| Mokugyo wird mit zwei chinesischen Zeichen geschrieben, das erste
bedeutet Holz und das zweite Fisch. Es schaut sozusagen wie ein
großer Goldfisch aus. Es ist ein sehr bemerkenswertes Instrument,
das man in allen Zen-Klöstern findet. Es wird zur Rhythmusangabe
gebraucht, wenn man die Sutren rezitiert, die "Unterweisungstexte".
Den richtigen Rhythmus zu finden ist wichtig im Leben, aus diesem
Grund ist das Mokugyo für alle eine wertvolle Hilfe.
Vor einigen Jahren, zu einer Zeit, wo es für einen Ausländer
unmöglich war nach China einzureisen, wollte ich wissen ob
Zen ( auf chinesisch Ch´an ), das in diesem Land im V. Jahrhundert
entstanden war, die Revolutionen und die Kriege des XX. Jahrhundert
überlebt hatte. Überall wo ich diese Frage gestellt
hatte, in Japan, in Korea, hatte man mir nichts Genaueres sagen
können und nur ganz vage Vermutungen geäußert
: "Es scheint noch einige in den Bergen verborgene Klöster
zu geben, aber wir haben keine Nachricht..."
Ganz durch Zufall hatte ich durch Freunde erfahren, die in Hong-Kong
wohnten, daß es auf einer Insel, die der "Kolonie"
unterstand, ein großes chinesisches Ch´an-Kloster
gab, das voll Leben war, das Kloster des Kostbaren Lotus auf der
Insel Lan-Tao.
So landete ich eines Morgens im Mai, ich glaube es war 1974,
im kleinen Fischerhafen von Lan-Tao, der größten und
der am wenigsten bevölkerten Insel des Staatsgebietes von
Hong-Kong, damals noch unter britischem Mandat.
Das Kloster vom Kostbaren Lotus war ziemlich weit vom Hafen entfernt.
Man mußte einen alten Bus nehmen, der die Pilger über
eine schlechte Straße mit nur einem Fahrstreifen zum Berg
führte, sodaß der Fahrer jedesmal mit geschickten Manövern
ausweichen mußte, wenn man einem anderen Fahrzeug begegnete.
Letztendlich gelangte man auf einen freien Platz, der einem Marktplatz
ähnlich war, wo einige Ziegenherden und einige klapprige
Busse wie jener, der mich hierhergebracht hatte, standen. Dann
mußte man noch ziemlich lange zu Fuß gehen, um endlich
zum Tor des Klosters zu gelangen.
Der Abt empfing mich mit großer Herzlichkeit. Er redete
Englisch. Er zeigte mir mein Zimmer, eine Mönchszelle mit
einem Stahlbett, das von einem Moskitonetz umgeben war, und gab
mir einige Räucherstäbchen, um, wie er sagte, die Gelsen
zu verjagen, die in dichten Wolken um uns herumschwirrten.
Dann wurde ich in das Zendo eingeführt, wo die Abendmeditation
gerade beginnen sollte. Es war ein großer viereckiger Raum
mit ringsum erhöhten Plätzen, auf denen bereits etwa
dreißig Mönche nebeneinander mit dem Gesicht zum Raum
auf ihren Zafus saßen. Der Abt ließ mich unter ihnen
Platz nehmen und hielt eine kleine Ansprache auf Chinesisch, um
mich vorzustellen. Über jeden Mönch hing eine Art Baldachin,
von dem sich, wenn man an einer Schnur zog, ein einzelnes Moskitonetz
löste, das ihn vollständig umgab. Es war ziemlich seltsam,
all diese weißen Moskitonetze zu sehen, darunter die etwas
verschwommene schwarze Silhouette eines in der Zazen-Haltung sitzenden
Mönches. Nach einer Stunde Meditation wurden die Moskitonetze
wieder hinaufgezogen, eine halbe Stunde wurde ein ziemlich rasches
Kin-Hin gegangen, dann wurde wieder die Sitzmeditation aufgenommen,
die Moskitonetze für eine weitere Stunde gesenkt.
Der Rest des Tages verging in etwa wie in japanischen Klöstern:
einfache und strikt vegetarische Kost, Oyu-Tee und warmes Wasser
als Getränke; Arbeit in allen Räumen, Küchen, im
großen Buddha-Tempel; Instandhaltung des Gemüsegartens
und der Gartenanlagen, des Klosters; Zeremonien mit Rezitation
der Sutren, frühes Schlafengehen, Aufstehen in der Dämmerung.
Die Nacht war voll vom Gesang der Insekten und vom Surren der
Gelsen, die vom Räucherwerk und den Moskitonetzen nicht gänzlich
vertrieben werden konnten. Dogen war im XIII. Jahrhundert der
Schmutz der chinesischen Mönche unangenehm aufgefallen. Ich
muß sagen, daß ich bis auf die übelriechenden
Abortanlagen (übrigens wie früher in den japanischen
Klöstern) nicht feststellen konnte, daß die chinesischen
Mönche von Lan-Tao sich übermäßig unhygienisch
verhielten. Man muß auch sagen, daß sie schon lange
unter britischem Mandat standen.
