu zwangen, in ihrem Hause Wohnung zu nehmen. Eben dieser Gastgeber brachte ihn zum Dogen von Venedig, damit er mit diesem sprechen könne, das heißt: er verschaffte ihm die Erlaubnis zum Eintritt in den Palast und eine Audienz. Als der Doge den Pilger angehört hatte, gab er Befehl, man solle ihm einen Platz auf dem Schiff anweisen, mit dem die Regierungsbeamten nach Zypern fuhren.

Zwar waren in jenem Jahr ziemlich viele Jerusalempilger nach Venedig gekommen. Doch die Mehrzahl von ihnen war wieder in ihre Heimat zurückgekehrt angesichts der neuen Lage, die durch die Einnahme von Rhodos entstanden war. Immerhin waren es noch dreizehn auf dem Pilgerschiff, das zuerst in See stach, und acht oder neun blieben noch für das Regierungsschiff zurück. Dieses war gerade abfahrtsbereit, als unseren Pilger eine schwere Fiebererkrankung befiel Einige Tage lang nahm ihn das Fieber ziemlich mit, dann ließ es nach, und eben an dem Tag, da er ein Abführmittel genommen hatte, sollte das Schiff in See stechen. Die Leute im Hause fragten den Arzt, ob er mit dem Schiff nach Jerusalem abfahren könne, worauf der Arzt meinte, er könne ruhig an Bord gehen, falls er sich dort auch begraben lassen wolle. Trotzdem ging er an Bord, und man fuhr noch am gleichen Tage ab. Er erbrach sich derart, daß er sich sehr erleichtert fühlte, und das war der Beginn seiner vollständigen Genesung. Auf dem Schiff kamen einige schmutzige Geschichten und offensichtliche Obszönitäten vor, wogegen er sich mit großer Hefligkeit wandte.

(44) Seine spanischen Reisegefährten machten ihn aufmerksam, er solle nicht derart vorgehen. Denn die Schiffsbesatzung beratschlage schon, ihn auf irgendeiner Insel zurückzulassen. Indes kamen sie mit der Gnade unseres Herrn rasch nach Zypern, wo man jenes Schiff verließ und auf dem Landweg nach einem anderen Hafen, namens Las Salinas, zog, der zehn Meilen von dort entfernt war. Hier ging man an Bord des Pilgerschiffes, auf das er für seinen Lebensunterhalt wiederum nichts anderes mitbrachte als das Vertrauen, das er auf Gott setzte, so wie er es schon bei dem anderen Schiff getan hatte. In dieser ganzen Zeit erschien ihm oftmals unser Herr, der ihm große Tröstung und Kraft schenkte. Er glaubte, ein großes rundes Etwas zu schauen, das wie aus Gold gemacht war. Diese Erscheinung hatte er nach der Abfahrt von Zypern. Man kam endlich nach Jaffa, und den Weg nach Jerusalem legte man wie üblich auf Eseln zurück. Ungefähr zwei Meilen vor Jerusalem sagte ein offensichtlich adeliger Spanier, mit Namen Diego Manes, mit innerer Ergriffenheit zu den übrigen Pilgern: da sie nun in wenigen Minuten zu dem Punkt kämen, von wo aus sie die Heilige Stadt schauen könnten, wäre es wohl angebracht, daß sich jeder innerlich vorbereite und daß man in Stillschweigen weiterziehe. Allen dünkte dieser Vorschlag gut, und ein jeder suchte sich nun zu sammeln. Kurz bevor sie zu dem Punkt kamen, von wo die Stadt zu sehen ist, saßen sie ab, da sie eine Gruppe von Mönchen mit einem Kreuz sahen, die sie erwarteten. Beim Anblick der Stadt empfand der Pilger eine große Tröstung. Und das war nach Aussage der anderen Pilger bei allen der Fall. Dazu kam eine innere Freude, die ihm nicht mehr rein natürlich erschien. Die gleiche Ergriffenheit verspürte er, sooft er die heiligen Stätten besuchte.

Sein fester Entschluß war, für immer in Jerusalem zu bleiben und nur noch jene heiligen Stätten zu besuchen. Außerdem hatte er sich vorgenommen, neben dieser Frömmigkeitsübung sich auch nochder Seelenhilfe zu widmen. Aus diesem Grund hatte er einige Empfehlungsschreiben an den Guardian bei sich, die er ihm nun übergab, wobei er ihm seine Absicht mitteilte, dort um seiner persönlichen Andacht willen zu bleiben. Aber er sagte nichts von seiner zweiten Absicht, daß er nämlich den Seelen helfen wolle. Denn davon sprach er mit niemandem, während er den ersten Plan schon des öfteren erzählt hatte. Der Guardian gab ihm zur Antwort, es sei ihm nicht klar, wie sich sein Hierbleiben durchführen lassen könne, da das Kloster in einer derartigen Notlage sei, daß es nicht einmal alle Mönche versorgen könne. Aus diesem Grund sei er auch entschlossen, einige der Mönche mit den Pilgern nach Europa zurückzuschicken. Der Pilger entgegnete, er wolle ja überhaupt nichts vom Kloster, außer daß man seine Beichte höre, wenn er ab und zu käme, um zu beichten. Darauf meinte der Guardian, auf diese Weise ließe es sich wohl machen. Aber er solle noch abwarten, bis der Provinzial komme, der meines Wissens der Obere für jenes ganze Gebiet war und der sich gerade in Bethlehem aufhielt.

(46) Mit dieser Zusicherung gab sich der Pilger zufrieden, und er machte sich daran, verschiedene Briefe nach Barcelona an seine geistlichen Freunde zu schreiben. Wie er nun schon mit dem einen Brief fertig war und gerade den zweiten beginnen wollte - es war an dem Tag, bevor die Pilger wieder aufbrachen -, rief man ihn im Auftrag des Provinzials und des Guardians, da jener eben zurückgekommen war. Der Provinzial sprach zu ihm mit wohlmeinenden Worten: er habe seine lobenswerte Absicht erfahren, in der Nähe jener heiligen Stätten zurückzubleiben; er habe reiflich über die ganze Angelegenheit nachgedacht; auf Grund der Erfahrungen, die er früher schon machen mußte, sei er aber der Meinung, daß sein Plan nicht angehe. Denn viele andere hätten schon den gleichen Wunsch gehabt; teils seien sie aber als Sklaven gefangengenommen worden, teils gestorben. Und dann hätte der Orden die Verpflichtung, die Gefangenen loszukaufen. Deshalb solle er sich bereithalten, mit den andern Pilgern am folgenden Tag zurückzureisen. Darauf antwortete er: er habe einmal diesen ganz festen Entschluß und er sei der Meinung, er dürfe um nichts auf der Welt davon ablassen, ihn auch durchzufahren. Und er gab unter Wahrung des Taktes zu verstehen, er werde seinen Plan wegen keinerlei Rücksichten aufgeben, auch wenn er dem Provinzial nicht gut erscheine, falls dieser ihn nicht unter Sünde dazu verpflichte. Darauf sagte ihm der Provinzial, sie hätten vom Apostolisdien Stuhl die Vollmacht, nach ihrem Gutdünken zu bestimmen, wer fortgehen müsse und wer dableiben könne; sie könnten den exkommunizieren, der nicht gehorchen wolle, und in seinem Fall seien sie der Meinung, daß er nicht dableiben dürfe, und anderes dergleichen. Wie er ihm noch die päpstlichen Bullen zeigen wollte, auf Grund deren sie die Exkommunikation verhängen könnten, sagte er, es sei nicht nötig, sie zu sehen, denn er schenke Seiner Hochwürden vollen Glauben. Er werde ihnen gehorchen, da sie nun einmal auf Grund ihrer Autorität so befunden hätten, die ihnen verliehen war. Am Ende dieser Unterredung ging er zu dem Platz zurück, wo er sich zuvor aufgehalten hatte. Da überkam ihn ein großes Verlangen, noch einmal vor seiner Abreise den Ölberg zu besuchen, da es nun einmal nicht der Wille unseres Herrn sei, daß er bei jenen heiligen Stätten auf Dauer bliebe. Auf dem Ölberg gibt es einen Felsen, von dem aus unser Herr gen Himmel auffuhr, und man sieht dort heute noch die eingedrückten Fußspuren. Das war es, was er noch einmal sehen wollte. So trennte er sich von den übrigen, ohne etwas verlauten zu lassen und ohne einen Führer zu nehmen - dabei läuft jeder große Gefahr, wer ohne einen Türken als Führer unterwegs ist -, und ging ganz allein auf den Ölberg. Die Wache wollte ihn nicht hineinlassen. Er gab ihnen ein Federmesser aus dem Schreibzeug, das er bei sich hatte. Wie er nun dort sein Gebet mit großem inneren Trost verrichtet hatte, kam ihm der Wunsch, noch nach Bethphage zu gehen. Als er dort war, fiel ihm wieder ein, daß er auf dem Ölberg nicht genau hingeschaut habe, an welcher Stelle der rechte Fußabdruck und wo der linke war. So kehrte er dorthin zurück und gab, soviel ich weiß, seine Schere den Wächtern, damit sie ihn noch einmal eintreten ließen.

(48) Wie es nun im Kloster bekannt wurde, daß er so ohne Führer fortgegangen war, trafen die Mönche verschiedene Anstalten, um ihn zu suchen. Als er vom Ölberg herunterkam, traf er mit einem sogenannten Gürtelchristen zusammen, der im Kloster beschäftigt war. Dieser drohte unter allen Zeichen einer großen Wut, mit einem dicken Stock auf ihn einzuschlagen. Wie er zu ihm kam, packte er ihn heftig am Arm, er aber ließ sich ohne Widerstreben fortführen. Trotzdem ließ ihn der gute Mann keinen Augenblick mehr los. Auf diesem Weg empfing er, ein Gefangener des Gürtelchristen, von unserem Herrn große Tröstungen, und es war ihm, als sehe er ständig Christus über sich. Dies dauerte in überreichem Maße an, bis sie zum Kloster kamen.


FÜNFTES KAPITEL

Gefahrvolle Rückreise

(49) Am folgenden Tage brachen sie auf, und nach der Ankunft auf Zypern verteilten sich die Pilger auf verschiedene Schiffe. Im Hafen lagen drei oder vier Schiffe nach Venedig; eines war ein türkisches, das zweite ein ganz kleiner Kahn, das dritte ein prächtiges und stolzes Schiff eines reichen Venezianers. Den Kapitän dieses dritten Schiffes baten nun einige Pilger, er möchte doch den Pilger mitnehmen. Aber da jener wußte, daß er kein Geld hatte, wollte er nicht, so sehr man ihn auch bestürmte, über den Pilger nur Gutes berichtete und so fort. Der Kapitän gab zur Antwort, wenn er wirklich ein Heiliger sei, solle er so die Reise machen, wie sie einst der heilige Jakobus gemacht habe, oder eine ähnliche Bemerkung. Ohne Schwierigkeiten erreichten aber die gleichen Bittsteller die Zustimmung des Kapitäns des kleinen Schiffes. Bei günstigem Wind segelten sie nun eines Tages in der Frühe ab. Am Abend kam aber ein Sturm auf, der sie voneinander trennte. Das große Schiff ging in unmittelbarer Nähe der Inselgruppe von Zypern unter, und nur die Leute konnten sich retten. Der Türke ging auch beim gleichen Sturm unter, und zwar mit Mann und Maus. Der kleine Kahn hatte allerdings auch viel auszustehen, und schließlich kam man an der apulischen Küste an Land. Das ganze im tiefsten Winter! Es war bitter kalt, und es schneite. Der Pilger hatte nichts anderes auf dem Leib als eine Hose aus rauhem Stoff, die ihm bis zu den Knien ging und die Beine nackt ließ, ein Paar Schuhe, eine Jacke aus schwarzem Tuch, die nicht schloß und die an den Schultern ganz zerrissen war, und dazu noch einen abgeschabten kurzen Überrock.

(50) Mitte Januar des Jahres 1524 kam er in Venedig an, nachdem er von Zypern ab den ganzen Monat November, Dezember und die erste Hälfte des Januar auf See festgehalten war. In Venedig traf ihn einer jener zwei Männer, die ihn vor seiner Abfahrt nach Jerusalem bei sich aufgenommen hatten. Er gab ihm als Almosen fünfzehn oder sechzehn Julier und ein Stück Wolltuch, das er mehrfach zusammenfaltete und wegen der großen Kälte, die eben herrschte, als Leibbinde trug.

