Es geht rund


Der Kreisverkehr ist eine faszinierende Verkehrseinrichtung, weil damit in einfacher Weise der Verkehr einer Straßenkreuzung in allen Relationen einfach aneinander vorbei geführt werden kann, wobei im Normalfall keine Richtung bevorzugt wird und meist kein Stehen bleiben erforderlich ist.
 

Die heute übliche Form des Kreisverkehrs, bei dem als Grundregel der Vorrang von Fahrzeugen im Kreisel gilt, ist jedoch noch gar nicht alt. Bis sich diese Form durchsetzte, dauerte es allerdings lange.
1. New York
Die erste kreisförmige Verkehrsführung weltweit erfolgte 1904 am Columbus Circle in New York (an der Südwestecke des Central Parks) nach einem Entwurf des New Yorker Geschäftsmannes William Phelps Eno. Vor allem in den Großstädten des Nordostens der USA entstanden in der Folge zahlreiche ähnliche Verkehrskreisel.
In jenen Zeiten machte der geringe Verkehr nur wenige Verkehrsregeln notwendig. Anfänglich gab es daher auch keine Rechtsregel. In New York hatte z.B. der Nord-Süd-Nord-Verkehr vor dem West-Ost-West-Verkehr Vorrang. In anderen Gebieten der USA entschied man sich zugunsten der „first-in“-Regel. Mit der zunehmenden Verkehrsdichte wurden diese Vorschriften aber immer weniger zweckmäßig. 1913 verordnete der Staat Wisconsin erstmals eine generelle Rechtsregel im Straßenverkehr. Vorrangschilder kamen in den USA aber erst in den 1950er-Jahren in Gebrauch.
Die Rechtsregel ließ infolge der Massenmotorisierung in den USA ab den 1920er-Jahren an den Verkehrskreiseln aber bald Kapazitätsprobleme entstehen, da Fahrzeuge im Kreisel durch in dichter Folge zufahrende Fahrzeuge am Weiterfahren gehindert wurden.
Eno wies schon 1929 darauf hin, dass die Rechtsregel für Verkehrskreisel bei höherer Verkehrsdichte nicht zweckmäßig sei. Er schlug daher für Verkehrskreisel eine Linksregel vor, welche zu jener Zeit keinerlei Zustimmung fand. Die Rechtsregel als eine der grundlegenden Verkehrsregeln sollte nicht durch Sonderregelungen gebrochen werden. Man trachtete zudem damals danach, Kreuzungen für möglichst hohe Geschwindigkeiten zu gestalten. Wenn schon Kreisel errichtet wurden, hatten sie einen großen Durchmesser und waren mit tangentialen Einfahrten ausgestattet. Eine Linksregel hätte zudem nach damaliger Sicht der Verkehrsplaner nur zu vermehrten Auffahrunfällen an den Einfahrten zum Kreisel geführt. Die Verstopfung des Kreisels versuchte man durch die Kreiselgröße zu lösen, weil damit auch ein vergrößerter Stauraum geschaffen wurde. Dennoch waren infolge des ständig steigenden Straßenverkehrs auch die großen Kreisel immer öfters verstopft. Nach und nach verschwanden sie daher in den USA wieder.
2. Paris

In Europa vollzog sich beim Kreisverkehr – wie auch anderswo oft – eine von den USA getrennte, aber doch gleichartige Entwicklung, die aber letztlich eine den heutigen Anforderungen entsprechende Lösung hervorbrachte.

In Europa war es der Architekt der Stadt Paris Eugene Henard, welcher 1906 für die wichtigsten Kreuzungen der Stadt Kreisellösungen vorschlug. 1907 wurde rund um den Arc de Triomphe am Place de l'Etoile (heute Place Charles de Gaulle) der erste Kreisel eingerichtet, gefolgt von einigen weiteren bis 1910.

Henard in Paris und Eno in New York dürften unabhängig voneinander fast zur gleichen Zeit zur gleichen Lösung gekommen sein. Ihre Idee unterschied sich im Wesentlichen nur darin, dass Henard eine mindestens 8 m durchmessende Verkehrsinsel in der Kreuzungsmitte vorschlug, während Eno mit einer kleinen Metallscheibe als Kennzeichnung der Kreuzungsmittel das Auslangen zu finden glaubte.

<< Blick vom Arc de Triomphe auf einen Teil des Kreisverkehrs auf dem Place Charles de Gaulle

3. Großbritannien
In Großbritannien, wo durch die beratende Tätigkeit von William Eno auch schon seit Mitte der 1920er-Jahre Verkehrskreisel errichtet wurden, setzte in den 1950er-Jahren eine Entwicklung ein, die zur heutigen Form des Kreisverkehrs führte.

