Zur Geschichte der Autobahn


Nachfolgender Aufsatz erschien in der Zeitschrift "Der Straßenbau", Jg. 28/Nr. 4 (15. Februar 1937), jedoch unter Weglassung einiger propagandistischer Phrasen (mit [...] gekennzeichnet).

Einleitende Anmerkung:
Der Autor des Berichtes Kurt Kaftan war für die Öffentlichkeitsarbeit der Hafraba zuständig und bewies in dieser Funktion wiederholt geradezu prophetische Begabung in Hinblick auf die Planung moderner Verkehrswege. Durch die Inanspruchnahme der Autobahnen durch die Nazis geriet Kaftan ins Hintertreffen, da er zu sehr und immer wieder auf die Urheberschaft "seiner" Hafraba bei der Entwicklung eines Autobahnnetzes verwies. Die NS-Propaganda hat aber schon 1933 Hitler persönlich zum "Erfinder" der Autobahn gemacht. Im nachfolgenden Aufsatz versuchte Kaftan, die Planungsgrundlagen für ein internationales Autobahnnetz zu erläutern. Einige Passagen sind von beeindruckender Weitsichtigkeit, was vor allem in der Statistik der Länge der für den internationalen Verkehr zu bauenden Autobahnen zum Ausdruck kommt. Die - damals auch in Fachzeitschriften obligatorischen - Anbiederungen an das NS-Regime wurden weggelassen.

  
Von der Reichsautobahn zur Europa-Autobahn
Von Kurt Gustav Kaftan

Als England vor etwas mehr als hundert Jahren die erste Eisenbahn von Stockton nach Darlington baute, folgte ihm wenig später der deutsche Bundesstaat Bayern (ein geeintes Deutsches Reich gab es ja damals noch nicht) mit dem Bau der Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth. Diese Strecke war die erste Eisenbahn auf dem Kontinent, und sie leitete eine systematische Eisenbahnbau-Epoche ein, der sich sehr bald alle Staaten Europas anschlössen. Nach einigen Jahrzehnten war es schon möglich, die Reise quer durch Europa und Asien, von der Westküste Spaniens bis zur Ostküste Sibiriens, in der Eisenbahn innerhalb weniger Tage zurückzulegen.

Als Italien vor 14 Jahren mit dem Bau einiger Autobahnstrecken in einer Gesamtlänge von 500 Kilometern begann, folgte ihm seit 1933 das Deutsche Reich mit dem Bau seiner Reichsautobahnen, allerdings in einem alles andere weit überragenden Maße, die nirgends ein Vorbild hat [...].

Die Frage heißt nun: Werden sich die übrigen europäischen Staaten (wie vor hundert Jahren beim Eisenbahnbau) ebenfalls in die Autobahn-Epoche einschalten, und wird es in wenigen Jahrzehnten möglich sein, Europa mit dem Auto kreuz und quer auf Autobahnen zu durchfahren?

Betrachten wir uns die geschichtliche Entwicklung aller Systeme des Weltverkehrs, dann können wir diese Frage ohne weiteres mit "Ja" beantworten. Zur Debatte steht nur: Wie wird Europa zu seinem Europa-Autobahnnetz kommen, und was kann getan werden, um das Werk vorzubereiten.

Das beste Mittel, die Masse der Völker für einen Gedanken zu begeistern und sie mitzureißen, ist: Mit gutem Beispiel vorangehen! [...]

