| In unserem Organismus vergeht keine Sekunde, ohne daß sich
nicht irgendetwas verändert. Fast alle Zellen unseres Körpers
sterben in jedem Augenblick. Sie werden durch andere ersetzt, die
die gleiche Funktion haben und die von unseren spezialisierten Organen
hergestellt werden, die wahre biologische Fabriken sind. Die Nervenzellen
werden beim Sterben jedoch nicht erneuert. Zum Zeitpunkt unserer
Geburt gibt es davon einige Milliarden, davon verlieren wir jeden
Tag ein- bis zweitausend, die nie ersetzt werden. Aber wenn alles
gut geht, kommt es zu einem Phänomen, das sehr lehrreich ist.
Die überlebenden Nervenzellen übernehmen und versehen
zusätzlich zu ihren eigenen die speziellen Aufgaben der untergegangenen
Zellen. So können Erinnerungen und Gelerntes erhalten und weitergegeben
werden. Diese Fortdauer ist im Leben des Einzelnen und in der Geschichte
der Völker von Wichtigkeit.
Wir müssen uns so erneuern, indem wir mit aller Sorgfalt
in unserem genetischen Gedächtnis die Essenz unseres fundamentalen
Wesens und den Geist unserer jeweiligen Kultur bewahren. Wenn
etwas Wichtiges in uns auf natürliche Weise zu Ende geht,
muß es augenblicklich abgelöst und fortgesetzt werden.
Und so müssen wir jeden Tag selber sterben, um unserem wahren
Selbst besser zum Leben zu verhelfen.
Diese ständige Erneuerung ist für das physische Leben
genauso unentbehrlich wie für das spirituelle. Dorothea von
Gaza, ein palästinensischer christlicher Mönch aus dem
VI. Jahrhundert, sagte, man müsse zumindest zweimal täglich
eine tiefe Gewissenserforschung machen. Er wendete sich an Mönche,
die in der Wüste ein kontemplatives Leben führten und
die meiste Zeit mit Gebet verbrachten. Aber wir, die im XX. Jahrhundert
in ein kompliziertes Leben eingetaucht sind, das voller Schwierigkeiten
und Versuchungen ist, sollten uns jede Sekunde fragen: wer sind
wir, wie leben wir, räumen wir unserem spirituellen Leben
genügend Zeit ein, unserem Familienleben, jenen, die wir
lieben, jenen, denen wir helfen sollten, räumen wir der Suche
unserer wahren Persönlichkeit, jenseits ihrer künstlichen
Merkmale, genügend Zeit ein ? Ja, jede Sekunde sollte diese
Suche stattfinden. Jede Sekunde sollten wir versuchen, so wie
es unsere Nervenzellen tun, die verlorenen Möglichkeiten
zu ersetzen und durch neue Anpassung an die Umstände zu ergänzen.
Ein altes Sprichwort der Kampfkünste sagt: "Ich habe
keinen Grundsatz: die Anpassung an die Umstände mache ich
zu meinem Grundsatz". Unser Organismus ist ein Beispiel dafür,
das uns meistens nicht bewußt ist.
In der Praxis des Zazen können wir den natürlichen
Determinismus wiederentdecken, der uns erlaubt, diese ständige
Erneuerung zu verwirklichen und fortzuführen. Wir entdecken
sie im Tiefsten unseres Selbst, in der fundamentalen Haltung des
Körpers, die die natürliche Bestimmung des Menschen
ist, mit einer tiefen und ruhigen Atmung, mit dem Augenmerk auf
die Ausatmung, die unsere innere Welt ständig mit der äußeren
Welt kommunizieren läßt, mit dem Geisteszustand eines
neugeborenen Kindes, das mit dem Universum eins ist.
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