| Dôgen (1200-1253) war einer der ersten Gründer des
Zen in Japan. Er hatte aus China die Lehren der Ch´an-Schule
des Südens mitgebracht, die zur Grundlage des Sôtô-Zen
in Japan wurden. Er predigte sein ganzes Leben lang Armut und Einfachheit,
und hielt Abstand zu den Ehren und dem Verkehr mit den Großen
dieser Welt. Er betonte die Wichtigkeit der Praxis des Zazen, der
sitzenden Meditation, ohne Ziel und ohne besondere Absicht. Jenen
die ihn fragten, wie man zur Erleuchtung, dem Satori, gelangte,
antwortete er, dass Zazen in sich selbst Satori ist.
Siebzehneinhalb Jahrhunderte nach Anaxagoras von Klazomenes,
699 Jahre vor Francis Crick, hat Dôgen von diesen Problemen
des Seins und der Zeit, den Ursprüngen des Lebens und unseres
Platzes im Universum gesprochen. Er hat es gesagt und wiederholt,
in Kusen und Teishos, von 1231 bis 1253. Seine Schüler haben
sie aufgeschrieben und später in 95 Faszikeln zusammengefasst,
die das Hauptwerk von Dôgen bilden, dem Shôbô
Genzô.
Shôbô Genzô bedeutet buchstäblich "Der
Behälter des richtigen Gesetzes". Es wurde von dem Schüler
und dem Nachfolger von Dôgen, Ejô (1198-1280), ins
Reine geschrieben. Es ist zur Gänze auf Japanisch geschrieben,
was zu dieser Zeit selten war, weil alle wichtigen buddhistischen
Texte in klassischem Chinesisch oder in liturgischem Sino-Japanisch
geschrieben waren. Das hindert ihn aber nicht daran, oft schwer
verständlich zu sein. Aber die persönlichen Gedanken
von Dôgen sind voller Lebenskraft und voller Reichtum und
sind auch sehr originell ausgedrückt. Im Shôbô
Genzô werden alle Themen behandelt, von schwierigen metaphysischen
Problemen hin bis zu alltäglichen Handlungen, wie die richtige
Art, sich die Zähne zu putzen oder auf die Toilette zu gehen.
Kein menschliches Problem ist ihm fremd. Mehrere Kapitel sind
dem Kochen gewidmet, dem Zeremoniell des Essens oder des Bades.
Das Ganze ist im Geiste der Armut geschrieben und ist von der
Aufgabe des Ego in der Praxis des Zazen gekennzeichnet. Von Zazen
ist nämlich im Werk von Dôgen immer wieder die Rede;
es wird mit dem Erwachen gleichgesetzt, wie das Sein mit dem Universum
gleichgesetzt wird.
Das Shôbô Genzô ist durch seinen, man könnte
sagen, wissenschaftlichen Aspekt beeindruckend, durch seinen scharfen
Sinn für die Wirklichkeit, sowie gleichzeitig durch die ungeheure
Gelehrsamkeit seines Autors, der sich jedoch als Feind der Gelehrsamkeit
sah. Hier einige Überschriften: - Wie man sich das Gesicht
wäscht - Das Leben der großen Meister - Die Notwendigkeit,
einen hohen Geist zu haben - Acht Regeln für Laien - Berg
und Wasser - Das Murmeln des Flusses im Tal und die Farbe des
Berges - Regeln für das Verhalten des Schülers gegenüber
seinem Meister - Sammlung von Liedern und Gedichten - Acht Richtlinien
der praktischen Philosophie der großen Meister um Satori
zu erlangen, das vollkommene Befreiung ist - und vor allem: Leben
und Tod - und Sein-Zeit.
Für die meisten unserer Gelehrten und Philosophen ist diese
Beziehung zwischen dem Sein und der Zeit das Ergebnis einer langen
Folge von Überlegungen, intellektuellen Schlussfolgerungen
und Berechnungen. Sie begreifen nicht immer welche Folgen ihre
Entdeckungen für die Zukunft der Menschheit haben könnten.
So wie er es sagt ist für Dôgen die Gewissheit der
vollkommenen Identität zwischen Sein und Zeit das Ergebnis
einer erfahrungsmäßigen Erkenntnis, die durch die Praxis
des Zazen erlangt wird. Er weiß, dass diese Erfahrung der
Welt Frieden und Freiheit bringt.
Das Kapitel mit der Überschrift U-ji, Sein-Zeit, beeindruckt
uns durch seinen "wissenschaftlichen, erfahrungsmäßigen"
Charakter. Auch in den schwierigsten Abschnitten kommt immer eine
praktische Seite zum Ausdruck.
"Sein-Zeit", sagt Dôgen zunächst, "bedeutet,
dass die Zeit mit dem Sein vermengt ist. Alles Seiende ist von
der Zeit. Ihr müsst gelten lassen, dass jedes Ding und jedes
Wesen in dieser Welt von der Zeit sind. Kein Ding widersetzt sich
einem anderen, sowie keine Zeit sich einer anderen widersetzt."
Vielleicht wäre es in unserer schwierigen Zeit an der Zeit,
zunächst damit aufzuhören, in gegensätzlichen Begriffen
zu denken und zu sprechen. Die geistige Haltung, die darin besteht,
jede Idee, die uns zugetragen wird, zunächst einmal zu widerlegen,
bevor sie nur einmal beleuchtet zu haben, ist sehr verbreitet,
in der Philosophie, in der Wissenschaft, in der Politik, in der
Theologie. Vielleicht wäre es an der Zeit, in Begriffen von
Harmonie, mit Worten der Verständigung, der Übereinstimmung,
der Sympathie zu sprechen. "Kein Ding widersetzt sich einem
anderen, sowie keine Zeit sich einer anderen widersetzt"
sagt uns Dôgen immer wieder. In dieser Praxis des Zazen,
in das wir alle eingetaucht sind, in dieser Zeit, die vergeht
ohne zu vergehen, in der Harmonie der Wesen und der Zeit, können
wir das erfahren.
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