Zur Geschichte der Autobahn


 
 Die ersten Autostradas in Italien
Nachfolgende Erläuterungen beruhen im Wesentlichen auf der Dissertation "Die Wahrnehmung von 'Landschaft' und der Bau von Autobahnen in Deutschland, Frankreich und Italien vor 1933" von Ingrid Strohkark [01] sowie Berichten der Zeitschrift "Der Straßenbau", Jg. 1929-37.

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Am 21. September 1924 wurde in Italien die erste Autobahn Europas eingeweiht. Es handelte sich um die Strecke Milano-Gallarate-Varese (heute A8) als erstes Teilstück der Autostrada Milano-Laghi (Mailand-Oberitalienische Seen).
Diese Strecke war damals allerdings wegen des noch geringen erwarteten Verkehrsaufkommens 2-spurig mit Gegenverkehr. Es bestand eine Gebührenpflicht. Damit können die italienischen Strecken zwar als "Motorways", da aber keine getrennten Richtungsfahrbahnen existierten, nicht als "Autobahnen" (nach heute üblicher Definition) bezeichnet werden.

Zwei Dinge waren an den "Autostradas" neu:
1) Diese Straße durften nur von Kraftfahrzeugen benutzt werden
2) Es gab keine niveaugleichen Kreuzungen

Der Beginn der Autostrada Milano-Laghi in Lainate nordwestlich von Mailand 1925. Eine ehemalige Mautstation an der A4 nördlich Turin 2003. (Bild von A. Thewalt ©)
Der Bau dieser Autobahn zu diesem frühen Zeitpunkt ist vor allem auf die Bemühungen des Mailänder Ingenieurs Piero Puricelli (1883-1951) zurückzuführen. Dieser erkannte schon sehr früh die zunehmende Bedeutung des Automobils und sah die Notwendigkeit, für Autos eigene Straßen zu bauen, die den Anforderungen des Kraftwagens an Geschwindigkeit, Tragfähigkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit entsprächen. Puricelli war auch ein Idealist. Die ersten Planungen bezahlte er teilweise aus der eigenen Tasche. Puricelli inspirierte ganz wesentlich die Planungen von Autobahnen in anderen Ländern, vor allem in Deutschland und wurde daher am 11. Februar 1927 auch korrespondierendes Mitglied des Vorstandes des "Vereins zum Bau einer Straße für den Kraftwagen-Schnellverkehr von Hamburg über Frankfurt a.M. nach Basel" (kurz HaFraBa genannt).
Mit der Veröffentlichung seines Berichts "Reseau routier pour véhicules automobiles" im Jahre 1921 gab Puricelli der Diskussion um den Bau von Autobahnen in Italien einen entscheidenden Impuls. Hierin publizierte er sein Projekt der "Autostrada dei Laghi", die Mailand mit den Städten Varese und Como sowie dem Lago Maggiore verbinden sollte. Puricellis Visionen beschränkten sich jedoch nicht auf diese eine Autobahn, vielmehr sollten zukünftig alle großen Handelszentren Italiens durch Autobahnen miteinander verbunden werden.
Das vorgelegte Konzept der Autostrada Milano-Laghi stieß auf große Unterstützung seitens der Industrie, und basierend auf diesem Bericht wurde auf Initiative des italienischen Touring-Clubs ein "Comite de Patronage" gegründet mit dem Ziel, die Ausführung des Projektes unter technischen, wirtschaftlichen und juristischen Gesichtspunkten voranzutreiben.

Autobahnverzweigung bei Mailand 1932 mit vielen Werbetafeln; Quelle [01]
Das große Interesse des Touring-Clubs am Autobahnbau zeigte sich auch in der Finanzierung der zur Durchführung des Baus der Autobahn Milano-Laghi gegründeten Gesellschaft "Societá Anonima Autostrade" zusammen mit dem Automobil-Club Mailand. Trotz der Initiative des "Comite de Patronage" wäre die "Autostrada dei Laghi" wahrscheinlich nicht gebaut worden, wären nicht im Oktober 1922 die Faschisten in Italien an die Macht gekommen. Den Faschisten kam das Projekt des Baus von Autobahnen gerade recht in einer Zeit, in der die italienische Wirtschaft von steigender Arbeitslosigkeit, negativem Wirtschaftswachstum und sozialen Problemen gekennzeichnet war. Außerdem bestand auch in Italien die dringende Notwendigkeit, "das Straßenwesen von Grund auf zu erneuern, dem modernen Kraftverkehr anzupassen und durch ein Netz ausgezeichneter "Autobahnen" wertvoll zu ergänzen."