Seitdem der genannte Pilger erkannt hatte, daß es nicht der Wille Gottes sei, auf Dauer in Jerusalem zu bleiben, überlegte er beständig bei sich, was er nun tun solle. Schließlich kam er immer mehr zu der Überzeugung, er solle eine Zeitlang studieren, um den Seelen helfen zu können. Er entschloß sich, nach Barcelona zu gehen, und so brach er von Venedig nach Genua auf. Eines Tages war er zu Ferrara in der Kathedrale, um seine Gebete zu verrichten. Da erbat ein armer Mann ein Almosen von ihm, und er gab ihm einen Marchetto - das ist eine Münze im Wert von fünf oder sechs Quattrinen. Nach diesem Bettler kam ein zweiter, dem er eine andere, noch etwas größere Münze gab, die er bei sich hatte. Und dem dritten gab er, da er nur noch Julier hatte, einen solchen. Wie die Bettler merkten, daß er so ohne weiteres Almosen verteilte, kamen sie in Scharen. Und so war alles Geld, das er bei sich hatte, rasch aufgebraucht. Zum Schluß kam noch eine ganze große Gruppe von Bettlern, um Almosen zu heischen. Er antwortete, sie möchten ihm verzeihen, daß er nun gar nichts mehr habe.

(51) Von Ferrara zog er in Richtung nach Genua weiter. Unterwegs traf er einige spanische Soldaten, die ihn an jenem Abend wohl versorgten. Sie wunderten sich sehr, wie er jenen Weg zurücklegen wolle, da er fast genau mitten zwischen den beiden Heeren, dem französischen und dem kaiserlichen, hindurchmußte. Sie baten ihn dringend, die Heerstraße zu verlassen und einen anderen, sichereren Weg zu wählen, den sie ihm beschrieben. Aber er ging auf ihren Rat nicht ein. Vielmehr zog er geraden Weges weiter, traf auf einen niedergebrannten und zerstörten Ort, und bis zum Abend konnte er niemanden finden, der ihm eine Kleinigkeit zu essen gegeben hätte. Um die Zeit des Sonnenuntergangs kam er zu einer befestigten Ortschaft, die Wachen verhafteten ihn sofort in der Annahme, er sei ein Spion. Sie brachten ihn in eine Hütte in der Nähe des Tores und fingen mit dem Verhör an, wie man es gewöhnlich bei verdächtigen Personen tut. Auf alle ihre Fragen gab er zur Antwort, er wisse von gar nichts. Sie zogen ihn aus, und bis auf die Schuhe untersuchten sie ihn und den ganzen Körper aufs genaueste, um zu sehen, ob er nicht etwas Schriftliches bei sich trage. Da sie trotz all ihrer Mühe nichts entdecken konnten, packten sie ihn, um ihn zu ihrem Hauptmann zu schleppen; denn dieser würde ihn sicher zum Reden bringen. Er bat sie, sie möchten ihn mit seinem Mantel bekleidet vorführen, aber sie wollten ihm den nicht geben und schleppten ihn, nur mit Hose und Jacke bekleidet, die bereits beschrieben wurden, fort.

(52) Bei diesem Gang war es dem Pilger, als ob ihm jener Augenblick gegenwärtig würde, da man Christus fortschleppte. Dies war aber nicht wie sonst eine eigentliche Vision. Man führte ihn durch drei große Straßen, und er schritt dahin ohne jegliche Betrübnis, vielmehr voller Freude und innerer Zufriedenheit. Er hatte die Gewohnheit, jeden, gleichgültig wer es war, mit 'Ihr' anzusprechen. Denn er hatte die fromme Meinung, daß Christus und die Apostel und andere Heilige so gesprochen hätten. Wie er nun so durch diese Straßen schritt, ging ihm der Gedanke durch den Kopf, ob es nicht besser sei, diese Gewohnheit in einem so gefährlichen Augenblick aufzugeben und den Hauptmann mit 'Euer Gnaden' anzureden. Und dabei hatte er einige Furcht vor Quälereien und dergleichen, was die Soldaten ihm antun könnten. Aber wie er merkte, daß dies eine Versuchung war, sagte er sich: da es nun einmal so steht, will ich ihn nicht mit 'Euer Gnaden' ansprechen noch ihm irgendeine Ehrenbezeigung erweisen noch vor ihm die Kopfbedeckung abnehmen.

(53) Man kam nun zum Hause des Hauptmanns. Dort ließ man ihn in einem niederen Zimmer allein. Kurz darauf sprach der Hauptmann ihn an. Ohne die geringste Form an Höflidikeit zu zeigen, antwortete er mit knappen Worten und machte zwischen jedem Wort eine beachtliche Pause. Der Hauptmann hielt ihn für einen Narren, und so sagte er zu denen, die ihn herbeigeführt hatten: "Dieser Mensch ist nicht ganz recht bei sich, gebt ihm seine Sachen wieder und schmeißt ihn hinaus!" Kaum war er aus dem Haus heraus, traf er einen Spanier, der dort lebte. Dieser nahm ihn mit sich nach Hause und ließ ihm eine Stärkung und alles Notwendige für die Nacht geben. Am Morgen brach er wieder auf und wanderte bis zum Nachmittag. Da erblickten ihn zwei Soldaten, die auf einem Turm postiert waren und nun hinabstiegen, um ihn zu ergreifen. Sie brachten ihn zu ihrem Hauptmann, der ein Franzose war. Der Hauptmann fragte ihn unter anderem, aus welcher Gegend er stamme. Und wie er hörte, daß er aus Guipúzcoa sei, sagte er zu ihm: "Ich stamme ganz aus der Nähe von dort" - vermutlich war er aus der Gegend von Bayonne -, und dann sagte er: "Nehmt ihn mit und gebt ihm zu essen und behandelt ihn gut!" Auf diesem Marsch von Ferrara nach Genua überstand er noch manch andere, weniger wichtige Erlebnisse. Schließlich kam er nach Genua, wo ihn ein baskischer Landsmann namens Portundo erkannte, der mit ihm manchmal geredet hatte, als er noch am Hof des Katholischen Königs in Dienst gestanden war. Dieser besorgte ihm nun eine Fahrgelegenheit auf einem Schiff, das nach Barcelona fuhr. Auf dieser Überfahrt bestand große Gefahr, daß er von Andrea Doria gefangengenommen würde, der auf das Schiff Jagd machte; denn dieser stand damals in französischen Diensten.


SECHTES KAPITEL

Auf der Schulbank

(54) Nach der Ankunft in Barcelona besprach er mit Isabel Roser und mit einem gewissen Magister Ardévol, der Grammatikunterricht gab, seinen Plan, zu studieren. Beiden erschien diese Absicht sehr gut. Dieser erbot sich, ihm unentgeltlich Unterricht zu erteilen, während jene ihm alles zum Lebensunterhalt Notwendige geben wollte. Der Pilger kannte nun in Manresa einen Mönch, ich glaube, er war aus dem Orden des heiligen Bernhard, einen wirklichen Geistesmann; und bei ihm wollte er sich zum Studium aufhalten, um dort zugleich sich besser dem geistlichen Leben widmen und auch den Seelen helfen zu können. Daher gab er zur Antwort, daß er das Angebot gerne annehme, falls er in Manresa nicht die erwartete günstigere Möglichkeit finden sollte. Als er aber dorthin kam, erfuhr er, daß der Mönch gestorben war. Daher kehrte er nach Barcelona zurück und begann das Studium mit allem Eifer. Indes behinderte ihn dabei etwas gar sehr: wenn er nämlich auswendig lernen wollte, wie dies zu Anfang des Gramatikunterrichtes notwendig ist, überkamen ihn neuartige Einsichten in Dingen des geistlichen Lebens und neuartige Tröstungen, und zwar in einer solchen Stärke, daß er nicht mehr auswendig lernen konnte, und trotz aller Anstrengungen vermochte er diese nicht loszuwerden.

(55) Darüber machte er sich oftmals seine Gedanken und sagte sich: nicht einmal wenn ich wirklich beim Beten bin oder bei der Messe, überkommen mich derart lebhafte Einsichten. Ganz allmählich merkte er so, daß dies alles nur Versuchung war. So begab er sich denn, nachdem er zuvor gebetet hatte, zur Kirche Unserer Lieben Frau am Meer, die nahe beim Haus seines Lehrers lag; diesen hatte er zuvor gebeten, er möchte ihn einen Augenblick in jener Kirche anhören. Als sich beide dort niedergesetzt hatten, erzählte er ihm wahrheitsgetreu alles, was in seiner Seele vorgegangen war und wie wenige Fortschritte er bis dahin aus diesem Grund gemacht hätte, daß er aber jetzt dem genannten Lehrer feierlich ein Versprechen ablegen wolle - und dies waren seine Worte: "Ich verspreche Euch, in den folgenden zwei Jahren niemals Euren Unterricht zu versäumen, wofern ich nur in Barcelona Brot und Wasser auftreiben kann, um mich am Leben zu erhalten." Seitdem er dieses Versprechen mit allem Nachdruck abgelegt hatte, hatte er nie mehr mit jenen Versuchungen zu kämpfen. Das Magenleiden, das er sich in Manresa zugezogen hatte und dessentwegen er Schuhe trug, war verschwunden. Und seit seiner Abreise nach Jerusalem fühlte er sich wieder ganz gesund am Magen. Aus diesem Grund kam ihm während seines Studienaufenthaltes in Barcelona das Verlangen, die früheren Bußübungen wiederaufzunehmen. Er fing damit an, ein Loch in die Schuhsohlen zu machen; dieses erweiterte er dann allmählich von Mal zu Mal, bis er dann bei Beginn der Winterkälte nur mehr das Oberteil der Schuhe trug.

(56) Nach Verlauf der zwei Studienjahre, in denen er gute Fortschritte gemacht hatte, wie man ihm sagte, meinte sein Lehrer, daß er nun philosophische Vorlesungen hören könne und nach Alcalá gehen solle. Trotzdem ließ er sich noch eigens von einem Doktor der Theologie genau prüfen, der ihm darauf den gleichen Rat gab. So machte er sich allein auf den Weg nach Alcalá, obwohl er schon damals meines Wissens einige Gefährten hatte. Nach seiner Ankunft in Alcalá begann er wieder mit dem Betteln und lebte von Almosen. Nach zehn oder zwölf Tagen, die er auf solche Weise verbrachte, machten sich eines Tages ein Kleriker und einige andere Leute in dessen Nähe über ihn lustig, wie sie ihn beim Betteln sahen, und sagten ihm einige Grobheiten, wie das so üblich ist, wenn einer, der noch ganz gesund und kräftig ist, bettelt. Gerade in diesem Augenblick kam der Leiter des neuen Antezana-Spitals vorbei, der darüber offensichtlich ungehalten war; er rief ihn zu sich und brachte ihn in das Spital, wo er ihm eine Kammer und alles sonst Notwendige zur Verfügung stellte.

(57) In Alcalá studierte er ungefähr anderthalb Jahre. Nun war er in der Fastenzeit 1524 nach Barcelona gekommen, wo er zwei Jahre lang studiert hatte; so war es das Jahr 1526, als er nach Alcalá kam. Dort hörte er Vorlesungen über Logik nach Dominikus Soto, über Physik nach Albertus Magnus und über das Sentenzenwerk des Petrus Lombardus. Während seines Aufenthaltes in Alcalá beschäftigte er sich auch damit, die Geistlichen Übungen zu geben und Katechismusunterricht zu erteilen. Dabei erzielte er einige Frucht zur Ehre Gottes. Ziemlich viele Leute verkehrten mit ihm, die zu einer großen Kenntnis und Freude am geistlichen Leben gelangten. Andere wiederum hatten mit verschiedenen Versuchungen zu tun. Da war zum Beispiel eine Frau, die sich mit der Bußgeißel kasteien wollte, dies aber nicht vermochte, wie wenn ihr die Hand festgehalten würde, und noch manche andere Fälle dieser Art, so daß in der Stadt viel Gerede entstand, besonders wegen des großen Zulaufs von Leuten zu seinem Katechismusunterricht, ganz gleichgültig, wo er diesen hielt. Ich darf auch jene Angstzustände nicht vergessen, die er selber einmal in einer Nacht durchzumachen hatte.

