| Man sagt auch Kyôsaku, und es wird auf dieselbe Weise geschrieben.
Der große Keisaku im Kloster Manpuku-ji von Ôbaku-san
in Uji, in der Nähe von Kyôto, 1956.
1971, während einer Japan-Reise, erfuhr ich, dass mein Meister
Sengoku Rôshi gestorben war, und dass er kurz vor seinem
Tod darum gebeten hatte, mir beim nächsten Besuch den großen
Keisaku zu übergeben, mit dem man mir so oft den Rücken
während Zazen im Laufe der früheren Aufenthalte in seinem
Kloster geschlagen hatte.
Es ist ein großer Keisaku, 1 Meter 27 lang, aus sehr hartem
Kirschenholz, auf dem er mit eigener Hand Keisaku und Ôbakusan
geschrieben hatte.
Von außen betrachtet ist er ziemlich beeindruckend, sogar
ein bisschen furchterregend. Paradoxerweise erinnere ich mich
weder daran, Befürchtungen gehabt zu haben, darum zu bitten,
noch daran, allzu große Schmerzen gehabt zu haben, wenn
ich geschlagen worden war. Er verstand es, sich mit meinem Geisteszustand
und mit den Erfordernissen des Augenblicks in Einklang zu bringen.
In meinem Kloster wurde er auch immer mit Sachverständnis,
Weisheit und Mitgefühl verwendet. Und nicht von irgendjemandem:
vom Meister selbst oder vom Gôdo, einem der ältesten
Mönche, der für die Unterweisung der Novizen zuständig
war. Das war in anderen Klöstern und in vielen europäischen
"Zen-Zentren", die ich später kennenlernte, nicht
immer der Fall. Letztendlich hängt alles vom Meister ab:
wenn er ein wahrer Meister ist, authentisch, menschlich, wohlwollend,
sanft und demütigen Herzens, dann braucht man sich gar keine
Sorgen um den Keisaku zu machen.
Üblicherweise bittet man um den Keisaku, indem man die Hände
vor der Brust zusammenfügt, während man die Zazen-Haltung
beibehält. Wenn der Träger des Keisaku dann kommt, vor
Ihnen im Ôbaku oder im Rinzai, hinter Ihnen im Soto, je
nach Tradition des Zendôs, des Tempels oder des Zen-Zweiges,
verneigen Sie sich gemeinsam zum Gasshô, Sie neigen sich
nach vorne, wenden den Kopf nach links und bekommen zwei oder
mehrere Schläge mit der flachen Seite des Keisaku auf Schulter
und Rücken rechts, dann wird das Ganze auf der linken Seite
wiederholt. Man verneigt sich dann noch einmal gemeinsam, in tiefer
Art und Weise, und fährt fort mit Zazen. Dieses Zeremoniell
soll mit sehr viel Sorgfalt, Konzentration, Respekt und Dankbarkeit
ausgeführt werden, sowohl von dem, der den Keisaku bekommt,
als auch von dem, der ihn gibt.
Der Keisaku wurde schon viel kritisiert. Manche Zen-Meister hätten
ihn sogar, so sagt man, aus ihren Dôjos verbannt. Ich habe
in Büchern gelesen und manchmal gehört, dass es sich
dabei um eine "Strafe" handeln würde, um jene zu
züchtigen, die die Riten oder die Zazen-Haltung nicht richtig
einhalten, oder dessen Geist nicht gut ist. Nichts ist unrichtiger.
Einige aus dem Westen sehen in ihm sogar "einen typischen
Ausdruck des japanischen Sadismus", nicht wissend, dass er
ursprünglich aus China kommt. Es gibt nichts Dümmeres.
Sicher, ein Stock, der ohne Einsicht verwendet wird, kann durchaus
schädlich sein. Der Keisaku ist ganz das Gegenteil von einer
Strafe oder einem Zwang oder einem Verweis oder einer Drohung.