Das Vorbild Deutschlands hat schon einige Staaten Europas zu einer stärkeren theoretischen Erörterung des Problems in bezug auf ihre eigenen Nationen veranlaßt. Wir wissen dies besonders von Dänemark, Polen, Italien, Belgien und Holland. In diesen Staaten Ist man sich darüber klar, daß es einem Staate nur zum Vorteile gereichen kann, wenn er Neuerungen und technische Errungenschaften, die einem anderen Volke zu gewichtigem vielseitigem Vorteile gereichen und außerordentlich viel zu dessen wirtschaftlichem und kulturellem Aufschwung beitragen, übernimmt, auf seine eigenen nationalen Verhältnisse überträgt und sie mit dem von dem Nachbarstaat Geschaffenen oder noch zu Bauenden verbindet. Auch diese Staaten werden selbstverständlich in erster Linie eine nationalwirtschaftliche Richtung einschlagen, denn sie steht ja bei allem im Vordergrund, ohne jedoch die internationale Richtung aus dem Auge zu lassen. Diese Erkenntnisse der Staaten sind keine Gedanken des 20. Jahrhunderts, sie sind nur beiläufig ein weiterer Beweis für eine Theorie der Jahrtausende, die vielmals ihre Richtigkeit durch die Tatsachen praktisch ausgeführt sah: "Verkehr schafft Verkehr!" Er entsteht aus kleinen Anfängen, er erweitert sich rasch über das nächste Blickfeld hinaus, greift über Flüsse und Grenzen, ja über Meere, und wird ein Gemeinschaftliches aller Nationen der Erde. Denken wir an die historische Entwicklung der Schiffahrt, der Eisenbahn, des Postwesens, der Nachrichtenübermittlung (Telegraphie, Telephonie, Rundfunk), der Luftfahrt, und wir werden erkennen, daß sich das Gesetz der Jahrtausende auf jedes neue Verkehrssystem überträgt. Der Verkehr wird vom Menschen geschaffen, aber er entgleitet ihm wie der Richtstrahl in die Unendlichkeit. Der Mensch muß ihm folgen, will er ihn dauernd zwingen.

Wir sehen also: Die nationale Gestaltung eines Verkehrssystems ist von Willen, Einsicht und Weitblick abhängig; die internationale Entwicklung eines Verkehrssystems aber ist zwangsläufig. Sie kommt immer!

Wenn das so ist, genügt es dann nicht, diese internationale Entwicklung abzuwarten und sie an sich herankommen zu lassen?

Dazu ist zu sagen: Eine zwangsläufige Entwicklung braucht nur den Antrieb des Ursächlichen! Das Ursächliche ist vorhanden. Wichtig ist jedoch, die Zwangsläufigkeit in Ordnung und Gesetzmäßigkeit zu fassen, damit sie nicht aus der Reihe tanzt und ein Chaos schafft. Wir haben aus Fehlern gelernt. Unsere Landstraßennetze der Welt sind nicht immer ideal in der Anlage. Unsere Eisenbahnnetze lassen in ihren Grundzügen immer wieder die in ihrer Frühzeit fehlende Initiative der Internationalität vermissen. Die "Von-Kirchturm-zu-Kirchturm"-Politik stellte und stellt die Eisenbahnpolitiker der Neuzeit oft vor schwierige Aufgaben, weil man in den ersten Jahren ohne einheitliche Richtlinien baute, und weil die Zwangsläufigkeit der internationalen Entwicklung es dann notwendig machte, alles zu verbinden, was vorhanden war, auch wenn es nicht so recht zusammenpaßte.

Dieser chaotischen Gefahr ist man in Deutschland bei der Projektierung und selbstverständlich auch bei dem Bau der Reichsautobahnen von vornherein begegnet, indem der Grundsatz der den Erfordernissen des Fern- und Schnellverkehrs entsprechenden Freizügigkeit der tangentialen Linienführung der Reichsautobahnen in Projektierung und Ausführung einer einzigen zentralen Stelle zur Aufsicht gegeben wurde unter gleichzeitiger Würdigung etwaiger zukünftiger internationaler Ausdehnungsmöglichkeiten.

Es gehörten also zu der Ausführung eines europäischen Autobahnnetzes bestimmt ähnliche oder gleiche Voraussetzungen, wie sie in Deutschland geschaffen wurden: höchste national-verkehrswirtschaftliche Bedeutung der Linienführung unter Beachtung der mutmaßlichen internationalen Richtung; Herausnahme der verwaltungsmäßigen, technischen und finanziellen Notwendigkeiten aus einem parlamentarischen Genehmigungsverfahren: Betonung der internationalen Entwicklungsmöglichkeiten durch Vereinbarungen über technische, einheitliche Grundsätze und Verkehrsordnungen (einheitliches Links- oder Rechtsfahren, international gültige und vor allen Dingen auch verständliche Beschilderung!); Aufstellung von Projekten zu National-Autobahnnetzen.