Bald nach seiner Ankunft in Alcalá wurde er mit Don Diego de Eguía bekannt, der im Hause seines Bruders lebte, welcher eine Druckerei in Alcalá und ein gutes Auskommen hatte. Beide unterstützten ihn nun mit Almosen, die er an Arme weiterverteilte, und jener nahm auch die drei Gefährten des Pilgers in seinem Hause auf. Wie er einmal um ein Almosen für einige dringende Fälle bat, sagte ihm Don Diego, er habe augenblicklich kein Geld. Doch schloß er eine Truhe auf, in der er verschiedene Sachen verwahrt hielt, und er gab ihm Bettwäsche in verschiedenen Farben, einige Leuchter und andere derartige Gegenstände. Dies alles schlug der Pilger in ein Bettlaken ein, lud sich den Packen auf die Schultern und ging fort, um den Armen Hilfe zu bringen.

(58) Wie schon vorhin erwähnt, gab es in der ganzen Gegend dort ein großes Gerede wegen der Dinge, die sich in Alcalá abspielten; und der eine redete so und der andere wieder anders. Die Angelegenheit drang, bis zu den Inquisitoren in Toledo. Diese reisten nun nach Alcalá. Von dem Manne, der sie in seinem Hause aufgenommen hatte, wurde der Pilger davon verständigt, und er sagte ihm auch, man nenne ihn und seine Gefährten Grauröcke und meines Wissens auch Alumbrados, und man wolle sie auf die Folter spannen. Sofort begannen die Inquisitoren mit Nachforschungen und der Untersuchung ihres Lebenswandels. Schließlich kehrten sie nach Toledo zurück, ohne sie vor sich gerufen zu haben, obgleich sie gerade aus diesem einen Grund gekommen waren. Vielmehr überließen sie die Fortführung des Prozesses dem Generalvikar Figueroa, welcher derzeit zum Gefolge des Kaisers gehört. Dieser nun ließ sie einige Tage danach rufen und erklärte ihnen, daß von seiten der Inquisitoren Nachforschungen und eine Untersuchung ihres Lebenswandels stattgefunden hätten, daß man dabei jedoch keinerlei Irrtum in ihrer Lehre und nichts Falsches in ihrer Lebensweise entdeckt habe und daß sie daher ohne irgendwelche Behinderung ruhig wie bisher sich verhalten könnten. Da sie jedoch keine Ordensleute seien, halte er es nicht für geraten, daß sie alle im gleichen Habit herumgingen. Vielmehr sei es besser - und dies gab er ihnen als förmlichen Befehl -, daß zwei von ihnen - und dabei wies er auf den Pilger und auf Artiaga - ihre Kleider schwarz, zwei andere, nämlich Calisto und Cáceres, sie rotbraun umfärben sollten, während Juanico, ein junger Franzose, bleiben könne, wie er sei.

(59) Der Pilger erklärte, sie würden ausführen, was man ihnen befohlen hatte. "Aber ich begreife nicht", fügte er bei, "was für einen Nutzen derartige Untersuchungen bringen. So wollte ein Priester gestern irgendeinem Manne das heiligste Sakrament nicht reichen, weil er alle acht Tage zur Kommunion gehe. Und auch mir selbst macht man Schwierigkeiten. Wir möchten nun gern klar wissen, ob man bei uns irgendeine Irrlehre entdeckt hat." "Nein", antwortete Figueroa; "denn wenn man eine fände, würde man euch verbrennen." - "Auch Euch selbst würde man verbrennen", erwiderte der Pilger, "wenn man eine Häresie bei Euch entdeckte." Sie ließen ihre Kleider umfärben, wie ihnen befohlen war. Fünfzehn oder zwanzig Tage später befahl dann Figueroa dem Pilger, er solle nicht mehr barfuß gehen, sondern Schuhe anziehen. Ohne weiteres, wie bei allen andern derartigen Befehlen, führte er auch diesen aus. Nicht vergessen, was Bustamente mir erzählte!

Nach vier Monaten griff derselbe Figueroa die Untersuchung über sie von neuem auf. Außer den üblichen bisherigen Gründen war dafür meines Wissens noch ein besonderer Fall der Anlaß: eine verheiratete Frau von Stand war nämlich dem Pilger besonders zugetan; um nicht gesehen zu werden, ging sie verschleiert, wie es in Alcalá de Henares Sitte ist, in der Dämmerung zum Spital. Beim Eintritt nahm sie den Schleier ab und ging dann zur Kammer des Pilgers. Aber auch dieses Mal unternahm man nichts gegen sie; nach Abschluß der Untersuchung wurden sie auch nicht vorgeladen, und keinerlei Beanstandung wurde ihnen mitgeteilt.

(60) Weitere vier Monate später, als er bereits in einem kleinen Hause außerhalb des Spitals wohnte, kam eines Tages ein Gerichtsbeamter an seine Türe, rief ihn heraus und sagte zu ihm: "Kommt einmal für kurze Zeit mit mir!" Er führte ihn in das Gefängnis und sagte: "Geht von hier nicht mehr weg, bis Euch etwas anderes befohlen wird!" Dies ereignete sich im Frühjahr. Indes war er nicht in strenger Haft, und daher kamen viele zu ihm auf Besuch, unter anderen auch Miona, sein Beichtvater. Und seine Beschäftigung war die gleiche wie zuvor, als er noch frei war, nämlich Christenlehre zu erteilen und die Geistlichen Übungen zu geben. Auf keinen Fall wollte er einen Rechtsbeistand oder Sachwalter nehmen, obgleich sich mehrere dafür anboten. Besonders erinnert er sich noch an Doña Teresa de Cárdenas, auf deren Veranlassung hin ein solcher ihn aufsuchte und die ihm oftmals ihre Hilfe anbot, ihn aus dem Gefängnis zu befreien. Aber er ging auf nichts Derartiges ein und sagte immer: "Der, um dessentwillen ich hierhergekommen bin, wird mich auch wieder befreien, wenn dies zu seinem Dienst gereicht."

(61) Siebzehn Tage nun blieb er im Gefängnis, ohne daß man ihn verhörte und ohne daß er einen Grund für die Inhaftierung erfuhr. Endlich, nach Ablauf dieser Zeit kam Figueroa in das Gefängnis und verhörte ihn über viele Punkte; er frug ihn sogar, ob er die Beobachtung des Sabbatgebotes eingeschärft habe, ferner ob ihm zwei bestimmte Frauen, Mutter und Tochter, bekannt seien. Darauf antwortete er mit Ja. Dann, ob er etwa vor ihrer Abreise davon gewußt habe, daß sie die Stadt verlassen wollten. Er antwortete mit Nein unter Berufung auf ein feierliches Versprechen, das er von den beiden erhalten habe. Darauf legte ihm der Generalvikar seine Hand auf die Schulter und sagte mit allen Anzeichen der Freude: "Das war eben der Grund, weswegen Ihr hierhergekommen seid." Unter der zahlreichen Gefolgschaft des Pilgers waren nämlich auch eine Mutter und ihre Tochter, beide verwitwet, und die Tochter war noch jung und sehr schön. Diese hatten sich ganz dem geistlichen Leben hingegeben, besonders die Tochter. Und so kam es, daß die beiden, aus vornehmem Hause stammend, zu Fuß und ohne Begleitung zur heiligen Veronika von Jaén eine Wallfahrt machten und vielleicht sogar noch unterwegs ihren Lebensunterhalt erbettelten. Dies rief nun ein großes Gerede in Alcalá hervor. Und der Doktor Ciruelo, der so etwas wie der Beschützer der beiden Damen war, glaubte, der Inhaftierte habe sie zu diesem Plane verführt, und deshalb ließ er ihn verhaften. Wie nun der Gefangene merkte, worauf der Generalvikar hinauswollte, sagte er: "Wünscht Ihr, daß ich etwas ausführlicher über diese Angelegenheit spreche?" Dieser anwortete mit Ja. Darauf der Gefangene: "Ihr sollt daher wissen, daß diese beiden Frauen mich oftmals damit belästigten, sie wollten durch die ganze Welt ziehen, um bald da und dort in den Spitälern den Armen zu Diensten zu sein. Ich habe sie immer von diesem Plan abzubringen versucht, weil die Tochter noch so jung und so auffallend hübsch sei, und so fort. Und ich sagte ihnen, wenn sie schon die Armen aufsuchen wollten, könnten sie dies auch in Alcalá tun und außerdem das allerheiligste Sakrament begleiten." Nach Abschluß dieser Unterredung ging Figueroa mit seinem Notar wieder fort, der alles mitgeschrieben hatte.

(62) Um diese Zeit hielt sich Calisto in Segovia auf. Als er von seiner Inhaftierung erfuhr, eilte er sofort zu ihm, obwohl er kaum von einer schweren Krankheit genesen war, und wollte bei ihm im Gefängnis bleiben. Jedoch sagte er ihm, es sei besser, zunächst sich beim Generalvikar zu melden. Dieser nahm ihn freundlich auf, sagte aber, er gebe den Befehl, daß er zurück ins Gefängnis gehe. Denn er müsse so lange dort bleiben, bis jene Frauen zurückkämen, um dann nachprüfen zu können, ob sie seine Aussage bestätigten. Calisto blieb nun einige Tage im Gefängnis. Aber da der Pilger merkte, daß dieser Aufenthalt seiner Gesundheit schlecht bekam, da er noch nicht ganz wiederhergestellt war, veranlaßte er mit Hilfe eines Arztes, der ein guter Freund von ihm war, daß er aus dem Gefängnis herauskam.

Von dem Tage an, da der Pilger das Gefängnis betrat, bis zu dem Tag, da man ihn freiließ, vergingen zweiundzwanzig Tage. Am letzten Tag - die beiden frommen Frauen waren schon zuvor zurückgekommen - kam der Notar in das Gefängnis, um das Urteil zu verlesen: er sei frei, sie sollten sich kleiden wie die übrigen Studenten und vier Jahre lang nicht über Glaubensfragen reden, bis sie mehr studiert hätten; denn bis jetzt wüßten sie in der Wissenschaft noch keinen Bescheid. In der Tat: der Pilger wußte von ihnen noch am meisten, aber selbst dies war nur sehr oberflächlich. Und dies betonte er auch immer zuallererst, wenn man ihn verhörte.

(63) Nach diesem Urteilsspruch war er ein wenig im unklaren, was er nun tun solle. Denn es schien ihm, man habe ihm damit das Tor verschlossen, um weiterhin den Menschen helfen zu können, ohne ihm jedoch eine nähere Begründung dafür zu geben als bloß, daß er nicht genügend studiert habe. Schließlich entschloß er sich dazu, zum Erzbischof von Toledo, Fonseca, zu gehen und den Fall in seine Hand zu legen.

Er verließ Alcalá und traf den Erzbischof in Valladolid. Alles, was geschehen war, erzählte er ihm ganz genau und erklärte ihm: auch wenn er nicht mehr unter seiner Jurisdiktion stände und nicht verpflichtet sei, sich hier nach seinem Urteilsspruch zu richten, so werde er doch diesbezüglich alles tun, was er anordnen sollte. Dabei sprach er den Erzbischof mit 'Ihr' an wie alle andern Leute. Der Erzbischof empfing ihn sehr freundlich, und wie er erfuhr, daß er nach Salamanca zu gehen vorhabe, sagte er, er habe auch in Salamanca Freunde und ein eigenes Kolleg und er stelle ihm alles zur Verfügung. Und sofort beim Weggang ließ er ihm vier Dukaten geben.


