| In seinen Anfängen, während 3 Milliarden Jahren, ist
das Leben auf unserer Erde noch sehr schüchtern, weil es noch
wenig Sauerstoff in der ursprünglichen Atmosphäre gibt.
Dann, in den letzten 500 Millionen Jahren, wird es besser, geht
alles viel schneller. Das, was die Forscher als "präbiotische
Synthesen" bezeichnen, findet seinen Anfang. Das Leben organisiert
sich. Nach und nach gleicht sich die Atmosphäre der heutigen
an. Es finden weitere Synthesen statt, Aminosäuren, Kohlenhydrate,
Lipide bilden sich und fügen sich zusammen. Dann entstehen
Ur-Bakterien, dann primitive Zellen, die sich teilen und sich vermehren
werden. Unser Leben ist da, wir sind da, potentiell, auf der Erde!
Aber woher kommt dieses Leben? Etwa 500 Jahre vor unserer Ära
wird Anaxagoras, ein sehr moderner Philosoph, der modernste des
Altertums, in Klazomenes in Griechenland geboren. Er wird der
Meister von Perikles, vielleicht auch von Sokrates sein. Er stellt
sich Fragen über den Ursprung des Lebens. Er glaubt, dass
die Lebewesen aus Schlamm entstanden sind, die mit Keimen aus
dem Äther, so nennt er das Universum, besäet wurden.
Diese Idee von der Leere des Universums als Quelle jeden Lebens
und als Befruchterin der Erde zieht sich bis in unsere Zeit hinein,
mit unterschiedlicher Akzeptanz, mit Anpassungen, Widersprüchen,
Verurteilungen, Ablehnungen und Bestätigungen. Dieser Befruchtung
hatte man schon vor 2500 Jahren den Namen Panspermie gegeben.
Sie wäre von interastralen Verbindungen, von Kometen, von
Meteoriten, gewissermaßen von Außerirdischen, betrieben
worden. Noch modernere und genau so seriöse Wissenschaftler
wie Anaxagoras haben vor kurzem gesagt und geschrieben, dass diese
Mikroorganismen, die am Anfang des Lebens auf der Erde stehen,
uns von fernen Planeten von Space Shuttles gebracht worden sein
könnten. Beeilen wir uns nicht zu schmunzeln, wenn uns das
komisch vorkommt: diese Theorie wird heute vom Entdecker der doppelten
Helix der DNS, Francis Crick, vertreten, der dafür den Nobelpreis
bekam. Aber die Identität des ersten Wesens, das diesen ersten
befruchtenden Keim ausgesetzt hat, dem anfänglichen Vater
allen Lebens, dem Progenot, bleibt ein Geheimnis.
Dennoch, wie man die radioaktiven Spuren auf dem Mond gemessen
hat, konnte festgestellt werden, dass vor 4 Milliarden Jahren
eine ungeheure kosmische Katastrophe Mond und Erde getroffen hat.
Brachte sie gleichzeitig die ersten Lebewesen? Jene, die etwas
später wir sein würden? Noch sehr rudimentäre Wesen,
nur Nukleinsäuren, die sich vermehren, verändern, mannigfaltiger
und sich anpassen würden, bis zu uns. Steine, Pflanzen, Tiere,
wir hätten also einen gemeinsamen Ursprung und vieles gemeinsam.
Um unsere Einheit mit dem Universum darzulegen sagte ein Zen-Meister,
dass wir mit den Steinen die Existenz gemeinsam hätten, mit
den Pflanzen die Existenz und das Wachstum, mit den Tieren die
Existenz, das Wachstum und die Beweglichkeit, mit den anderen
Menschen, die Existenz, das Wachstum, die Beweglichkeit und den
Sinn für das Metaphysische, das heißt dieses Suchen
in uns nach unseren Ursprüngen und unserem Werden, in unserem
Leben und in unserem Tod.
Das Sein ist ein großes Geheimnis. Wir sind ständig
dazu verurteilt, uns darüber Fragen zu stellen. Wir haben
oft große Schwierigkeiten, das Geheimnis des Lebens, das
Geheimnis des Seins, das untrennbar mit dem Geheimnis der Zeit
verbunden ist, zu akzeptieren.
Vor 15 Milliarden Jahren, Geburt des Universums. Vor 5 Milliarden
Jahren, Geburt unserer Galaxie. Vor 4 Milliarden Jahren entsteht
das Leben. Vor 500 Millionen Jahren entwickelt es sich ernsthaft.
Vor 4 Millionen Jahren erscheinen die ersten Hominiden. Lucy,
die kleine Australopithekerin, unsere kleine Großmutter,
ist vor 3 Millionen Jahren geboren. Die ersten Homo sapiens besiedelten
den Planeten vor 200.000 Jahren. Karl ist vor 60 Jahren und ich
selbst bin vor 78 Jahren vor einigen Tagen auf die Welt gekommen!
Wir stehen also alle in enger Beziehung zur Zeit! Das Sein ist
mit der Zeit verbunden. So wie wir wird das Licht mit der Zeit
gemessen, mit der es sich fortpflanzt. Wir drücken die Entfernungen,
die uns von anderen Welten trennen, in Lichtjahren aus. "Alles
Seiende ist von der Zeit", sagte Dôgen im XIII. Jahrhundert.
Wir kommen noch darauf zurück.
|