| Letztes Jahr haben wir von der Notwendigkeit gesprochen, uns immer
wieder in Frage zu stellen, wenn wir wirklich als verantwortungsvolle
menschliche Wesen leben wollen. Durch die Praxis des Zen haben wir
gelernt, wachsam zu bleiben, nichts als endgültig erworben
zu betrachten, uns ständig zu fragen: Wer sind wir, wie
leben wir, was ist der Sinn unseres Lebens. Wir haben uns
an diesen Satz von Johannes erinnert: Oportet nasci denuo
- Man muss neu geboren werden... Wir sagten, dass wir
so zu einer fortwährenden Auferstehung berufen sind in unserer
fundamentalen Einheit mit dem Universum.
Das alles ist nicht so leicht zu verstehen, wenn wir uns damit
begnügen, in philosophischen Termini zu denken, mit unserer
Intelligenz allein. In welchem Raum, in welcher näher bestimmten
Zeit befindet sich diese ununterbrochene Folge von Geburten und
Wiedergeburten, die wir berufen sind zu leben? Sind wir nicht
ein für allemal geboren, an dem Tag, zu dieser Stunde, aus
zwei Personen entstanden, die unsere Eltern waren? Feiern wir
nicht regelmäßig jedes Jahr unseren Geburtstag zum
gleichen Datum, und auch besondere Abschnitte: den 20., den 50.,
den 60., den 100. Geburtstag? Und die besonderen Geburtstage?
Den 50. Hochzeitstag, den wir hier in Wien bei und dank Ihnen
verbracht haben, eine unvergessliche Goldene Hochzeit? Wie könnten
wir diese unabänderlichen Augenblicke unseres Lebens, unserer
Geburt, und die unserer Lieben in Frage stellen? Wie könnten
wir außerhalb dieser so bequemen Anhaltspunkte in unseren
persönlichen Kalendern und der feststehenden Geburtstage
ständig wiedergeboren werden, wie Phoenix in den alten Legenden?
Die Zeit vergeht, sie bringt uns im allgemeinen etwas mehr Erfahrung,
etwas mehr Heiterkeit, Freude, Befriedigung, oft gleichzeitig
auch Kummer, Schmerzen und Sorgen, die genau im Zusammenhang mit
dieser vergehenden Zeit stehen: Fugit inexorabile tempus
sagte Virgil (Georg., III., 284). Wir können offensichtlich,
scheinbar, nichts tun, um den Verlust der Zeit zu bannen.
Unsere Galaxie, mit der Sonne, um sie herum einige Planeten und
ihre Satelliten und unsere Erde, ist vor 5 Milliarden Jahren entstanden,
sagen die Wissenschaftler: einige Puristen berichtigen und sagen
4 Milliarden und 600 Millionen Jahre. Keine Spitzfindigkeiten!
Das Universum, dem diese Galaxie dann angehören sollte,
war schon 10 Milliarden Jahre früher entstanden, in einer
großen Umwälzung - aber Umwälzung von was? -,
die man als Big Bang, als großen Boom bezeichnet: Das war
das Ursprüngliche Universum! Damals gab es keine Struktur:
keine Atome, nur intensive Strahlungen und Elementarpartikeln...
Es wurden über Die ersten fünf Minuten des Universums
ganze Bücher geschrieben: die ersten fünf Minuten vor
15 Milliarden Jahren. Ich habe Gelehrte, Astrophysiker, befragt,
was während der fünf Sekunden vor der ersten Minute
war, was vor sich gegangen war. Kein einziger konnte mir darauf
eine Antwort geben.
In einem berühmten Zen Kôan stellte der Meister seinem
Schüler eine scheinbar unlösbare Frage, ähnlich
der, die ich den Astrophysikern gestellt hatte: Was war
dein wahres Gesicht vor der Geburt deiner Eltern? Während
eines Sesshin in Marokko hatte ich früher einmal von diesem
Kôan erzählt. Da war auch ein junger Mann, Marokkaner,
Moslem, den die anderen für etwas einfältig, nicht sehr
intelligent hielten. Er bat mich, die Frage zu wiederholen, und
ich vereinfachte etwas: Wo warst du vor der Geburt deiner
Eltern?. Er dachte scharf nach und runzelte die Stirn. Dann
plötzlich, nach einer langen Zeit, rief er, fröhlich,
erleuchtet: Ich war mit Gott!. Er hatte eben auf die
Frage geantwortet, bei der die Gelehrten geschwiegen hatten. Ich
fragte ihn: Und wie war es?. Er antwortete sofort:
Wir waren Freunde! Was kann man da noch dazu sagen?
Nach einigen Milliarden Jahren hat sich dieses ursprüngliche
Universum mehr oder minder organisiert, strukturiert, Partikeln
haben sich zu Atomkernen zusammengefügt, und eine Expansion
von unglaublicher Geschwindigkeit und Kraft bemächtigte sich
der Leere. Dann haben sich Galaxien gebildet, unsere und viele
andere, und dann, weil die Bedingungen günstig waren, ist
das Leben auf unserer Erde erschienen, und vielleicht auf vielen
anderen auch. Wir sind als lebende Wesen geboren worden. Wir sind
geboren, um wieder neu geboren zu werden, und immer und immer
wieder geboren zu werden.
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