SIEBTES KAPITEL

In Fesseln

(64) Als er nach seiner Ankunft in Salamanca in einer Kirche betete, erkannte ihn eine fromme Frau, die der 'Compañía' ergeben war; denn die anderen vier Gefährten weilten bereits seit mehreren Tagen in der Stadt. Sie fragte ihn nach seinem Namen und führte ihn dann zur Unterkunft der Gefährten. Als man in Alcalá den Befehl gab, sie sollten sich wie die übrigen Studenten kleiden, antwortete der Pilger: "Als Ihr uns befohlen habt, die Kleider umzufärben, haben wir es getan. Aber jetzt können wir den neuen Befehl nicht durchführen, da wir kein Geld haben, um uns neue Kleider zu kaufen." Daher hatte sie der Generalvikar selbst mit Kleidern, Mützen und mit allem anderen, was sonst noch Studenten brauchen, ausgestattet. Derart neu eingekleidet, waren sie von Alcalá aufgebrochen. Er beichtete in Salamanca bei einem Dominikanermönch in der Kirche des heiligen Stephan. Ungefähr zehn oder zwölf Tage nach seiner Ankunft sagte der Beichtvater einmal zu ihm: "Die Patres des Klosters möchten gern mit Eudi sprechen." Er antwortete. "Also in Gottes Namen!" "Es wird das beste sein", sagte der Beichtvater, "daß Ihr zum Abendessen am Sonntag zu uns kommt; aber darauf will ich Euch aufmerksam machen, daß nämlich die Patres vielerlei Dinge von Euch zu wissen verlangen." Am Sonntag ging er nun mit Calisto hin. Nach dem Essen führte der Subprior, da der Prior gerade abwesend war, zusammen mit dem Beichtvater und, soweit ich weiß, mit noch einem anderen Mönch die beiden in eine Kapelle. Dort fing der Subprior mit großer Herzlichkeit davon zu sprechen an, welch gute Berichte sie über ihre Art der Lebensführung erhalten hätten, da sie wie Apostel predigend umherzögen; und sie würden sehr gerne darüber noch genauere Einzelheiten hören. Und so legte er ihnen zu Beginn die Frage vor, was sie denn eigentlich studiert hätten. Der Pilger antwortete: "Der, der von uns allen am meisten studiert hat, bin ich." Und er erzählte ihm ganz offen, wie wenig er wirklich studiert habe und wie oberflächlich sein Studium gewesen sei.

(65) "Nun denn, was ist dann eigentlich der Inhalt eurer Predigten?" - "Wir predigen gar nicht", gab der Pilger zur Antwort, "sondern wir sprechen bloß mit dem oder jenem in engem Kreis über religiöse Dinge, so zum Beispiel nach Tisch mit Leuten, die uns einladen." Darauf der Mönch: "Über was für religiöse Dinge redet ihr dann? Das ist es gerade, was wir wissen möchten." - "Wir sprechen einmal über diese Tugend", antwortete der Pilger, "dann wieder über eine andere, und zwar mit lobenden Worten; dann einmal über dieses und ein andermal über jenes Laster, wobei wir es verurteilen." - "Ihr seid nicht wissenschaftlich gebildet", meinte der Mönch, "und da redet ihr über Tugend und Laster? Aber darüber vermag man nur unter einer der folgenden zwei Voraussetzungen zu sprechen: entweder ist man gebildet oder vom Heiligen Geist geführt. Nun seid ihr aber nicht vorgebildet; also sprecht ihr in der Kraft des Heiligen Geistes. Und gerade über diesen Punkt der Führung durch den Heiligen Geist wollen wir noch etwas mehr hören." Da wurde der Pilger ein wenig stutzig, da ihm eine solche Art der Beweisführung nicht recht erschien. Und nach einem Augenblick des Schweigens sagte er, es sei unnötig noch mehr über derartige Fragen zu sprechen. Aber, der Mönch drängte weiter: "Und gerade in der heutigen Zeit, wo es so viele Irrlehren eines Erasmus und soundsoviel andere gibt, die die Welt verführt haben, wollt ihr keine näheren Erläuterungen über eure Reden geben?"

(66) Der Pilger antwortete: "Pater, über meine bisherigen Ausführungen hinaus werde ich kein weiteres Wort mehr sagen, es sei denn vor der rechtmäßigen Obrigkeit, die mich zu einer weiteren Aussage verpflichten kann." Zuvor schon hatte man ihn gefragt, warum denn Calisto in einem so auffälligen Kleid gekommen sei. Er trug nämlich einen kurzen Rock, dazu hatte er auf dem Kopf einen riesigen Hut, in der Hand einen Stock und trug ungefähr halbhohe Schaftstiefel. Da er auffallend groß war, bot er so einen noch komischeren Anblick. Der Pilger erzählte darauf, daß sie in Alcalá gefangengesetzt wurden und daß man ihnen eine Kleidung nach Art der Studenten vorgeschrieben habe; sein Gefährte habe aber wegen der großen Hitze seinen Studententalar einem armen Geistlichen geschenkt. Worauf der Mönch mit allen Zeichen des Mißfallens zwischen den Zähnen murmelte: "Die rechte Nächstenliebe fängt bei sich selbst an."

Um wieder zu unserem Bericht zurückzukehren: Da nun der Subprior kein weiteres Wort mehr aus dem Pilger herausbringen konnte, sagte er: "So bleibt ihr denn vorläufig hier, während wir schon das Notwendige veranlassen werden, damit ihr über alles Auskunft gebt." Darauf gingen die Mönche in ziemlicher Hast fort. Zunächst noch fragte der Pilger, ob man wünsche, daß sie in jener Kapelle bleiben sollten, oder wo man sonst wolle, daß sie sich aufhielten. Darauf antwortete der Subprior, sie sollten nur in der Kapelle bleiben. Dann schlossen die Mönche alle Türen ab und setzten sich allem Anschein nach mit dem kirchlichen Gericht in Verbindung. Indessen mußten die beiden drei Tage lang im Kloster bleiben, ohne daß ihnen irgend etwas über ein Gerichtsverfahren zu Ohren kam. Bei den Mahlzeiten waren sie mit den Mönchen zusammen im Refektorium. Und sonst war fast ständig ihre Zelle voll von Mönchen, die sie besuchten. Der Pilger sprach mit ihnen immer über seine gewohnten Themen. Und so entstand unter den Mönchen bald eine gewisse Uneinigkeit, da mehrere ihm ihre Zuneigung zu erkennen gaben.

(67) Nach Ablauf der drei Tage kam ein Notar und ließ sie ins Gefängnis überführen. Aber man steckte sie nicht mit den Verbrechern zusammen in eines der Verliese, sondern man wies ihnen im Obergeschoß einen Raum an, der allerdings vor Schmutz starrte, da er nie benützt wurde und der Bau uralt war. Man schloß sie beide, jeden an einem Bein, an ein und dieselbe Kette an. An einem Pfosten in der Mitte des Raumes war die Kette festgemacht, sie dürfte wohl zehn bis dreizehn Spannen lang gewesen sein. So mußte denn jedesmal, wenn einer von ihnen irgend etwas tun wollte, der andere ihn begleiten. jene ganze erste Nacht blieben sie wach. Als nun am folgenden Tag ihre Inhaftierung in der Stadt bekannt wurde, schickte man ihnen Betten und alles andere Lebensnotwendige in reichem Maße ins Gefängnis. Ständig kamen viele Leute, um sie zu besuchen, und der Pilger setzte seine gewohnte Tätigkeit fort, indem er über Gott und andere religiöse Fragen sprach.

Der Bakkalaureus Frias suchte sie auf, um jeden einzeln für sich zu verhören. Der Pilger gab ihm alle seine Notizen, das heißt die Geistlichen Übungen, damit man sie überprüfe. Auf die Frage, ob sie noch Gefährten hätten, antwortete er mit ja und gab an, wo jene sich aufhielten. Auf Befehl des Bakkalaureus ging man auch sofort an den bezeichneten Ort und führte Cáceres und Artiaga ins Gefängnis. Juanico aber, der später Mönch wurde, ließ man zurück. Indes brachte man sie nicht zu den beiden in das obere Stockwerk, sondern in das Verlies, wo die gewöhnlichen Häftlinge waren. Aber auch jetzt wollte er ebensowenig wie früher einen Rechtsbeistand oder Sachwalter nehmen.

(68) Nach einigen Tagen wurde er vor vier Richter geladen; es waren dies die drei Doktoren Sanctisidoro, Paravinhas und Frias, wozu als vierter der Bakkalaureus Frias kam. Alle hatten bereits die Geistlichen Übungen eingesehen. Sie stellten nun an ihn vielerlei Fragen, nicht bloß über die Geistlichen Übungen, sondern auch aus der Theologie, zum Beispiel über die Trinitäts- und Sakramentenlehre und wie er diese Lehrstücke verstehe. Zunächst gab er seine übliche Vorerklärung ab. Aber er mußte auf Befehl der Richter ausführlicher antworten, und er tat dies so, daß sie keinen Anlaß zu einer Beanstandung fanden. Der Bakkalaureus, der bei all dem sich immer diensteifriger als die andern gezeigt hatte, stellte schließlich noch eine Frage aus dem Kirchenrecht. Und auf all dies war er gezwungen eine Antwort zu geben. Dabei beteuerte er jeweils zuerst, er wisse nicht, was die Fachgelehrten zu jenen Punkten meinten. Schließlich hieß man ihn, das erste Gebot zu erklären, so wie er es gewöhnlich mache. Er fing nun damit an und hielt sich so lange dabei auf und sagte so vielerlei über das erste Gebot, daß man keine Lust mehr hatte, ihn noch mehr zu fragen. Zuvor noch verbohrten sich die Richter, als man über die Geistlichen Übungen sprach, auf einen einzigen Punkt, der dort ganz zu Beginn steht: nämlich wann ein Gedanke nur läßliche Sünde und wann er eine Todsünde sei. Der Grund dafür war, weil er, ohne theologisch vorgebildet zu sein, darüber eine bestimmte Entscheidung traf. Er verteidigte sich: "Ihr habt hier zu entscheiden, ob meine Ansicht richtig ist oder nicht, und wenn sie falsch ist, dann verurteilt sie doch!" Zum guten Schluß gingen sie auseinander, ohne irgend etwas als falsch zu verurteilen.

(69) Unter vielen anderen, die ins Gefängnis kamen, um mit ihm zu sprechen, kam einmal auch Don Francisco de Mendoza, der heute Kardinal von Burgos ist; ihn begleitete der Bakkalaureus Frias. Als jener ihn vertraulich fragte, wie es ihm im Gefängnis gehe und ob er über seine Inhaftierung sehr bedrückt sei, gab er ihm zur Antwort: "Ich will eben mit den Worten antworten, die ich gerade heute einer Dame sagte, die mir ihre Teilnahme darüber ausdrückte, daß ich ein Gefangener sei. Ich sagte zu ihr: 'Damit beweist Ihr nur, daß Ihr selbst kein Verlangen danach habt, von Liebe zu Gott ganz gefangen zu sein. Dünkt Euch denn das Gefängnis das größte Unglück zu sein? Indes sage ich Euch: Es gibt in Salamanca nicht so viele Handschellen und Fußfesseln, als daß ich nicht noch mehr aus Liebe zu Gott an mir zu tragen verlangte.'"

In dieser Zeit ereignete es sich, daß alle Insassen des Gefängnisses ausbrachen, und bloß die zwei Gefährten, die zusammen mit jenen inhaftiert waren, ergriffen nicht die Flucht. Als man sie am Morgen bei offenen Gefängnistüren und ganz allein ohne jede Bewachung antraf, waren alle davon sehr erbaut, und dies wurde zum Tagesgespräch in der Stadt. Daraufhin wies man ihnen ein ganz großes Haus, das in der Nähe lag, als Gefängnis an.

(70) Nach zweiundzwanzig Tagen, die sie so inhaftiert waren, lud man sie vor, um das Urteil zu hören. Dies lautete dahingehend, daß sich keinerlei Irrtum in ihrer Lebensweise oder in ihrer Lehre finde, daß sie also wie bisher weiterarbeiten, das heißt Christenlehre erteilen und über religiöse Dinge sprechen könnten, mit der einen Einschränkung jedoch, daß sie erst nach Ablauf von vier Jahren, in denen sie weiterstudiert hätten, entscheiden dürften: dies oder jenes ist eine Todsünde oder eine läßliche Sünde. Nach Verlesung des Urteils zeigten die Richter eine auffallende Freundlichkeit, wie wenn sie damit seine Annahme erreichen wollten. Der Pilger erklärte, er werde alles ausführen, was das Urteil ihm befehle, aber er werde es nicht annehmen. Denn ohne daß auch nur die geringste Kleinigkeit wirklich verurteilt worden sei, verschließe man ihm den Mund, damit er nicht mehr seinen Mitmenschen zu Hilfe komme, soweit er dies vermöge. Sosehr nun auch Doktor Frias, der sich ihm sehr wohlgesinnt erwies, in ihn drang, sagte der Pilger nur das eine: daß er die ihm gegebenen Vorschriften ausführen werde, solange er sich noch im Gerichtsbezirk von Salamanca aufhalte. Dann wurden sie sofort aus dem Gefängnis freigelassen. Er dachte nun darüber nach, was er tun solle, und empfahl die Angelegenheit Gott im Gebet. Große Bedenken empfand er gegen einen weiteren Aufenthalt in Salamanca. Denn mit diesem Verbot, näher zu bestimmen, was Todsünde und was läßliche Sünde sei, schien ihm jedes Tor verschlossen, den Seelen noch wirklich nutzbringend helfen zu können.

