Jedes Mal, wenn Dôgen vom Sein spricht, legt er Wert darauf,
auf dessen Einheit mit der Zeit hinzuweisen.
So schreibt er immer U-ji, das wir mit Sein-Zeit übersetzen,
mit einem Bindestrich.
"Betrachtet die Zeit nicht einfach als etwas das vergeht,
sagt er, denkt nicht, dass dies ihre einzige Funktion ist, zu
vergehen... Jedes Wesen in der ganzen Welt ist eine besondere
Zeit in einem einzigen Kontinuum. Und weil das Sein von der Zeit
ist, bin ich meine Sein-Zeit."
In der Zeit, in der wir jetzt leben, achtet man etwas mehr auf
die Zeit, weil wir an einen besonderen Punkt der Art und Weise,
wie wir sie messen, gelangt sind. Da unser Kalender von Zeitpunkten
bestimmt ist, die von der christlichen Tradition vorgegeben werden,
befinden wir uns also am Ende des zweiten Millenniums nach der
Geburt Christi. Aber man ist sich gar nicht sicher, ob Christus
im Jahre 0 unserer Berechnung geboren ist: Die Historiker sagen
jetzt, dass es 7 oder 4 Jahre vor 0 war! Wie auch immer, schon
vor tausend Jahren wurden vor der Jahrtausendwende fürchterliche
Katastrophen vorhergesagt, die dann nicht eingetroffen sind. Jetzt,
obwohl wir uns damit gerühmt haben seit langem vor Aberglauben
gefeit zu sein, versetzen uns die Propheten des Unglücks
mit dem was im Jahr 2000 passieren soll in Schrecken. Ein berühmter
französischer Modeschöpfer macht mit größtem
Ernst genaue Angaben: am 1. Jänner 2000 soll angeblich eine
sowjetische Raumstation auf Paris fallen und es damit in Grund
und Boden zerstören. Also empfiehlt er allen, die es vermögen,
sich an diesem Tag nicht dort aufzuhalten. Auch von Nostradamus
findet man schwer verständliche Texte, die man speziell so
übersetzt, dass sie diese Vorhersage bestätigen. Aber
die Moslems von Paris, die dann das Jahr 1420 der Hedschra schreiben,
werden sie verschont bleiben? Und die Juden: 5761. Und die Japaner:
10. Jahr der Heisei-Ära. Und für all die anderen, mit
denen wir nicht den selben Kalender teilen, was wird da an unserem
1. Jänner 2000 passieren? Für die Computer spricht man
vom Bogue (Crash) des Jahres 2000, dass sie alle in Unordnung
geraten werden; also Achtung, steigen wir in kein Flugzeug und
in keinen Aufzug in dieser Nacht vom 31. Dezember 1999 auf den
1. Jänner 2000!
Aber was wäre, wie Dôgen es empfiehlt, wenn wir aufhören,
die Zeit nur als etwas zu betrachten, das vergeht. Wenn wir aufhören,
die Zeit so zu betrachten wie einen anonymen Zug, der vor unseren
Augen vorbeirast, dessen Passagiere wir nicht einmal wahrnehmen
können, von dem wir die meiste Zeit nicht wissen, woher er
kommt und wohin er fährt. Wenn wir uns auch für die
Menschen, die Passagiere in diesem Zug der Zeit, die vergeht,
interessieren, in ihrer Dynamik, in ihrer Ganzheit, das heißt
in der Zeit, in der sie leben?
Die Sein-Zeit, mit dem Bindestrich, der verbindet, der vereint,
ist wirklich eine große Entdeckung. Eine Entdeckung, die
sich uns fortgesetzt offenbart, Tag für Tag, in einer bemerkenswerten
Kontinuität. "O Zeit, unterbreche deinen Flug...",
sagte Lamartine, der romantische Dichter, der versuchte, seine
vergangenen und entschwundenen Lieben, seine entwichenen Leidenschaften
wiederzufinden. Aber in seiner Sein-Zeit, für ihn vielleicht
in Form der Poesie, konnte er eine verlorene Einheit wiederfinden.
So sind Leben und Tod in Verbindung mit unserer Sein-Zeit nicht
mehr getrennte und zufällige Ereignisse. "Das Leben",
sagt Dôgen weiter, "ist das Absolute der Existenz mit
seiner ihm eigenen Zeit, einer Vergangenheit und einer Zukunft...
Das Ende des Lebens ist auch das Absolute der Existenz, mit seiner
ihm eigenen Zeit, einer Vergangenheit und einer Zukunft."
"Shindareba kossô ikitaré" sagt ein japanisches
Sprichwort: "Nur durch den Tod tritt man in das Leben ein."
Das ist letztendlich der tiefere Sinn unserer Sein-Zeit. Das Leben,
der Tod sind nur mehr Markierungen auf der Absolutheit einer Strecke
ohne Grenzen.
In der Praxis des Zazen leben wir wirklich in der Absolutheit
unserer Existenz, in unserer Sein-Zeit.
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