Für den, der danach verlangt, ist er manchmal eine Bitte
um Hilfe, das Suchen nach einer notwendigen Anregung; für
den, der schlägt, ist er ein Zeichen geschwisterlicher Fürsorge,
eine sehr weit entwickelte Form des Mitgefühls; für
beide ist er ein Austausch von Energie und letztendlich ein Austausch
von Liebe.
Aus diesem Grund, und das muss wiederholt werden, darf der Keisaku
nicht von irgend jemandem gegeben werden. Man muss zunächst
einmal die anatomischen Punkte gut kennen, wo gute Reflexe ausgelöst
werden und wo selbstverständlich kein Risiko der Verletzung
an Knochen, Muskel, Gelenken oder Sehnen besteht. Man muss seine
Atmung mit der des anderen in Einklang bringen können. Vor
allem aber muss man den passenden Geisteszustand haben.
Also, in den Zen-Zweigen Ôbaku und Rinzai heißt er
Keisaku, und wird von vorne gegeben, auf Schultern und Rückenmuskeln
neben der Wirbelsäule. Die Soto-Richtung im Zen nennt ihn
Kyôsaku, und schlägt ihn von hinten auf die Rückenmuskulatur,
Trapezius und Deltoideus, die das Schulterblatt umgeben. Die Haltung
von dem, der ihn bekommt, und die Technik von dem, der ihn gibt,
sowie das Zeremoniell und die Anzahl der Schläge unterscheiden
sich also geringfügig je nach Tempel, Kloster oder Persönlichkeit
des Meisters.
Vom physiologischen Standpunkt her sind die vom Keisaku geschlagenen
Areale wichtige Reflexzonen. Schnitt- und Schaltstellen und Nervengeflechte
treffen dort zusammen und aufeinander und beeinflussen sich gegenseitig.
Der Schlag durch den Stock regt diese bioenergetischen Schnittstellen
an und setzt komplexe und wohltuende aufbauende Prozesse in Gang.
Keisaku oder Kyôsaku wird mit zwei Zeichen geschrieben:
das erste wird Kei oder Kyô gelesen, und bedeutet "warnen,
ermutigen" das zweite, Saku, bedeutet ganz einfach "der
Stock".
Das Wichtigste und das Wesentliche im Gebrauch des Keisaku, mehr
als eine rituelle Geste und mehr als oberflächliche und unwichtige
Unterschiede im Geist und in der Art ihn zu geben, ist der tiefe
Austausch zwischen zwei unterschiedlichen und sich ergänzenden
Energien, den er grundsätzlich beinhaltet. Diese gegenseitige
Ergänzung und gleichzeitig diese Unterschiedlichkeit, das
ist es, was man verstehen, spüren und in Einklang bringen
muss.
Der Keisaku, weit davon entfernt eine Strafe oder eine Schikane
zu sein, was widerwärtig wäre, ist eine wahre "Transfusion"
von Energie. Er ist vor allem eine der höchsten und subtilsten
Ausdrucksformen des Mitgefühls des Meisters für seinen
Schüler, und der Schüler muss ihn immer mit Demut und
Dankbarkeit entgegennehmen.
So habe ich ihn von meinem Meister erhalten, als sein posthumes
Geschenk, das ist jetzt 28 Jahre her, und in dem gleichen Geist
übertrage ich ihn heute Karl Obermayer. Den Nyoibô,
das wesentliche Symbol der I shin den Shin, von Herz zu Herz-Übertragung
des Zen, habe ich ihm schon übergeben. Dieser große
Keisaku ist auch ein Symbol der Einheit zwischen allen menschlichen,
kosmischen und göttlichen Energien, die im Austausch stehen
und einer sich ständig erneuernden Bewegung unterliegen,
die immer alt und immer neu ist, in der Ewigkeit der Welt. "Aeternitas
igitur est interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio",
sagte Boethius im V. Jahrhundert : "Die Ewigkeit ist der
vollkommene, gänzliche und gleichzeitige Besitz eines Lebens
ohne Ende."
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