(71) Daher beschloß er, zum Weiterstudium nach Paris zu gehen.

Als der Pilger in Barcelona sich beraten hatte, ob und wie lange er noch weiterstudieren solle, war sein Hauptproblem, ob er nach Abschluß der Studien in einen Orden eintreten oder allein von Ort zu Ort ziehen solle. Als ihn zum erstenmal die Idee, in einen Orden einzutreten, überkam, spürte er zugleich in sich das Verlangen, einen heruntergekommenen und kaum reformierten Orden zu wählen. Denn der Eintritt in einen Orden sollte für ihn den Sinn haben, mehr Gelegenheit zu finden, Leiden zu ertragen. Auch dachte er daran, daß Gott vielleicht dadurch den übrigen Ordensmitgliedern eine Hilfe anbieten wolle. Und Gott schenkte ihm eine große Zuversicht, daß er alle Anfeindungen und Kränkungen, die man ihm zufügen würde, sehr wohl aushalten könne.

Indes verließ ihn während seiner Haftzeit in Salamanca das gleich starke Verlangen nicht, er habe den Seelen zu helfen, und zu diesem Zweck müsse er zuerst noch weiterstudieren und für den gleichen Plan noch einige Gefährten gewinnen, dabei aber seine bisherigen Genossen festzuhalten suchen. So verabredete er sich mit diesen, nachdem er einmal sich zur Reise nach Paris entschlossen hatte, daß sie hier auf ihn warten sollten, während er allein zur näheren Erkundung dorthin gehen wollte, ob sich dort eine Möglichkeit fände, gemeinsam die Studien fortsetzen zu können.

(72) Zahlreiche Persönlichkeiten von Rang bestürmten ihn gar sehr, er solle doch nicht fortgehen, jedoch konnten sie bei ihm nichts ausrichten. Vielmehr reiste er fünfzehn oder zwanzig Tage nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ohne Begleitung ab und nahm nur einige Bücher mit, die auf einen Esel gepackt waren. Bei seiner Ankunft in Barcelona rieten ihm alle seine Bekannten von der Fortsetzung der Reise nach Frankreich ab wegen der gefährlichen Kriegswirren, die es eben gab. Man berichtete ihm erschreckende Beispiele bis in alle Einzelheiten und erzählte ihm sogar, daß man Spanier auf dem Rost gebraten habe. Aber auch nicht für einen Augenblick hatte er deswegen irgendwelche Angst.


ACHTES KAPITEL

Auf der Hohen Schule zu Paris

(73) So trat er die Reise nach Paris allein und zu Fuß an. Ungefähr im Monat Februar kam er in Paris an. Seinem Bericht nach muß es das Jahr 1528 oder 1527 gewesen sein. Als er nämlich in Alcalá im Gefängnis saß, wurde der spanische Erbprinz geboren; von diesem Zeitpunkt aus lassen sich alle weiteren Begebenheiten, auch die in der Vergangenheit, berechnen. Er kam in einem Haus bei einigen anderen Spaniern unter und ging zum Montaigu-Kolleg, um weiter klassische Sprachen zu studieren. Der Grund war folgender: da man ihn in seinem Studiengang so rasch hatte aufrücken lassen zu den höheren Kursen, entdeckte er nun ziemliche Lücken in den Anfangskenntnissen, und so saß er mit Kindern zusammen im Klassenzimmer, um den ganzen Studiengang entsprechend der Pariser Ordnung zu durchlaufen.

Auf Grund eines in Barcelona ausgestellten Wechsels gab ihm ein Kaufmann sofort nach seiner Ankunft in Paris 25 Dukaten, und diese händigte er zur Verwahrung einem seiner spanischen Landsleute in jener Herberge aus, der sie allerdings in kurzer Zeit durchbrachte und nichts mehr besaß, um sie ihm zurückzuzahlen. Somit hatte der Pilger am Ende der Fastenzeit gar nichts mehr von jenen Dukaten, teils weil er selber Ausgaben zu bestreiten hatte, teils aus dem erwähnten Grund. Daher war er gezwungen, betteln zu gehen und sogar aus dem Haus, in dem er wohnte, auszuziehen.

(74) Man nahm ihn im Sankt-Jakobs-Spital auf, das noch weiter als die Kirche der Unschuldigen Kinder abliegt. Für das Studium hatte dies einen großen Nachteil, denn das Spital war vom Montaigu-Kolleg ein gutes Stück entfernt, und man mußte, um das Tor noch offen zu finden, mit dem Abendläuten zurückkommen und konnte erst nach Tagesanbruch fortgehen. Daher vermochte er den Vorlesungen nicht gut zu folgen. Eine weitere Schwierigkeit war gleichfalls, daß er sich Almosen erbetteln mußte zu seinem Lebensunterhalt. Da er nun schon seit ungefähr fünf Jahren keine Magenschmerzen mehr fühlte, fing er wieder damit an, schwerere Bußwerke auf sich zu nehmen und länger zu fasten. Eine Zeitlang brachte er nun auf diese Weise im Spital zu und erbettelte Almosen. Aber er merkte, daß er so nur wenig in seinem Studium vorankäme, und er überlegte lange, was zu tun sei. Da er wußte, daß einige Studenten in verschiedenen Kollegien als Diener der Regenten wohnten und doch noch Zeit zum Studium hatten, beschloß auch er, sich einen Herrn zu suchen.

(75) Wie er nun dies bei sich überlegte und den Plan faßte, war er nicht wenig getröstet durch die Vorstellung, daß sein Lehrer und Meister dann eigentlich Christus wäre und daß er einem der Studenten den Namen des heiligen Petrus, einem zweiten den des heiligen Johannes, und so fort durch die ganze Reihe der Apostelnamen, geben wollte. Und wenn mein Herr mir etwas befiehlt, will ich daran denken, daß eigentlich Christus mir den Befehl gibt; und wenn ein anderer etwas von mir verlangt, will ich mir vorstellen, daß es der heilige Petrus ist. Vielerlei Mühe wandte er auf, um einen Herrn zu finden. Er sprach deswegen mit dem Bakkalaureus Castro und mit einem Mönch aus der Kartause, der ziemlich viele Professoren kannte, und noch mit andern. Aber nie gelang es, für ihn einen Herrn zu finden.

(76) Da sich so keine Abhilfe finden ließ, sagte ihm schließlich eines Tages ein spanischer Mönch, es sei besser, jedes Jahr nach Flandern zu gehen und zwei Monate oder sogar noch weniger Zeit dafür zu verwenden, um die notwendigen Mittel zum Studium für das ganze Jahr zusammenzubringen. Dieser Vorschlag dünkte ihm gut, nachdem er die Sache Gott empfohlen hatte So befolgte er nun diesen Rat und brachte jedes Jahr so viel von Flandern mit, daß er einigermaßen leben konnte. Einmal ging er sogar nach England und brachte mehr Almosen als in den anderen Jahren mit zurück.

(77) Nachdem er zum erstenmal von Flandern zurückgekommen war, begann er, intensiver als früher sich mit religiösen Gesprächen abzugeben. Fast gleichzeitig gab er die Geistlichen Übungen drei Männern, nämlich Peralta, dem Bakkalaureus Castro, der im Kolleg der Sorbonne wohnte, und einem Basken aus der Provinz Vizcaya im Barbarakolleg namens Amador. Diese drei führten nun eine aufsehenerregende Änderung ihrer Lebensweise durch: sie verschenkten all ihre Habe an arme Leute, sogar die Bücher, und fingen an, sich Almosen in Paris zu erbetteln, und suchten ein Unterkommen im Sankt-Jakobs-Spital, wo zuvor der Pilger gewohnt hatte und von wo er wegen der schon erwähnten Gründe ausgezogen war. Das erregte einen großen Sturm an der ganzen Universität, da die beiden ersten hervorragende und bekannte Persönlichkeiten waren. Ihre spanischen Landsleute nahmen auch sofort den Kampf mit den beiden Professoren auf; aber man konnte sie mit noch so vielen Gründen und Überredungskünsten nicht dazu bringen, zur Universität zurückzukehren. So rückte eines Tages eine ganze Schar bewaffnet aus und holte sie mit Gewalt aus dem Spital.

(78) Man brachte sie zur Universität, und dort schloß man folgendes Übereinkommen: erst wenn sie ihre Studien abgeschlossen hätten, würden sie ihre Lebenspläne weiterverfolgen. Der Bakkalaureus Castro ging später nach Spanien, predigte eine Zeitlang in Burgos und wurde dann Mönch in der Kartause von Valencia. Peralta machte sich zu Fuß als Bettler auf den Weg nach Jerusalem; als solcher wurde er in Italien von einem Hauptmann angetroffen, der mit ihm noch verwandt war. Dieser fand Mittel und Wege, um ihn zum Papst zu führen, bei dem er erreichte, daß dieser ihm den Befehl zur Rückkehr nach Spanien gab. Diese Begebenheiten ereigneten sich nicht sofort anschließend, sondern erst einige Jahre später.

In Paris und besonders unter den Spaniern entstand ein großes Gerede gegen den Pilger. Unser Rektor de Gouvea, der ihm vorwarf, er habe aus Amador einen Narren gemacht - dieser wohnte nämlich in seinem Kolleg -, sagte mit aller Entschiedenheit: das erstemal, wenn er in das Sankt-Barbara-Kolleg kommen sollte, werde er ihn öffentlich als Verführer von Studenten auspeitschen lassen.

(79) Jener Spanier, mit dem er zu Anfang zusammengewohnt und der ihm sein Geld durchgebracht hatte, ohne es zurückzuzahlen, trat damals die Rückreise nach Spanien über Rouen an. Wie er in Rouen auf eine Gelegenheit zur Weiterreise wartete, wurde er krank. Durch einen Brief von ihm erfuhr der Pilger von seiner Erkrankung, und es überkam ihn das Verlangen, sich aufzumachen, um ihn zu besuchen und ihm zu helfen. Zugleich dachte er, ihn angesichts seiner Lage dafür gewinnen zu können, daß er die Welt aufgebe und sich ganz dem Dienste Gottes zuwende.

Und um dieses Ziel erreichen zu können, überkam ihn das Verlangen, jene achtundzwanzig Meilen, die es von Paris nach Rouen sind, zu Fuß, ohne Schuhe und ohne Speise und Trank zurückzulegen. Wie er diesen Plan im Gebet überdachte, fühlte er eine große Verzagtheit in sich. Schließlich ging er in die Kirche des heiligen Dominikus, und dort entschloß er sich, den Weg in der erwähnten Art zurückzulegen, da jene große Angst, die er in sich gespürt hatte, er könne damit Gott versuchen, schon vorübergegangen war.

Am Morgen des folgenden Tages, an dem er aufbrechen sollte, stand er in aller Frühe auf, und wie er sich anzukleiden begann, überkam ihn wieder jene große Angst, so daß er kaum die Kleider anziehen zu können glaubte. Trotz dieses inneren Widerstrebens verließ er das Haus, und noch vor Tagesanbruch hatte er die Stadt hinter sich. Indes hielt die Angst an und saß in ihm fest bis Argenteuil; das ist eine Ortschaft, drei Meilen von Paris entfernt, auf dem Weg nach Rouen, wo der Rock Unseres Herrn aufbewahrt sein soll. Als er nun den Ort, mit jener inneren Last beladen, durchschritten hatte und eine Anhöhe erstieg, löste sich allmählich jene Angst, und es überkam ihn große Tröstung und innere Kraft, verbunden mit solcher Freude, daß er laut über die Felder hin jubelte und mit Gott sprach, und so fort. Jene Nacht kam er dann zusammen mit einem armen Bettler in einem Spital unter, narchdem er an diesem Tag vierzehn Meilen zurückgelegt hatte. Am zweiten Tag kroch er in einem Strohschober unter, und am dritten Tag kam er nach Rouen. Die ganze Zeit blieb er, wie er sich vorgenommen hatte, ohne Speise und Trank und barfuß. In Rouen tröstete er den Kranken und war behilflich, ihn auf ein Schiff zu bringen, damit er so nach Spanien zurückkehren könne. Und er gab ihm Empfehlungsbriefe mit, die er an seine Gefährten, die in Salamanca zurückgeblieben waren, adressierte, das heißt an Calisto, Cáceres und Artiaga.