In Italien entstanden auch kühne Brückenkonstruktionen wie die Addabrücke bei Mailand 1927; Quelle [01]
  Mussolini erkannte außerdem den propagandistischen Wert dieser neuen Straße, von der er am 1. Oktober 1925 sagte: "Die Autobahn ist eine großartige italienische Errungenschaft und ein sicheres Zeichen unseres Ingenieurgeistes, den Söhnen des alten Roms nicht unwürdig." Die Autobahn, von den Faschisten als nationale Leistung propagiert, sollte Fortschritt, Modernität, Macht und nationale Größe symbolisieren. Hier wird die Kongruenz der Symbolik der Autobahnen mit der Symbolik der Automobile sichtbar.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum die neuen Machthaber in Italien das Autobahnprojekt so sehr forcierten, dass bereits am 26. März 1923, also nur fünf Monate nach der Machtergreifung der Faschisten, offiziell mit dem Bau der ersten Teilstrecke Mailand-Varese begonnen werden konnte. Dabei stellte die Autostrada Milano-Laghi nur den Beginn des Autobahnbaus in Italien dar.

Andererseits standen die Faschisten damit den Plänen Puricellis für internationale Autobahnnetze kritisch bis ablehnend gegenüber, denn durch das Ziel der Betonung der nationalen Überlegenheit traten die praktischen Funktionen in den Hintergrund. Die Autostrada als verbindendes Element zwischen Staaten und Völkern wurde vom Faschismus als negativ bewertet.

Italienisches Autobahnnetz nach den Plänen von Piero Puricelli mit dem Stand 1935; Quelle [01]
Bis zum Jahre 1933 gab es in Italien bereits 457,5 Autobahnkilometer, und die 50 km lange Strecke Genua-Serravalle befand sich in Bau. In Norditalien war bis 1933 ein großer Teil der Ost-West Verbindung zwischen Venedig und Turin, der sogenannten "Autostrada Pedemontana" (Autobahn am Fuße der Berge) fertiggestellt. Hier konnte man von den Anfangen eines Autobahnnetzes sprechen, wie es Piero Puricelli in seinem Bericht von 1922 vorsah. Dagegen handelte es sich bei den anderen Strecken um Autobahnen, die Städte miteinander verbanden, ohne untereinander in Verbindung zu stehen.
Bis 1935 gebaute Autobahnen in Italien
Autobahnen Bauzeit
Eröffnung
Länge Gesellschaften Anmerkungen
Mailand-oberitalienische Seen
- Mailand-Varese
- Lainate-Como
- Gallarate-Sesto Calende
1923-1925

 
21.09.1924
 
28.06.1925
 
1925
84 km

49 km
24 km
11 km
Societa Anonima Autostrada, Mailand Erste Autobahn in Europa

heute A8
heute Teil der A9
heute Teil der Dir. A8/26
Florenz-Küste 1933
26.08.1933
83 km (81,225) Autostrada Toscana heute A11
Turin-Mailand 1932
25.10.1932
129 km Autostrada Turin-Mailand Die Autobahngesellschaft Turin-Mailand unterstand dem Fiat-Konzern, der auch die Finanzierung sicherte; heute Teil der A4 "Serenissima"
Brescia-Bergamo 1931
29.08.1931
45,6 km Bresciana per la Costruzione a l'Ecercicio Autovie heute Teil der A4 "Serenissima"

 

Neapel-Pompeji 1925-1929
22.06.1929
21,5 km (23,3) Autostrade Meridionali heute Teil der A3 "Autostrada des Sole"
Bergamo-Mailand 1927
24.09.1927
48,6 km (49,1) Bergamasca per la Costruzione a l'Ecercicio, Autovie Anbindung an Mailand zur Belebung der Wirtschaft von Bergamo; heute Teil der A4 "Serenissima"
Padua -Venedig 1929-1933
15.10.1933
24,6 km Societa delle Autostrade di Venezia e Padova heute Teil der A4 "Serenissima"
Rom-Ostia 1929 21,2 km Staat Erste Autobahn in Italien ohne Benutzergebühr, offen nur für nicht kommerziellen Verkehr. Bezeichnet als Autobahn Rom-Ostia, dann Via del Mare und seit 1958 S.S. 8 "Via del Mare". Die Straße war mit 3020 Lampen ganz beleuchtet.
Genua-Serravalle 1932-1935
29.10.1935
50 km Staat "Autocamionale" - urspr. nur für Lastwagenverkehr gebaut; heute Teil der A7