Mit diesen Feststellungen sind wir — wenigstens theoretisch — schon ein gutes Stück auf dem Wege zu einem internationalen Autobahnnetz vorangekommen. Der Grundgedanke muß also sein: die nationale Projektierung und Verwirklichung muß im Vorrang stehen. Eine Verwirklichung auf internationaler Basis (etwa durch ein internationales Amt für Autobahnen, das für die Finanzierung eine internationale "Sammelkasse" einzurichten hätte) erscheint aussichtslos. Die Welt hat in den letzten 18 Jahren zu viele Beispiele erlebt, wie etwas durch internationale Entschlüsse nicht zustande kommt, als daß sie großes Vertrauen darauf setzen könnte. Zudem würde die Festlegung eines internationalen Autobahnnetzes, besonders die Festlegung der zuerst zu erbauenden internationalen Durchgangslinien, die zugleich auch die nationalen Bedingungen erfüllen, durch ein internationales Amt vermutlich jahrelang die Theoretiker beschäftigen, ehe sie zu einer Einigung kommen könnten, die wahrscheinlich dann doch nur der impulsiven Initiative einer einzelnen Nation entspringen würde, der es zu lange dauerte. Die Aufstellung der nationalen Autobahnnetze soll Sache der einzelnen Staaten sein, die zu dieser Projektierungsarbeit entweder ihren Straßenverwaltungsapparat in Anspruch nehmen oder sie einer privaten oder halbamtlichen Studiengesellschaft übertragen. Die Aufnahme dieser Projektbearbeitung könnte — und müßte meines Erachtens sogar — einer internationalen Vereinbarung entspringen, die auf diplomatischem Wege zu erzielen wäre. Zur Aufstellung eines vorläufigen Projektes wäre je nach Größe der Staaten eine Zeitbestimmung von 1-1/2 bis 2 Jahren erforderlich. Nach Ablauf dieser Frist werden alle nationalen Projekte einem inzwischen zu bildenden internationalen Gremium ausgewählter Sachverständiger der Politik, des Handels, der Wirtschaft und des Verkehrs unterbreitet, dessen Aufgabe es nur sein soll, die Nationalnetze untereinander in Einklang zu bringen, dementsprechend Abänderungen vorzuschlagen und die großeuropäischen Durchgangslinien zu bestimmen, in deren Richtung die nationalen Arbeiten sofort zu beginnen hätten. Dadurch wäre einerseits Europa erstmalig an einen wirklich wertvollen Gemeinschaftsgedanken gebunden, die internationale Richtung des Autobahnsystems wäre von vornherein gesichert und den einzelnen Staaten wäre es selbstverständlich überlassen, die übrigen Neben- oder Verbindungslinien ihres National-Autobahnnetzes so rasch oder so langsam fertigzustellen, wie es ihnen ihre Kräfte erlauben. Und in zehn Jahren könnte Europa zumindest seine 30.000 bis 40.000 km internationale Autobahnen haben, in 15 bis 20 Jahren seine 27 National-Autobahnnetze mit einer mutmaßlichen Gesamtlänge von rund 65.000 km!

Abb. 1. Das Netz der europäischen Autobahnen. Entwurf von Kurt Gustav Kaftan. Entnommen dem Buch "Europa braucht Autobahnen".

"Europa braucht Autobahnen!" Unter diesem Titel ist dieser Tage meine Schrift erschienen, die sich mit den Möglichkeiten und den Plänen eines aus 27 nationalen Autobahnnetzen bestehenden europäischen Autobahnnetzes befaßt. Daß Europa Autobahnen braucht, wird jedem verständlich sein, der nicht an den Tatsachen der Bevölkerungsdichte, Verkehrsraumnot und des steigenden Kraftfahrzeugverkehrs blind vorübergeht. Die Gegenwart ist noch erträglich, obwohl auch sie bereits außergewöhnliche Maßnahmen bedingt. Wie wird es in der Zukunft sein, wenn in den europäischen Staaten, besonders Mittel- und Westeuropas, einmal Kraftfahrzeugbestände von einem Kraftfahrzeug auf 5 bis 10 Einwohner (wie wir es in Nordamerika kennen) eintreten? Lassen wir nicht diese Möglichkeit erst als Tatsache an uns herantreten, Europäer, sondern begegnen wir ihr beizeiten, damit wir nicht eines Tages gezwungen sind, uns überhastet und unvorbereitet an Aufgaben zu begeben, die von den Generationen der Jahrhunderte nach uns kritisiert werden! Wir wollen uns nicht die gleichen Vorwürfe machen lassen von unseren Nachfahren, wie wir sie heute in mancher technischen Beziehung unseren Vorfahren machen müssen, denen wir allerdings zugute halten müssen, daß sie sich der wirklichen Entwicklung mancher ihrer Erfindungen nicht bewußt sein konnten, während wir dieses Bewußtsein sehr gut haben können.

