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Im 6. Jahrhundert gab es einen palästinensischen christlichen
Mönch, der eine kleine Gemeinschaft von Klostermönchen
in der Wüste von Gaza leitete. Dieses schwierige Gebiet an
der Grenze zu Ägypten und in der Verlängerung der Sinaihalbinsel,
in dem in der Vergangenheit so viele spirituelle Vorgänge
sich ereignet haben, ist heute dem palästinensischen Staat
rückgegliedert. Es ist und ist immer gewesen der Schauplatz
blutiger Auseinandersetzungen, und es hat die größten
Schwierigkeiten, sein wirt-schaftliches und politisches Gleichgewicht
zu finden. Im 6. Jahrhundert war es dennoch ein Zentrum christlicher
Spiritualität, von dem uns bewegende Zeugnisse ge-blieben
sind.
Dorothée von Gaza hatte in seinem Kloster eine Regel vorgeschrieben,
die die Mönche anhielt, alle sechs Stunden ihre Beschäftigungen
zu unterbrechen, um ihr Gewissen zu erforschen. Er meinte, einmal
täglich wie in den meisten anderen Klöstern, sei nicht
ausreichend.
Kommen die Schwierigkeiten unserer modernen Welt nicht oft daher,
daß wir uns nicht die Zeit nehmen wollen, uns regelmäßig
in Frage zu stellen? Haben wir nicht eine gewisse Trägheit,
uns ausreichend zu befragen, wer wir sind und was wir tun? Sind
wir nicht mehr oder minder zustimmende Opfer einer Routine, die
sich in unserem Leben eingerichtet hat, ohne daß wir uns
davor wirklich in acht nehmen, und die schließlich den Sinn
unserer Interdependenzen und unsere Suche nach Einheit mit dem
Universum zerstört?
Wir haben wohl verstanden, daß eine solche Haltung des
Infragestellen der Verhaltensweisen und der Politik für ein
entwickeltes Land unbedingt notwendig ist. In einigen Ländern
hat man diese Korrekturen, die wir in den letzten Jahren miterlebt
haben, die manchmal zerrüttend und ungeschickt, jedoch unvermeidlich
waren, "Perestroika" genannt. Aber wir haben es alle
notwendig, unser Gewissen sehr oft zu erforschen, und das nicht
nur für die Politik unseres Landes, sondern vor allem für
un-ser persönliches Leben, unser Familienleben, unser spirituelles
Leben...Ja, alle sechs Stunden, so wie es Dorothée von
Gaza angeregt hat, das ist nicht zuviel!
Die Praxis des Zen ist ein gutes Mittel, dieses unbedingt notwendige
Innehalten in-mitten des Wirbel des Lebens und diese Suche nach
unserem vergessenen "Selbst", das unter den Zwängen
einer erbarmungslosen Gesellschaft erstickt ist, in uns selbst,
in unserem Körper, in unserer Atmung, in unserem Geisteszustand
zu verwirklichen. Das ist eine ständige "Perestroika",
ein neues Aufbauen der Lebenskräfte in uns selbst, eine ständige
Erneuerung unserer Lebensenergie, die wir Tag für Tag verwirklichen
müssen. Wenn ich es wagen darf, würde ich sogar sagen,
daß die Anweisungen von Dorothée von Gaza in unserer
Zeit ungenügend sind: jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde
sollten wir uns in Frage stellen.
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