| Koans sind Rätsel, die Zen-Meister früher ihren Schülern
aufgaben, um ihnen zu verstehen zu geben, daß intellektuelle
Schlußfolgerungen nicht ausreichen, um die Probleme des Lebens
zu lösen, daß man im Gegenteil den intuitiven Fähigkeiten
vertrauen und die Demut des Herzens bewahren soll.
Geh deinen Weg ohne dich um den Anfangs- und den Endpunkt zu
kümmern" sagte Meister Eckhart im XIV. Jahrhundert,
und er fügte hinzu : "Lebe ohne Warum". Sengoku
Roshi, mein Zen-Meister, sagte, das sei das schönste aller
Koans.
Es ist wahr, daß wir uns normalerweise um die Zukunft unserer
Kinder, unserer Länder, unserer Lieben, uns um die Bewahrung
unserer wesentlichen Werte Sorgen machen. Es ist wahr, daß
wir immer, und meistens zurecht, die Ursache der Ereignisse in
unserem Leben herausfinden wollen. Und unter gewissen Umständen
können diese berechtigten Sorgen übertrieben werden,
Ängste hervorrufen, Verzweiflung, Lebensschwierigkeiten nach
sich ziehen und zu extremen Situationen führen, vor allem
bei Jugendlichen, die allzuoft selbstmord- oder drogengefährdet
sind.
Meister Eckhart sagt uns, daß man nicht immer nach dem
Warum der Dinge suchen muß, er sagt uns, daß, wenn
wir wirklich ein Leben aus dem Geist leben wollen, wir aufhören
müssen, uns zuviele Fragen zu stellen.
Das heißt nicht, daß wir den Leiden der Welt gegenüber
gleichgültig bleiben sollen. Das heißt nicht, daß
wir uns zurückziehen vor dem, was um uns herum vor sich geht,
uns in eine Art ruhigen Elfenbeinturm flüchten, in dem wir
auf wunderbare Weise vor allen Gefahren bewahrt wären. "Ohne
Warum" zu leben heißt nicht, mit Mitmenschen in Not
nicht solidarisch zu sein. Wir sind nicht aufgerufen, uns gefällig
in einer Art Neo-Quietismus einzurichten, der eine große
Versuchung in unserer schwierigen Zeit darstellt.
Diese Anleitung von Meister Eckhart finden wir in anderer Form
in vielen heiligen Texten in fast allen Religionen der Menschheit
wieder. Die Vögel des Himmels und die Lilien am Felde in
der Bibel leben ohne Warum. "Wenn Ihr nicht werdet wie die
neugeborene Kinder, werdet Ihr nicht in das Himmelreich eintreten",
sagt Christus. Der Buddha antwortet seinem Schüler, der ihn
nach dem Wesentlichen seiner Lehre fragt, gar nichts: er hebt
nur eine Blume zu seinem Gesicht empor, und man sagt, diese stumme
Antwort sei der Ursprung des Zen.
Auch wenn die Schwierigkeiten des materiellen Lebens oft das
spirituelle Leben beeinträchtigen und es manchmal sogar zu
verhindern wissen, ist es dennoch gut, in regelmäßigen
Abständen zu diesem Zustand wiedergefundener Unschuld zurückzukehren,
ohne den wir auf dem Weg nicht voranschreiten können.
Das ist genau das, was Zen uns lehrt, wenn es uns einlädt,
diese fundamentale Haltung des Körpers in seinem Aufrechtsein,
das die Bestimmung des Menschen darstellt, diese ursprüngliche
Atmung, so wie sie bei unserer Geburt begonnen hat, und diese
innere Stille, in der unsere wahre Natur offenbar wird, die reine
Quelle unseres Wesens, regelmäßig wiederzufinden.
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