In Großbritannien nennt man seit 1926 den Kreisverkehr „roundabout“ (= wörtlich ringsum), zuvor hieß er „gyratory“ (= wörtlich Kreisel).

Die britischen Verkehrsplaner untersuchten zunächst die Umstände, die zu einem Verschwinden der Verkehrskreisel in den USA, wo damals gegenüber Großbritannien wesentlich höhere Verkehrdichten herrschten, führten. Es stellten sich jene Umstände als schädlich heraus, die ursprünglich zur Kapazitätssteigerung gedacht waren: Großer Durchmesser, tangentiale Einfahrten, und am schwerwiegendsten die Rechtsregel. Man kam zur Erkenntnis, dass mit den bestehenden Kreiseln mit Rechtsregel (bzw. in Großbritannien wegen des Linksverkehrs mit Linksregel) nur maximal 1500 Fahrzeuge pro Stunde ohne Stau zu bewältigen waren. Für Stadtstraßen war dies viel zu wenig.
In Großbritannien gab und gibt es allerdings bis heute keine festgelegte Vorrangregel an ungeregelten Kreuzungen. Diesem Umstand wird übrigens zugeschrieben, dass sich die Briten im Straßenverkehr für gewöhnlich sehr defensiv verhalten und somit eine überaus niedrige Unfallrate haben.
Die fehlende Linksregel machte es allerdings den Briten im Gegensatz zu den dogmatisch auf das Prinzip der Rechtregel beharrenden Kontinentaleuropäern und Amerikanern leichter, eine Sonderregelung für die Kreisverkehre zu schaffen. Zunächst wurde nur an stauträchtigen Kreiseln Vorrangschilder aufgestellt, die dem Verkehr im Kreisel den Vorrang gaben.

<< Ein frühe Kreisverkehrsanlage auf dem Land in Großbritannien (Horn House Junction 1934)

Darauf folgende Untersuchungen des Road Research Laboratory (heute Transport Research Laboratory) ergaben, dass damit die Kapazität zwar nur um 10%, jedoch die Gesamtwartezeit infolge Staus sowie die Unfallhäufigkeit um jeweils 40% verringert werden konnten.
Es dauerte aber noch bis 1966, ehe die generelle Rechtsregel (wegen Linksverkehr) für Kreisverkehre in Großbritannien verordnet wurde.
Die neue Regelung verändert auch die grundsätzliche Bauausführung der Kreisel. Da jedes einfahrende Fahrzeug das Tempo stark reduzieren musste, waren tangentiale Einfahrten unnötig und auch die Größe der Kreisel konnte deutlich reduziert werden. Bestehende große Kreisverkehrsanlagen wurden entsprechend umgebaut. Die erzielte Kapazitätssteigerung betrug bis zu 50%.
4. Frankreich usw.
Die ersten offiziellen Richtlinien für die Gestaltung von Kreisverkehrsanlagen wurden vom British Ministry of Transport 1971 veröffentlicht. In der Folge setzte ein „Export“ der britischen Vorgaben ein. 1984 erklärte die französische Regierung die Linksregel zum Grundprinzip für die Benutzung von Kreisverkehrsanlagen. Lediglich der älteste aller Kreisel um den Arc de Triomphe verblieb als einziger bei der Rechtsregel – wohl wegen der Komplexität der Verkehrsführung dort (12 Zufahrtsstraßen, mehrere nicht abgegrenzte Fahrspuren). 1997 gab es in Frankreich bereits über 15.000 Kreisverkehrsanlagen.

Großer Kreisverkehr bei Traun/Österreich
Andere Länder folgten den britischen Regeln ebenfalls, sodass ab den späten 1980er-Jahren Kreisverkehre außer in Frankreich auch in vielen anderen Ländern sehr populär wurden, insbesondere in Deutschland, Schweiz, Österreich, Benelux, Spanien, Portugal, Australien, Neuseeland, Südafrika, Israel.

Mehrspuriger Kreisverkehr mit Entflechtung.

Kleinkreisverkehr in Salzburg: LKW und Busse (Hier verkehren mehrere O-Bus-Linien) dürfen über die rote Mittelfläche fahren.
5. USA
Auch in den USA werden neuerdings Kreisverkehrsanlagen wieder verstärkt gebaut, wobei man in Kalifornien, Colorado, Vermont, Florida und Alaska den Anfang machte. Mittlerweile sieht man sie aber schon in nahezu allen Bundesstaaten.