(80) Um nicht ausführlicher über diese Gefährten zu berichten: ihr weiteres Leben nahm folgenden Verlauf:

In der Zeit, da der Pilger in Paris weilte, schrieb er ihnen öfters, wie sie miteinander ausgemacht hatten, daß es kaum eine Möglichkeit gebe, sie zum Weiterstudium nach Paris kommen zu lassen. Indes unternahm er es, an Doña Leonor de Mascarenhas zu schreiben, sie möge Calisto mit Empfehlungsbriefen für den Hof des portuglesischen Königs behilflich sein, damit er so einen der Freiplätze erhalten könne, die der König von Portugal in Paris zu vergeben hatte. Doña Leonor gab daraufhin Calisto den gewünschten Empfehlungsbrief, ein Maultier zum Reiten und Geld für die Ausgaben der Reise. Calisto ging dann an den Hof des portugiesischen Königs, aber er kam nicht nach Paris. Vielmehr kehrte er nach Spanien zurück, fuhr dann nach Lateinamerika in Begleitung einer gewissen frommen Dame. Nach Spanien zurückgekehrt, machte er sich später ein zweites Mal nach Lateinamerika auf und kam dann nach Spanien als reicher Mann zurück und versetzte in Salamanca alle seine früheren Bekannten in großes Erstaunen.

Cáceres kehrte in seine Heimat Segovia zurück und fing dort ein solches Leben an, daß man meinen konnte, er habe seine früheren Vorsätze vollständig vergessen.

Artiaga wurde zum Comendador ernannt. Später, als die Gesellschaft schon in Rom bestand, gab man ihm ein Bistum in Amerika. Er schrieb dem Pilger, er wolle es einem aus der Gesellschaft übertragen. Auf dessen abschlägige Antwort hin reiste er nach Empfang der Bischofsweihe nach Lateinamerika, und dort starb er durch einen seltsamen Zufall: Während einer Krankheit standen nämlich bei seinem Bett zur Erfrischung zwei Wasserflaschen; in der einen war Wasser, wie es der Arzt verordnet hatte, in der andern aber Gift, das man Türkenwasser nennt. Aus Versehen gab man ihm von der zweiten Flasche, deren Inhalt ihn tötete.

(81) Der Pilger kehrte von Rouen nach Paris zurück. Dort erfuhr er, daß wegen der Geschichten, die Castro und Peralta angestellt hatten, viel gegen ihn geredet wurde und daß der Inquisitor ihn hatte vorladen lassen. Er wollte aber nicht auf eine weitere Vorladung warten, sondern ging sofort zum Inquisitor und sagte zu ihm, er habe erfahren, daß man ihn suche, und er sei zu allem bereit, was man von ihm verlange. Der Name dieses Inquisitors war Magister Noster Ory, ein Mönch aus dem Dominikanerorden. Er ersuchte ihn, die Angelegenheit rasch zu erledigen. Denn er habe die Absicht, am folgenden Remigiustag den philosophischen Kurs zu beginnen, und er wünsche, daß diese Affäre zuvor erledigt werde, um sich dann ungestörter seinen Studien widmen zu können. Doch ließ ihn der Inquisitor nicht mehr vorladen. Er sagte ihm bloß, es entspreche den Tatsachen, daß man ihm über sein Tun berichtet habe, und dergleichen mehr.

(82) Kurz darauf war der Tag des heiligen Remigius, das heißt der 1. Oktober. Er trat in ein Kolleg ein, um den philosophisdien Kurs eines Magisters namens Johannes Peña zu hören. Dabei hatte er die Absicht, jene Gefährten, die entschlossen waren, dem Herrn zu dienen, weiterhin darin zu bestärken. jedoch wollte er keine weiteren Schritte unternehmen, um neue Gefährten zu gewinnen, damit er um so mehr Ruhe für das Studium hätte.

Wie er nun mit dem Besuch der Vorlesungen begann, überkamen ihn wiederum die gleichen Versuchungen, wie sie ihm gekommen waren, als er in Barcelona die Grammatikklasse besuchte. Jedesmal wenn er eine Vorlesung hörte, vermochte er nicht recht aufmerksam zu sein wegen der vielen geistlichen Erleuchtungen, die sich ihm aufdrängten. Da er bemerkte, daß er so nur wenig, mit seinem Studium vorankäme, ging er zu seinem Magister und legte vor ihm das Versprechen ab, er wolle es auf keinen Fall daran fehlen lassen, den ganzen Kurs zu hören, wofern er nur Brot und Wasser zu seinem Lebensunterhalt auftreiben könne. Kaum hatte er dieses Gelöbnis abgelegt, da verschwanden auch alle jene frommen Geschichten, die ihm zu so ungelegener Zeit gekommen waren, und es ging mit seinen Studien ganz gut voran. In dieser Zeit verkehrte er mit Magister Peter Favre und mit Magister Franz Xavier, die er später beide für den Dienst Gottes durch die Geistlichen Übungen gewann.

Während dieser Zeit, da er den philosophischen Kurs hörte, belästigte man ihn nicht mehr, wie es früher der Fall gewesen war. Und im Hinblick darauf meinte einmal der Doktor Frago, er wundere sich, wie jetzt alles so ruhig bleibe, ohne daß irgendwer ihm Schwierigkeiten mache. Darauf antwortete er: "Der Grund hierfür liegt darin, daß ich mit niemand über religiöse Dinge spreche. Aber nach Abschluß des Kurses werden wir wieder die gewohnte Tätigkeit aufnehmen."

(83) Wie die beiden noch im Gespräch beieinanderstanden, kam ein Mönch und bat den Doktor Frago, er möchte so gut sein und ihm eine Unterkunft besorgen; denn dort, wo er bisher wohnte, sei eine Reihe von Todesfällen vorgekommen, und er vermute die Pest als Todesursache. Denn gerade damals begann die Pest in Paris. Doktor Frago und der Pilger wollten das Haus besichtigen, und sie nahmen eine in der Heilkunde bewanderte Frau als Begleiterin mit. Diese bestätigte, kaum daß sie das Haus betreten hatte, daß es die Pest sei. Auch der Pilger wollte in das Haus selbst hineingehen. Wie er da auf einen Kranken traf, sprach er ihm Trost zu und berührte mit seiner Hand die Pestbeulen. Nachdem er ihn so getröstet und ein wenig aufgemuntert hatte, ging er allein weg. Da spürte er Schmerzen an seiner Hand, so daß er glaubte, von der Pest angesteckt zu sein. Diese Einbildung war so stark, daß er ihrer nicht Herr werden konnte. Schließlich steckte er mit aller Heftigkeit die Hand in seinen Mund, bewegte sie dort mehrmals hin und her, und dabei sagte er zu sich: wenn du wirklich die Pest an der Hand hast, sollst du sie auch im Mund haben. Und kaum hatte er dies getan, verschwanden auch die Einbildungen und gleichzeitig der Schmerz in der Hand.

(84) Als er aber zum Sankt-Barbara-Kolleg zurückkam, wo er damals wohnte und die Vorlesungen hörte, wichen seine Mitstudenten, die vom Betreten des verpesteten Hauses wußten, ihm aus und wollten ihn überhaupt nicht hereinlassen. So sah er sich gezwungen, einige Tage lang auswärts zu wohnen.

Unter den Philosophiestudenten von Paris besteht der Brauch, wenn sie im dritten Jahr zu Bakkalaurei graduiert werden, 'den Stein zu nehmen', wie es in ihrer Sprache heißt. Weil dabei ein ganzer Dukaten auszugeben ist, können sich das manche sehr arme Studenten nicht leisten. Dem Pilger kamen nun Bedenken, ob es für ihn ratsam sei, auch 'den Stein zu nehmen'. Und da er sehr im Zweifel darüber war und sich nicht schlüssig werden konnte, beschloß er, die Entscheidung dieser Frage seinem Professor zu überlassen, auf dessen Rat hin, er solle 'den Stein nehmen', er dann mitmachte. Trotzdem fehlte es nicht an Nörglern; zumindest ein Spanier bemerkte es mißfällig.

In Paris, und zwar schon um diese Zeit, befiel ihn ein schweres Magenleiden, so daß er alle zwei Wochen einen Kolikanfall hatte, der jeweils eine gute Stunde lang dauerte und hohes Fieber verursachte. Einmal dauerte eine solche Magenkolik sechzehn oder siebzehn Stunden lang an. Später, als er den philosophischen Kurs abgeschlossen und schon einige Jahre Theologie studiert und seine Gefährten gesammelt hatte, machte die Krankheit immer weitere Fortschritte, ohne daß man ein wirksames Mittel dagegen finden konnte, so viele man auch an ihm ausprobierte.

(85) Die Ärzte meinten, das einzige Heilmittel, das ihm vielleicht noch helfen könne, sei ein Aufenthalt in der Heimat. Auch seine Gefährten gaben ihm den gleichen Rat und drängten ihn sehr dazu. Damals hatten sie bereits gemeinsam darüber beraten, was sie unternehmen wollten, nämlich nach Venedig und dann nach Jerusalem zu ziehen und ihr ganzes Leben dem Heil der Seelen zu widmen. Wenn man ihnen aber nicht die Erlaubnis zu einem dauernden Aufenthalt in Jerusalem gäbe, wollten sie nach Rom zurückreisen und sich dem Stellvertreter Christi zur Verfügung stellen, damit dieser sie dann dort einsetze, wo nach seinem Urteil mehr für Gottes Ehre und das Seelenheil zu erreichen sei. Ebenso hatten sie den Beschluß gefaßt, ein Jahr lang in Venedig auf eine Fahrtgelegenheit zu warten; und wenn sich im Laufe jenes Jahres keine Möglichkeit einer Überfahrt nach dem Nahen Orient finden ließe, sollten sie von ihrem Gelübde der Wallfahrt nach Jerusalem frei sein und sich sofort dem Papst zur Verfügung stellen, und so weiter.

Schließlich ließ sich der Pilger von seinen Gefährten überreden. Denn da die Spanier unter ihnen noch einige Angelegenheiten in der Heimat zu besorgen hätten, könnte er diese gleichzeitig miterledigen. Man hatte miteinander abgemacht, er werde, wenn er wieder hergestellt sei, sich auf den Weg machen, um ihre Anliegen zu besorgen, und nach Venedig reisen, wo er seine Gefährten erwarten wollte.

(86) Das war im Jahre 1535. Die Gefährten sollten entsprechend ihrer Abmachung im Jahre 1537, und zwar am Tag Pauli Bekehrung, die Reise antreten. Allerdings brachen sie dann tatsächlich wegen der beginnenden Kriegswirren bereits im November 1536 auf. Wie der Pilger schon alles zur Abreise vorbereitet hatte, erfuhr er, daß man gegen ihn beim Inquisitionsgericht Anklage erhoben habe und daß ein Prozeß angestrengt sei. Da er nun davon wußte und anderseits nicht vorgeladen wurde, stellte er sich von selbst dem Inquisitor, berichtete ihm, was er gehört hatte, und bemerkte dazu, er sei im Begriff, nach Spanien zurückzureisen, und er habe eine Gruppe von Gefährten, eben deswegen bitte er ihn, einen Urteilsspruch zu fällen. Der Inquisitor gab zur Antwort, daß das Gerede, soweit es die Anklage betreffe, der Wahrheit entspreche, aber daß er ihr keinerlei Bedeutung zumesse. Bloß wünsche er, die Niederschrift der Geistlichen Übungen einzusehen. Nach kurzer Durchsicht lobte er sie sehr und bat den Pilger, ihm eine Abschrift davon zu überlassen, was dann auch geschah. Trotzdem ging er noch einmal hin und bestand darauf, er solle den Prozeß bis zum Schlußurteil weiterführen. Da der Inquisitor dieses Ansuchen wiederum ablehnte, ging er mit einem öffentlichen Notar und mit Zeugen zu seiner Wohnung und ließ über den ganzen Vorgang ein Protokoll aufnehmen.