Etwas später, während ich in den Gärten des Klosters
spazierenging, fragte ich den Abt, ob auf dem chinesischen Festland
noch Ch´an-Klöster in Betrieb waren und ob er Kontakt
zu ihnen hätte. Ich fragte ihn auch, ob es wahr sei, so wie
man mir das gesagt hatte, daß viele Mönche schwimmend
das Territorium von Hong-Kong erreichten und in diesem Kloster,
wo wir uns gerade befanden, aufgenommen würden. Die Antwort
kam sofort und war kategorisch: "Man darf darüber nicht
sprechen!...". Ich ließ mir das gesagt sein und stellte
keine so direkten Fragen mehr. Später ließ er mich
aber auf bloße Andeutung hin verstehen, daß es in
China tatsächlich noch Ch´an-(Zen-)Klöster gab,
die vom Regime verfolgt wurden, und daß geflüchtete
chinesische Mönche am Zazen teilgenommen hatten, zu dem ich
hier eingeladen worden war. Was ist jetzt aus ihnen geworden ?
Als ich nach einigen Tagen aufbrach, um nach Hong-Kong zu fahren
und von dort nach Europa und Afrika, schenkte mir der Abt einen
alten Mokugyo, der eben aus einem alten Kloster vom Festland stammte,
und der durch einen ehemaligen Mönch auf die Insel Lan-Tao
gebracht worden war. Das war alles, was man mir damals darüber
sagte, nichts Genaueres.
Aber es ist nicht verboten zu denken, daß dieser Mokugyo
dazu bestimmt war, eine Art Verbindungszeichen zu werden, zwischen
dem chinesischen Ch´an der alten Zeit, dem japanischen Zen
und dem europäischen Zen, so wie wir es hier praktizieren,
in der Kontinuität unserer persönlichen Traditionen
und im Respekt für jene, die uns in seiner Praxis auf der
ganzen Welt vorangegangen sind.
Aus diesem Grund denke ich, daß dieser Mokugyo, der sicherlich
eine lange Geschichte hat, zurecht seinen Platz hier finden wird,
in diesem Zendo in Wien. Ich bin glücklich, ihn heute Karl
Obermayer zu übertragen, so wie ich ihm vor einigen Jahren
den Nyoibo übertragen habe. Ich wünsche Euch, daß
er allen noch lange seinen wertvollen Rhythmus schenken wird,
damit euer Leben schön, harmonisch, ausgeglichen und voller
Spiritualität sei, in der Einheit von Körper und Geist
und in der Einheit mit dem Universum.
Und wenn Ihr, dank seiner, alle vereint die "Unterweisungstexte"
rezitiert, die unsere Zazen-Einheiten jeweils beschließen,
werdet Ihr auch an all jene denken, die in der Welt für ein
Weiterleben des Geistes verfolgt wurden und noch werden.
Dankesworte von Karl Obermayer
Lieber Claude, Wiederum haben Sie mir ein so großes Geschenk
gemacht. Seit zwei Jahren darf ich Ihren Nyoibo tragen und so
eine lange Tradition, die Sie von Ihrem Meister übertragen
bekommen haben, fortsetzten. Ich glaube, heute sagen zu dürfen,
daß damit eine neue Dimension in meiner Aufgabe, Zen weiterzugeben,
entstanden ist, vielleicht auch ein neuer Impuls, sicher aber
eine noch größere Verantwortung. In diesem Herbst werden
es 25 Jahre, daß ich mit Erlaubnis von P. Lassalle ein erstes
Einführungsseminar gehalten habe - ein ganz kleiner Anfang
mit 12 Interessierten aus meiner damaligen Pfarrgemeinde. Daraus
ist eine ganz schöne Gruppe geworden, wo viele schon lange
Jahre konsequent dabei sind. Bestärkt durch die Übertragung
des Nyoibo und laufende Erweise Ihres Wohlwollens, halte ich den
Zeitpunkt für gekommen, daß ich einige, die mich schon
jetzt da und dort vertreten haben, öffentlich bestätigen
möchte, mich bei der Weitergabe des Zen zu unterstützen.
Dieser Mokugyo ist ein weiteres Zeichen Ihrer Verbundenheit mit
unserer Zen-Gemeinde. Seine lange Geschichte und die Art, wie
Sie ihn erhalten haben, macht ihn zu einer besonderen Gabe. Bevor
ich Sie kennenlernte, hatten wir noch keine Rezitationen bei unserer
Praxis. Sie haben hier zum erstenmal mit uns das Hannya Shingyo
gesungen - damals noch ohne Mokugyo und uns gelobt, daß
es gar nicht so schlecht war. Allmählich habe ich dann bei
den Sesshin Ihre Art des Rezitierens eingeführt und nach
anfänglichen Widerständen einzelner ist es heute den
meisten eine liebgewordene Praxis. Dabei spielt der Rhythmus eine
große Rolle und manche beherrschen es schon recht gut, den
Mokugyo zu gebrauchen. - Mit diesem neuen "alten" Mokugyo
samt der Geschichte seiner Herkunft, wird es noch besser gehen.
Vor allem aber wird er uns immer ein Zeichen unserer Verbundenheit
mit Ihnen, lieber Claude sein. -
- Ein ganz herzliches Dankeschön - i shin den shin!
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