Zweispuriger Kreisverkehr in Winston-Salem, North Carolina, USA

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Kurioses

Die wohl aberwitzigste Verkehrslösung der Welt ist der "Magic Roundabout" in Swindon im UK. Das System ist tatsächlich schwer zu durchschauen. Dass im UK alles verkehrt herum läuft, macht es für Kontinentaleuropäer nicht einfacher. Angeblich soll es im UK noch mehrere Kreise dieser Sorte geben.

Der "Trick" dieser ungewöhnlichen Verkehrslösung besteht darin, dass ein mehrspuriger Verkehrs entflochten wird, indem der über mehre Sektoren fließende Verkehr über kleine Kreisel zunächst nach innen umgelenkt wird, um dann im Zielsektor wieder über einen kleinen Kreisel nach außen geleitet zu werden. Selbst für Briten irritierend dürfte wirken, dass um die zentrale Insel Rechtsverkehr herrscht und von rechts über die kleinen Kreisel einfahrende Fahrzeuge Vorrang haben.
<< Darstellung der Funktionsweise an zwei Animationsbeispielen.
Irritationen 1

Auf einer Homepage fand ich einen sehr bösen Bericht über das Kreisverkehrfahren in Großbritannien. Ein deutscher Tourist wurde beim Durchfahren eines Kreisverkehrs von hinten von einem Taxi gerammt. Die Polizei erklärte den Deutschen dennoch als am Unfall schuldig, und wertete das Auffahren des Taxis von hinten sogar als Beweis dafür, das der Kreisverkehr nicht ordnungsgemäß durchfahren wurde.

Bei mehrspurigen Kreisverkehren darf nämlich die äußere Spur nur benützt werden, wenn man an der nächsten oder übernächsten Abzweigung den Kreisverkehr wieder verlässt (bei 4 Zufahrten 90°- oder 180°-Querung). Die innere Spur ist zu benützen, wenn man den Kreisverkehr um mehr als 180° durchfährt. Erst im letzten Segment vor der Ausfahrt darf auf die äußere Spur gewechselt werden.

Auf der genannten Homepage werden die britischen Verkehrsregeln verflucht und als ein Grund für das berechtigte Inseldasein der Briten gewertet.

Dabei gibt es derartige mehrspurige Kreisverkehrsanlagen auch in immer größerer Zahl in Kontinentaleuropa. Bei disziplinierter Anwendung weniger Regeln und es etwas Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer ist die Benützung nämlich völlig unproblematisch.

Regelung der Benützung von mehrspurigen Kreisverkehranlagen in Neuseeland von 2004. Die hier gezeigten Regeln weichen von jenen im UK und in Irland dadurch ab, dass in Neuseeland auch für ein gerades Durchfahren die innere Spur benützt werden darf.
Irritationen 2
In den meisten Ländern Europas wird ein Kreisverkehr über eine Kombination des Schildes "Vorfahrt gewähren" mit einem (blauen runden) Vorschriftzeichen angezeigt (Bild unten links).

In Österreich wird dies (meist, aber z.B. in Oberösterreich nur selten) abweichend über ein (dreieckiges) Gefahrenzeichen "Kreuzung mit Kreisverkehr" angezeigt (Bild unten Mitte).

So fern im Kreisverkehr Vorrang herrscht, was heute fast bei allen Kreisverkehrsanlagen in Österreich der Fall ist, findet sich zunächst das Vorschriftzeichen "Ende der Vorrangstraße", gefolgt vom Schild "Vorrang geben" (Bild unten rechts).

Vorfahrt gewähren und Kreisverkehr
Irritationen 3
Kreisel mit mehr als zwei Fahrspuren sind in der Benützung problematisch, da viele Verkehrsteilnehmer nicht damit zurecht kommen. Derartige Anlagen wurden daher meist durch Ampelanlagen versehen, die den Verkehrsfluss durch den Kreisverkehr regeln.

 

 

 

<< Ampel geregelte Kreisverkehrsanlage in Berlin-Charlottenburg 1977.

Rekorde
Der größte Kreisverkehr der Welt befindet sich in Port of Spain, der Hauptstadt der Inselrepublik Trinidad und Tobago. Rund um die 82 Hektar große Queen’s Park Savannah, der größten Parkanlage von Port of Spain, verläuft diese Kreisverkehrsanlage mit rund 4 km Umfang.
 

zuletzt geändert: 18.02.2007

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