NEUNTES KAPITEL

Zum letztenmal in Spanien

(87) Nach Abschluß dieser Angelegenheit bestieg er ein kleines Pferd, das seine Gefährten für ihn gekauft hatten, und machte sich ganz allein auf den Weg in seine Heimat. Unterwegs wurde sein Gesundheitszustand immer besser. An der Grenze der Provinz verließ er die Hauptstraße und bog in den Bergpfad ein, der weniger begangen war. Wie er auf diesem Weg ein Stück dahingeritten war, traf er auf zwei bewaffnete Männer, die ihm entgegenkamen - jener Pfad war wegen Raubmörder ziemlich berüchtigt. Als diese schon ein Stück weit hinter ihm waren, kehrten sie um und verfolgten ihn in großer Eile. Dabei hatte er ein wenig Angst. Trotzdem fing er ein Gespräch mit ihnen an und erfuhr, daß sie Leute seines Bruders seien, der sie ausgeschickt habe, um ihn zu treffen. Denn vermutlich hatte er von Bayonne in Frankreich, wo man den Pilger erkannt hatte, Nachricht von seiner Ankunft bekommen. Diese beiden ritten ihm nun voraus, und er folgte ihnen auf dem gleichen Weg. Kurz bevor er das Gebiet der Loyola erreichte, traf er wieder auf die zwei Männer, die ihm, wie erwähnt, entgegengezogen waren. Sie bestanden mit Nachdruck darauf, ihn in das Haus seines Bruders zu führen. Aber sie vermochten nicht, ihn dazu zu bewegen. Vielmehr wandte er sich zum Spital und machte dann später zu einer günstigen Tageszeit seinen ersten Bettelgang durch die Stadt.

(88) In diesem Spital sprach er dann mit vielen Leuten, die ihn besuchen kamen, über die Dinge Gottes, und mit seiner Gnade hatte er ziemlichen Erfolg. Sofort nach seiner Ankunft hatte er den Plan gefaßt, jeden Tag den Kindern Christenlehre zu erteilen. Aber sein Bruder widersetzte sich dem heftig und meinte, es werde doch niemand kommen. Darauf entgegnete er ihm, er sei mit einem einzigen Zuhörer zufrieden. Indessen war es, nachdem er einmal damit angefangen hatte, eine große Zahl, die regelmäßig kamen, um ihn zu hören, und darunter sogar sein Bruder.

Außer daß er Christenlehre erteilte, predigte er auch an den Sonn- und Feiertagen mit Erfolg und Nutzen der Leute, die viele Meilen weit herkamen, um ihn zu hören. Ebenso wandte er viel Mühe auf, um einige Mißbräuche abzustellen. Und mit der Hilfe Gottes wurde in mancher Hinsicht Ordnung geschaffen. So erreichte er beispielsweise, daß das Spielen unter Strafe verboten wurde, indem er den Leiter der Rechtspflege von dieser Notwendigkeit überzeugte. Außerdem gab es dort noch einen andern Mißbrauch: die Mädchen in jenem Landstrich gehen nämlich immer unbedecktem Hauptes und setzen erst am Tage ihrer Hochzeit eine Haube auf. Indessen gibt es viele, die mit Priestern und anderen Männern zusammenleben und ihnen die Treue halten, als ob sie deren rechtmäßige Ehefrauen wären. Dies ist so allgemeiner Brauch, daß solche Konkubinen sich durchaus nicht schämen, in der Öffentlichkeit zu erklären, sie trügen um dieses oder jenes Mannes willen die Frauenhaube, obwohl sie als Konkubinen bekannt sind.

(89) Dieser Mißbrauch hat viele üble Folgen. Der Pilger erreichten beim Gouverneur, daß dieser eine Verordnung erließ, derzufolge alle, die um irgendeines Mannes willen die Frauenhaube tragen, aber nicht deren rechtmäßige Ehefrauen sind, gerichtlich bestraft würden. Auf diese Weise wurde jener Mißbrauch allmählich ganz und gar abgestellt. Er veranlaßte auch die Herausgabe einer Armenordnung, die eine öffentliche und regelmäßige Fürsorge gewährleisten sollte. Auch sorgte er dafür, daß man dreimal am Tage zum Gebet läute, nämlich am Morgen, Mittag und Abend, damit die ganze Gemeinde wie in Rom den Englischen Gruß bete. Zu Beginn seines Aufenthaltes ging es ihm zwar ganz gut, aber danach wurde er schwer krank. Kaum wiederhergestellt, entschloß er sich zum Aufbruch, um die Angelegenheiten zu erledigen, die ihm seine Gefährten aufgetragen hatten, und zwar wollte er ohne jedes Geld die Reise machen. Darüber hielt sich sein Bruder sehr auf, da er sich schämte, daß er zu Fuß gehen wolle. Gegen Abend gab der Pilger schließlich so weit nach, daß er sich bereit fand, zu Pferd in Begleitung seines Bruders und seiner Verwandten bis an die Provinzgrenze zu reiten.

(90) Als er aber das Gebiet der Provinz verlassen hatte, stieg er vom Pferde und ging zu Fuß, ohne ein Reisegeld anzunehmen, nach Pamplona. Von dort nach Almazán, der Heimat des Paters Laynez, und dann nach Sigüenza und Toledo, und von Toledo nach Valencia. In all diesen Heimatgemeinden seiner Gefährten wollte er absolut nichts annehmen, sosehr man ihm auch bedeutende Gaben aufzudrängen suchte.

In Valencia sprach er mit Castro, der dort Kartäusermönch war. Als er sich nach Genua einschiffen wollte, ersuchten ihn seine Bekannten in Valencia dringend, es nicht zu tun, da, wie sie unter anderem sagten, Barbarossa mit vielen Galeeren das Meer unsicher mache. So viele Gründe sie ihm aber auch vortrugen, genug, um ihn allerdings in Furcht zu versetzen, so vermochte doch keiner ihn in seinem Entschluß wankend zu machen.

(91) Er machte die Überfahrt auf einem großen Schiff und überstand dabei jenen Sturm, von dem schon früher die Rede war, im Zusammenhang nämlich mit jenem Bericht, daß er dreimal in unmittelbarer Todesgefahr schwebte.

Nach seiner Ankunft in Genua machte er sich auf den Weg nach Bologna. Unterwegs mußte er viel Ungemach erleiden, besonders einmal, als er den Weg verlor. Da schlug er einen Pfad entlang einem Flusse ein, der in der Tiefe dahinfloß, während der Pfad in der Höhe am Hang dahinführte. Je weiter er ging, desto enger wurde der Pfad bis er schließlich ganz aufhörte, so daß er nicht mehr weitergehen, aber auch nicht umkehren konnte. So kroch er denn auf allen vieren weiter, und auf diese Weise legte er ein gut Stück Weges zurück unter größter Angst. Denn bei jeder Bewegung glaubte er in den Fluß zu stürzen. Und dies war die größte Anstrengung und körperliche Mühe, die er je durchzumachen hatte. Aber schließlich kam er doch heil davon. Wie er nach Bologna hineingehen wollte, mußte er über einen schmalen Holzsteg, wobei er von dem Brücklein herunterfiel. Und als er sich dann wieder, voll von Schlamm und Wasser, herausarbeitete, erregte er bei den zahlreichen Umstehenden großes Gelächter.

Sofort nach dem Betreten der Stadt Bologna bettelte er wieder um Almosen, bekam aber nicht einmal einen einzigen Pfennig, obwohl er die ganze Stadt durchzog. Einige Zeit war er in Bologna krank. Dann ging er weiter nach Venedig, immer auf die gleiche Weise.


ZEHNTES KAPITEL

Vergebliches Warten

(92) In Venedig war er damals damit beschäftigt, Geistliche Übungen zu geben und sonstige religiöse Gespräche zu führen. Die bedeutendsten Persönlichkeiten, denen er sie gab, waren Magister Petrus Contarini und Magister Caspar de Dotti und ein Spanier namens Rozas. Es hielt sich dort noch ein weiterer Spanier auf, der Bakkalaureus Hoces hieß. Dieser verkehrte oft mit dem Pilger und auch dem Bischof von Chieti. Obgleich er in etwa den Wunsch hatte, die Geistlichen Übungen zu machen, führte er ihn zunächst nicht aus. Schließlich entschloß er sich doch, sie wenigstens anzufangen. Nachdem er drei oder vier Tage die Übungen gemacht hatte, teilte er dem Pilger seine geheimen Gedanken mit und sagte ihm, er habe befürchtet, man würde ihm in den Übungen irgendeine schlechte Lehre vorlegen; solche Dinge habe ihm irgendwer erzählt. Und aus diesem Grund habe er auch eine Auswahl von Büchern mitgebracht, um in ihnen nachschlagen zu können, falls man ihn hinters Licht führen wollte. Dieser nun machte die Geistlichen Übungen mit beachtlichem Erfolg, und an ihrem Ende faßte er den Entschluß, die Lebensweise des Pilgers selbst anzunehmen. Er war auch der erste aller seiner Gefährten, der starb.

(93) In Venedig erhob sich wiederum gegen den Pilger eine Verfolgung, da dort nicht wenige behaupteten, sein Bild sei in Spanien und in Paris verbrannt worden. Das Gerücht verbreitete sich derart, daß ein Prozeß angestrengt wurde, dessen Urteil zugunsten des Pilgers erging.

Die neun Gefährten kamen Anfang 1537 nach Venedig. Dort teilten sie sich in einzelne Gruppen auf, um in verschiedenen Spitälern die Kranken zu pflegen. Nach zwei oder drei Monaten zogen dann alle nach Rom weiter, um vom Papst den Segen für ihre Wallfahrt nach Jerusalem zu empfangen. Nur der Pilger ging nicht mit ihnen aus Rücksicht auf den Doktor Ortiz und auch wegen des eben ernannten Theatinerkardinals. Die Gefährten kamen von Rom zurück mit Geldanweisungen über zwei- oder dreihundert Dukaten, die ihnen als Almosen für die Wallfahrt nach Jerusalem geschenkt worden waren. Sie wollten jedoch das Geld nur in Wechseln annehmen, die sie später, da sie nicht nach Jerusalem reisen konnten, denen wieder zurückerstatteten, die sie ausgestellt hatten.

Die Gefährten machten den Rückweg auf die gleiche Weise wie den Hinweg, das heißt zu Fuß und bettelnd; sie waren in drei Gruppen aufgeteilt, so daß immer welche aus verschiedenen Nationen beisammen waren. Dort in Venedig wurden die, die noch nicht Priester waren, geweiht. Die Vollmachten dazu gab der Nuntius, der damals in Venedig war, nämlich der spätere Kardinal Veralli. Sie empfingen die Weihen auf den Titel der Armut, und alle legten das Gelübde der Keuschheit und der Armut ab.

(94) In jenem Jahr gingen keine Schiffe nach dem Nahen Orient, da die Venezianer die Beziehungen mit den Türken abgebrochen hatten. Da sie nun sahen, daß die Möglichkeit einer Überfahrt in weite Ferne rückte, verteilten sie sich über das Gebiet der Venezianischen Republik mit der Absicht, dort das Jahr abzuwarten, das sie sich vorgenommen hatten. Und wenn bis Ablauf dieses Jahres sich keine Fahrgelegenheit geben sollte, wollten sie dann nach Rom ziehen.

Den Pilger traf das Los, mit Favre und Laynez nach Vicenza zu gehen. Dort kamen sie außerhalb der Stadt in einem verfallenen Haus unter, das keine Türen und Fenster hatte und wo sie auf ein wenig Stroh schliefen, das sie zusammengetragen hatten. Zwei von ihnen gingen jeden Tag zweimal in die Stadt, um Almosen zu erbetteln, und was sie bekamen, war so wenig, daß sie kaum das Leben fristen konnten. Gewöhnlich aßen sie ein wenig in Wasser gekochtes Brot, wenn sie solches hatten. Die Sorge für die Küche hatte der, der zu Hause blieb. Auf diese Weise verbrachten sie vierzig Tage, während deren sie sich nur dem Gebete widmeten.

(95) Nach Ablauf der vierzig Tage stieß Magister Codure zu ihnen, und alle vier beschlossen, mit Predigen anzufangen. Sie gingen auf verschiedene Plätze, und zur gleichen Stunde am gleichen Tag begannen alle vier mit ihren Predigten. Sie riefen zunächst mit lauter Stimme das Volk herbei und schwenkten ihre Mützen. Diese Predigten verursachten viel Aufsehen in der Stadt, und nicht wenige Zuhörer ließen sich zu einem frommen Leben bewegen. Sie selbst bekamen nun auch die zum Leben notwendigen Mittel in reichlicherem Maße.