In dem beistehenden Plan (Abb. 1) erkennen wir 27 National-Autobahnnetze aller europäischen Staaten, außer Luxemburg, das im Europaverkehr etwas unglücklich liegt, verbunden zu einem gesamteuropäischen Autobahnnetz. Die Aufstellung dieser Netze kann natürlich nur mehr oder minder willkürlich sein, wenn auch die natürlichen internationalen Verkehrsrichtungen — wie sie aus Abb. 2 ersichtlich sind —, die geographischen, nationalen und verkehrspolitischen Voraussetzungen berücksichtigt wurden. Immerhin können diese Pläne sicherlich eine geeignete Grundlage für wirklich zum Ziele führende internationale Beratungen bilden, und sie können sehr gut als Ausgangspunkte für die Projektierung der nationalen Netze angesehen werden. Auf die einzelnen Staaten entfallen Netze folgender Ausdehnung:

Abb. 2. Die natürlichen Verkehrsrichtungen Europas: 3 Südwest-Nordost-Richtungen, 3 Nordwest-Südost-Richtungen, 3 Nord-Süd-Richtungen.
Abb. 3. Die Hauptlinien des Kaftanschen Europa-Autobahnen-Plans, die auch den natürlichen Verkehrsrichtungen entsprechen: 3 Südwest-Nordost-Linien (mit einer Variante Paris—Warschau), 3 Nordwest-Südost-Linien (mit einer Variante Calais—Straßburg—München—Belgrad), 3 Nord-Süd-Linien. (Entwurf von Kurt Gustav Kaftan.)
   
Deutschland km 9700
Schweden 1575
Norwegen 135
Dänemark 825
Finnland 285
Estland 435
Lettland 840
Litauen 1020
Polen 4575
Russland 4785
Tschechoslowakei 2280
Österreich 1500
Niederlande 1050
Belgien 1350
England 2812
Frankreich 8790
Spanien 6165
Portugal 600
Schweiz 885
Italien 5100
Jugoslawien 3015
Ungarn 1125
Rumänien 2430
Bulgarien 1785
Albanien 360
Griechenland 1350
Europäische Türkei 225
zusammen: km 64997

Für Deutschland ergeben sich Ergänzungen des amtlichen Reichsautobahnnetzes um 2700 km auf insgesamt 9700 km.

Deutschland besitzt aber auch, wie aus Abb. 4 zu ersehen ist, im Autobahnnetz Europas die absolut zentrale Lage. Es bildet das Rückgrat eines europäischen Autobahnsystems, und es mag als eine besondere Fügung des Schicksals anzusehen sein, daß gerade Deutschland als Mittelpunkt zuerst mit seinem Netz vorzüglicher Autobahnen begonnen hat. Der Weg zu einem Europa-Autobahnnetz ist dank der Tätigkeit Deutschlands auf diesem Gebiete bedeutend erleichtert worden. Nach elf Hauptrichtungen sendet es seine Reichsautobahnen aus. Sie verlaufen alle in der natürlich gegebenen internationalen Verkehrsrichtung, wie sie aus der Lage Europas (als spitz zulaufendes Anhängsel an dem riesigen asiatischen Erdteil) heraus erforderlich ist. Wir erkennen in Abb 2 die neun Hauptrichtungen des europäischen Verkehrs, drei Südwest— Nordost-Richtungen, drei Nordwest—Südost-Richtungen, drei Nord—Süd-Richtungen. Diese nicht gefühlsmäßig, sondern der Wirklichkeit entsprechend aufgezeigten Verkehrsrichtungen finden ihren spezialisierten Ausdruck im Verlauf der sich aus meinem Europa-Netzplan ergebenden Haupt-Durchgangslinien, wie sie in Abb. 3 zu sehen sind. Hier erkennen wir deutlich die Engmaschigkeit des Netzes in West- und Mitteleuropa, besonders Frankreich und Deutschland. Bevölkerungsdichte und Verkehrsraumenge, aber auch die starke Kreuzung der neun Hauptverkehrsrichtungen bedingen hier eine besonders sorgfältige Projektierung von Autobahnen, will man wirklich alles tun, was die Zukunft von uns verlangt. [...]

Abb. 4. Das deutsche Reichsautobahnnetz als engmaschigstes, längstes und absolut zentral gelegenes Nationalnetz Europas. Die Reichsautobahnen strahlen an den Grenzen nach eil Hauptrichtungen aus, bei insgesamt etwa 32 Grenzübergängen. (Entwürfe und Zeichnungen des Verfassers.)
 

zuletzt geändert: 28.02.2003

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