Die "Autocamionale" (Berichte von 1935 und 1937)

Bericht von 1939 zu den ersten "Autostradas" in Italien aus "Die Straße"
Finanziert und gebaut wurden die Autobahnen, bis auf die Strecken Rom-Ostia und Genua-Serravalle, von privaten Autobahngesellschaften, für deren Verbindlichkeiten der Staat Bürgschaften übernahm. Die erste Gesellschaft wurde im November 1922 von Piero Puricelli in Mailand gegründet: Die "Societá Anonima Autostrade" (S.A.). Die italienische Regierung erteilte der S.A. das Recht, Autobahnen zu bauen, deren Anlagen für 50 Jahre Eigentum der S.A. bleiben sollten, doch sicherte sie sich das Aufsichtsrecht. Genehmigt wurden Gebührenerhebungen, Bau von Telefonanlagen, Aufstellung von Reklameschildern usw., um damit die Rentabilität des Unternehmens zu sichern. Nach 50 Jahren sollten die Autobahnen ohne Entschädigung der Unternehmen an den Staat fallen, wobei auch eine vorzeitige Übernahme nach Zahlung des noch nicht amortisierten Kapitals möglich war. In den Anfangsjahren erwies sich die Finanzierung über Mautgebühren, die sich im Durchschnitt auf vier Pfennig pro Kilometer beliefen, als erfolgreich, da die Autostraßen viel genutzt wurden. Als dann Ende der 1920er Jahre die wirtschaftliche Situation in Italien schwieriger wurde, ließ das Interesse an den Autobahnen nach. So fehlten bald die notwendigen Gelder für die Wartung der Autostraßen, woraufhin die Straßenverhältnisse immer schlechter wurden und der Verkehr noch weiter abnahm. Wegen Finanzierungsschwierigkeiten wurde die Autobahn zwischen Mailand und den Oberitalienischen Seen dann bereits 1935, also fast vierzig Jahre früher als vorgesehen, vom Staat durch Kauf übernommen. Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre wuchs auch generell die Kritik an den Autobahnen wegen angeblicher Unwirtschaftlichkeit. Dass die Autobahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht allein mit den Einnahmen aus den Benutzergebühren finanziert werden konnten, verwundert nicht, da die Motorisierung in Italien Ende der zwanziger Jahre noch sehr niedrig war. Außerdem nahm mit wachsender wirtschaftlicher Depression Ende der zwanziger Jahre auch die Bereitschaft der Autobesitzer, Autobahngebühren zu zahlen ab, und sie benutzten wieder häufiger die kostenlosen Landstraßen.

Brücken über die Autostrada Toscana (Firenze-Mare) 1933; Quelle [01]

Um diesem Missstand zu beseitigen, wurde im November 1927 eine neue Gesellschaft gegründet, die Azienda Autonoma Statale della Strada (A.A.S.S.), die dem Verkehrsministerium unterstand. Die A.A.S.S., die am 28. Januar 1928 ihre Arbeit aufnahm, war unter anderem für die Sanierung von insgesamt 21.000 km Staatsstraßen und Autobahnen sowie für deren Wartung verantwortlich. Ferner war die A.A.S.S. für die Aufsicht des Straßenwesens verantwortlich, wofür die Gründung einer faschistischen Miliz von 5000 Mann vorgesehen war. Finanziert werden sollte die Gesellschaft in erster Linie durch Beiträge des Staates und der Provinzen. Ferner sollen die Einkünfte aus der Automobil-Verkehrssteuer und des Zuschlags für Straßenverbesserung herangezogen werden. Aus der A.A.S.S. ging am 2. Februar 1962 die italienische Staatsstraßenverwltung "Azienda Nazionale Autonoma della Strada" (A.N.A.S.) hervor.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Bau der italienischen Autobahnen vor 1935 der Realisierung eines visionären Traums gleichkommt, denn die geringe Automobildichte machte den Autobahnbau zu diesem Zeitpunkt nicht dringend erforderlich. Vor allem der Tatsache, dass die Faschisten den propagandistischen Wert des Baus der "Autostradas" erkannten, ist es zu verdanken, dass zu einem frühen Zeitpunkt schon zahlreiche Strecken fertiggestellt werden konnten.
 

zuletzt geändert: 25.05.2004

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