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| Satire | ||
| Der Streit um die Wurstsemmel oder Ein kleiner kulinarischer Einblick in unsere politischen Verhältnisse |
Bisweilen, könnte man meinen, zeichnet sich die politische Landschaft Österreichs durch ihre Niederungen aus, und so dann und wann wünscht man sich vielleicht unverdrossen, in einem anderen Österreich zu leben, doch, wie sich allerdings immer wieder herausstellt, es gibt nur dieses eine unverwechselbare Österreich, wir haben kein Reserveland zur Verfügung, wir Einheimischen haben uns unserer manchmal unbeschreiblichen politischen Realität zu stellen! | |
| von Franz Mathias Rinner 2001 |
Ich meine, die Heurigen-Lokale sind auch heute wieder voll, der G'spritzte hat immer wieder Saison, die Punschkrapferln beim Demel sind nach wie vor köstlich und ein wenig delikat, die "Haße" vom Würstelstand schmeckt vor allem im Winter viel verträglicher als im Hochsommer, das Sauerkraut vom Naschmarkt ist unverändert gut, die St. Pöltner wissen seit einigen Jahren, wie Gulasch ohne Saft schmeckt, zahlreiche Mozartkugeln rollen durch das Land, die Leberknödelsuppe wird nach wie vor zwischen Bregenz und Gmünd gern bestellt, und bisher ist noch kein Gast an einer Fridattensuppe erstickt, das Wiener Schnitzerl ist ein Teil der inländischen Folklore, und sogar der Schweinsbraten stellt nach wie vor einen großen Anteil an der Unausrottbarkeit des speziell österreichischen Cholesterins dar, aber dennoch, irgendetwas hat sich in diesen Tagen verändert. Ist die Wurstigkeit nach wie vor ein innerösterreichisches Prinzip? Zum kollektiven Gedächtnis jedes gelernten Österreichers gehört seit dieser Generation - neben dem Riesenrad, den Mannerschnitten, neben Mozart-Beethoven-Falco-Heinz Conrads und dem Hawelka - unser aller Kommissar Rex, vor allem nämlich durch seinen treuherzigen Blick und seine unermüdliche Gier nach Wurstsemmeln - eine zutiefst österreichische Form der Kurzjause, kulinarisch vielleicht nicht gerade anspruchsvoll, dennoch sättigend und als "g'schwinde" Nahrung gegen den so genannten "kleinen Hunger" durchaus ausreichend. Insgesamt gelang durch die Internationalisierung dieser beliebten Fernsehserie ein unglaublicher Werbeeffekt für die klassische Wurstsemmel, wenngleich auch eventuell mancherorts gemeint wird, hier handle es sich um eine besonders österreichische Form der Hundenahrung. Aber was soll's, wir stehen zu unseren Wurstsemmeln! Früher dachte ich, um so ein Budget für das ganze Land zu erstellen, dafür braucht man nicht nur ein ganzes Ministerium sowie eine mir persönlich unverständliche finanztechnische Begabung, dafür braucht man auch eine intellektuell geschliffene Denkungsweise, einen herausragenden Geist, kühlen Mut, kreative Denkansätze, ein selbstbewusstes Auftreten, eine eloquente Konsequenz, eine ungeheure Geduld sowie eine distanzierte Betrachtungsweise, nun allerdings weiß ich es besser: Unser aller Ex-Finanzminister hat tatsächlich und für alle Österreicher eindeutig vernehmlich inmitten der Schlacht um eine neue Regierungsbildung vor der Fernsehkamera gemurmelt, dass er lieber einen Hund auf seine Wurstsemmel aufpassen lasse als die ÖVP auf sein Budget (oder so ähnlich) - ein beeindruckendes Statement, zutiefst volkskundlich orientiert, für alle Österreicher freilich verständlich, vielleicht ein wenig zu nahe am Volksmund, dafür fern aller geschliffener Rhetorik, ein so genannter "Sager" eben, der im Gedächtnis bleibt, denn die Budgeterstellung mit einer Wurstsemmel zu vergleichen, das ist (zumindest für mich) tatsächlich neu, wenngleich eigentlich unverständlich. Ist unsere Politik in der Tat "unter dem Hund"? Viele unserer Mitbürger staunen derzeit über die Entscheidungskompetenz so mancher Minister-Politiker, die, wie sich immer mehr herausstellt, auch nur unkompliziert strukturierte