In jener Zeit, da er sich in Vicenza aufhielt, hatte er viele geistliche Erleuchtungen und viele, ja fast regelmäßige Tröstungen, ganz anders als es während der Pariser Zeit war. Vor allem als er begann, sich auf die Priesterweihe in Venedig vorzubereiten, oder als er sich für die erste Messe vorbereitete, hatte er auf allen jenen Reisen große übernatürliche Heimsuchungen, ähnlich jenen, die er so häufig während seines Aufenthaltes in Manresa hatte. Noch in Vicenza erfuhr er, daß einer der Gefährten, der in Bassano weilte, auf den Tod krank war, und er selber war gerade damals auch fieberkrank. Trotzdem machte er sich sofort auf den Weg. Und er schritt so rasch aus, daß Faber, der ihn begleitete, ihm nicht zu folgen vermochte. Unterwegs empfing er von Gott die Gewißheit - und er teilte dies Faber mit -, daß der Gefährte nicht an jener Krankheit sterben werde. Durch seine Ankunft in Bassano wurde der Kranke sehr getröstet und genas bald.

Danach kehrten sie alle nach Vicenza zurück, und eine Zeitlang blieben dort alle zehn, wobei einige von ihnen das Haus verließen, um in den Ortschaften nahe bei Vicenza Almosen zu erbetteln.

(96) Nachdem nun das Jahr vorbeigegangen war, ohne daß sich eine Fahrgelegenheit gegeben hatte, beschlossen sie, nach Rom zu gehen. Auch der Pilger ging mit, da beim ersten Male, als nur die Gefährten dorthin gegangen waren, sich jene zwei Männer, derentwegen er Bedenken gehabt hatte, sich äußerst wohlwollend gezeigt hatten.

In drei oder vier Gruppen aufgeteilt, legten sie den Weg nach Rom zurück, der Pilger mit Faber und Laynez zusammen. Und auf dieser Reise wurde er ganz besonders von Gott heimgesucht.

Er hatte sich vorgenommen, nach der Priesterweihe noch ein Jahr bis zur Feier der Primiz zu warten, um sich darauf vorzubereiten und zu Unserer Lieben Frau zu beten, sie möchte ihn ihrem Sohne zugesellen.

Als er eines Tages einige Meilen vor der Ankunft in Rom in einer Kirche weilte und dort betete, hat er eine solche Umwandlung in seiner Seele verspürt und so deutlich eine Schau gehabt, wie Gott der Vater ihn Christus Seinem Sohn zugesellte, daß er daran überhaupt nicht mehr zu zweifeln wagen konnte, Gott der Vater habe ihn Seinem Sohne zugesellt. Ich, der Schreiber dieses Berichtes, sagte zum Pilger, als er mir dies erzählte, daß Laynez diese Begebenheit noch mit einigen weiteren Einzelheiten berichtet habe, soviel ich wüßte. Er antwortete mir, daß alles, was Laynez darüber gesagt habe, der Wahrheit entspreche; denn er selbst erinnere sich nicht mehr so genau im einzelnen. Jedoch wisse er ganz bestimmt, daß er damals, als er diese Begebenheit erzählt habe, nur die reine Wahrheit gesagt habe. Die gleiche Bemerkung machte er mir gegenüber auch in anderen Zusammenhängen.

(97) Als sie dann nach Rom kamen, sagte er zu den Gefährten, er sehe die Fenster verschlossen; damit wollte er sagen, daß sie hier viel Widerspruch erfahren sollten. Einmal sagte er auch: "Wir müssen uns sehr in acht nehmen, und wir dürfen uns in kein Gespräch mit Frauen einlassen, es sei denn mit Damen von vornehmem Stand." Noch einige Worte zu diesem Punkt: Später hörte in Rom Magister Franziskus eine Frau Beicht und besuchte sie einige Male, um mit ihr über geistliche Dinge zu sprechen. Etwas später kam heraus, daß diese Frau schwanger war. Indessen fügte es der Herr, daß der Schuldige entdeckt wurde. Etwas Ähnliches mußte Johann Codure bei einer seiner geistlichen Töchter erfahren, die mit einem Manne zusammen angetroffen wurde.


ELFTES KAPITEL

Am Ziel der Pilgerfahrt

(98) Von Rom ging der Pilger nach Monte Cassino, um dem Doktor Ortiz die Geistlichen Übungen zu geben, und er blieb dort vierzig Tage. Während dieser Zeit sah er eines Tages, wie der Bakkalaureus Hoces in den Himmel ging. Dabei vergoß er viele Tränen und empfand zugleich großen geistlichen Trost. Diese Erscheinung war so deutlich, daß er seiner Meinung nach es eine Lüge nennen müßte, würde er etwas anderes sagen. Von Monte Cassino brachte er Franz Strada mit sich.

Nach Rom zurückgekehrt, war er damit beschäftigt, den Seelen zu helfen - noch immer wohnten sie in dem Weinberg -, und er gab zur selben Zeit die Geistlichen Übungen mehreren Personen. Von diesen wohnte eine bei Maria Maggiore und die andere in der Nähe des Ponte Sisto.

Bald darauf begannen die Anfeindungen, und Miguel fing damit an, den Pilger zu belästigen und übel von ihm zu reden. Dieser ließ ihn vor den Governatore vorladen, dem er zuvor einen Brief des Miguel gezeigt hatte, in dem dieser über den Pilger viel Lobendes geschrieben hatte. Der Governatore verhörte Miguel, und das Urteil war, daß er aus Rom verbannt wurde.

Dann begannen die Verfolgungen durch Mudarra und Barreda. Diese behaupteten, der Pilger und seine Gefährten hätten aus Spanien, Paris und Venedig fliehen müssen. Schließlich gestanden alle beide vor dem Governatore und dem damaligen Legaten von Rom, daß sie nichts Nachträgliches gegen sie zu sagen hätten, weder über ihren Lebenswandel noch über ihre Lehre. Der Legat ordnete an, jene ganze Angelegenheit damit als erledigt anzusehen. Jedoch war der Pilger nicht damit einverstanden, sondern er sagte, er fordere ein gerichtliches Urteil. Der Legat und auch der Governatore waren dagegen, ebenso die Freunde, die den Pilger zuvor unterstützt hatten. Nach einigen Monaten endlich kam der Papst nach Rom zurück. Der Pilger ging nach Frascati, um mit ihm zu sprechen, und er legte ihm mehrere Gründe vor. Der Papst ließ sich beeindrucken und befahl, daß ein Gerichtsurteil gefällt werde, das dann zu seinen Gunsten ausfiel, und anderes mehr.

Mit Unterstützung des Pilgers und seiner Gefährten entstanden in Rom mehrere fromme Werke, so das Haus für die Katechumenen, das Marthaheim und das Waisenhaus und noch andere.

Das übrige kann Magister Nadal berichten.

(99) Nachdem er diese Begebenheiten erzählt hatte, stellte ich am 20. Oktober dem Pilger noch einige Fragen bezüglich der Geistlichen Übungen und der Konstitutionen, da ich erfahren wollte, wie er sie verfaßt habe. Er sagte mir: er habe die Geistlichen Übungen nicht in einem Zug niedergeschrieben, sondern zunächst nur einige Punkte, die er in seinem Inneren beobachtete und die er nutzbringend fand. Er habe geglaubt, sie könnten auch für andere Menschen von Nutzen sein, und daher habe er sie zu Papier gebracht, so zum Beispiel die Gewissenserforschung mit jenem Linienschema und anderes mehr. Besonders die Abschnitte über die Wahl, so sagte er mir, habe er jener Verschiedenheit der Geister und Gedanken entnommen, die er in Loyola in sich erfuhr, als er noch infolge der Beinverwundung daniederlag. Und er fügte hinzu, daß er am Abend noch etwas über die Konstitutionen mir sagen wolle.

Am gleichen Tag noch vor dem Abendessen ließ er mich rufen. Er hatte den Ausdruck eines Menschen, der sich ganz besonders gesammelt hat, und er gab vor mir gleichsam eine Art feierlicher Erklärung ab, deren Hauptinhalt der war, die Eindeutigkeit seiner Absicht zu betonen, mit der er diese Ereignisse erzählt hatte. Er fügte hinzu, er sei sicher, daß er nichts weiter mehr berichten werde. Er hätte zwar viele Beleidigungen gegen Unsern Herrn begangen, nachdem er angefangen habe, Ihm zu dienen; jedoch habe er nie seine Einwilligung zu einer schweren Sünde gegeben. Vielmehr habe seine Andacht immer mehr zugenommen, das heißt: die Leichtigkeit, mit Gott in Verbindung zu treten, und diese sei jetzt größer als je sonst in seinem ganzen Leben. Immer und zu jeder Stunde, wann er Gott finden wolle, könne er Ihn finden. Auch jetzt noch würden ihm oftmals Erscheinungen zuteil, besonders solcher Art, wie sie zuvor beschrieben wurden, daß er nämlich Christus als Sonne sehe. Dies habe er häufig erfahren, wenn er gerade wichtige Fragen zu erledigen hatte, und so seien ihm jene Erscheinungen als Bestätigung vorgekommen.

(100) Auch bei der Feier der Messe habe er vielmals Visionen, und ebenso habe er solche sehr häufig bei der Ausarbeitung der Konstitutionen gehabt. Dies könne er jetzt um so sicherer behaupten, da er jeden Tag niedergeschrieben habe, was in seiner Seele vorging, und er jetzt diese Aufzeichnungen noch vor sich habe. Er zeigte mir einen ziemlich großen Stoß beschriebener Blätter, von denen er mir einen guten Teil vorlas. Das meiste waren Visionen, die er zur Bestätigung einiger Bestimmungen der Konstitutionen hatte. Einige Male schaute er Gott Vater, andere Male die Drei Personen der Dreifaltigkeit, dann wieder die allerseligste Jungfrau, wie sie Fürsprache einlegte oder ihre Bestätigung erteilte.

Im besonderen sprach er zu mir von den Überlegungen, die er durch vierzig Tage hindurch anstellte, wobei er jeden Tag dafür die Messe las, immer unter vielen Tränen. Die Frage, worum es ging, war, ob die Kirchen irgendwelche feste Einkünfte haben sollten und ob die Gesellschaft diese für sich verwenden könne.

(101) Bei der Ausarbeitung der Konstitutionen ging er so voran: jeden Tag feierte er die Messe und legte dabei den Punkt, mit dem er gerade beschäftigt war, Gott vor und sann dann im Gebet darüber nach. Und immer waren das Gebet und die Meßfeier von Tränen begleitet.

Ich wollte alle jene Aufzeichnungen über die Konstitutionen einsehen und bat ihn daher, er möchte sie mir für eine kurze Zeit überlassen. Aber er hat nicht gewollt.




Erläuterungen zu:

(96) Dieses Ereignis (die Erfüllung der Bitte an Unsere Liebe Frau) geschah in dem Kirchlein La Storta, etwa zehn Kilometer im Norden von Rom an der Via Cassia. Laynez berichtet: "Als wir auf der Straße von Siena her nach Rom unterwegs waren, geschah es, daß unser Vater viele geistliche Tröstungen erhielt . . . Er sagte mir, es komme ihm vor als habe ihm Gott diese folgenden Worte ins Herz geprägt: 'Ego ero vobis Romae propitius.' (Ich werde euch in Rom gnädig sein.) Da unser Vater nicht wußte, was diese Worte bedeuten sollten, bemerkte er: 'Ich weiß nicht, was mit uns geschehen wird, vielleicht werden wir in Rom gekreuzigt werden.' Dann, ein andermal, sagte er, es habe ihm geschiehnen, als ob er Christus mit dem Kreuz auf der Schulter sehe und daneben den Ewigen Vater, der zu ihm sprach: 'Ich will, daß Du diesen zu Deinem Diener annimmst.' Und so nahm Jesus ihn an und sprach: 'Ich will, daß du uns dienest.' Infolgedessen faßte er eine so große Andacht zum Namen Jesus und wollte, daß die Gemeinschaft 'Gesellschaft Jesu' genannt werde."