Menschen sind, so wie du und ich, versehen mit all den Ingredienzien von Neid, Hass, Eifersucht und Inkompetenz, mit vielleicht charakterlich ein wenig unwichtigen Nuancen versehen, Menschen, die ebenfalls (wenngleich auch unter gehörigem Stress) die Nerven verlieren. Ich gehöre zu jenen aus unserem Lande, die das unmittelbare Gesicht der Politik nur aus dem Fernseher, aus den Printmedien kennen. Aber, möchte ich meine Zukunft jenen Politikern anvertrauen, die derart die Nerven verlieren können? Es war durchaus interessant, in den Fernsehsendungen die Bewegungsdynamik der betroffenen Verhandlungspolitiker zu verfolgen: anfänglich mit festem Schritt, die durchaus der ernsten Situation angepassten Statements wurden im tiefen Brustton staatsmännischer Überzeugung getätigt, die Blicke noch irgendwie fest und schlau in die Zukunft gerichtet, man hoffte sozusagen auf eine Einigung; doch mit Fortdauer dieser nicht und nicht erfolgenden Einigung wurden die Schritte vor den Kameras gehetzter, die Statements kurzatmiger (oder überhaupt verweigert, als hätte man nichts mehr zu sagen), die Blicke scheu, wie um die eigenen Gedanken zu verbergen, und letztlich wurde gar den Kameras ausgewichen, man gab sich distanziert, die Blicke, soweit man sie noch erhaschen konnte, wirkten sorgenvoll, und zuletzt resignativ, und es ist derzeit mit Recht zu bezweifeln, dass diese Verhandlungspolitiker noch in der Lage sind, gemeinsam zum Würstelstand auf eine "Haße" zu schlendern, denn dafür ist wohl die verfahrene Situation zu heiß, und nicht einmal dann, wenn unser aller Herr Bundespräsident die berühmten Wurstsemmeln unter den Betroffenen in einer der zahlreichen Verhandlungspausen austeilen ließe, wäre man wahrscheinlich bereit, gemeinsam zusammenzustehen und sich (mampfend) im "small talk" zu ergehen. (Und es ist wohl angeblich nur ein Gerücht, das derzeit im Büro des Ex-Finanzministers sackerlweise Wurstsemmeln zur Stärkung einlangen?) Generationen von gelernten Österreichern sind in ihrer Kindheit mit dem denkwürdigen Satz "was werden die Nachbarn sagen" konfrontiert worden, wenn sie Unaussprechliches angestellt oder derartiges auch nur in Erwägung gezogen hatten. Unausrottbar hat sich dieser einheimische Schlüsselsatz ins kollektive Gedächtnis einprogrammiert, wie der vielleicht Schulbuch orientierte Schutzengel, der mit ausgebreiteten Flügeln ein Kind, das soeben über eine Brücke geht, beschützt. Dennoch, wir stehen eventuell vor dem Abgrund, weit und breit keine Brücke und schon gar kein Schutzengel. Und der demütige Blick zu den Nachbarn, wie wird denn nun das Ausland über unser Verhalten urteilen, als sei das Ausland eine Instanz, um unsere Innenpolitik zu bestimmen? Freilich, Österreich kann nicht mehr isoliert funktionieren, sondern im Verein mit all den umliegenden Interessen, dennoch, heißt es nicht allerorts, man hat die Regierung zu erdulden, die man verdient? Hat man die Affäre Waldheim schon verdaut, oder kommt da noch was? Soll sich nun der politische Beobachter entspannt zurücklehnen, das Fernsehgerät abschalten, die Zeitung weglegen und sich wieder anderen Dingen zuwenden, oder gilt es nach wie vor, keinesfalls abzuschalten und den Lauf der Ereignisse weiterhin (mehr oder weniger kritisch oder vielleicht auch ironisch) zu betrachten? Geht es jetzt also endgültig um die Wurst, könnte man fragen, sind die Wurst-Messer gewetzt, werden bereits die letzten Ideen verwurstet, und wir, die armen Würsteln, dürfen wir - wie schon so oft - zusehen oder geraten wir jetzt selbst in die Würscht? Oder, etwas traditionell formuliert, ist eh' schon alles wurscht? |
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Copyrightvermerk: Die hier veröffentlichten Texte sind Beispiele für die literarische Arbeit meines Freundes Franz Rinner |
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